Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Nein, bitte keine Aktionen. Wenn man sich nicht arbeitsrechtlich auskennt, oder, schlicht gesagt, die eigene Rechtssituation so einschätzt, dass es nicht unbedingt zum Vorteil gereicht (diese umständliche Ausdrucksweise ist beabsichtigt), kann man leicht seinen Status als „Fester Freier“ bzw. gewisse damit verbundene Sicherheiten (z.B. die rechtmässige Einforderung einer jährlichen Auszahlung bis zum 67. Lebensjahr, die einem hohen Prozentsatz des jeweils als relevant ermittelten Jahreseinkommen entspricht, f a l l s die selbstgestalteten Sendungen wegfallen) gefährden. Nachdem ich mir vor Jahren sicher war, über 50 zu sein – :) – bzw. so und soviele Jahre Urlaubsgeld in Folge bezogen zu haben (ich glaube, darum ging es, kann mich aber täuschen), war mir klar: Sicherungsstatus erreicht. Dann aber wurde mir einmal wegen eines rel. geringen Honorarstatus, einhergehend mit einer angeblich zu geringen Zahl an Arbeitstagen für die Sendeanstalt in einem bestimmten Zeitraum (z. B. die letzten drei oder sechs Monate, die Daten stammen aus meiner Erinnerung) das Urlaubsgeld verweigert. Ich schrieb an die entsprechende Stelle, ich hätte durchaus genügend Stunden im angegebenen Zeitraum verbracht, und listete dies im einzelnen auf – wiederum wurde das Urlaubsgeld verweigert. Ich erkannte nicht den Ernst der Situation, und verfolgte es nicht weiter. Nun aber habe ich mich über die potentiellen Folgen eines mittlerweile zweimal nicht erteilten Urlaubsgeldes informiert (potentieller oder realer Statusverlust), werde zwei Tarifverträge aus der Webseite von Verdi kopieren (somit den Empfehlungen seitens des Personalrats resp. einer mit dem Personalrat kooperierenden Person folgen) – und einem Anwalt mein Anliegen zur Prüfung vorlegen. Hat mir der Sender zu Unrecht das Urlaubsgeld verweigert? Möglich, dass ich dadurch, dass ich mir meine Rechte nicht genommen habe, den Kürzeren ziehe, und Tiefenentspannung üben darf. Auch eine Entscheidung zu meinen Gunsten ist denkbar. Über die Wahrscheinlichkeiten der einen wie anderen Option habe ich wenig Illusionen. Nun geht es mir finanziell mittelfristig weitaus besser als Kollegen, die von solchen Entwicklungen knallhart getroffen werden könnten. Insofern gehe ich  mit dieser Sache schon ziemlich cool, aber auch zielführend, um. Vielleicht zu spät, vielleicht auch nicht. Mein wunderbarer Redakteur und Mentor, Harald Rehmann, zieht sich im Herbst aus der redaktionellen Arbeit zurück, die Fortführung seiner Arbeit ist momentan genauso ungeklärt wie der Fortbestand der Klanghorizonte. Jede Mail in dieser Angelegenheit an verantwortliche Personen ist kontraproduktiv! Die Siebziger Jahre sind vorbei. Und ich kann eins gut – loslassen. „Doof loslassen“ ist aber auch nicht meins, deshalb kümmere ich mich kurzfristig um einen Fachmann für Arbeitsrecht.

2016 18 Juni

„It’s Too Late To Stop Now, Vol. II, III, IV“

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„History and myth are also two forms of context Morrison is determined to combine in his music. His sets in 1973 juxtaposed original material from throughout his career with established soul and blues songs by Ray Charles and Sam Cooke, Willie Dixon and Sonny Boy Williamson. His own songs are composites themselves: blues, jazz, folk, and rock forms all appear in his music, sometimes at once, collapsing into a slipstream of associations. This feeling of endlessness, of the language of a genre losing its shape and blending with others, gives even his straightest R&B numbers the shape of a whirlpool.“

(Brad Nelson, pitchfork)

 

Last night I read a a passage in my show from Barbara Ehrenreich’s book „Dancing In The Streets – The History of Collective Joy“. The new edition of unreleased concerts of Van Morrison with his Caledonia Soul Orchestra surprises me in many ways. Listening  to these performances of exuberant  elan vital and joie de vivre, I’M THERE! And sitting on my petrol green sofa, slightly deprived of sleep, with  a glass of red wine, I’m joining the crowd of another era – pure joy floating through my body – I would call it „solitary, collective joy“!

 

 
 
 

NEULAND“ (die ersten zwei Stunden) – 1) Anohni: HOPELESSNESS // 2) Masabumi Kikuchi: BLACK ORPHEUS // 3) Teho Teardo & Blixa Bargeld: NERISSIMO // 4) Brian Eno: THE SHIP // 5) Naqsh Duo: NARRANTE // 6) Carla Bley: ANDANDO IL TIEMPO //// 7) William Tyler: MODERN COUNTRY // 8) Piano Interrupted: LANDSCAPES OF THE UNFINISHED // 9) Legendary Pink Dots: PAGES OF AQUARIUS // 10) Paul Simon: STRANGER TO STRANGER // 11) Jack DeJohnette / Ravi Coltrane / Matthew Garrison: IN MOVEMENT // 12) Fripp & Eno: THE EQUATORIAL STARS

 
Teil 1
 

 
Teil 2
 

 

 

NAHAUFNAHME: THE BRIAN ENO SURRENDER MIXTAPE

 

Harold Budd / Brian Eno: Still Return, aus: THE PEARL /Brian Eno: Just Another Day, aus ANOTHER DAY ON EARTH / Brian Eno: The Big Ship, aus ANOTHER GREEN WORLD / Brian Eno: I’m Set Free, aus THE SHIP Brian Eno: THURSDAY AFTERNOON (accompanied by some thoughts and stories about childhood, surrender, and the sea) /  Brian Eno: Fractal Zoom, aus NERVE NET / Brian Eno: Lizard Point, aus ON LAND / Brian Eno: Back in Judy’s Jungle, aus TAKING TIGER MOUNTAIN (BY STRATEGY)  / Brian Eno: NEROLI

 
The book with the „carneval scenery“: Barbara Ehrenreich’s „Dancing in the Streets – A History of Collective Joy“
 
 

 

 
ZEITREISE (1) 
 

1) Rolf Lislevand: LA MASQUERADE
2) Fennesz: MAHLER REMIX
3) SWANS: THE GLOWING MAN
4) Dexys: DEXYS DO IRISH AND COUNTRY SOUL
5) Swans: THE GLOWING MAN
6) Fennesz MAHLER REMIX

 
 

 

 
 

ZEITREISE (2) – Tony Conrad with Faust: From the side of man and womankind, aus OUTSIDE THE DREAM SYNDICATE

 

“ … Jean-Herve amd Zappi stand in front of the curtain, ready to take on the audience. The roar is incredible, from the stage and from the audibly diagruntled audience. (Sorry, English audiences, you get the „award“ for that.) The soundman is going for the board, threatening to shut it down, while Jeff Hunt is physically preventing him. Jean-Herve is bleeding on bis bass. Zapppi is relentless. I am both in awe and in pain. Standing a few feet in front of me, in duplicate: Tony Conrad, his body sweeping wide shapes thelugh the space, yet his fingers moving with the most elegant precision. … “ (Jim O’Rourke in seinen liner notes zur exzellent gemachten Vinyl-Wiederveröffentlichung des Klassikers von 1973)

 

 

ZEITREISE (3) –  Mabrak: Jigsaw (several tracks of side two (in a row) of the vinyl reissue of that buried treasure of Reggae history, department of musical hypnotism)

 

„Experiments in percussion, in the middle of the night at Harry J’s. Funky versions of rhythms like Curly Locks and Too Late To Turn Back Now, led by talking drums. Blaxploitation is in the air… the Staples… even a blast of Barry White. Beautifully mixed by King Tubby, who couldn’t believe his ears. Originally released in 1976, in paper inners only. Smartly sleeved in quintessential Dug Out style this time around — with an insert, including a recent interview with Mabrak.

Some of you might hear from Mabrak for the first time now. Be careful: once tuned in, it might easily turn into addictive listening. The talking drum as a lead instrument was a kind of „deeply rootded novelty sound“ – the ascetic outfit of the band must have been a dream come true for King Tubby’s mixing desk. Or is this whole story just made up? Fooling you into a short chapter of the long history of great unmade albums? No. it really exists.“

 
 

 

 

A list of 20 and more irresistible, mindblowing Reggae- and Dub-Classics, cherished, buried, whatever

 

1) Dadawah: Peace and Love / 2) Bob Marley and the Wailers: Catch A Fire / 3) Congos: Heart of the Congos / 4) Lee Perry: Super Ape & Arkology /5) Cedric Im Brook: The King of Saba / 6) Burning Spear: Marcus Garvey & Garvey’s Ghost / 7) Linton Kwesi Johnson: Bass Culture / 8) Mabrak: Jigsaw / 9) Culture: Two Seventh Clash /10) Bim Sherman: Across The Red Sea / 11) Count Ossie and The Mystic Revelation of Rastafari: Tales of Mozambique / 12) Rhythm & Sound w/ Tikiman: Showcase / 13) The Abyssinians: Satta Massagana / 14) Bob Marley: Exodus / 15) Joe Higgs: Life of Contradiction / 16) Bobby Kalphat: Zion Hill / 17) Jimmy Cliff: The Harder They Come  / 18) V.A.: Trojan Nyabhingi Box Set / 19) V.A.: 100 % Dynamite (Studio One)  / 20) Peter Tosh: Equal Rights

Mir war schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass die Läden, in denen ich bisher meinen Vorrat an unbespielten CDs auffüllen konnte, den Verkauf eben dieses Artikels eingestellt hatten. Deshalb führte mich mein Weg am letzten Montag in einen dieser großen, von mir weniger geschätzten Medienmärkte (waren sie doch dereinst Schuld an dem Niedergang so vieler kleiner, aber feiner Schallplatten-, Cd- und Hifi-Läden).- Nach längerem Suchen, gab ich auf und fragte einen Angestellten nach den Regalen, in denen bespielbare CDs, CD-Hüllen etc. angeboten würden. Huschte da nicht etwas Mitleid über das Gesicht des Verkäufers, als er dem Kunden mitteilen musste, dass es solche Regale schon seit geraumer Zeit nicht mehr gebe, es sei für diese Produkte keine Nachfrage, kein Markt mehr vorhanden. Hallo? Hab´ ich da etwas verschlafen? Anyway, der Angestellte wollte mich trösten und zeigte mir im letzten Winkel des riesigen Marktes ein kleines Regal, in dem noch eine 25er Spindel mit bespielbaren CDs lag. Ein Plakat verkündete den Ausverkauf dieser CDs, es gab 20% Rabatt. Ich muss wohl ziemlich verwirrt drein geschaut haben, denn der Verkäufer versuchte zu erklären: heute speichere man mit USB-Sticks, die eine enorme Speicherkapazität hätten, deshalb sei es wohl auch bald mit den CD-Playern im Auto vorbei, schon heute wären die neueren Modelle ja bereits mit USB-Schnittstellen ausgerüstet. Smartphone anschließen und fertig … Jetzt wurde es mir doch zu viel. Ich erläuterte dem jungen Mann nun meinerseits die Sachlage. Er möge sich mal vorstellen, dass man in einem Leben zunächst das Spulentonband als Speichermedium erlebt habe, dann die Kassette, dann die Minidisc, dann die DAT-Audio-Tapes und nun soll die Zeit der CD als Speichermedium auch vorbei sein???

Ich wurde den Eindruck nicht los, dass mein Gerede hier niemanden wirklich interessierte. Auf der Heimfahrt dachte ich: mit neun oder zehn Jahren kaufte ich mir ein Grundig TK 14, mein erstes Tonbandgerät (gebraucht, aber immerhin funktionsfähig). Man benötigte dafür 15cm Spulentonbänder, die man tunlichst von BASF oder ähnlichen Markenherstellern kaufte, sonst wurde man gerne mit Bandauflösungserscheinungen bestraft, die neben dem Verlust der Aufnahmen auch noch die Tonköpfe verschmutzten.
 
 
 
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Mein ganzer Stolz: ein unbespieltes, noch originalverpacktes, ungeöffnetes Doppelspielband von BASF.

Ende der siebziger Jahre waren die besten Jahre der guten alten Spulentonbandgeräte vorbei und nun war der Kassettenrecorder angesagt. Nun benötigte man gute Kassetten, Chromdioxid-Kassetten, Ferro-Kassetten verschiedenster Marken, aber auch hier war es wichtig, gute Kassetten zu kaufen (s.o.). Zu haben waren die Größen: 60 Minuten, 90 und 120. Die 120er waren gut für die Aufnahme der zweistündigen Klanghorizonte von Michael Engelbrecht, so man denn ein Gerät besaß, dass automatisch nach 60 Minuten in die umgekehrte Richtung aufnahm … Die weiteren Aufnahmeformate lasse ich jetzt mal weg.

Okay, wer nicht aufnimmt, dem mag es ja egal sein, dieser ständige Wechsel der Aufnahmemedien. Mir aber nicht. Ich halte mehrere Spulentonbandgeräte, Kassettenrecorder, Dat-Player vorrätig und in guter Funktionsfähigkeit, damit ich die Aufnahmen, die ich seit meinem neunten, zehnten Lebensjahr gemacht habe, auch noch hören kann. Aber irgendwie bin ich jetzt ratlos. Heißt meine Kolumne hier in Zukunft „Gregor öffnet seinen USB-Stick“? Oder „Gregor öffnet die cloud“?

Oh Jammerstand!

Übrigens gab vor ein paar Tagen meine gerade erst einmal zweieinhalb Jahre alte Festplatte, die an meinem LOEWE-Fernseher angeschlossen war, ihre Funktion auf. Viele Filme, vor allem zahllose Mitschnitte von Konzerten, für immer weg, einfach so. Na denn, das ist wohl Fortschritt!

So they rode the sea,
It went on and on
They were years away
Though it seemed so long
But the captain never told them what he knew
As the poor ship laboured on through the endless blue.

Oh the storm was strong
And the ship was so frail
But they stumbled on
Raising broken sails,
And they held the heavy sky on their open hands
And they dreamed of when their poor feet would touch the land.

Baby, we’re going round in circles!
Where is this place we’re going to?
Does anybody know we’re out here on the waves?
And are any of our signals coming through?

We’re going ‚round in circles.
We have no single point of view.
And like the clouds that turn to every passing wind,
We turn to any signal that comes through.

At the edge of the sea
Were the signs of the dove —
But the wrong way out
And the wrong way up.
We pushed the empty frame of reason out the cabinet door,
No we won’t be needing reason anymore.
Ooh oh oh oh oh oh oh oh, yeah yeah yeah, yeah yeah.

 
 
 

    • Einstimmung in das „Brian Eno Surrender Mixtape“ um 3.05 Uhr („Empty Frame“ stammt aus dem Album WRONG WAY UP von Brian Eno und John Cale, der Song wird erwähnt, aber nicht gespielt – die „Walt Disney“-Anekdote stammt aus meinem Interview mit Brian Eno anno 1993 oder 94).

 
 
 


 
 
 

 
 
 

  • Musik: Swans, The Legendary Pink Dots, Paul Simon, Jack DeJohnette, Carla Bley, Naqsh Duo, Rolf Lislevand, William Tyler, Mabrak, Tony Conrad with Faust, Anohni, Brian Eno, Fennesz, Dexys a. o.

 

Some songs, you just can’t stop listening to them. This week I can’t stop listening to Midnight Train. And Glass in the Park. The best songs, well the best written ones anyway (as opposed to haphazard / praxis songs that do what they do) are Schneekugeln. You pick them up, there’s a world inside, and they shake the emotions inside you – you become that snowstorm, a world within a world, a universe in miniature, and moonbeams shoot out from your soul.

Midnight Train is a song about transience, about passing, about lots of things. It enacts its subject matter by passing too quickly, you just about think you’ve captured its essence, then it’s off. So you put the needle back to the start and time travel back three minutes and 49 seconds. „Midnight train / going, going, gone / The beating of my heart is like a drum / I never know the meaning of your kiss / Midnight train, must it end like this?“ It’s like there’s no value in permanance, only in fleetingness and glimpses. Presumably this is why the central character in Werner Herzog’s Nosferatu is so miserable. He is potentially immortal – it’s only the garlic and the crucifix that can save him. Save him by simultaneously finishing him off for good: one eternity swapped for another. Ordinary mortals just get on with the business of life’s cosmic blink.

Glass In The Park. Great title – we’re talking second law of thermodynamics here. And vicissitudes. „There’s glass in the park / and now that I’m up off my knees / I’ve picked up the speed to jump your pallisades / Then I shoot through the night / and suddenly all those once-lost concoctions froth / and chase the day away …“ A genius lyric. The glass shards in the park are the unforeseen hurts of love. But the central character is soaring above all the sorrow below, leaving the glass fragments behind, which then magically reform as brittle sci-fi Pyrex receptacles: the unbroken cups where the „once-lost concoctions froth“, the shake of the emotions in a universe within a universe, a trillion moonbeams bouncing off everything everywhere and passing right back through the centre of the soul.

2016 12 Juni

Buried here: Hope and Faith

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Especially today.
 

In seinen Tagebuchnotizen wies Peter Sloterdijk an einer Stelle darauf hin, wie wichtig es sei, den Modus des Konsums zu meiden. Erich Fromm schrieb dazu psychologisch Epochales. Die Kunst des Liebens und Haben oder Sein: Sozialisationsstoff einer ganzen Generation – eine Art Hermann Hesse der Psychologie. Haben oder Sein beschrieb die Dichotomie zweier grundsätzlich unterschiedlicher Intentionen und war durchaus lohnenswerter Lesestoff. Trotzdem begleitete die Fromm-Lektüre stets ein Gefühl des Unbehagens. War es ein subtiler moralischer Zeigefinger, der da störte? In dem Film Alphabet – Liebe oder Angst ist ein anderer Gegensatz das Thema: Drill oder Spiel. Erzählt wird von den schädlichen Folgen leistungsorientierter, fordernder Erziehung und den Segnungen des Spielens. Einige aussergewöhnliche Menschen zeigen, wie sie diese Erfahrung in ihrem Leben beherzigen. Da ist beispielsweise der Pädagoge Arno Stern, in Kassel geboren, in der Nazizeit nach Frankreich geflohen, der in Paris einen Malort für Kinder gründete; da ist sein Sohn Andre, der nie eine Schule besuchte, ein namhafter Musiker und Gitarrenbauer ist und weltweit Vorträge hält über die Vorzüge eines schulfreien Lebens. Da ist sein kleiner Sohn Antonin. Dann ist da der sympathische Pablo Pineda Ferrer, der wohl erste Universitätsabsolvent mit Downsyndrom, ein diplomierter Psychologe und Pädagoge. Sein Motto: entweder ein Leben in Liebe oder in Angst, man hat die Wahl. Die Betrachtung dieses Filmes hatte etwas Befreiendes. Ich träumte in der folgenden Nacht von einem Baby, mit dem ich innig kommunizierte.

 

 
 
 

1. Katja Henkel: LaVons Lied (Wunderlich 2002)

 

Der Roman ist eine Erinnerung an Miles Davis.

Katja Henkel hat verschiedene Jazzmusiker in New York aufgesucht und deren, ihr erzählten Geschichten, zu einer seltsamen Dreiecksgeschichte verarbeitet. Zwei ältere Damen treffen sich in einem New Yorker Café und erzählen in einer Rückblende von 40 Jahren, was sich in den 50 er Jahren in den Jazzclubs in New York abgespielt hat, wer gegen wen gespielt hat und wer überhaupt am besten gespielt hat.

 

Die Leute an den vorderen Tischen drehten die Köpfe, um zu sehen, was da vor sich ging, und hielten den Atem an, als sie den schmalen jungen Mann sahen, der sich mit erhobenem Kopf durch die Reihen schob. In seinem schwarzen Haar, das dicke eingefettet nach hinten gekämmt war, tanzten Funken, die Lippen hatte er verächtlich herabgezogen. Sein schlanker Körper steckte in einem Anzug mit unerhört breiten Schultern, dazu trug er ein Mr. B-Hemd. Seine Bewegungen waren geschmeidig und vorsichtig, als erwarte er jeden Moment angefallen zu werden. Ehrfürchtig machten ihm die Gäste Platz, ihm der eines Tages einer der reichsten Männer im Jazz werden sollte. Der Schlagzeuger, der aussah wie Wie ein Abziehbild von Kenny Clarke, hatte sich aufgerichtet und rief: „Ladies and Gentlemen, please welcome Mr. Miles Davis.“

Der junge Trompeter begann nervös zu lächeln, als wisse er nicht, ob er nun die Bühne verlassen sollte oder ob ihn sein Idol auffordern würde zu bleiben. Doch Miles sprang aufs Podium und ging einfach an ihm vorbei, auf den Schlagzeuger zu. Und bestimmt dachte er in diesem Augenblick auch an Kenny und an Paris … An die Nächte am linken Seineufer … mit Jean Paul Sartre, Albert Camus, Pablo Picasso und Simone de Beauvoir, die alle besessen waren von dieser neuen Musik.

(S.118/119)

 

2. Sibylle Berg: Amerika ( Hoffmann und Camp 1999 )

 

Dieses Buch handelt von „Alltagsbienen“ in ihrer ganzen erdrückenden Kleinbürgerlichkeit, die vom großen Glücksruhm träumen und nicht merken, wie kümmerlich eitle Selbstmacht ist und wie klein der Mensch in der abhängigen Liebe wird. Frau Berg ist ja bekannt dafür, dass sie keine Scheu vor nichts hat. Sie ist so ganz weit weg von einer Frau wie Hillary Clinton. (Warum nicht innehalten und kurz den Song von Johnny Cash’s America anhören: For your lie, you’re gonna cry, cry, cry).

Zurück zum Roman. Er ist ziemlich klug, ja raffiniert aufgebaut.

Sibylle Berg widmet jeweils den in Beziehung Stehenden eigene Kapitel. Für den Leser ermöglicht das eine verständnisvolle, nachvollziehbare Sichtweise der hier aufgeführten, absurdesten Alltagstrübseligkeiten.

 

„Entfernt saß ein Mann, der aussah wie Till Schweiger. Karla starrte ihn an, und der Mann, der aussah wie Till Schweiger, weil er Till Schweiger war, nickte ihr zu. Karla seufzte tief. In Ordnung Till, bald werden wir zusammen drehen, aber nur einmal, hörst du, denn du bist nicht Star genug für mich. Karla schaute die Lichter der Stadt, eine Versammlung unzufriedener Glühbirnen fuer mehr Freizeit und dachte, ich werde ab jetzt ein neuer Mensch sein, und hätte sie diesen Gedanken laut gesagt: I wanna be a star. Wäre aufgesprungen aus dem Flugzeuggestühl, hätte den Satz gesungen, die Bluse runter, die Möpse raus, vom Stewart niedergerungen, angeschnallt, Fäustling in den Mund, Beruhigungsspritze – die Möglichkeiten, von der Normalität in die Unerträglichkeit zu gleiten, lauern überall. Doch selbst mit nackigem Handstand hätte keiner im Flugzeug aufgeschaut, sich gewundert, noch nicht mal gegähnt. Also blieb Karla sitzen und versuchte, ruhig  zu werden.“

(S.45)

 

3. Hans Henny Jahnn: Die Nacht aus Blei  (Hoffmann und Campe 1987)

 

„Ich verlasse dich jetzt. Du musst alleine weitergehen. Du sollst diese Stadt, die du nicht kennst, erforschen.“ Matthieu, der den Kopf gesenkt gehalten hatte, blickte auf. Er erkannte dies: dass es Nacht war – ein schwarzer Himmel ohne Sterne – dass es Häuser gab, gepflasterte Straßen, dass er an einer Ecke stand … Während sein Geist sich anschickte, sich zu wundern, spürte er, dass er unbekleidet war, und in diesem Zustand ein ungehöriger Fleck auf der Straße  war … doch nur ein paar Sekunden lang empfand er diese Nacktheit. Er bewegte die Arme, weitete die Brust. Er lehnte sich rückwärts gegen die Luft, die ihn umgab, und nahm wahr, dass sie ihn stützte. Er erkannte die Gestalt der Stimme, den Körper, der sich noch nicht von ihm verabschiedet hatte.

(S. 247)

 

So beginnt Die Nacht aus Blei, sie ist eine Traumnovelle.

Hans Henny Jahnn war homosexuell, das sei erwähnt, um das Hin- und Hergerissensein der Hauptfigur Matthieu zu verstehen. Matthieu wird an seltsame, logenartig geheimnisvolle Orte ent- und verführt. H. H. Jahnn verarbeitet hier in obsessiv erotischen Schilderungen sein eigenes triebhaftes Wesen. Jetzt, beim zweiten Lesen nach vielen Jahren erinnerte mich die Atmosphäre an den Film Eyes Wide Shut von Kubrick und an erotische Märchen aus fernen Ländern.

2016 9 Juni

Masters of song

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