Manafonistas

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Archives: Januar 2023

 

Wenn Jazzmusiker sich an Popklassiker ranmachen, habe ich meist ein ungutes Gefühl, und oft genug wird meine dunkle Ahnung bestätigt. Es wird edel, betont edel, es wird gepopswingt. Herbie Hancock hat einmal albumweise grosse Popsongs swingifiziert („New Standards“) – ermüdend, kaum besser als diese pompösen „classic nights“, in denen manch geschätztem Inhalt einer Jukebox mit klassisch geschulte Geschwelge zu Leibe gerückt wird. Peter Gabriel inszenierte vor Jahren auch mal grosse Lieder mit Klassik-Korsett – so löscht man das Feuer und bayreutifiziert das Ungebändigte. Man verlässt sich auf Gänsehautmelodien und brezelt sie auf mit dem „Apparatus Classicus“ – keinerlei Brechungen, nur Geschmacksverstärker aus Pavlovs Hundehütte!

 

Stunde 1

 

Jetzt also Brad Mehldau, und ein Album voller Beatles-Interpretationen. Gut, ich kenne erste zwei Songs davon, das Lied mit dem Walross, und den herrlich altmodischen Schlenker von Paul McCartney, „Your Mother Should Know“, aus der „Magical Mystery Tour“, tatsächlich der Beatles-Film, den ich, warum auch immer, von ihren „Lustspielfilmen“ am meisten mochte, vielleicht wegen dem Busfahrer Ivor Cutler (ein ganz spannender „storyteller“, und ich hatte fast Tränen der Rührung in den Augen, als ich an der South Bank eine zufällige Begegnung von Robert Wyatt, Alfie, und Ivor erlebte, bei der ich mich diskret zurückhielt. Ivor hatte unvergessliche Spuren auf Robert Wyatts „Rock Bottom“ hinterlassen – and he was such a lovely person (manchmal weiss man sowas auch aus medialer Distanz!). Ich schweife ab.

 

Stunde 2

 

Jedenfalls ist es eine Freude, Brads zwei „Klavierstunden“ zu lauschen. Der Moment, der mich besonders schmunzeln liess: wenn Brad über  „strangeness“ in etlichen späteren Songs der Beatles spricht, und wie unbehaglich er sich anfangs mit „I am the Walrus“ fühlte. Wie gut wird das Album wohl werden, das in der ersten Februarhälfte bei Nonesuch rauskommt – warten wir mal ab. Könnte mal zur Abwechslung ein richtig gutes Jazzopus voller Oldies werden – more sophisticated, please, than just „only tasteful“! Oder vielleicht am Ende doch nur eine ganz nette Geschichte?

 

 
 

Teenager-Dystopien: Ein eigenes Genre

 

In den Jahren 2010 bis 2020 hatten die Teenager-Dystopien in Literatur und Kino Hochkonjunktur: Maze Runner, The Giver, Die 5. Welle, Seelen oder die postapokalyptische Serie Lost. Interessanterweise bilden die Erscheinungsjahre dieser Filme ein Cluster um das Jahr 2014, das Jahr in dem die Taliban den islamischen Staat ausriefen; zum ersten Mal beherrschten die radikalen Muslime durch ihr Vordringen in den Irak ein zusammenhängendes und grenzüberschreitendes Gebiet unter ihrer Alleinherrschaft und kochten fröhlich das Mittelalter auf. Grund genug für dystopische Zukunftsphantasien; bei Hinzunahme der Ukrainekrise im gleichen Jahr und Putins aggressiver Expansionspolitik wären das zwei fulminante Abstürze in die Anfänge des Paläozoikums. Ist natürlich Spekulatius – wie Micha sagen würde – aber man sollte immer die Gesamtsituation im Blick haben.

Im Gegensatz zur Fantasy, angesiedelt in einer Parallelrealität oder irgendwo im Outer Space, bewegt sich die Dystopie auf dem Zeitstrahl weiter in eine ferne Zukunft, zeichnet eine Szenerie von oft atemberaubenden technischen Errungenschaften, aber gemanagt von Menschen, die sich auf dem Zeitstrahl eher rückwärts Richtung Neandertal bewegt zu haben scheinen. Eine spannungsreiche Dialektik, in Deutschland erstmalig erprobt von Wolfgang Menge in Das Millionenspiel 1970. Ein paar aufrechte Teenager werden in diese Situation geworfen (in der Filmwelt nennt man das Cold Open) und müssen sich dort zurechtfinden oder wahlweise in ihr zugrunde gehen. Im 21. Jahrhundert gelang nach Harry Potter der gender switch, ab jetzt waren die Mädels für die Rettung der Welt zuständig. Auch was wert!

Vor einigen Wochen sendete das Fernsehen wieder den erfolgreichsten dieser Epen, den 5-teiligen Film Die Tribute von Panem nach der Romanvorlage von Susan Collins (2008). Das Neandertal ist hier verortet in einer hochtechnisierten Zukunft aber gleichzeitig auch in der Antike und ihrer schlechten Panem-et-Circenses-Angewohnheiten, organisiert nach den Prinzipien einer gnadenlosen Klassengesellschaft und einer verelendeten und resignierten Unterschicht, in der die Verarmten im Wald wildern müssen, um sich zu ernähren. Die Hauptdarstellerin Katniss läuft also durch die Gegend wie weiland der Wildschütz Jennerwein in den Tegernseer Bergen und erlegt Eichhörnchen.

Staat und Gesellschaft laufen ins Leere eines entfesselten Haifischkapitalismus, Familienstrukturen und Berufe geben keinen Halt mehr. Teenager müssen sich hier zurechtfinden, ebenso wie sich die Generation Y heute in unserer Gesellschaft zurechtfinden muss. Die fühlt sich zwar digital gut gerüstet – ähnlich der Protagonistin im Film, die mit Pfeil und Bogen ihre Familie ernährt – findet aber keine ethischen und sinngebenden Strukturen mehr  und sieht ihre eigenen Lebensentwürfe nicht mehr verwirklichbar.

Die schöne Heldin mit der Seele eines Spartakus und der Pfeilsicherheit eines weiblichen Wilhelm Tell soll an den jährlich stattfinden Hunger-Games teilnehmen, in dem Jugendliche von 12 bis 16 Jahren aus allen Distrikten wie Gladiatoren gegeneinander kämpfen müssen, bis nur noch einer übrigbleibt: eine post-antike-Wrestling-Show. Es treten also Kinder gegeneinander zum Kampf auf Leben und Tod an. Bei Erscheinen des Filmes hat mich das zutiefst schockiert – auch in Anbetracht der Freigabe ab 12 Jahre. Erschreckenderweise – für mich – waren aber die Kids überhaupt nicht erschrocken, sondern nahmen es hin und fanden es spannend. Ebenso wie Katniss – deren Gesicht ständig in langen Totalen zu betrachten ist – keineswegs Fassungslosigkeit ausdrückt, sondern eher Ergebenheit und Sich-Einstellen auf die nächste Lebensbedrohung, die sich in rascher Folge und in vielen Variationen einstellt. Sind die Millenials auf das Homo-homini-lupus-Play schon so komplett eingeloggt, sodass sie nichts mehr schockiert?

Und dann der Kampf jeder gegen jeden, gnadenloses Entertainment, das unser Big Brother- und Dschungelcampgetöse durchaus zu toppen weiss. Samt erster Bildung von Seilschaften und Allianzen unter den jungen Gladiatoren, die sich zusammenrotten gegen einzelne – das Mobbing-Prinzip wurde also auch internalisiert.

Alles, was jetzt in Form von Reality-TV noch hier im Keim ist, wird dort konsequent zur Blüte getrieben; das ist die postmoderne kapitalistische Gesellschaft auf den Punkt gebracht im Mikrokosmos dieser Hunger Games. Inklusive des grenzenlosen Zynismus des Regimes, das den Show-Wert einer schönen jungen Revolutionärin erkennt und medial zu nutzen weiss. Hätten wir uns Che Guevara übers Bett gepinnt wenn er nicht so gnadenlos gut ausgesehen hätte? Fidel Castro jedenfalls hing da nie, Enver Hodscha nur einmal. Eine Revolution, als mediales Ereignis auffrisiert, ist natürlich ein Papiertiger. Ein Revolutionär, der an allen Wänden hängt, wäre auch misstrauisch zu betrachten – beziehungsweise derjenige, der ihn dorthin gepappt hätte.

So geht es auch Katniss zunächst, als sie und ihr Jugendfreund Peeta zum Ende des Spiels übrigbleiben und sich weigern, sich gegenseitig umzubringen und lieber Giftbeeren schlucken wollen. Das Regime schaltet blitzschnell um und baut die beiden als revolutionäres Liebespaar auf, das füreinander in den Tod gehen will. Weitere Show-Events werden folgen, sind ja noch 4 Sequels im Kommen.

Ein grausamer, aber im Grunde kluger Film, der der Gesellschaft den Vergrößerungsspiegel entgegenhält und das Kinderabschlachten mit der gebotenen Zurückhaltung gestaltet. Die Voyeure werden nicht über die Maßen bedient wie in anderen Teenie-Horror-Produktionen. Und die Generation Y fand sich wohl darin wieder: Einspielergebnis 1,5 Mrd.

Und beim Abschalten finden wir selbst uns wieder in der schreckenerregenden Position des Panem-et-Circenses-Betrachter (die wir gerade noch auf der Leinwand verabscheut haben, während wir selbst es gerade zweieinviertel Stunden praktizierten und uns blendend unterhielten) und erkennen, dass wir damit Teil des Systems sind, das wir auf der Leinwand entsetzlich fanden. Der Spiegel der Schneekönigin, der uns die hässliche Seite zeigt.

 

P.S.: Eine junge Klientin zeigte mir vor Jahren stolz ihr cooles Che-Guevara-T-Shirt.

 

– Rosi, das ist jetzt aber Fidel Castro!
– Nöö, Che Guevara!
– (Etwas Hin und Her, dann kurze Smartphone-Recherche …)
– Mist, doch Fidel Castro!
– Weisst Du denn, wer das war?
– Nöö! Aber is doch wurscht!

 

Tja – wenn’s geil ausschaut … mach was dran …! Selenskyj sieht ja auch nicht gerade aus wie der Glöckner von Notre Dame in seinen Khakipullis. Gibt’s den auch schon auf T-Shirt?

 
 

 

 

Robert Forster‘s new album, „The Candle and The Flame“, took shape in quite strange ways, lingering around a dark time for his family, and it ended up in a collection of heartbreakers, power pieces, singalongs (nearly), lifers, growers, invocations, „deep sinkers“, „straight rollers“, and road meditations.

 

 

The most exciting thing for me (as someone who followed the Go-Betweens and their „in-between“ solo albums from the first longplayer onwards) is how easily Robert seems to wander and stroll through different periods of his life, from teenage angst and dreams, over the sophisticated folk pop of the salad days (all the spaces between rural hinterland, his romantic days in Regensburg, to 16, Lovers Lane), towards the ways of looking back, with a sharp eye and a decent quantum of sepia tinged sincerity.

 

 


There‘s a cinematic feeling all over the place on this beautiful album. It‘s hard to not stop in the tracks at certain moments that, a gift of these pieces, come back to you  again and again, enchanting as they are!

 

 

2023 24 Jan.

Münsterlich #2

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Transylvanian Folksongs by Lucian Ban, John Surman and Mat Maneri was an important part of the folk tradition strand of our Jazzfest Berlin last edition in November. As I was not able to attend the concert then at Kaiser Wilhelm Memory Church, I was glad of getting a second chance in Münster. It was a projective re-creation of the ‘retrojective’ field recordings and transcriptions of composer Bela Bartók. It couldn’t be expected a balkanised form of jazz. It revealed as the unfolding of song lines from a remote past inscribed in an airy layer stretching above the soil of a virtual ground.

 
 


 
 

The interplay between John Surman on bass clarinet and soprano sax and Mat Maneri was one of deep mutual understanding and careful meshing and confluence – confluence not in the temperate way, though, but more rubato, in mindful slowness gliding along microtonal fringes and edges. Thus both musicians created an intriguing collaborative working interim between the deep sources and the breath of the stage moment, all provided and sustained by Ban’s bedding of sparse melodic hints and falling rhythmic impulses.

 

The act of bringing in the distant sources manifested itself prismatically in the musicians‘ progressively unfolding flow of playing,  sharpening and deepening the listening experience as well as the bond with the listeners and their absorption in the music. In that process the music covered a considerable distance of transmission from its oral origins via Bartok’s recording and documentation to today’s realities of experience, to ‘reading’ and re-creation in the presence.

This procedure created an imaginative space to be acted out, getting enriched and projected into further momentum full of soulfulness and empathy. It transcended simple sentimentality and bathing in nostalgia. Mat Maneri and John Surman were in top form and Lucian Ban made them shine, especially in the touching “Violin Song”.  

 

Seen at International Jazzfestival Münster 2023

2023 24 Jan.

A certain moment

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2023 23 Jan.

„one chord samba“

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audio

 

 

 

 

Once upon a time in the 70’s, a woman (photographer) I was on the edge of falling in love with (but never did) asked me to write poems inspired by her pictures, for an exhibition. It took place in the „Cafe Peter“ in Würzburg, in the basement. Bright walls, the photographer’s spacious landscape motifs – „Discreet Music“ and „The Plateaux of Mirror“ were the  only albums played there. Permanently. Quietly. Gentle does it. The woman who owned the café came to me days after the opening, and told me the music would be creating a little dizziness in her head, she felt a strange pull. And, frankly, in the long run she would probably lose her mind. We reduced the times of playing the background. Everything forced is lost anyway in the sounds of „Discreet Music“ – something came around the corner and disappeared behind the next one. It came back again. And again. And then disappeared. And came again. And disappeared. Dizziness may happen, of course. Soft confusion. Everlasting love to sensations on the verge of falling apart. Sarah for example, the photographer, a shadow from the past. I would have loved to sleep with her, but instead she taught me ten tricks for taking out an aggressor at a moment’s notice (in emergencies). Beautiful music, she said, and gave me that short kiss, three, four secs of timelessness, the type of „this happens only once“-kiss. I never forgot its taste.

 

(in dear memory of my teacher Dr. Egon Werlich)

 

    1. Jeff Parker: Forfolks
    2. Jon Hassell Mixed By K-Lone
    3. Jeff Parker: Suite For Max Brown 
    4. Oren Ambarchi: Shebang
    5. Julia Holter Sweet In The Melting World Mix
    6. Keith Jarrett & Jack DeJohnette: Ruta & Dajtya
    7. Little Simz: Sometimes I Might Be Introvert
    8. Radiohead: Amnesiac
    9. Sleaford Mods: UK Grim
    10. The National: Tropic Morning News
    11. Oded Tzur: Isabela
    12. Uusi Aika: s/t
    13. Double Image: Dawn
    14. Downton Abbey: First Season (6 Folgen, 4 sind geguckt, die anderen beiden sind heute Abend dran). Und dann war da ja auch noch der Tatort mit Faber am letzten Sonntag

 

All work and no play … ich habe nun zwei Arbeitswochen in 2023 intus, die waren zum Teil wie erwartet, zum Teil unerwartet fordernd. So langsam nervt mich der hohe Krankheitsstand. Dann gab es dort auch psychoaktive Spontangespräche am Freitagnachmittag, die überwiegend in der nächsten Woche fortgesetzt werden. Und heute morgen war vor dem Frühstück erst einmal Schnee schippen dran. Ab nächsten Freitag müsste es etwas ruhiger werden und am Samstag wird der trockene Januar beendet – ganz gute Perspektiven.

 

2023 22 Jan.

Fish Wish #1

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1

The monthly column of my colleague Peter Margasak from Berlin in THE QUIETUS

 

 

2

Paul Motian and Bill Evans

Why does BE’s playing from those times sounds so good every time again when listening until today? Is it his deeply sunken presence in the music and its fluency, the recording, its magic kind of dynamics?

 

 

3

JADE VISION – one of my ever-recurring favourites

 

 

2023 22 Jan.

BLAUSTAU

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(c)HB


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