ECHOBOX – blueprints for a blackout by Andy Ex aka Andy Moor
on life, music etc beyond mainstream
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2022 23 Nov.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
2022 23 Nov.
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
I remember a 2014 review of my old Kristiansand companion John Kelman on a thrilling album that had once been circling around as a bootleg before getting its wonderful remix and remaster as an official ECM release. Seeing Paul Motion in action these days on our blog, looking for some of his great old albums, or listening to the new, multi-layered homage of Joe Lovano and Jakob Bro, is definitely a way of zig-zaging between time lines. Obviously you have to make choices. Here‘s another one. It has been warm and rainy in Hamburg on June 14, 1972. 50 years ago today, roundabout. Here he is, John Kelman, just an excerpt.
„Culled from an NDR Jazz Workshop radio recording,, Hamburg ’72 is as important for Eicher and Norwegian engineer Jan Erik Kongshaug’s superb remix from the original multitracks as it is for the exceptional music itself. Motian’s dark ride cymbal positively sizzles on the opening „Rainbow“ which gradually evolves from Jarrett’s spare and lyrical a cappella introduction into a more powerful improvisational vehicle for the entire trio, demonstrating both a chemistry built over the course of five years as well as the unassailable magic of this particular evening. (…) In fact, Hamburg ’72 is a true milestone from the first of its 56 minutes to the last—a classic once lost, but now found again and sounding better than ever.“
2022 22 Nov.
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Was verbindet „Low“, „Marquee Moon“, „The Survivors‘ Suite“, „Transeuropa Express“, „Running On Empty“, „Before And After Science“, „Aja“, „Exodus“ und „Heart Of The Congos“? Nun, diese Alben aus dem Jahr 1977 sind mit der Zeit allesamt „Klassiker“ geworden. Aber wenn man das Bedeutende nicht nur am lauten Presseecho des Zeitgeistes festmacht (und kanonisch orientierten Rückblicken) sondern offen ist für die Ränder, die „far out areas“ der „Zeitgenössischen Musik“ (dieser Begriff verdient einen „Linksruck“, raus aus dem Elitären!), zählen diese beiden Klassealben von Cluster & Eno sowie Brötzmann & Bennink gewiss zu den aussergewöhnlichen Schallplatten jenes Jahres einfach dazu.
Und, wie trefflich, beide Werke öffnen sich für Naturklänge als Inspirationsquelle – die beiden Cover mit den Mikrofonen in der Landschaft sprechen Bände. Die Schubladen, wenn wir sie denn öffnen wollen: Free Jazz und Ambient Music. Aber keines dieser Werke folgte einem Formular, oder den Gesetzen eines Genres: diese „Landschaftsmusiker“ folgten den Geschenken des Augemblicks, liessen sich treiben, drifteten seitwärts, drifteten horizontal, und schufen zwei Alben (für Sky Records und FMP), die ein Fest für offene Ohren sind. Und, um in den Bildern zu bleiben: man sollte die Ohren bei Lauschen so weit aufsperren wie Scheunentore.
Brian Eno tauchte in eine Luftblase, in den sechs Wochen, die er in Forst im Weserbergland erlebte. Pures Hinterland. Brian, das Duo von Cluster, und Michael Rother lebten in einem Bauernhof. „Die Weser war dort ein schneller, fast rasender Fluß. Mir kam er vor wie ein Bild für die ungeheuer schnell verrinnende Zeit. Demgegenüber wirkte das Leben in dem alten Haus noch ruhiger!“ So erzählte es mir Brian Eno vor Jahren, und auch von dem Kunststück, wie aus fast nichts doch noch etwas, und zwar etwas Besonderes, wurde. Die Musik bekam, wenig später, in Conny Plancks Studio nahe Köln zusätzlichen Feinschliff.
“In the spring of 1977, two musicians – Han Bennink and Peter Brötzmann – disappeared into the depths of a German deity named Dark Forest…” So beginnt David Keenans Text, welcher der herausragenden Foto-Buch-Cd-Edition aus dem Hause Trost Records beiliegt. Naturklanginspiratiomen verbindet man normalerweise eher nocht mit dem einstigen Berliner hard core-Label FMP für freien Jazz (Stichwort „Machine Gun“). Und so wurde diese Reise, die, wie mir Karl Lippegaus erzählte, von seinem ersten Redakteur beim SWF, von Achim Hebgen, auf den Weg gebracht wurde, zu einem Abenteuertrip in den Schwarzwald. Die Edition von Trost umfasst 1000 Exemplare, danach verwandelt sich dieses kleine Gesamtkunstwerk in ein Sammlerstück.
Sollten wenigstens noch gut hundert Exemplare übrig sein, wenn ich am 12. Januar 2023, „meine“ Ausgabe des JazzFacts-Magazins im Deutschlandfunk produziere, werde ich die „Schwarzwaldfahrt“ noch etwas detaillierter vorstellen. Und erklingen lassen. Aber, wie bei allen Abenteuern, sollte man zuvor nicht zuviel verraten. Karl stellt in der Sendung übrigens (das passt doch) eine neue Biografie über das Leben und den Tod von Albert Ayler vor. Es wird, auch das eine Parallele zu diesem beiden „Klassikern der besonderen Art“ 55 Minuten lang, abends um 21.05 Uhr, eine Art „sound trip“ angboten, die den Zuhörer von den meditativen Klängen des Drummers und Komponisten Sebastian Rochford über das archaische Duo der Schwarzwaldfahrer, bis hin zu den Exstasen eines amerikanischen Free Jazz-Pioniers entführt, der im Hudson River zu Tode kam. Safe Journey!
Dieses Buch ist kein typisches Kochbuch. Zwischen den 207 Rezepten – vom panierten Wiener Nationalgericht bis zum italienischen Bittergemüse, vom dänischen Weihnachtsessen bis zum asiatischen Katerfrühstück – schreibt Christian Seiler eine Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. Christian Seiler feiert das Gelungene, mahnt zum Richtigen, lernt aus dem Scheitern. Grund genug für Michael Engelbrecht, nach einem gastronomischen Trip durch diverse Speisestuben des Landes (von massiv überschätzt über klassisch gut, virtuos inszeniert und schlau vermarktet, bis hin zu simpel guter Currywurst und einem Geheimtipp aus dem nördlichen Ruhrgebiet) selbst zum Kochgerät (und Thermomix) zu greifen, und dieses bald erscheinende Buch unter die kulinarische Lupe zu nehmen. Demnächst.
Dss ist nun mal was für Zeitreisende und Abgrundforscher*innen! Aber hallo! Wer war Kathy Acker? Man konnte sie live im CBGB erleben, wo sie ab und an ihre Texte performte. Sie trat auch mit Hüsker Dü auf. Sie hörte den jungen Talking Heads zu und erlebte Tom Verlaines kurzen Höhenflug mit „Television“. Deren Album „Marquee Moon“ habe sie tausend Mal gehört, sagte sie einmal. Kathy Acker war literarische Erbin von William S. Burroughs und Gertrude Stein, Sexarbeiterin, Streberin nach maximaler Unverschämtheit, und wurde 1947 in ein sanftes Leben in Manhattans East Side hineingeboren. Wie viele aufgeweckte, sensible Kinder fühlte sich Acker als Fremde und Waise und – trotz gegenteiliger Beweise – als eine der besonders Unterdrückten und Verdammten schlechthin. Sie machte sich daran, sich neu zu erfinden, während sie langsam ein vitales und subversives Werk schuf, das die Grenzen zwischen Fiktion, Lyrik und Sachbüchern verwischte.
Sie, werte Leserin, werter Leser, könnten sich auch fragen, ob das hier alles wahr ist oder komplett erfunden, ein pures Spiel mit mögliche Wirklichkeiten. Und das Cover der Biografie reiner fake. Aber tun wir mal so, alles wäre real. Kathy war also eine Meisterin darin, sich selbst neu zu erfinden. Muss man dazu die Persönlichkeit wechseln, liebe Uschi, oder nur den Habitus, die persona, David Bowie-like? Ja, ja, es kommt darauf an.
Ein Teil ihrer Neuerfindung war physischer Natur. Zum Leidwesen ihres Freundes schnitt sie sich vor der Punk-Ära die Haare ab; sie war stark tätowiert, lange bevor man das im Einkaufszentrum machen lassen konnte; sie war eine frühe Fitnessstudiobesucherin. Sie trug Leder und war stark gepierct. Sie war dünn, ein Ungeheuer, mit dem man rechnen musste. Ein Beobachter sagte, sie sei wie einer der zum Leben erweckten Replikanten aus „Blade Runner“.
Ein Großteil ihrer Neuerfindung war intellektuell. Acker las alles. „Man braucht Gesetze, die Gesetze des Schreibens, damit man sie hassen kann“, schrieb sie 1979. Sie fühlte sich zu Außenseitern wie Jean Genet hingezogen und zu denen, die wie Alain Robbe-Grillet vor dem konventionellen Erzählen zurückschreckten. Sie mochte die Tüftler, die Diebe und die Elstern, und sie verliebte sich in die lustigen Piraten. Zwei ihrer bekanntesten Bücher tragen die Titel „Don Quijote“ und „Die große Erwartung“. Sie hat Cervantes und Dickens wie mit einer Lötlampe zerlegt und sie (irgendwie) wieder aufgebaut. Ihr Don Quijote wird abgetrieben.
„Wenn es zwei Dinge gibt, die man aus „Eat Your Mind: The Radical Life and Work of Kathy Acker“, einer klugen und sympathischen, aber knallharten neuen Biografie des Journalisten Jason McBride aus Toronto, gibt, dann sind es diese. Erstens: Literarische Karrieren werden nicht verschenkt – man muss sie sich verdienen, man muss sie sich erarbeiten. Ackers Arbeitsmoral war gigantisch. Arbeit war ihre Religion. Sie schrieb acht Stunden am Tag, unabhängig davon, was in der Nacht zuvor passiert war, und da Acker impulsiv, ungemein attraktiv und sexuell omnivor war, passierte in der Nacht zuvor oft viel. Zweitens: Acker hat von Anfang an über fast alles gelogen oder übertrieben. Sie führt einen Biographen auf eine lustige Verfolgungsjagd. Es gibt zum Beispiel kaum Beweise dafür, dass ihre Mutter (einer von Ackers Romanen trägt den Titel „Meine Mutter: Dämonologie“) das Monster war, als das Acker sie darstellte. Acker sagte einmal: „Ich bin so queer, dass ich nicht einmal schwul bin.“
Viele von Ackers frühen Arbeiten wurden im Selbstverlag veröffentlicht. Sie hatte eine Mailingliste und verschickte ihre Arbeiten als Broschüren. Tagsüber schrieb sie, nachts strippte sie, weil sie pleite war. Andere junge Frauen strippten zu Popsongs; Acker bevorzugte Velvet Underground oder Ornette Coleman. Mit einem Freund drehte sie einige Pornofilme. Ein späterer Sexfilm – geschwätzig, kunstvoll, in bröckeligem Schwarzweiß gedreht – ist heute als „The Blue Tape“ bekannt. Er hat ein kompliziertes Nachleben in der Kunstwelt.
Für eine Kerze, die an beiden Enden brannte, wuchs ihr Ruhm langsam, und sie lernte jeden kennen. Fast jeder experimentelle Künstler, Schriftsteller oder Szenemacher der 1980er und 90er Jahre ist hier vertreten. Sie schlief auch mit fast jedem. Acker liebte Sex; er war ihr wichtig. Sie sammelte Liebhaber, sagt ein Freund, so wie andere Menschen Bücher sammeln. Die Aufnahme neuer Liebhaber nährte und beflügelte ihre Arbeit. Sie erkundete sie, als wären sie neue Städte.
Sie mochte S&M und war eine devote Frau. Sie ging ins Fitnessstudio und schockierte die städtischen Fachleute, indem sie ihre blauen Flecken zur Schau stellte. Ein Liebhaber, ein verheirateter Journalist des deutschen Wochenmagazins Der Spiegel, „zwang“ Acker zum Orgasmus, indem er sie von der anderen Seite der Hotellobby anstarrte. Für Acker war der Ort immer hier, die Zeit war immer jetzt. Sie schrieb, während sie masturbierte, und riet ihren Studenten, das Gleiche zu tun. Ein Freund sagte, dass sie beim Sex wie ein Hund bellen würde. Sie bewahrte Dutzende von Stofftieren auf, die erst weggefegt werden mussten, bevor man mit ihr schlafen konnte.
Sie war launisch, hinterließ unerwartete Schürfwunden und eine Menge Menschen. Sie konnte ihre Gefühle im Handumdrehen zurückziehen, und ihre verlassenen Freunde fühlten sich wie Frösche, die von einem Rasenmäher überfahren wurden. Sie wollte so sein, dass niemand sie verletzen konnte, aber das hat sie nie ganz geschafft.
Ackers Liebhabern fiel ebenso wie ihr selbst auf, dass sie eine Menge Leberflecken und Geschwüre am Körper hatte. Einer entpuppte sich als bösartig. Acker beschäftigte sich seit langem mit der Rückführung in die Vergangenheit und dem Lesen von Tarotkarten, und sie widmete eines ihrer Bücher ihrem Astrologen. Wie zu erwarten war, lehnte sie eine Chemotherapie ab. Sie wählte den alternativen Weg und starb 1997 in einer ganzheitlichen Klinik in Tijuana. Hätte sie weiter gelebt, wäre sie jetzt 75 Jahre alt geworden, so alt wie Paul Auster und Stephen King.
P.S. Fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Tod erlebt Acker eine Wiederauferstehung. Mehrere ihrer Bücher wurden kürzlich als Penguin Classics neu aufgelegt, womit einer ihrer Träume in Erfüllung ging. Das wäre doch mal eine Biographie für ein manafonistisches Parallelleseabenteuer (running gag!). Dieser Text hier hat sich übrigens Kathys Talent zum Plündern zueigen gemacht, und sich mal masslos, mal paraphrasierend, mal nacherzählend, aber stets reflektiert, mit drastischen Kürzungen und persönlichen Erweiterungen, an einer Rezension der New York Times bedient.
(Dwight Garner, Michael E.)
2022 21 Nov.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Andreas Koefoed, IDFA, Jakob Bro, Jørgen Leth | 2 Comments
(c) FoBo_
Sunday morning I went to the last screening of this documentary at IDFA in Amsterdam with musical friends. It went much deeper than the first time. Tears were flowing … The episodes touch on higher questions in such a down-to-earth way! For instance, when Lee Konitz (1927-2020) leaving the venue in Sisimiut*, Greenland, the Taseralik Culture Center, notice an unguarded baby in a buggy outside. He is surprised to see the baby ‘left alone’ there in the cold. Someone then tells Konitz that it is normal to do that: “The father is inside the building to buy vinyl records. The baby sleeps and is even snoring.”** Puzzled Lee walks towards the buggy to check it. And indeed the Inuit baby, wrapped up warm, sleeps blissfully in the buggy, wonderfully softly snoring. Lee looks in astonishment for a moment and then wishes the baby a happy life before entering the car with his bag containing his alto saxophone. It’s a little daily life scene having a deep impact within the context it is perceived.
The documentary wanders from little moments like this quickly changing from one to another but laying embedded in the quiet, trustful flow of Bros’s music both mutually illuminating each other. The music gives space to the successive episodes and binds them. It is significant that the creation of Bro’s tribute to trumpeter Tomasz Stanko (1942-2018) with whom he played, emerges from a situation in the film with a child, from s scene where Bro plays with his little son.
The jump cuts continuously open surprising, touching turns that draw the viewer deeper into the temperaments and personal life sides of the musicians. Especially the character of Lee Konitz and his special creativity gets contour this way. It is a trade mark of Jørgen Leth’s narrative style fusing here with Bro’s musical flow and Andreas Koefoed’s dynamics and views in productive, illuminating ways. There are lots of these moments: in the recording studio, at home, during travels, that come alive through being combined with each other in that surprising way in the documentary revealing deeper layers then. Sometimes it is just mutual joyful gazes of the musicians at the end of a take in the studio – as for example when Paul Motian proposes to play a piece again and slower. It’s a magic moment but it is not lengthened or heightened but leads into the next jump cut. There is no hierarchy in the cuts and just that creates the magics here. A lot of filmed everyday life situations get significance through their connection with different kinds of pictures, for example musicians’ self statements given in front of a blank wall. It wouldn’t be good to tell more about the magic ‘moments’ in the documentary because doing it would damage the discovery feeling of viewers of future screenings.
It all comes forth from the the special way Koefoed and Leth filmed where and when, thereby collecting sensitive material from which this concentrated, magical documentary could be distilled and assembled. It is a fantastic, productive combination of method and intuition at work here. The oldest footage is from 2008 when Andreas Koefoed started to follow Bro by filming. Leth came in from 2015 on when making an extensive documentary got shape.
The documentary shows that Bro has a special gift to gather people in music making that goes beyond the conventional recording or concert situation. It apparently brings musicians who join and commit themselves to it, enter a primal situation. And, in a way with the documentary the same can happen with viewers.
The documentary will be screened on Documentary/Film festival and several Jazz Festival in 2023.
* Sisimiut is the second city (5600 inhabitants) on Greenland after the capital Nuuk. It was part of a Nordic tour, the Balladeering tour, of Bro’s group with Bill Frisell, Lee Konitz, Thomas Morgan, Lee Konitz via Faroe Islands, Iceland, Norway, Greenland back to Copenhagen in may 2015. I considered to join the group for that unique tour but it did not work out. Finally I attended the last concert of that tour at Danish Radio Concert Hall in Copenhagen together with my son who was studying in those days in Copenhagen.
There is a piece „Sisimiut“ on Bro’s album STREAMS from 2015. It’s on YouTube Premium.
** It is quite common use in Denmark to leave babies unguarded outside in their buggy.
2022 21 Nov.
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
Damals in Unna, 1973 (oder war es schon 1974), sah ich (mit Ulrike U. und „Marokko“ an meiner Seite) in einer Musik-Aula mein erstes Konzert einer ECM-Band, das Gary Burton Quartet mit Mick Goodrick an der Gitarre. Die dazu gehörige Platte: „The New Quartet“. In jenen Siebziger Jahren (einem der aufregendsten Musikjahrzehnte aller Zeiten, da konnte selbst Perotin im 12. Jahrhundert nicht mithalten), gewiss seit Jan Garbareks „Sart“, ein Jäger nahezu jeder Neuerscheinung des Labels, das seine erste langjährige Geschäftsstelle (und ein Plattengeschäft) in der Gleichmannstrasse 10 in Pasing hatte (daher auch der Titel des abgebildeten Albums), war das natürlich ein besonderes Erlebnis: die flirrende Musik des Vibraphonisten live zu erleben, und diesen ganz und gar verblüffenden Gitarristen an seiner Seite, der sich nie anstrengen musste, Burtons Tonkaskaden spannende Texturen an die Seite zu stellen, die so geschichtsbewusst wie modern daherkamen. Man höre sich nur die fabelhafte Session von „In Pas(s)ing“ an, aus dem Jahre 1978, mit John Surman, Eddie Gomez, und Jack DeJohnette. Mick Goodrick lebte von 1945 bis 2022. Übrigens, sie spielten in Unna eines meiner Lieblingsstücke von Carla Bley: „Olhos de Gato“. Es sind zuweilen die kleine Dinge, die man nie vergisst.
2022 20 Nov.
Olaf Westfeld | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: 2022 | 8 Comments
In diesem Jahr habe ich mir deutlich mehr alte Schallplatten gekauft als neue Veröffentlichungen oder Wiederveröffentlichungen. Ich war ein bisschen auf Ebay, viel in Fachgeschäften unterwegs. Besonders reichlich war die Ausbeute an ECM Alben, von denen ich „nur“ 4 in die Liste unten gepackt habe; ein Zufall des Moments, es hätten auch mehr sein können. Das schöne ist (von der Qualität der Musik ganz zu schweigen), dass die Vorbesitzer oft sehr pfleglich mit ihren Platten umgegangen sind und man immer wieder ein Schnäppchen machen kann. Making Music habe ich zum Beispiel Anfang des Jahres für €35,- stehen gelassen, vor vier Wochen habe ich sie dann für €13,- bekommen.
Kaum Geheimtips auf dieser Liste, vieles ist sehr offensichtlich. Den meisten Alben würde ich 10/10 Pitchfork Punkten geben.
Einzelne Lieder hörte ich als Kind von Kassette auf langen Autofahrten, dann liefen die von einer gebrannten CD wieder, als ich gerade Vater geworden war und jetzt von Schallplatte. Wunderbare Lieder, wunderbare Interpretationen.
As good as it gets.
Die jüngste Neuerwerbung. Schimmernde, flirrende Soundscapes, sehr mitreißend.
Curtis Mayfield mag ich sehr gerne, diese Stimme, schwärm. Von seinen Aufnahmen mit den Impressions kannte ich bisher nur People Get Ready. Ein Fehler.
Power Trio. Bright Size Life indeed.
Hatte ich mit 16 ein paar Mal gehört, seitdem nicht mehr. Was für tolle Songs, was für ein tolles Album! Vor allem (aber nicht nur) Can‘t You Hear Me Knocking.
Archaisch.
Lief in einem Plattenladen und hat meinen Kopf zum Nicken gebracht. Als ich das Cover sah war mir klar, dass ich dieses Album wohl nie wieder sehen würde. Ich habe den Kauf nicht bereut. Summer Breeze.
Auf ruhigen Pfaden durchs Hinterland.
Ich hatte das Album nie verstanden und immer unterschätzt. Jetzt nicht mehr.
In diesem Jahr habe ich – angesteckt von Herrn 45RPM – einige Blue Note Platten (wieder-) entdeckt. Midnight Blue ist besonders schön.
Zwar nicht mehr als die Summe der einzelnen Teile, aber das ist bei diesen Musikern schon ganz schön viel.
Mozart auf Mozarts Hammerflügel gespielt: Nichts für schwache Ohren – aber Aufklärung kann auch schön sein.
Christine Lemke-Matwey, Die Zeit
Wie beim Studieren einer Schatzkarte, funkeln endlos die Details, und tiefer und tiefer gerät man, auf Mozarts uraltem, erstaunlich erhaltenen und restaurierten Flügel, in ferne Landschaften – fündig wird man überall, im Rausch der Sonaten.
Michael Engelbrecht, Manafonistas
In meinem Post über den Dschihadismus hat Micha als Schlusscomment Hanna Arendt zitiert: Das Böse ist banal. Leider war ich da gerade vom Netz abgeschnitten und konnte es nicht lesen bzw rechtzeitig beantworten. Also auf ein Neues!
Ich denke – bzw erfahre täglich das „Böse“ , nennen wir’s mal ruhig weiter so, es kann sich ja jeder was darunter vorstellen, das in seiner Entstehung, Weiterentwicklung und seinem vollständigen „Erblühen“ ein sehr komplexer Vorgang ist. Arendt erlebte einen geistesschlichten Eichmann – er hatte keinen Schul- oder Berufsabschluss vorzuweisen – während des Prozesses und seiner Aburteilung in Israel. Sie hielt das Böse ebenfalls für schlicht, eindimensional, undifferenziert-monolithisch; sollte einer Philosophin eigentlich nicht passieren, wobei sie diese Bezeichnung für sich lebenslang ablehnte. Zumal das Böse keine Entität ist, sondern ein Prozess – etwas bildet sich, differenziert sich und fliesst in Gefühle, Gedanken, schliesslich in Handlungen ein und trifft schliesslich den jeweils anderen. Allein das ist schon ein komplexer, sich verzweigender Verlauf, eine Form der Kontaminierung des menschlichen Seelenorganismus.
Daher fiel mir dieser Film ein, der die Dynamik des „Bösen“ gut abbildet und durchdekliniert, und hier zeigt sich schon der Facettenreichtum des Phänomens: tragisch vor allem, weil der Protagonist das Böse bei sich als ich-dyston empfindet – er will nicht böse sein, er wäre gern anders. Das Böse überwältigt ihn aber ebenso, wie er seine Opfer überwältigt. Das unterscheidet ihn schon mal von Eichmann, er war ich-synton mit seinen Handlungen und damit in toto identifiziert. Da gab es sicher keine schmerzhaften innerseelischen Spannungen durch ein Gewissen, das seine Arbeit brav erledigt und Druck auf das Ich ausübt, anders sein zu müssen. Auch unmittelbar vor seinem Tod bekannte sich Eichmann noch zum Nationalsozialismus und seinen Idealen.
Der Film heisst „Der freie Wille“, der Titel also schon eine Ironisierung – hier gibt es keinen freien Willen. Theo ist ein krimineller junger Mann, verurteilt wegen Körperverletzung und Vergewaltigung, er hat nicht gelernt seine Impulse zu kontrollieren, Sexualität kann nur auf aggressive Weise gelebt werden, verbindet sich nicht mit liebevollen, zärtlichen Gefühlen oder lässt die gewalttätigen Wünsche zumindest in spielerischen Ritualen erfüllt werden. Liebevolle Affekte sind bei ihm schwach ausgeprägt oder überhaupt nicht vorhanden und vom Triebleben abgetrennt, Befriedigung und Erleichterung findet er nur in Gewalthandlungen.
Der Film findet einen ungeschönten Einstieg mit der Vergewaltigung eines jungen Mädchens, das Theo auch noch an den Händen gefesselt und ihm die Augen verbunden hat, so dass sie nach dem Akt völlig hilflos nackt durch die Gegend taumelt und eine Böschung hinabstürzt. Theo blickt ihr nach und plötzlich – eine leise Regung von Mitleid – läuft er ihr hinterher, zerschneidet die Handfesseln und flüchtet. Ein bisschen Hoffnung keimt im Zuschauer, ein plötzlicher Bruch in der Brutalität, eine Verwerfung in der Psyche.
Theo lebt in einer therapeutischen WG, hat eine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Bewährungshelfer. Er lernt Nettie kennen, ein von seinem Vater psychisch und vielleicht auch physisch ausgebeutetes Mädchen, zwei beschädigte Menschen. Er arrangiert für sie ein Date in einer Kirche, in der eine Sopranistin das Ave Maria singt, das sie tags vorher zusammen im Radio gehört hatten; sie nehmen sich bei der Hand. Hier wechselt Theo in den Innenbereich des Guten, Unbefleckten, Ungetrübten – wofür Maria steht, er macht erste liebevolle Objekterfahrungen.
In einer Krise – sein Bewährungshelfer zieht aus der Stadt weg – bricht er in die Wohnung einer alleinstehenden Frau ein, diese liegt schlafend im Bett. Es kommt zu einer sehr anrührenden Szene – er streckt die Hand nach der schlafenden Frau aus aber die Geste des Zupackens wird plötzlich zu einem vorsichtigen verhaltenen, geradezu ängstlichen Streicheln. Dann verlässt er wieder die Wohnung. Der Schritt ist geschafft – die aggressiven Strebungen haben sich mit den liebevollen verbunden, entschärfen den Hass und machen ihn kontrollierbar. Eine Heilung könnte beginnen.
Aber der Zustand ist nicht stabil – eine Enttäuschung über Nettie – sie geht mit ihren Kollegen aus, anstatt sich mit ihm zu treffen – führt wieder zu einer Triebentmischung, Theo ist rasend vor Eifersucht und vergewaltigt erneut eine nächtliche Passantin.
Nettie sucht ihn und findet ihn am Strand, kann ihn nicht mehr daran hindern, sich die Pulsadern zu öffnen, er verblutet in ihren Armen. Sie holt keine Hilfe, sieht ein, dass er genug hat vom ständigen Kampf gegen seine destruktiven Affekte. Hier am Ende des Dramas finden Theo und Nettie immerhin noch ein Stück freien Willens, er wählt den Frei-Tod, sie entscheidet für sich, ihn nicht zu retten. Aber es ist ein Pyrrhussieg.
Das „Böse“ entsteht durch ein Missverhältnis von frühen guten und negativen Objekterfahrungen. Hass Wut und Sexualtriebe müssen sich mit Liebe und Zuneigung verbinden, um einen integrierten ambivalenzfähigen Menschen zu formen. Sind die Niederschläge liebevoller Erfahrungen im Seelenleben zu wenig, wird eine Spaltung durchgeführt, um das wenige Gute vor dem überflutenden Bösen zu schützen – diese Menschen leben abwechselnd den einen oder anderen Pol und kommen nicht in eine Form von Mitte und Mass: „Meine Frau ist die beste aller Frauen und eine wundervolle Mutter – wenn ich sie nur wieder hätte!“ versus: „Die verdammte Hure betrügt mich mit sämtlichen Nachbarn, man sollte sie …!“ Undsoweiter. Es handelt sich um die selbe Frau.
Jürgen Bartsch, der Kirmesmörder, war ein ruhiger , freundlicher junger Mann,der Kinder mochte und sich gerne mit ihnen beschäftigte. Er geriet aber in Zustände in denen er sie vergewaltigte, grausam verstümmelte und tötete. Seine Kindheit war eine Aneinanderreihung von sadistischen Handlungen von Adoptiveltern und Internatserziehern und sexuellem Missbrauch durch einen Geistlichen. Zeitweise brach die Identifikation mit dem Angreifer bei ihm durch und er wurde vom Opfer zum Täter und dann wieder zurück.
Hitler war reizend zu seinen Sekretärinnen und seinem Hund.
Der Dschihadist richtet liebevolle Worte an seine Mutter.
Wie definieren wir also das Böse aufgrund dieser Darstellungen?
Eindimensional ist es sicherlich nicht, es ist hochdynamisch, lässt sich abdrängen, vermischen, entmischen, neutralisieren, durch erlernte Fähigkeiten im Zaum halten und wieder von der Leine lassen und durch Verschiebungen und Abwehroperationen unsichtbar werden. Eine dynamische und talentierte Entität, die sich durch die Abwesenheit des Guten definiert und sich sorgfältig davon fernhält, um sich ungehindert ausleben zu können und nicht zerstört zu werden. Und besonders gefährlich wird’s, wenn es noch das Gewand einer Ideologie angezogen bekommt, so dass es aussieht als wäre es gut. Dann wird es nämlich nicht mehr vom Gewissen attackiert: Der Kampf gegen Ungläubige legitimiert es moralisch – und da wird’s besonders gefährlich – und abstossend. Theo hat noch einen Rest unserer Sympathien im Kampf gegen seine Dämonen. Der durchideologisierte Dschihadist kämpft diesen Kampf gegen sein Gewissen nicht mehr, er ist mit sich im Reinen, ernennt das Böse zum absolut Guten und verfolgt es mit ultimativer Verbissenheit. Seinen Tod sieht er als Opfertod. Das sind neben den Psychopathen, den Nichtfühlenkönnenden, völlig Gewissensfreien, die Gefährlichsten.
Alles jetzt natürlich stark vereinfacht. Somit ist das Böse in der Choreographie menschlicher Verhaltensweisen sicher eins nicht: banal!