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Archiv: Dick Francis

 

 
 

Dick Francis, „Forfeit“

Originalausgabe, 1968 (Michael Joseph Ltd.)

deutsche Erstausgabe: 1979 (Ullstein)
„Jede Wette auf Mord“

Gelesene Ausgabe: 1994 (Diogenes)
„Hilflos“

 

zu 1) Schnellblätterig

Nun ist es doch das Buch „Hilflos“ geworden, das Ich zur Manafonistas-Parallellese-Rennbahn führe. Dabei ist der Titel der deutschen Ausgabe nicht ganz treffend übersetzt. Immerhin hält der Diogenes-Verlag aber die Eigenart des Autors bei, jeden seiner Kriminalromane mit nur einem Wort zu betiteln. Dass dies hier ausgerechnet „hilflos“ ist, bestätigt meine These, dass es sich um ein archetypisches Geschehen handelt. Manch eine*r meiner drei Leser*innen wird sich an das fortwährende Auftauchen von „hilflos“ in Zürich erinnern. Hier ist es vermutlich bezogen auf die Hilflosigkeit der lungenkranken Ehefrau des Protagonisten, die er vor den Bösen in Sicherheit bringt, und auf seine eigene Befindlichkeit, nachdem er von ihnen mit Whisky abgefüllt worden war. Diese Szenen sowie eine Cobra-taugliche Autoverfolgungsjagd mit einem Pferdeanhänger machen diese Seiten zu den schnellstgeblätterten des ganzen Buches.

 

zu 2) Verfilmt

Regie: John Cassavates (er kennt sich mit Buchmachern, Gangstern und kranken Ehefrauen aus)

Hauptdarsteller (Sportreporter, Ich-Erzähler): Jürgen Vogel (dem ein Hollywood-Erfolg zu wünschen ist).

Filmmusik: an leisen Stellen das Quatuor Ebene (was vielleicht etwas zu snobby ist auf der Rennstrecke). Bei der kranken Ehefrau fällt mir gemeinerweise Dennis Hopper und Blue Velvet ein… Und als Titelmusik ist wegen der 2 gallopierenden Schlagzeuger „Shake Stew“ bestens geeignet; die Band des österreichischen Bassisten Lukas Kranzelbinder steht auch schon auf meiner diesjährigen Novemberliste.

 

zu 3) Hingeguckt

Das Buch ist unkompliziert und kann eigentlich überall gelesen werden. Da es klar geschrieben ist und immer schön chronologisch bleibt, kann man rasch zwischen Buchwelt und Blick über die Zugestiegenen in der U-Bahn hin und her zappen. An den Strand würde ich es nicht mitnehmen. Die anorektischen Gäule auf den nahezu 40 Buchtitelseiten wirken eher abschreckend als kontaktfördernd.

 

zu 4) Serienreif

Man könnte auch sagen, Francis habe die Eigenart, aus jedem bestimmten Sachgebiet eine Pferdegeschichte zu machen, den Ponyhofserien und Wendyromanen nicht unähnlich. Die Kritik ist allerdings unpassend: wer einen Tony-Hillerman-Krimi kauft, darf sich auch nicht beklagen, wenn Indianer darin vorkommen.

 

zu 5) Verwurstet

Lasagne auf der Speisekarte kommt bei Pferdefreunden nicht so gut an. Ich belasse es bei ein paar Käsecrackern mit den letzten Flaschen englischen Weines und wende mich der Tafelmusik zu. Was wir am Essen gespart haben, kommt der Musik zugute. Zugesagt hat die britischte aller britischten Sängerinnen: Anne Clark! Die Pferde fliehen in die umliegenden Wälder.

 

zu 6) Experte

Zwischen der amerikanischen Wettmafia und den englischen Kleinkriminellen liegen Welten. Aber es verändert sich viel hinter dem Rücken der Pferde; statt dem Glück der Erde findet man immer mehr und immer schlimmere Intrigen und Verbrechen. Als Experte der aktuellen Equikriminalistik habe ich den kalifornischen Journalisten und Cassavetes-Biographen Michael Ventura eingeladen, der sich im Buchmacher-Milieu ebenso auskennt wie in der Arbeitswelt der (Sport-)Journalisten.

Literatur-Hinweis: „If I was a Highway – Essays“.

 

zu 7) Klassisch

Der Roman ist altmodisch und deshalb zeitlos. Die Geschichte ist schon 100 x erzählt worden: ein Journalist deckt einen Wettskandal auf (in die TV-Tagesschau gelangt war diese Woche der SC Brügge wegen des Verdachts auf Wettbetrug) und bringt damit seine Familie in Gefahr. Das ist nett und solide erzählt. Nur der Pferde sind es mir zu viele, vor allem wenn ihr Lebenszweck darin besteht, jedes Wochenende im Kreis um die Wette zu laufen. Mit einem richtigen Pferd galoppiert man fast and furyous dem Abenteuer oder wenigstens der Sonne entgegen!

 

zu 8) Leseplan

Hier wartet schon etwas länger (dt. 2005) ein Taschenbuch mit den Maßen eines Ziegelsteines: „Ich bin Charlotte Simmons“ von Tom Wolfe. Sich auf Charlotte einzulassen heißt, auf absehbare Zeit nicht 5 andere Bücher mit zusammen rund 1000 Seiten zu lesen. Gelohnt hat sich das bei Tom Wolfe immer. Er ist ein Meister mit leiser Ironie erzählter, sich anschleichender Katastrophen. Für Sherman fängt das Fegefeuer der Eitelkeiten mit einer Panne beim Telefonieren an – zu spät merkt er, dass er am Telefon seine Freundin mit seiner Ehefrau verwechselt hat. Im Kuba-Exilanten-Miami (Back to Blood, 2012) erlebt ein junger Polizist, wie er vom Helden zum geächteten Verräter und von der Familie verstoßen wird, ohne dass er weiß, wie ihm geschieht. Es gibt Gemeinsames zwischen Francis und Wolfe: beide haben auch als Journalisten gearbeitet und das Pressemilieu beschrieben. Tom Wolfe’s erstes Buch hieß „The Kandy-Kolored Tangerine-Flaked Streamline Baby“. Das wäre ein schöner Name für ein Rennpferd.

 

War dieser Kriminalroman ein klassischer „Pageturner“ für dich?

 

Das kann man sagen, es war ein ziemlich spannendes, aber auch wirklich interessantes Buch.

 

Wenn du dir eine sehr gute Verfilmung des Romans vorstellst, wer wäre die Idealbesetzung für Regie, Hauptrolle, und Filmmusik (du kannst Lebende und Verstorbene benennen, es ist ja eh imaginär)?

 

Regie: Tony Richardson // Hauptrolle für Philip Nore: Patrick McGoohan // Filmmusik: Franco Ambrosetti: LP Movies Too, Titel: Thema from Peter Gunn / Kenny Barron: LP Landscape, Titel: Hush-A-Bye und Ringo Oiwake / Ensemble Economique: Interval Signals Ausschnitte / Pan American: Cloud Room Ausschnitte

 

 

 

 

Was ist der ideale Ort zum Lesen? Ist es das klassische „book for the beach“, oder gibt es für dich eine idealere Umgebung?

 

Kein klassisches „book for the beach“, eher ein Buch für die Kneipe in Hörnum in der Nähe der Dünen, in einer Ecke sitzend, Blick aufs Meer und auf Amrum, Krug Weißwein, ansonsten allein, und man sollte mich beim Lesen in Ruhe lassen.

 

Dick Francis hatte ja die Eigenart, ein bestimmtes Sachgebiet in seine Kriminalromane einzuarbeiten. Wie ist ihm die Umsetzumg in „Reflex“ und „Verrechnet“ gelungen?

 

Das Sachgebiet Pferderennsport interessiert mich eigentlich nicht die Bohne, aber Dick Francis bringt den Stoff so interessant an den Leser, dass er mein Interesse dafür absolut geweckt hat, ich habe viel darüber gelernt. Das zweite Sachgebiet: Fotografie und Entwicklung von Fotos, Arbeit im Fotolabor hat mich schon allein deshalb interessiert, weil ich früher selber ein Fotolabor hatte und sehr gerne Fotos entwickelt habe.

 

Wenn du einen Themenabend zu dem Roman veranstalten würdest, was würde auf der Speise- und Getränkekarte stehen, und welche Hintergrundmusik würde zur Begrüssung der Gäste laufen?

 

Ein Jockey darf nicht viel auf die Waage bringen, deshalb auch nicht viel essen. Aber okay, nach dem Rennen gibt es schon etwas Ordentliches, auf der Speisekarte des Themenabends steht zunächst eine Vorsuppe: Klare Gemüsesuppe mit Eierstich; als Hauptgericht: Pasta mit einer Lachssoße (natürlich vom schottischen Lachs), dazu ein guter Weißwein; Nachtisch: Creme Brulee.

Hintergrundmusik: Brian Eno: Music for Installations:  I Dormienti

 

 

 

 

Wenn ein „special guest“ an diesem Dick Francis-Abend einen Vortrag halten würde, der mit dem Autor und / oder dem Roman zu tun hätte, wie könnte man ihn idealerweise betiteln?

 

Thema des Vortrags des „Special Guest“: die Ein-Wort-Titel der Kriminalromane von Dick Francis und was sie dem Leser des jeweiligen Romans verraten: Todsicher, Rufmord, Doping, Nervensache, Blindflug, Schnappschuss, Hilflos, Peitsche, Rat Race, Knochenbruch, Gefilmt, Schlittenfahrt, Zuschlag, Versteck, Gefälscht, Risiko, Galopp, Handicap, Reflex, Fehlstart, Banker, Gefahr, Weinprobe, Ausgestochen, Festgenagelt, Mammon, Gegenzug, Unbestechlich, Außenseite, Comeback, Lunte, Zügellos, Favorit, Verrechnet, Rivalen, Hurrikan, Scherben, Gambling, Abgebrüht, Schikanen, Verwettet, Kreuzfeuer.

 

Dick Francis gehörte ja zu einer älteren Generation von Kriminalschriftstellern. Wie würdest du das Buch zwischen den Polen „Zeitlos“ und „Altmodisch“ einordnen?

 

Reflex erschien 1980 in England, 1982 im Ullstein-Verlag, 1991 im Diogenes-Verlag, es wird auch in Zukunft nachgedruckt werden, es ist ein zeitloser Roman.

 

Was wird der nächste Roman sein, den du liest? Erzähl ein wenig von dem Buch!

 

Ich werde mir wahrscheinlich ein Buch vornehmen, das mich schon längere Zeit anbrüllt: „Lies mich endlich!“. Es wurde von Georges Perec geschrieben und heißt Das Leben – Gebrauchsanweisung. Das Buch erschien 1978 in Frankreich und wurde 1982 von Eugen Helmlè ins Deutsche übersetzt. Das wird ein größeres Leseprojekt sein, ich werde darüber sich auf manafonistas.de erzählen.

Auch wenn – einer Freundin zuliebe – das Old Ascot in Suttgart für eine kurze Zeit mein Stammlokal war, wurde ich nie zum Freund des englischen Pferde- Renn-, Reit- und Wettsports. Ich zögerte deshalb lange mit der Anmeldung zum 3. European Ride & Write Contest o.ä., war aber doch so neugierig, mir die Krimi-Bibliographie von Dick Francis anzuschauen.

Als erster Titel fiel mir „Hilflos“ auf; wenn das keine beachtenswerte Synchronizität ist (war ich doch erst kürzlich mit 17 x „hilflos“ aus Zürich beschäftigt)!

Die Werke Francis‘ in deutscher Übersetzung sind allesamt vergriffen. Just das Antiquariat, das „Hilflos“ für 53 Cent anbietet, scheint zu den gemütlichen Trabern zu gehören. Michael wird kurz nach dem Startschuss schon 15 der Bände gelesen, Gregor das Tor zum Pferdestall geöffnet haben. Fehlstart für mich.

Um doch noch im Laufe der Woche zu den Parallellesern aufzuschließen, habe ich aus der weitläufigen Pferdeliteratur dasjenige Buch ausgesucht, das mir am spannendsten erschien. Ich hoffe, dass meine Teilnahme damit gesichert ist.

Ganz fremd ist mir das Milieu nicht. Einige Jahre lang habe ich 4 Pferdefreundinnen zum Reiterhof gefahren und wurde von ihnen auf dem laufenden gehalten. Seither weiß ich, es gibt nirgends so viel Intrigantes, Gemeines, Neidisches, Eifersüchtiges, Durchtriebenes, Zickiges, Gehässiges wie auf einem Ponyhof. Auch nicht in Old Ascot und den Büchern von Dick Francis.

 
 
 

 


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