Manafonistas

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Archives: April 2023

 

… und als ich vor ihrer Haustür stand und klingelte, auf dem Weg zum Verlust der eigenen Unschuld, war ich fiebernd und nervös. Es sollte sich als Glücksfall erweisen, nun im ersten oder zweiten Stock des alten hohen Hauses in gute Hände zu geraten, die die Führung übernahmen, und wahlweise  besänftigten, erregten, bezauberten. Ich hatte zwei Kondome dabei, falls eins platzen sollte (meine BRAVO-Sozialisation!), und die Romantik verstärkte sich nicht gerade, als mir bewusst wurde, dass es wenig sexy ist, sich vor den Augen der Begehrten der eigenen langen Unterhose (Schiesser Feinripp) zu entledigen. Uta war eine Meisterin ihres Fachs, und empfing mich mit unendlicher Geduld. In meiner Erinnerung tranken wir erst einmal schwarzen Tee, oder auch den damals angesagten Jasmintee, aber ganz sicher legte Uta „It‘s A Beautiful Day“ auf, die erste Seite der Schallplatte, und der Auftaktsong „White Bird“ entführte mich in jene Grenzzonen von „fairytale folk“ und dem berühmten „ersten Mal“, dass ich spätestens, als sie mir das Kondom überzog, und mich zielsicher in ihre Höhle bugsierte, im Reich ihrer Sinnlichkeit angekommen war. Sie bestimmte das Tempo, flüsterte Anweisungen in mein Ohr, biss ins Läppchen, während die Nadel des Plattenspielers einsame Kreise auf der letzten Rille zog. Der Gesang der Band war verstummt, und nun gaben wir Laut unter der Decke. Danach drehte sie die Schallplatte um, und ich ging zum Fenster, ein neuer Blickwinkel auf meine Stadt. Der Kerzenschein spiegelte den Raum in die kalte Nacht hinein, und wie in einem Traum sah ich Uta auf dem Bett hocken. Das Timbre ihrer Stimme habe ich nie vergessen, den ruhigen, seltsam betörenden Singsang alltäglichster Worte.

 

(Fortsetzung folgt)

 

… und bei Zeitzeugen gehen die Meinungen auseinander, ob ich 15 oder 16 war. Wie ich Uta kennenlernte, weiss ich heute nicht mehr, aber es war ein klarer Fall von spezieller Faszination ohne grosses Verliebtsein. Ein Vollblutweib, wie später die hochspannende Komillitonin in Rausches Statistikkurs – zur Begrüssung fasste Uta Jungs gerne an den Sack. Aber das bekam ich erst viel später mit. Als alles passiert war, oder schon vorher, besuchten wir Lothar, der als hoffnungsloser Junkie galt, aber, politisch noch hellwach, mir eine kleine Lektion in Grosskartellen erteilte. In Lothars Plattensammlung erinnere ich ein Album, „Fragile“ von Yes. In seiner Räucherkammerstube hörte ich es gerne, aber sonst blieben mir Yes eher fremd. Bis ich sie vor Jahren neu hören lernte.

Nichts ging darüber, mit Marrokko The Monkess im Fernsehen zu sehen und dabei Luftgitarre zu spielen. Daydream Believer. Und er hatte auf alten Tonbändern den frühen elektrischen Miles – unseren Ohren war es ein Fest, Miles‘ Wah-Wah-Schreien zu lauschen, and a hundred other tiny things. Wir verstanden diese Musik, ohne sie verstehen. In meiner elektrischen Höhle läuft gerade „Bitches Brew“, die japanische Sa-cd in fantastischem Quad-Sound. All die alten Helden sind so jung, dass es weh tut!

Musikalisch war ich ein frühreifes Greenhorn, meine Erfahrungen in Sachen „real sex“ hinkten da deutlich hinterher. Diverse romantische Verliebtheiten hatte ich hinter mir, Frau Funke in der Berliner Strasse in Dortmund-Körne, ich war 5, die Chefin einer Pension auf Langeoog, ich war 7 und liess meinen ersten Drachen steigen, Margarete Scheibenhut und Jutta Kortmann der Gebrüder Grimm-Volksschule (die hiessen wirklich so), alles herrlich romantisch und folgenlos. Na, nie zu vergessen, die Euphorie mit Petra Welz, ein klarer Fall von erstem Blick incl. Kusstaumel zu Iron Butterflys längstem Song: in den grossen Ferien, so lapidar,   ihre Abschiedszeilen aus Besancon.

Eh ich mich versah, war die Hälfte der Teenagerjahre rum, Miles rannte den Voooo rauf und runter, und hätte ich eine Jukebox gehabt, wären keine Song öfter gelaufen als Sunny Afternoon und Just My Imagination (Running Away With Me) – ich hatte einige meiner erfüllendsten Höhepunkte, wenn ich mit Stéphane Audran schlief, oder Emma Peel, die mir die dunklen Seiten der Erotik nahebrachten, und sich als perfekt dominante und einfühlsame Urtypen entpuppten – nach den jahrelangen Serienträumen mit meiner indianischen „Farbenfrau“, die mich wundersam und nackt umgarnte und streichelte am Rande eines Swimmingpools, in einer Villa der Reichen (ich war 5, ich war 6) – reality seemed to be a lesson faraway.

Dann endlich, aufgrund ihrer Rubensfigur und ihrer wallenden blonden Haare von mir nicht wirklich erkannt, betrat die Lady namens Uta B die Bühne, zwei Jahre älter als ich, und drei Welten realsexuell erfahrener, und mein Blatt wendete sich an einem nasskalten Wintertag voller Regen, kaum waren die Siebziger Jahre eingeläutet. Ich stand unten an der Haustür, ganz in der Nähe des Stadttheaters, und schellte. Und, oh mein Gott, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

 

(Fortsetzung folgt, und zu deiner Überraschung, geneigter Leser, sei gesagt, dass es zwei Fortsetzungen geben wird. Es hilft auch, im Vorfeld, die berühmte erste Schallplatte der Gruppe „It‘s A Beautiful Day“ zu hören, die auch genauso hiess)

 

 
 

[wenn ich durch die stadt radle und kamera beziehungsweise smartphone dabei habe, was (bislang) eher selten der fall ist, nehme ich die umgebung anders wahr. das hat auch was von obsession: nicht auf der flucht, vielmehr auf der jagd nach guten bildern. so entsteht ein subtiler zwang, aber auch eine weise, die welt anders zu betrachten, nämlich im ästhetischen modus gelungener komposition. kürzlich las ich von einer frau, die arm war und als alleinerziehende gestresst: ihr glücksbringender ausgleich (von „trost“ spreche ich ungern, denn aller trost ist trübe) bestand in täglichen fototouren und der abendlichen betrachtung dessen, was sie da eingefangen hatte. so kann man sich als laie seine eigenen „filme“ schaffen und eine alltags-transzendenz]

 

2023 2 Apr.

Bye bye, Ryuichi Sakamoto

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Tokyo Melody

 

Ein sehr schöner französischer Film über Sakamotos Arbeit am 1984er Album Illustrated Musical Encyclopedia.

 

2023 1 Apr.

„Eine Reise ans Ende der Nacht“

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Im Juni unsere CD / BLURAY Box des Monats (From The Archives), besprochen von Michael Engelbrecht

 

 

 

Es war damals digitales Neuland und die Grenzen waren strikt gesteckt: nicht mehr als maximal zwei Stunden täglich erlaubte man sich anfangs an diesem Ungetüm genannt personal computer, nach einer Zeit des Widerstands als Suppenkasper trotziger Digital-Verweigerung: „Nein, nein, nein …!“ Ende der Neunziger brachen dann die Dämme. Ein Freund drückte mir eine Maus in die Hand, die einen Heiden-Respekt einflösste: „Nun aber mal ran!“ Unbeholfen druckste ich nun an seinem Schreibtisch sitzend rum, während seine Kinder mir auf Schoss und Rücken rumkrabbelten. Ich hatte Angst, etwas kaputt zu machen im Inneren der Blackbox durch einen falschen Klick. Lang ist’s her und gegen manche Neuerung kämpft man vergebens an. Später dann entwarf ich mal spielerisch eine Phantasie-Webseite, geboren aus der Lust an gestalterischer Selbstspiegelung, in die ich auch das erworbene Wissen eines Computerkurses einfliessen liess. Ich sammelte verschiedene Zitate aus Literatur, Philosophie und Psychologie, die etwas für mich Bedeutendes auf den Punkt brachten. Bis heute hat sich diese Vorliebe erhalten, die sich darin zeigt, dass ich auch gute Sätze von Freunden und Bekannten auf ewig im Gedächtnis bewahre. Von Lajla beispielsweise das bonmot beim morgendlichen Frühstück eines Mana-Treffens in Leinfelden-Echterdingen: „Was soll man sich denn anschauen, wenn nicht die Welt?“. Eines Sommers kam ich auf einer Bank am Kanal mit einem rüstigen Rentner ins Gespräch, der sich gerade ein E-Bike zugelegt hatte. In der Unterhaltung fiel sein Satz für die Ewigkeit: „Hannover hat raue Radwege.“ Die Slicks am Stadtfahrrad waren schnell und wendig, ich schätzte sie dafür. Sie bereiteten aber stets ein Unbehagen, hinsichtlich holpriger Strecken nicht angemessen gerüstet zu sein. Aufgrund eines platten Reifens und dem damit verbundenen Ungemach zog ich kürzlich eine profiliertere Gummimischung auf. Bei der Fahrt durch Matsch oder über spitze Steine nun endlich das Gefühl von wohliger Stimmigkeit (ganz ähnlich einer Winterjacke, wenn es friert).

 

 

 


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