Manafonistas

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2023 5 Nov

Sonic Dreams

von: Olaf Westfeld Filed under: Blog | TB | Tags: , , , | 14 Comments

 

 

Nachdem ich am 24.10. schon Brian Eno in der Philharmonie erleben durfte, verschlug es mich am 04.11. wieder nach Berlin, dieses Mal zu Mike Reed/Separatist Party, Bitchin Bajas und der Natural Information Society, die zusammen unter dem Motto Sonic Dreams: Chicago in dem Haus der Berliner Festspiele auftraten.

Mein ICE kam pünktlich um kurz vor sieben am Hauptbahnhof ein, so dass ich um 19:30 in einem sehr empfehlenswerten chinesischen Restaurant in der Nähe des Konzertorts eintraf, wo ich mich mit vier Freunden (von denen nur zwei den Konzertabend bis zum Ende mitmachten) verabredet hatte. Nach einem wirklich leckeren Essen sind wir über die Straße in das wunderschöne Theatergebäude (Nachkriegsmoderne) gegangen. Dort die erste Überraschung: das Konzert fand auf der Bühne statt. Das tun Konzerte natürlich immer, aber der gesamte Bühnenraum war für das Publikum geöffnet – also auch die Seiten- und Hinterbühne, wo normalerweise Kulissen stehen, Schauspieler*innen auf Einsätze warten, etc. Das Publikum stand also in diesem riesigen Raum, dort waren drei Bühnen aufgebaut, wo die Musiker auftraten. Die Formation um den Schlagzeuger Mike Reed spielte bereits, als wir den Bühnenraum betraten. Rauer, energetischer Jazz mit elektronischen Elementen und einem Spoken Word Artist – ein wirklich gutes Konzert.

Als die Band fertig war ging Mike Reed ein kleines Schlaginstrument spielend durch die Halle, wo in einer Ecke zwei Musiker der Natural Information Society (Joshua Abrams und Ari Brown, Bass und Saxophon) auf ihn warteten. Nach einem ca. 10 minütigen Jam – das ganze hatte atmosphärisch etwas von Straßenmusik, natürlich auf höchstem Niveau – ging es direkt im Anschluss auf der nächsten Bühne weiter. Bitchin Bajas spielten auf elektronischem Instrumentarium feinste sphärische Schleifen und Schnörkel, erinnerten mich an Mouse on Mars oder Tortoise oder Telectu – Musik für Klanghorizonte und mein Favorit des Abends. Ich fand die Musik sehr körperlich, tanzbar, zwei Freunde setzten sich aber an die Seite und ließen dort die Klänge auf sich wirken.

Nach dem Bitchin Bajas Set ging es gegenüber weiter, wo wieder drei Musiker 10 Minuten gemeinsam improvisierten, bis dann auf der dritten Bühne Natural Information Society begannen. Spiritual Jazz. Deep (Deep!) Trance. Sehr gut, aber wenn man sich nicht auf die Induktionen einlassen konnte, wirkte die Musik vielleicht etwas gleichförmig und monoton. Hypnotisch halt. Ein Teich im Sommer, Frösche quaken, Vögel zwitschern, Wasser plätschert, Laub wispert – an so einen Ort wurde ich hintransportiert. Ich stand ziemlich weit vorne und hatte als ich mich nach dem Konzert umdrehte den Eindruck, dass doch einige früher gegangen sind – u.a. zwei meiner Freunde.

Anschließend wollten wir noch einen Absacker nehmen und sind in der Bar Fasen 47 gelandet, wo die Zeit stehen geblieben scheint. Der Laden wurde schätzungsweise in den 90er Jahren eingerichtet – damals aber wohl eher konservativ – seitdem ist dort nicht viel passiert. Die Bedienung war überaus aufmerksam und sehr freundlich, das Publikum bürgerlich bunt gemischt, die Drinks lecker, die Musikauswahl fein – kurz: aus dem schnellen Bierchen wurden zwei Cocktails, die wir langsam und selig tranken.

 

 

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14 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Feine Empfehlungen für eine kommende Berlinreise.

    Mike Reed kenne ich gar nicht.

    Bitchin Bajas wechseln, gkaube ich von Platte zu Platte, Thema und special guests, kann mich aber täuschen. Dunkle Erinnerung an ihre Arbeit mit Dub/Reggae…. Könnte aber falsch liegen. Hast du einen Favoriten von BB?

    NIS – das wäre wohl mein Ding gewesen, bei gutem Blick auf die Musiker (oder geschlossenen Augen) und, unbedingt, im Sitzen. Du erinnerst mich daran, dass ihre jüngste Schwerkraft ignorierende Platte wohl zu meinen Jazzalben des Jahres im DLF zählen wird. Ihre vorletzte Platte finde ich nicht minder tranceinduziwrend (mit abgespeckter Formation und Zauberer Evan Parker).

    Es ist sehr schade, dass sowas wie diese 3 Bands nicht den Weg nach Sylt finden. Der Kulturhotspot Rantum würde beben😅

    Jan Bang is a good friend of Joshua and part of his Alice Coltrane Project.

  2. Michael Engelbrecht:

    Für Einsteiger:

    https://www.manafonistas.de/2023/04/24/jazz-on-a-spring-evening/

  3. Olaf Westfeld:

    „Bajascillators“ und „Bajas Fresh“ scheinen mir beides gute Alben zu sein – ich kenne die aber nur in Bruchstücken – nach dem Konzert habe ich es verpasst, mir eins zu kaufen – wird nachgeholt.
    Mike Reed hat gerade bei Wejazz veröffentlicht – auf dem Album sind Bitchin Bajas ebenso dabei wie Ben Lamar Gay, der auch bei Natural Information Society spielt – am Freitagabend waren die dann dementsprechend mehrmals auf der Bühne.
    Ja – gerade NIS wären bestuhlt glaube ich super gewesen, hatte ich noch gar nicht drüber nachgedacht.

  4. Michael Engelbrecht:

    Das ist ha auch keine launige Umschreibung mit der „Trance“…. Die Musik der NIS kommt ja aus rituellen Traditionen, in denen die Veränderung des Bewusstseinszustandes wesentlich war und ist.

    Pferde können im Stehen schlafen, aber Menschen nur sehr, sehr schwer in Trance geraten. Das klappt bei Massenhypnosen durch oft fragwürdige Gestalten.

    Die NIS arbeitet ja auch oft mit einer feinen Bühnengestaltung, die so ein Fallenlassen in die Klänge fördert. Und in dem akustisch wundervollen OTON, den mir Joshua vor Jahren schickte, s. Comment 2, spielt der Bandleader ja auch mit diesem „veränderten Bewusstseinslevel“.., war ein Highlight nachts im Radio, aber abends um 21.00 Uhr in den JazgFacts dann doch zu far out psychoakustisch gesehen…

    A ja, irgendwo schwirrt hier die CD von Mike Reed rum, WeJazz beliefert mich recht regelmässig, ich lege die Musik mal auf. Sie muss sich allerdings hinten an stellen, zuerst kommt die neue CD des schottischen Sängers und Komponisten (wie heisst er noch gleich), die den Titel I DES trägt (nicht gerade ein verführerischer Titel). Da bin ich total gespannt.

  5. Michael Engelbrecht:

    Genau, KING CREOSOTE

    https://kingcreosote.bandcamp.com/album/i-des

  6. ijb:

    Ja, Mist, da haben wir uns am Ende verpasst. Hätten wir vielleicht doch Telefonnummern austauschen sollen. Ich war natürlich auch da, kam direkt von einem launigen Publikumsgespräch mit Henry Threadgill in der Kassenhalle, musste daher bei Mike Reed zu weit hinten stehen… mein Begleiter, der rechtzeitig da war, fand’s aber super. Mir war gar nicht aufgefallen, dass bei der Natural Information Society so viele verfrüht gegangen waren. Ich / wir stand(en) ganz vorne, und da war die Stimmung super. Sitze(n) hätte es für mich überhaupt nicht gebraucht (funktioniert), dieses Konzert war doch sehr rhythmisch mitreißend, vorne waren ja einige auch munter am Mittanzen.

    Ich war dann tags darauf auch noch bei den fantastischen Irreversible Entanglements auf der gleichen Bühne und gestern noch bei Andrew Cyrille, auch um ihm (sowie am Samstag Moor Mother) wenigstens persönlich Hallo zu sagen.

    https://www.instagram.com/p/CzRiMJYsJ4i/

    https://www.instagram.com/p/CzRYV4FMdqL/

    Und Filmvorführungen von „Step Across the Border“ und „Tastenarbeiter“ (über Alexander von Schlippenbach), jeweils mit tollen anschließenden Gesprächen mit Fred Frith bzw. Schlippenbach, gab’s dort am Samstag und Sonntag auch.

  7. Michael Engelbrecht:

    La difference between Berlin and the hinterland…

    In den Siebziger Jahren, das kaufte ich regelmässig Platten von AIR, Henry Threadgills Band, über jazzbypoat,und einmal sah ich in live in einem mor unvergesslichen Konzert mit Byard Lancaster 3, in Theatre Moufetard, Paris. Hatte er denn Spannendes zu erzählen, aus neuen oder alten Zeiten?

    Und NIS im Stehen, tanzend, in die Beine gehend, das geht fraglos supergut. Ich bin halt das meditative Hören in meiner Höhle gewohnt…

  8. Michael Engelbrecht:

    Nicht Henry Threadgill sah ich in Paris, sondern Steve McCall aus seiner Band Air.

  9. Olaf Westfeld:

    Ja, ich war bei der Society auch ziemlich weit vorne, auch in meiner Ecke wurde mitgetanzt.
    Kann gut mein subjektiver Eindruck gewesen sein, mir kam es am Ende doch recht leer im Vergleich zu vorher vor.
    Und im Nachhinein bedauere ich noch mehr, schon am Samstag wieder gefahren zu sein – es ging nicht anders – Irreversible Entanglements und Herrn Ambarchi hätte ich auch gerne gesehen – ein andermal.

  10. Olaf Westfeld:

    Und ja, Ingo, das nächste Mal bitte nicht verpassen – hatte in der Woche vorher so viel um die Ohren, dass ich mich nicht mehr gemeldet hatte. Danke noch einmal für den Hinweis auf das Konzert, ich hätte das nicht mitgeschnitten und hatte einen rundum schönen Abend.

  11. Michael Engelbrecht:

    Es mag ein kleiner Sprung sein von der Natural Information Society zu den Beatles, aber, wer eine Hörgeschichte hat mit sog. „spirituellem Jazz“ und der berühmtesten Garagenband Liverpools, könnte wohl schnell eine Brücke herstellen, the missing link: music that sends you places.

    1995 tauchte schon mal ein „neuer“ Song der Fab Four auf, „Free Like A Bird“ oder so ähnlich. Da wurde ein ähnlicher Wirbel ausgelöst wie jetzt , das Liedchen erschien mir aber recht schwach. Jetzr, nachdem ich anfänglich gar nicht drängelte, NOW AND THEN zu Ohren zu bekommen, nahm ich mir die Zeit.

    Was für ein bewegender Song! Veilleicht hätten die Beatles in ihren besten Tagen das Lied um eine Minute gekürzt, aber nun, anno 2023, koste ich jede Sekunde aus, und würde ich, wie früher als Teenager, meine privaten Top Ten Songs des Jahres listen (und 1968, 69 und 70… was für Jahre waren das, songweise…!) – NOW AND THEN wären dabei. Ein Quantum Nostalgie ist immer im Spiel bei solchen Zeitsprüngen, aber dieser Song ist wunderbar, nicht nur im Vergleich zu dem 1995er Nachklapp.

    Sonic Dreams, in der Tat. (HELP, das alte Album, als Mono-CD, habe ich mit aif die Insel genommen, neben PHAROAH (von 1977, jetzt wieder ans Tageslicht gebracht), von Pharoah Sanders.

  12. Henning Bolte:

    Einige Ergänzungen zu NIS

    * Dem NIS haben wir Berliner Musiker hinzugefügt: Axel Dörner (Trompete), Anna Kaluza (Sax) und Mia Dyberg (Sax) – Bilder später.

    * Von Mia Dyberg ist auf Clean Feed grad das Trio Album TIMESTRETCH erschienen, zu dem ich das Cover beisteuern durfte.
    Einfach zu finden auf Website des Clean Feed Labels.

    * Das ALICE COLTRANE Project ist von HAMID DRAKE und operiert in
    variablen Besetzungen. Jan Bang und Joshua gehören zur Basisbesetzung. Hamid Drake hat auch dieses Jahr wieder in Berlin gespielt. In einem sehr schönen Preisträgerkonzert mit Conny Bauer und William Parker. Conny Bauer hat den Albert Mangelsdorff Preis für sein Lebenswerk erhalten.

  13. Michael Engelbrecht:

    Hamid Drake, ein magischer, luftiger Allrounder, up in the skies with Steve McCall, Ed Blackwell, and Dan Lanois‘ favourite drummer.

    Really nice, Henning, the cover. Vielleicht sollte ich dem Label meines Vertrauens mal mein legendäres Sylter Heuballenfoto (black and white version) schicken. 😉…

    Das würde evtl. ziemlich gut passen zu einem vielleicht nie, vielleicht aber doch mal in Lugano entstehenden Album von Marc Johnson und Steve Tibbetts.

    Beide kommen von leicht anderen Terrains, sind aber gut befreundet. Und es ist Marc, der Steve (der übrigens eine „Northern Story“ mit Sylt hat) wiederholt auf dieses noch imaginäre Duoalbum mit „Chants“ anspricht.

    Sonic Dreams, again🎶🎡

    P.S. Vielen Dank für die CD, die mir aus den Niederlanden zukam. Werde sie, wenn ich zurück bin, hören.

  14. Martina Weber:

    By the way, das sind sehr atmosphärische Fotos, Olaf! Im oberen Bild ist die Perspektive absolut passend gewählt, die Kombination von roter Schrift und zwei blauen Balken sehr stimmig, dazu die Silhouetten und die Spiegelungen… sehr harmonisch und dynamisch zugleich.


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