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Archiv: Poetry

Ein sehr erstaunlicher Gedichtband, sehr amerikanisch. US-amerikanisch. Die Gedichte sind im Blocksatz gesetzt und wer schon einmal Gedichte im Blocksatz geschrieben hat, weiß, dass das eine neue Art von Freiheit ermöglicht, keineswegs Willkür in der Gestaltung. Es sind kleine Geschichten, meist über Grenzerfahrungen im politischen und im privaten Bereich, der Zugang wirkt sehr persönlich. Der Umfang: Eine halbe Seite, eine Seite, zwei. Die Texte chancieren zwischen Kürzestprosa, Essay und Gedicht. Die Grenzen der Textgattung erweitern. Kleine Skizzen, zum Beispiel vom menschlichen Torso und dem Schattenriss des Staates als Verdauungstrakt. Fotografien, die man eher nicht in einem Gedichband erwartet. Wussten Sie, dass die Exekution mehrfacher Mörder über closed-circuit-televison in die Wohnzimmer der Angehörigen übertragen wird? Da geht es dann ums Verzeihen. Ein Fernseher mit Schneebild, immer wieder. Ist das eine Provokation, eine Erinnerung an alte Zeiten, in denen es noch Sendepausen gab? Es erinnert mich an eine Zeile aus einem Song des Sixto Rodriguez („Sugar Man“), turn it off. That was a political statement. Ich mag die kleinen surrealen Elemente. Eine Einladung zur Party bei den Kennedys. Das lyrische Ich trinkt nur ein paar Gläser Perrier mit Zitrone. Als sie gehen will, erscheint der Kellner mit einem Kamel an seiner Seite und verlangt zehntausend Dollar.

 

Define loneliness?

Yes.

It´s what we can´t do for each other.

 
 
 

 

 

 
 
 

Ich habe dieses Buch nicht gekauft, weil ich einen Kalender für das laufende Jahr bräuchte. Es ist ein einzigartiges Projekt, eines, das ich so noch nirgendwo gesehen habe. Michael Braun ist einer der renommiertesten Lyrikkritiker und der Lyrik-Taschenkalender, den er seit dem Jahr 2013 herausgibt, ist sein Herzensprojekt. Für jede Ausgabe lädt er 17 deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker ein, zwei Lieblingsgedichte in deutscher Sprache zu kommentieren, ein zeitgenössisches und einen Klassiker. Außerdem kommentiert Michael Braun jeweils ein Gedicht der eingeladenen Dichter. Auf diese Weise lernt der Leser die Lyriker von verschiedenen Seiten kennen, durch ihre Werke und ihre Kommentare. Ich setzte mich gleich nach dem Kauf in einen Park, in die Sonne, weil ich wissen wollte, welche Gedichte Nadja Küchenmeister ausgewählt hatte. „Allein, den Denkvorgang zerlegt, allen Verstand zurück-/ gelassen am Ort des Aufbruchs, …“ (Ernest Wichner). Ein Gedicht mit einem nachdenklichen lyrischen Ich im Zentrum. Es gibt aber auch die Gegenposition. Carolin Callies schreibt zu einem Gedicht von Hans Arp: „… seit das Subjekt tot ist, ist „ich bin“ keine Option mehr.“ Und freut sich über die Beliebigkeit und totale Freiheit des Ich.

 

„Mein eigentum und mir unendlich fern.“ (Stefan George)

 

Die Konzepte sind vielfältig. Da gibt es ein „Erkunden ohne große Ambitionen“ (Jürgen Theobaldy über Hugo Dittberner), eine „Ermutigung zur Vergeblichkeit“ (Sylvia Geist über Rolf Dieter Brinkmann), Matthias Göritz erkennt in einem anonym verfassten Gedicht das Ausgestoßen-Sein einer unehelich Schwangeren und die erlösende Kraft der Liebe. Angesprochen wird die Außenseiterstellung des Dichters, die Rolle des Zufalls beim Dichten, das Begehren des Stefan George. Welche Wirklichkeit kann Sprache abbilden? Hendrik Rost (Jahrgang 1969) erzählt in seinem Gedicht „Requiem“, wie sein älterer Dichterkollege Thomas Kling (1957-2005) ihn einmal anrief und nur sagte: „Ich beobachte, was du so machst.“ Wahrscheinlich eher eine ausgedachte, aber sehr schöne Geschichte, die auch die Hierarchien im Literaturbetrieb thematisiert.

 

„Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht.“ (Georg Trakl)

 

Michael Braun spricht nur selten deutliche Werturteile aus und nähert sich den Gedichten und ihren Autoren mit einem kühlen, analytischen Blick, immer getragen von einem beeindruckenden Verständnis und Gespür für Hintergründe. Die Herangehensweise der Künstler ist von einer anderen Art der Leidenschaft getragen, weil es auch immer darum geht, sich selbst zu definieren. So erzählt einer von seinen Anfängen als Dichter, als Georg Trakls „An den Knaben Elis“ für ihn und seine damalige Freundin eine Droge war. Auf der Suche eines Lebens zwischen Normalität und Kunst. Eine schreibt, sie habe oft an das von ihr kommentierte Gedicht von Christine Lavant gedacht und weiterleben können. Das Spannende an diesem Buch ist die Möglichkeit, Lyriker aus verschiedenen Perspektiven kennenzulernen: mit einem Gedicht, einem Kommentar zu diesem Gedicht (meist von Michael Braun), und zwei ausgewählten und kommentierten Gedichten, einem zeitgenössischen und einem Klassiker. Die Auswahl dieser Gedichte und die Kommentierungen werfen dann nochmals ein Licht auf die poetologische Position des jeweiligen Dichters/der Dichterin. Gegenwärtige Diskurse werden spürbar. Bezüge zu Traditionen. Abgrenzungen. Es geht immer darum, neue Themen und Ausdrucksformen zu finden. Die Nähe des Gedichtes zum Schreibenden neu auszuloten. Wie wirkt sich die Postmodernediskussion auf die Lyrik aus? Ist das lyrische Ich zeitgemäß oder – nach einer Phase der Ich-losigkeit – wieder ein hohes ästhetisches Wagnis? Es gibt keine Antworten, keine Eindeutigkeiten. (Ich mag das!) Der Lyrik-Taschenkalender lädt dazu ein, die gegenwärtige Lyrikszene kennenzulernen und die eigene sprachliche Wahrnehmungskompetenz zu erweitern.

 

„sich selbst / erreicht man nicht / durch nachdenken“ (Michael Lentz)

– Gedichte von Zeitgenossen und von Klassikern? Wie definieren Sie den Begriff des Klassikers? Hat das etwas mit dem gesetzlichen Urheberrecht zu tun, das 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlischt?

– Nein, schrieb mir Michael Braun, meine (völlig subjektive) Trennung zwischen Klassikern und Zeitgenossen ist das Jahr 1970, der Tod Paul Celans.

Der Lyrik-Taschenkalender 2015 enthält Gedichte und/oder Gedichtkommentare von:

Hans Arp, Mirko Bonné, Rolf Dieter Brinkmann, Carolin Callies, Hugo Dittberner, Annette von Droste-Hülshoff, Ralph Dutli, Christopher Ecker, Sylvia Geist, Stefan George, Johann Wolfgang von Goethe, Matthias Göritz, Anastasius Grün, Anneliese Hager, Emmy Hennings, Ernst Herbeck, Peter Hille, Norbert Hummelt, Gottfried Keller, Jan Koneffke, Ursula Krechel, Nadja Küchenmeister, Jan Kuhlbrodt, Christine Lavant, Michael Lentz, Friederike Mayröcker, Klaus Merz, Martin Merz, Franz Mon, Eduard Mörike, Herta Müller, Alexander Nitzberg, Steffen Popp, Marion Poschmann, Arne Rautenberg, Hendrik Rost, Katharina Schultens, Peter Sendtko, Christian Steinbacher, Jürgen Theobaldy, Georg Trakl, Clemens Umbricht, Jan Wagner, Ernest Wichner, Ron Winkler, Paul Wühr, Henning Ziebritzki, Carsten Zimmermann, Albin Zollinger.

„Ich erwache / unter Stimmen / die Lieder vom Meer“ (Martin Merz)
Sehr lesenswert und keineswegs veraltet sind auch die Lyrik-Taschenkalender 2013 und 2014.

Michael Braun (Hg.): Lyrik-Taschenkalender. Wunderhorn Verlag Heidelberg

 

A few days ago I sat next to Eiléan Ni Chuilleanáin, who was described on Wikipedia or maybe somewhere else as one of the most famous Irish poets. As you would have expected it from a female irish poet, her hair reached at least to the seat of the chair she sat on. (By the way her hair was not red, just in case you would have expected also this feature from a female irish poet.) I remember one of her poetic pictures, children being thrown in language like in cold water. Later, in the discussion, one of the guests made a political comment about it. How the prohibition of speaking the own language was used as a weapon and – his voice became louder – could even kill people. I guess it had nothing to do with the poem, but some time ago I read somewhere, in every public lecture with following discussion there was this man who would talk und talk unless the organizer would stop him. The incessantly talking man was asked to translate his comment in italian language as most of the people were italians. A good idea: the man suddenly was quiet. The Greek poet Titos Patrikos is far more than 80 years old, but his eyes were shining bright, as he quoted another poet, who said, it was no problem to repeat one and the same thought in all the poems one writes as the poet thus would succeed in expressing more profoundly. Unfortunately I forgot the name of this intelligent poet, and I had no opportunity to ask Titos Patrikos later. So @ Titos Patrikos: if you read this, I would be pleased if you could make a comment and leave the name of that poet. Don´t worry: No one but Manafonistas will be able to read your e-mail-adress. I said I was grateful to Titos´remark as I had recognized all my poems circled around one theme: disappearance. (I never planned it and fortunalety it is not my job to analyze it.) And this, dear campfire friends, may be the main reason why I love the work of Labradford and the voice of Mark Nelson so much. Although very often it does not matter what someone says, but how, I especially love track No. 3 (PICO) from the album “Labradford” (1992) and the way Mark Nelson is whispering (not really singing) some words which sound like “somewhere alone / the light, street corners, city blocks, apartments abandoned to their drift“. And although I would love it to read the complete lyrics it is not really necessary as one can feel every single word.

 
 
 

 

In the beginning Jack refuses to write poems, but his teacher, Miss Stretchberry, presents one poem after the other to the class and she encourages the kids to write poems in a similar way. Miss Stretchberry starts with William Carlos William´s famous “The Red Wheelbarrow”, she goes on with Robert Frost´s “Stopping by Woods on a Snowy Evening”, she presents visual poetry, poems about pets and so on. Jack becomes more and more enthusiasthic about poems while experimenting with various writing possibilities. His feelings circle about a special theme and as he writes one poem after the other and one of his favourite poets even visits his class he manages to get along with his sorrow. Although this book seems to be written for children it shows also adults what it can be like to start the process of writing poems. It is an adventure that chances us and can make us free.

 
 
 

 
 
 

Ich empfehle die Originalfassung, die ich kürzlich sogar mit Audiokassette erworben habe. Das Buch ist jedoch auch in deutscher Sprache erhältlich. Hier sieht dann der Hund auf dem Cover ein bisschen anders aus.

 
 
 

 


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