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Archiv: Kammerflimmer Kollektief

2011 27 Okt

Kammerflimmer Kollektief: Teufelskamin (1 day to go)

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(Email von Thomas Weber, Kammerflimmer Kollektief)
 
Meine 10 allerliebsten Jazzalben gibts vielleicht garnicht, zumindest fällt mir keine ewige Liste ein, alles ist immer in transition. Dazu höre ich viel zu viel. Hier aber sind 10 Platten, die ich in letzter Zeit oft und gerne gehört habe, und die vlt. irgendwas mit Jazz (prozessuale Gruppensituationen, Improvisation u.a.) zu tun haben könnten: 

JOHN COLTRANE Infinty
Späte Coltrane-Aufnahmen, erweitert & überschrieben nach seinem Tod von seiner Frau Alice. Kann ich immer hören. „Peace on earth“ ist mir die liebste Musik überhaupt.

DR JOHN Babylon
Wer „Treme“ gesehen hat, weil, dass New Orleans die Wiege der amerikanischen Musik ist. Und das grösste Geschenk der Amerikaner an die Menschheit vielleicht. Und Dr. John weiss das auch und noch viel mehr, vielleicht sogar alles, qua Voodoo gar?

ANDREW HILL Smokestack
Alles dichtestens verwebt hier. Wahnsinnsbesetzung mit 2 Bassisten. Richard Davis, der später auch auf Astral Weeks dabei war, spielt sich hier um Kopf und Kragen. 

ALLMAN BROTHERS Eat A Peach
Besonders schön: Mountain Jam. Ein Soul-Jazz Boogie made in heaven. Die Allman Bros extemporieren über ein Motiv aus einem Donovan Song und spielen sich in schwindelerregende Höhen, nach ca. 24 Minuten geht dann Duane, der Himmelshund, auf die Überholspur. So klingt Glück!

SONNY SHARROCK Ask The Ages
Einer meiner liebsten Gitarristen neben Robert Quine, Tom Verlaine und Richard Thompson mit einem monumental rockenden Spätwerk mit Pharaoh Sanders, Elvin Jones und Charnett Moffett.

CARLA BLEY Tropic Appetites
Besonders toll „Caucasian Bird Riffles“! Mit Julie Tippetts (aka Julie Driscoll), die Texte von Paul Haines singt. Mit Carla Bley, Michael Mantler & Dave Holland et al: „Bywords of mouth/ Knowledge is what/ Shakes its fears/ In Lacking/ All experience/ Of them.“

TELEVISION The Blow-up
Was Tom Verlaine hier live spielt im grossen Solo bei Litte Johnny Jewel ist an Coltrane geschulter Jazz, nix anderes. Leider nur ein bootleg. Aber es brennt…
 
JIM DICKINSON Fishing with Charlie and Other Selected Readings
Jim Dickinson als Schamane. Hat mit den Stones UND Sonic Boom gespielt. Das hier ist eine spoken word Aufnahme mit einigen seiner Lieblingstexte. Muss man gehört haben: poetry in motion! „Whirl ye the deadly voo-doo rattle/ Harry the uplands/ Steal all the cattle/ Rattle-rattle, rattle-rattle/ Bing/ Boomlay, boomlay, boomlay, Boom…“

ELLINGTON/MINGUS/ROACH Money Jungle
Joe Henry (dessen neues Album ganz gross ist) meint zum Money Jungle: „the trio play a game of catch with love, fire and brimstone, becoming a single runaway train on its way to crashing a prom dance.“)

RAFAEL TORAL Space 
Die Zukunft des Jazz, das ist nicht jazz with electronics, sondern jazz on electronics. Far out!


Jim Dickinson weiss: „The fleeting nature of the present creates in man the desire to capture the moment. The movement of time compels us to record. The record becomes a totem, a pageant with a potential for recurring cultural impact, a sacrament between artist and audience, an unique event preserved and repeatable.“ 

Amen! Get your Mojo workin‘!

yours

t
 

https://soundcloud.com/kammerflimmer/coricidin-boogie

 

Lieber Michael!

Das neue Kammerflimmer Kollektief Album heißt Teufelskamin. Und kommt
im Herbst auf Staubgold. Wenn Du willst, kommst Du uns besuchen, wir
nehmen Dich bei der Hand, gehen auf Stacheldraht im Kreis und zeigen
Dir dann den rauchenden Kamin! Das schöne Wort „Ahmung“, das ich hier
bei euch manafonistas zuerst gelesen habe, triffts ganz gut. Die drug
du jour ist aber nicht der Grog, sondern das Coricidin, die
psychedelischere Schwester von Codein. Knallt ganz gut.

Der Sound baut Songs, die aus Sound gebaut sind, Songs, die aber
keine Lieder mehr sind. The inside of the song is the part that makes
the outside sound good. Der große William Parker sagt dazu: „Every
song written or improvised has an inside song which lives in the
shadows, in-between the sounds and silences and behind the words,
waiting to be reborn as a new song.“

Wenn Du so willst, ist es synkretische Ritualmusik aus Karlsruhe
zwischen Verschleierung und Enthüllung, die von etwas spricht, wofür
es keine Sprache gibt und die lieber einen Umweg zuviel geht.

Und am Ende? Sind das dann wieder vielleicht alles Wege, die -wie
Bolano sagt – „nirgendwo hin führen, auf die man sich aber dennoch
begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu
finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen
Gegenstand, irgend etwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück:
das Neue, das, was immer schon da war.“ Ächz! Oder wie siehst Du das?

Bald mehr!
Herzlich
Thomas

 
 
Absencen
 
 
 
Es war einmal in Deutschland eine wilde Zeit, da schossen die seltsamsten Experimente wie Pilze aus dem Boden. Ende der Sechziger Jahre und im Laufe des nicht minder magischen Siebten Jahrzehnts sorgten Gruppen wie Can, Kraftwerk, Cluster und andere für eine Alternative zur anglo-amerikansichen Vorherrschaft der Rockkultur. Die Musik war systemisch, schrullig, archaisch. Brian Eno besuchte Moebius und Roedelius im Weserbergland und fand dort Seelenverwandte seiner „Ambient Music“!

Jahrzehnte später, Ende der 90er Jahre, entwickelte sich, in fast provinzieller Abgeschiedenheit und um den Karsruher Multinstrumentalisten Thomas Weber herum, eine Formation, die manche dieser alten Rezepturen durchleuchtete, verwarf, sich seitwärts treiben liess, und, nach Lehr- und Wanderjahren, drei Alben von einsamer Klasse in die Welt setzte: „Cicadiae“ (2003), „“Absencen“ (2005) und „Jinx“ (2007).

Die Grenzen zwischen digitaler und analoger Musikproduktion verschwammen bei diesen Klangsuchern zusehends. Es entstand eine Gegenwelt zu allem Modisch-Technoiden: wäre da plötzlich eine flüchtige Trompetenfigur  von Jon Hassell aufgetaucht, eine vekratzte Tonspur aus King Tubby´s jamaikanischer Holzhütte, oder ein verlorener Akkord aus einem Go-Betweens-Song: alles wäre an seinem Platz gewesen!   

Musik funktioniert nie ohne Erinnerung: was das Kammerflimmer Kollektief heraufbeschwört, mit seiner Melange von Jazz und Elektronik, mit dem langen Atem des Folk und den langsam rollenden Wellen unbewusst wirkender Melodien, ist eine Form des Erinnerns, der das Zitieren mittels postmoderner Heiterkeit abhanden gekommen ist. Hier steht vor dem Zitat das Vergessen, der Punkt Null – und was dann, in sehnsuchtsvollen, ihre Spannung nie ganz preisgebenden Kompositionen ans Licht kommt, ist reich an fernen Anklängen, und zugleich ureigene Handschrift! 

So mag man sich, in Momenten, erinnert fühlen an die Schwebezustände alter Robert Wyatt-Lieder, an die offenen Stimmungen von Joni Mitchell´s „Hejira“, an ätherisch freie Improvisationen melancholischer West-Coast-Musiker, die abends Richard Brautigan lesen und nachts mit John Coltrane´s „Live At The Village Vanguard Again“ im Ohr einschlafen!  

Die Musik des Kammerflimmer Kollekitefs bleibt indes ein Geheimnis, verrätselt, nicht wirklich zu entziffern! Endlich gibt wieder eine  Formation – „post krautrock“ und „post postrock“ -, die in stillen Kammern das lyrische Potential des freien Jazz genauso weiter wirken lässt wie die unverblümte Lust an Ohrwürmern, Erosionen und all den Stillständen, aus denen Unerhörtes und Unheimliches kommt!

 


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