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Archiv: Borussia Dortmund

 

Just another day on earth. Nach 170 Kilometern auf der Autobahn blicke ich auf das Cover einer heiss erwarteten CD. Was mich da wohl in meinem „elektrischen Kerzenstudio“ erwartet? Das Cover kommt schon mal gut, und die lyrics sind surreal wie eh und je. Aber, was gab es schon alles für Enttäuschungen in diesem Jahr! Und immer noch keine offizielle Bestätigung, dass das Album des Jahres 2018 im Spätherbst auf den Markt kommen wird: die 50th anniversary edition of „THE WHITE ALBUM“. In einem Zustand fortgeschrittener Verzauberung lauschte ich neulich der Monofassung auf Vinyl, jener Seite mit „Why don‘t we do it on the road“. Ein eigentlich nicht ganz so grandioser Song der Beatles, der aber in den nahtlos ineinanderübergehenden  Liedern geradezu vollkommen wirkt. Ich dachte immer, ich sei stets vorne mit dabei, ich bin aber komplett retro. Ich legte die Nadel wieder auf die Einlaufrille, und die Sequenz begann erneut. Zweimal bekam ich pure Gänsehaut. Ian MacDonald schrieb einst ein Buch, in welchem er alle Beatles-Songs vorstellte: „Revolution In The Head“. Ich teile da gar nicht seine Verrisse einiger Lieder der Spätphase, in denen er Unreife und Regression witterte, und es am LSD-Konsum der Fab Four festmachte. Na, was soll‘s? Heute morgen bekam ich die Mail jenes Autoren, der hier zu Beginn der Weihnachtstage seinen Text „Alte Klamotten – ein kleiner Trip durch die Lyrik der 1970er Jahre“ (überarbeitet) präsentiert. Er bittet die Leser der von mir ausgewählten 12 Gedichte um angeregte Kommentare, die er noch teilweise einbauen möchte. Auf die eingangs angesprochene CD mit den herrlich gedeckten Farben auf dem Cover komme ich dann demnächst zu sprechen. Jetzt aber ist es Zeit für „Igel auf der Picknickdecke“, einen Artikel von Ulrich Hartmann, mit dem Unteritel „In Thomas Delaney, Mahmoud Dahoud und vor allem Axel Witsel verfügt Dortmund über ein Mittelfeld-Dreieck, das den BVB taktisch unberechenbar macht“. Sein Wort in das Ohr des Fussballgottes. Und gleich dann auf in die eigenen vier Wände. Die grüne Kerze anzünden. Und hoffen, dass die Silberscheibe so gut ist wie der Titel: „Songs You Make At Night“.

 

Normalerweise bekomme ich hin und wieder die Dauerkarte eines Freundes, und sitze dann in Höhe des Mittelkreises (Reihe 18) in der Westkurve. Normalerweise bin ich auch eine Stunde früher da, um die stetig steigende Energie aufzusaugen, mit Sitznachbarn fachzusimpeln, und zwischendurch ein, zwei Kapitel eines Thrillers wegzuschmökern. Heute war das Tagesprogramm aber dicht gedrängt, und wir liefen zu viert auf, ganz hoch oben auf der Nordtribüne, was nur für Schwindelfreie ein guter Ort ist. Ich hatte mich aufgewärmt, bevor der lange Marsch durch die Bolmke zum Stadion begann, hatte mir gecrashtes Eis besorgt, ein „Pint“ Wodka Gimlet gemixt und zur Freude aller Anwesenden die beste Platte des Jahres 1985 aufgelegt, die lang hinausgezögerte Veröffentlichung von Sam Cookes „Live At The Harlem Square Club“. Das passte auch gut zum vierten Roman der Sean-Duffy-Reihe von Adrian McKinty. Ein katholischer Bulle in Bürgerkriegszeiten im Belfast der Achtziger Jahre, nicht schlecht. Dieser DI ist so intelligent und schräghumorig, dass es fast ein Grund wäre, wieder in diesen Saftladen einzutreten. Regelmässig kontrolliert Duffy den Unterboden seines Wagens nach einer etwaigen Bombe. Das sind knallharte, spannende Romane, und es ist eine Freude, einem Erzähler zu begegnen, der auf einer Seite Novalis, die Rolling Stones und Nancy Drew auftreten lässt. Während ich meinen Wodka runterkippte, bekam ich eine Mail, die mir genaue Anweisungen zur Wartung einer Villa in Keitum zukommen liess. Alles für einen Apfel und ein Ei. Vor allen Dingen ging es darum, wie man die Heizung anschmeisst, die Sauna in Betrieb nimmt, und vor der Abreise die Lichtshow installiert, um Einbrecher abzuschrecken. Ein volles Programm für drei Tage in der Sylter Vorweihnachtszeit. In diesem schmucken, von aussen etwas geisterhaft wirkenden Haus (ein Panoptkum der alten Bundesrepublik mit Goldenen Schallplatten an den Wänden, Standuhren aus Eberesche und einem Dutzend Stan Kenton-Platten) kann man leicht zwei Fussballmannschaften unterbringen, und sich wie in einem alten britischen Schloss zwischen drei Stockwerken und sieben Schlafzimmern munter verlaufen, man kann es sich aber auch vor dem riesigen Panoramafenster im ersten Stockwerk behaglich machen, Laurie Andersons „Heart Of A Dog“ hören, und den Blick über das weitläufige Wattenmeer schweifen lassen. Michael allein im Haus, mit Adrian McKinty, Laurie und den Blackhawk-Auftritten von Miles Davis aus dem Jahre 1961. „Now the rain’s like gravel on an old tin roof / And the Burlington Northern’s pullin‘ out of the world / With a head full of bourbon and a dream in the straw / And a Gun Street Girl was the cause of it all“. In der Villa gibt es zwölf Jahre alten Isley. Gutes Zeug, wenn man Torf, Rauch, Erde, Regen, Melancholie und die Nordsee mag, und wer tut das nicht? Das klingt fast wie ein Satz aus dem Roman „Gun Street Girl“, und wer zu Weihnachten gern mal das Gegenteil von „putzig“, Adele, und moralisch korrekten Romanen verschenkt, sollte Adrian McKinty ernsthaft in Erwägung ziehen. Eine Variation des nordirischen Regens strömte gestern auch auf das Spielfeld des Westfalenstadions, als der BVB den Verein für Bewegungsspiele aus Stuttgart mit 4:1 abfertigte, mit unserer Tormaschine aus Gabun und einem exzellent aufgelegten Gonzalo Castro, der nun endlich seinem herrlichen Namen alle Ehre macht. Cheers.

Bald war stoischer Gleichmut gefragt. Bis auf zwei Spieler lieferte das Team nach dem Zeitpunkt des Wolfsburger Ausgleichs eine durchweg, freundlich ausgedrückt, durchschnittliche Partie ab, da war keine Wendung zum Guten zu erahnen, auch wenn die überwiegend schwarzgelben Fans im weiten Rund noch manchen Ermutigungschorus im Repertoire hatten.

Wieso beging Kehl vor dem Standard, der die Wende einläutete, ein völlig sinnloses Foul an Gustavo, der bloss einen Pass ins Niemandsland spielte? Wo waren Reus und Gündogan, als alles den Bach runterging? Später sahen wir noch Delling und Klopp über den Bildschirm flimmern, und Klopps letzter Auftritt als Trainer verriet, dass das hier alles andere als das routinierte Abwickeln eines letzten Arbeitstages war. Er wusste, dass jede Umarmung eines Spielers die letzte war. So fühlte er sich auch.

Und es darf die Frage gestellt werden, warum mit diesem tristen Bluesakkord des Schlusspfiffs die Ära Klopp besiegelt werden musste. Hätte es nicht Optionen gegeben, nach dem verflixten siebten Jahr einen Nullpunkt im Jahr acht zu setzen: was ist wirklich hinter den Kulissen passiert: hat es, wie ich ahne, manchmal zu heftig geknallt zwischen Zorc und Klopp? Hätte ein Mediator geholfen? Oder war es doch ein Solo von Klopp, den Abschied einzureichen? Sowas passiert weder aus heiterem noch aus bewölktem Himmel „einfach so“! Okay, okay: „Hätte, hätte, Fahrradkette“. Unser Zug aus Berlin wird bald in Dortmund ankommen. Kein DJ heute in der Hafenkneipe, der alte BBC-Sendungen mit Joe Strummer auflegt. Keine neuen Freunde im Kreuzviertel.

Sie könnten mal, wenn Sie Trauerarbeit leisten wollen, mit dem Fahrrad oder Auto am Borsigplatz im Kreis fahren. Statt einer grossen, wehmütigen Party mit hunderttausend Teilnehmern, sehen Sie ein paar Betrunkene, einen Pudel, der an einen Laternenpfahl pinkelt – und ein Zeitungsblatt segelt, wie in einem alten Robert Wyatt-Song, durch die Lüfte. Wir sehen uns dann bei der nächsten grossen Party, in 50 Jahren! Weniger lakonisch: es gehört zum Ende einer Ära, dass danach die etwas tristeren Zeiten kommen. Ein Thomas Tuchel wird diesen langen Übergang zu moderieren haben, er wird kaum eine Chance haben, die Mannschaft hat ihren Zenith überschritten, und Mourinho (mein zweitliebster Trainer, ich gestehe!:)), kann leider kein Deutsch.

Wohl dem, der die Musik liebt! Zeit für „Lone Wolf“, für Rickie Lee Jones. Und, an Tagen wie diesen, gerne auch „Sailing“, oder „Road To Nowhere“. Da können die Wolken ruhig pinkfarben sein. Jürgen Klopp ist, schon jetzt, ein „lost classic“. Mit  Ulla (Frau)  und  „Emma“ (Hund) geht es erstmal in den Urlaub, klar, nach Sylt. Insel der Manafonisten. (Die Konsequenz für mein Leben ist einschneidend: zum ersten Mal seit meinem sechsten Lebensjahr lege ich ein einjähriges Borussia-Sabbatical ein.)

Und wie wir alle wissen, ist heute Samstag. Als ich vor Jahren in Blackpool war, sah es dort aus wie immer, und ich sah die schwarzen Ladies, die prallen Einkaufstaschen, die runzeligen, Geschichten erzählenden Gesichter, die lärmenden Kids, die rumtollten am Strand in wunderbarer, auf immer sich verlierender Gegenwart. Heute ist Shopping angesagt, und Borussia Dortmund, und Brian Eno zersägt den Peter Gabriel-Song „Mother of Violence“ in einer Weise, da könnten noch „My Bloody Valentine“ von ihm lernen.


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