Manafonistas

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2017 5 Jan

Walter Bachauer & Metamusik-Festival (2)

von: Hans-Dieter Klinger Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , 2 Kommentare

 

 
 
 

Storytelling Time

 

In den letzten Tagen sind viele Geschichten hier veröffentlicht worden. Ich möchte eine hinzufügen, eine von Walter Bachauer. Sie ist im Katalog des Metamusik-Festivals Berlin, 1974 & 1976 zu finden. Eine Suche im iNet nach dieser Story würde bis dato jedoch erfolglos bleiben. Man muss schon den gründlich vergriffenen Katalog im Bücherschrank stehen haben. Im Jahr 1976 war das Hauptmotiv des Festivals die musikalische Kraft, die auf der Kehrseite des Meditativen wirkt, der geschlagene Rhythmus, die Percussion. Im Rahmen dieses Programms ist das Ghana Dance Ensemble aufgetreten.

 

In der Londoner Ghana-Botschaft beantrage ich vergeblich ein Visum. In meinem Paß steht „Journalist“. Ein dicklicher Beamter gibt mir zu verstehen, daß „solche Leute“ nur mit Genehmigung der Regierung nach Accra reisen dürfen. Das dauere üblicherweise drei Monate. Ich fliege dennoch anderntags nach Afrika. Die Ghana-Botschaft im senegalesischen Dakar weiß nichts von der Sonderstellung „solcher Leute“ und stempelt das Visum ein. Aber Ghana erweist sich als Dickicht für einen, der Musik auf den Dörfern sucht. Ich fliege zu einem Festival in die nördliche Provinzhauptstadt Kumasi und fahre mit dem Rover die Küste ab. Fröhliche, sicherlich unverfälschte Musik überall – aber: jeder Marktflecken in diesem Land ist stolz auf „seinen“ Rhythmus, „seine“ Lieder. Die lokalen Gruppen sind stets nur einer musikalischen Gattung Untertan, einem besonderen Set von Instrumenten. Ihre Leittrommeln sprechen die Phoneme der Ewe oder Ga oder Ashanti, ja die Vielheit der Sprachen in diesem kolonial-synthetischen Staat fächert die Musik in tausend eifersüchtig gehütete Facetten. Gemeinsam ist ihnen nur die Definition des musikalischen Inhalts nicht durch Melodien, sondern Rhythmen. Hebungen und Senkungen der percussionistischen Poesie sind identisch mit Hoheitsemblemen von kleinen und großen Potentaten. Ein abendfüllendes Programm, das europäischen Ohren auch nur Bruchteile solcher Fülle zeigen will, müßte ein Dutzend Gruppen zu einem sicherlich schauderhaften Musikzirkus summieren. Die Sache scheint äußerst verfahren und der Aufwand all der Touren durch aufgeweichte Waldtracks und armselige Wellblechsiedlungen umsonst.
Wieder in Accra suche ich die Diskussion über einen Ausweg mit dem renommiertesten Musicologen Afrikas, Kwame Nketia, graue Eminenz des ‚Institute for African Studies‘ an der Universität Legon. Schon bei der Einfahrtskontrolle zum weitläufigen Legon-Campus höre ich Trommeln. Der Wind trägt ihren Klang weither. Es sind Dondos, uhrglasförmige Haussa-Instrumente, deren Tonhöhen sich mit dem Druck der Oberarmmuskel modulieren lassen. Ein charakteristischer Sound, ganz ungewöhnlich für die Region hier im Süden. Ich vergesse Nketia und gehe der Musik nach. Neben den Wegen aus ziegelrotem Lehm, zwischen weit verstreuten niedrigen Gebäuden, blühen Bäume in jeder Schattierung von Orange. Die Haussa-Trommeln spielen in einem Barackenhof: Nketias Institut. Doch der Professor ist nicht da. Seine Studenten, die mir wie eine Compagnie ausgewählter Gestalten aus allen Regionen Ghanas erscheinen, machen sich offenbar einen freien Nachmittag mit Musik und Tanz. Doch der joviale Musikmeister Opoku klärt mich auf: dies sei Unterricht. „Wir sind keine wissenschaftlichen Buchhalter, die Musik aus dem Volk in irrelevante Notenbilder transkribieren, wie ihr das in Europa macht. Wir sind ein Ensemble, in dem die Musik weiter ‚leben‘ wird. Wissenschaft auf ghanesisch ist Praxis. Diese Studenten spielen nicht nur die wichtigsten musikalischen Genres unseres Staates, sondern halb Westafrikas, meist sogar besser als die Dorfmusiker, von denen sie lernen.“
Das „Ghana Dance Ensemble“ ist schon auf dem Weg nach Frankfurt, da erreicht uns ein Telex vom Flughafen Kairo, wo ein Stop für die Nacht vorgesehen ist. „Ghana Dance Ensemble wegen unzüchtiger Kleidung auf dem Gelände des Flughafens sistiert.“ Waren schwarzafrikanische Hüllen islamischer Moral nicht gewachsen? Nein, die Ägypter blufften. Und sie hatten gute Gründe. Fünfzehn schwarzhäutige Menschen vom Südrand der Sahara waren mit einem überbuchten Flug kollidiert. Man hat sie aus der startklaren Maschine geworfen, ihre Plätze weißen Touristen angewiesen. In Afrika, nördlich der Sahara.
 
Walter Bachauer

 
 

Am laufenden Band (5)

 
 

 

Diese Aufnahme wurde im RIAS am 29. März 1976 in Bachauers Sendung Musicarium vorgestellt, einige Monate vor dem Auftritt des Ghana Dance Ensembles beim Metamusik-Festival.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 5. Januar 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

2 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Spannend.
    Musikarchäologie!

  2. Lajla:

    Ah, dieser Bericht bringt mir meinen Arbeitseinsatz am G.-I. Accra 1998 zurück.

    Wir hatten Trommler aus der ganzen Welt eingeladen. Eine Amerikanerin bespielte mit ihren kleinen Händen flink und fein das Leder. Ich bekam zum Abschied eine Trommel geschenkt und sollte ein paar Schläge versuchen, naja … üben, üben.Die Übergabe des Geschenks machte ‚Montag‘ aus Kumasi, von dort stammen die stolzesten Krieger von Ghana.


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