©️FoBo_
on life, music etc beyond mainstream
2022 29 Okt.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 3 Comments
2022 29 Okt.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Die Pianistas Craig Taborn und Kris Davis sind neben Sylvie Courvoisier Leuchtfeuer im gegenwärtigen Impro-Geschehen. Sobald dieser Satz gelesen ist, ertönen die ersten Zurufe: ja und die, und der und der und die und sowieso die und der! Genau! So kann schön etwas zusammenkommen, aber verfügbar sind die und der eben nicht jederzeit. Aber ich vernehme gerne Zurufe! Was ist Ihr/Dein kürzliches Piano-Erlebnis?
Zurück aber erst zu aktuell Berlin (und diesmal keine Bilder zu den Namen (vielleicht später mal)), es ist alles auch reichlich weiblich.
Donnerstag 3.11. :
CRAIG TABORN, Mat Maneri (Bratsche), Nick Dunston (Kontrabass), Sofia Borges (Perkussion)
ALEXANDER v. SCHLIPPENBACH spielt in der Gruppe von Rodrigo Amado
JAMIE SAFT spielt in Hamid Drake’s TURIYA
Freitag 4.11.:
KIRKE KARJA, Etienne Rennrad (Kontrabass), Ludwig Wandinger (Schlagzeug)
LISA ULLÉN, Elsa Bergmann (Kontrabass), Anna Lund (Schlagzeug)
KATERYNA ZIABLIUK spielt in SHADOWS OF FORGOTTEN ANCESTORS
Samstag 5.11.:
LUCIAN BAN, Mat Maneri (Bratsche), John Surman (Saxofon)
KATERYNA ZIABLIUK spielt in KOMPUSSALA
CHAERIN IM spielt im Sun-Mi Hong Quintet
Sonntag 6.11.
KRIS DAVIS BORDERLAND 3_o: Stephan Crumb (Kontrabass), Eric McPherson (Schlagzeug)
2022 27 Okt.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
dieses 3_o ist …. andere Kost, könnte fast als Soundtrack für Zeitenwende dienen
dieses 3_o, das sind … KIRKE KARJA (p), LUDWIG WANDINGER (dr), ETIENNE RENARD (b)
It happened last year September 18 in Vaba Laba of Tallinn’s Creative District TELLISKIVI, a former Soviet industrial zone of the Estonian capital. There was a big European meeting and it was freezing cold, even for Tallinn’s conditions. Then this 3_o blew everybody out of their jackets. How did these young aces meet, come together, create and threw out this music, now in album size of THE WRONG NEEDLE ? Something truly Uro-p-an.
I know Kirke quite some time and appreciated her as a musician and a very active organizer. I knew that she was capable of doing banging things but this was a knock against the wall beyond expectation that blew everybody’s mind. The three (still young) musicians were invited to the Paris Son d’Hiver festival, to Punkt Festival in Kristiansand, November 3 in Rotterdam AND will be live in the spotlight of JAZZFEST BERLIN, Friday, November 4 in a program together with Sven-Åke Johansson’s “Ouvertüre für 15 Handfeuerlöscher” and another 3_o to look back and forward to: Peter Brötzmann, Majid Bekkas, Hamid Drake. In short, the future lasts, will last.
Wann begann die Zeitenwende in den 60ern des letzten Jahrhunderts eigentlich? Wann fing die Zukunft an? Und wann endete sie?
Ach, und was ist davon geblieben? Ein weites Feld … Stichworte?
Ach, und was wirklich eine Zeitenwende ist, weiss man ja erst nach einiger Dauer!
Ich komme nochmal zurück auf das Jazzfest Berlin, das am ersten Novemberwochenende im Berliner Festspielhaus und mehreren anderen Spielstätten wie Clubs (aber auch Galerien, Friseursalons und Privatwohnungen) und in der Gedächtniskirche (Konzert von Lucian Ban/Mat Maneri/John Surman wie Konzert des Gurdjieff Ensembles aus Yerevan) stattfindet.
Häutungen
Das Programmieren des Festivals ist ein komplexer Prozess mit vielen Häutungen. Die Realisierung des Programms ist eine ebenfalls komplexe Angelegenheit, dann aber in Kürzestzeit. Ich habe viele Seiten aus der Innensicht in den letzten fünf Ausgaben mitwirkend kennengelernt.
Fünf immer wieder unterschiedliche Inszenierungen
Jede der letzten fünf Ausgaben war eingreifend anders als die jeweils Vorherige in den Formaten und Inszenierungen. Und das nicht einfach nur in der Auswahl, Anordnung und Präsentation der Musiker/Gruppen. Es ging immer um neue Wirklichkeitsbezüge, Organisationsformen, thematische Beziehungen und Präsentationsformen (wo Bühnenräume und Publikumsbeweglichkeit aufgebrochen wurden), die sich, vorangetrieben von der künstlerischen Leiterin Nadin Deventer, im Zuge des Programmierungs- und Planungsprozesses herausschälen. Ein wichtiges Element unter ihrer Ägide sind Teamgeist und die frühe Beteiligung von Musikern bei der Programmgestaltung.
Und realisierbar müssen alle wilden Ideen und kühnen Vorstellungen dann auch noch gemacht werden. Beispiele demnächst mal in einem weiteren Beitrag. Kurzum, es ist weit mehr als das Auswählen und Verteilen/Anordnen von tollen, vorwärtspreschenden, provokanten, mitreissenden etc Acts. Weiteres dazu in einem Gespräch mit Nadin Deventer HIER.
Tiefenblick in regionale kulturelle Räume
Die Ausgabe dieses Jahres blickt, getriggerd durch den Krieg, weiter und tiefer in Kulturen des osteuropäischen Raum. Dabei geht es auch um die Beziehung von bodenständigen, indigenen Musiktraditionen und Jazz im weiteren Sinne. Anknüpfungen an solche finden sich im Programm nicht nur in der osteuropäischen Blickrichtung. Äthiopien, Südafrika oder Brasilien finden ebenso Eingang und Anklang.
Aus der Tiefe der Zeit, Querverbindungen, Überlagerungen
Diese Ausgabe blickt auch zurück auf die wilden Zeiten der Herausbildung eigenständiger europäischer Spielarten und Linien, die sich von da aus in die Gegenwart ziehen. An bestimmten Knotenpunkten laufen beide Linien zusammen, etwa in der jüngeren offenen Improvisationsgruppe Die Hochstapler oder dem Veteranentrio von Peter Brötzmann, Hamid Drake und dem marokkanischen Guimbrispieler Majid Bekkas. Hamid Drake ist eine wichtige Verbindungsfigur zwischen US-amerikanischem Jazz, orientalischerMusik und Free Jazz.
Solche Mehrseitigkeit findet sich bei einer ganzen Reihe von teilnehmenden Musikern. Sie spielen in unterschiedlichen Feldern, nehmen aber auch immer etwas aus dem jeweils anderen Feld (bei)m Spielen mit. Hamid Drake steht mit seiner eigenen Gruppe TURIYA am ersten Abend auf der Hauptbühne, die sich dem musikalischen Erbe von Alice Coltrane widmet. Hier wirken musikalische Kräfte wie Punkt-Oberhaupt Jan Bang oder die französisch-syrische Flötistin Naïsam Jalal mit.
Kompussula
Eine Keimzelle bildet das KOMПOUSSULĂ-Projekt, in dem MusikerInnen mit ukrainischem, polnischen, rumänischem, türkischem, französischem und belgischem Hintergrund mitwirken und von wo aus es weiter ausstrahlt in den Schwarzmeerraum, nach Armenien, Transsylvanien, Bulgarien und Italien.
Kateryna Ziabliuk piano, prepared piano, vocals
Samuel Hall drums, electronic, percussions
Maryana Golovchenko vocals
Louis Laurain trumpet, cornet
Pierre Borel alto saxophone
Olga Kozieł vocals, traditional polish percussions
Sébastien Beliah double bass
Sanem Kalfa vocals
Joachim Badenhorst clarinet, live electronics
George Dumitriu acoustic & electric guitars, viola, effects
Hier ist die Perspektive teilweise eine andere als oft in Jazz, der östliche Elemente inkorporiert. Musiker ‘östlicher Herkunft’, die in westlichen Metropolen durch die Kreativschule von Jazz gegangen sind, greifen von dort aus ihr indigenes musikalisches Erbe auf.
Das KOMПOUSSULĂ-Projekt ist am Samstagabend (5.November) zudem eingebettet, gesandwiched, in einem südafrikanischem Teil “Dialectic Soul” von Schlagzeuger Asher Gamedze und einem neuen Teil “Memphis” von Matana Roberts’ afro-amerikanischem Epos “Coin Coin”. Dies ist eben mehr als die Aufeinanderfolge verschiedener interessanter Gruppen.
KOMПOUSSULĂ ist ein Beispiel für die Kooperation mit Musikern, zu denen aus früheren Jahren etwa das Berliner KIM Collective, das T(R)OPIC Projekt von Julien Desprez’ CoCo/Rob Mazurek’s São Paulo Underground, die sechsstündige Totalmusik von Anthony Braxton’s SONIC GENOME, das CAIRO Projekt und einige mehr gehörten. Man muss wohl lange suchen, um ein Jazzfestival von dieser inszenatorischen Macht zu finden.
Reiche Wechselbeziehungen freilegen
Dabei ergeben sich auch innerhalb dieses Raumes interessante Wechselbeziehungen. Etwa in dem Teil SHADOWS OF FORGOTTEN ANCESTORS, in dem Maryana Golovchenko, Kateryna Ziabliuk und Anna Antypova Musik zu diesem Schlüssel-/Meisterwerk ukrainischer Filmkunst von 1964 bringen, ein Film von Sergej Parajanov (1924-1990), einem in Georgien geborenem Armenier, der in Sowjetzeiten wegen ukrainischem Nationalismus im Gefängnis landete. Es war der einzige Film in Sowjetzeiten, der nicht russisch synchronisiert wurde, sondern in der indigenen ukrainischen Sprachvariante lief (und läuft).
Parajanov, der lange in der Ukraine lebte und wirkte, ist auch der Regisseur von THE COLORS OF POMMEGRANATES (1968), einem der zehn wichtigsten Werke der Filmkunst, das bis heute vielfach ausstrahlt (ua bis in Lady Gaga Videos). THE COLORS OF POMMEGRANATES (Musik von Tigran Mansurian) bezieht sich auf Leben und Werk des armenischen Dichters und Musikers Sayat-Nova (1712-1795), das auch Eingang in das Konzert des Gurdjieff Ensembles findet.
Vom Gurdjieff Ensemble weist auch wieder eine Linie zu Bela Bartók, der in Nachfolge von Komitas und Gurdjieff in Armenien, bodenständige indigene Musik in Transsylvanien und anderen Balkanregionen bis hin Ägypten sammelte, Feldaufnahmen machte und Elemente in seinen eigenen zeitgenössischen Werken verarbeitete. Pianist Lucian Ban, Bratschist Mat Maneri und Saxophonist John Surman reimaginieren Bartóks Feldaufnahmen in ihrem Konzert in der Gedächtniskirche. Und so kann man noch mehr Linien ziehen und ihnen im Konzertbesuch folgen. Mehr dazu für Interessierte in meinem Essay im Digital Guide des Festivals.
Als Orientierung zu den Feldern und Linien siehe auch die MAP 1 oben
2022 23 Okt.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Alexander Hawkins, Jazzfest Berlin, Pierre Boulez Saal | Comments off
JAZZFEST BERLIN 2022 will have an Auftakt next Sunday, October 30, by connecting to Berlin’s excellent Pierre Boulez Saal series that will present at the Saal exceptional musician ALEXANDER HAWKINS from Oxford, England.
In this festival prelude he will perform in the duo MUSHO with vocalist extraordinaire SOFIA JERNBERG plus in a larger unit with cellist TOMEKA READ, flautist NICOLE MITCHELL, drummer GERRY HEMINGWAY and MATTHEW WRIGHT (electr, sound design).
Tomeka Reid just received the MacArthur “Genius Grant” (of $800,000). She will also play in two other concerts of the festival: in THE HEMPHILL STRINGTET and in a new, eagerly awaited quartet of pianist CRAIG TABORN with MAT MANERI (viola), NICK DUNSTON (b) and SOFIA BORGES (percussion) on the main stage on November 3. The stringtet is named after Julius Hemphill (1938-1995), of course, a.o. member of World Saxophon Quartet and still quite influential through works as „Dogon A.D.“ and others.
Nicole Mitchell is a musician and University teacher with a long prominent career. She was the first female president of Chicago’s legendary Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM)
Gerry Hemingway is a well-known US-American musician with a long strong bound to European groups and now teaching in Switzerland.
About MUSHO I wrote earlier this:
“British pianist Alexander Hawkins is leaving a strong trace through today’s jazz landscape. It seems everything he touches, turns into gold. Even if you already know this, every new combination turns out as surprising, beyond expectation. The duo with Swedish vocalist emerged from the October Meeting in 2015 at Amsterdam Bimhuis where it performed for the first time under the name ‚Musho.‘ Their duo performance appeared to be a broadly agreed highlight of the meeting. The Ljubljana concert surpassed that by far. In Amsterdam they performed several pieces based on Ethiopian traditional music in carefully balanced and well-timed transcendence into present day musical areas. In Ljubljana they performed in one fabulous continuing stream of consciousness with strong references to Ethiopian music. Seamlessly fading in and out of musical areas they interconnected different musical spheres and domains in unprecedented, subtle and credible ways. Both drew from rich sources and in real time composed a fabulous, naturally flowing stream of captivating music, a rare and almost unbelievable thing. Jernberg is an amazing performer, who can do almost everything vocally with great inner concentration in a non-agitated, mildly smiling way. It was an outstanding, memorable performance.
I saw Hawkins earlier, in January of this year (at the festival in Münster, Germany), doing a thrilling concert with his trio and fabulous British vocalist Elaine Mitchener. Although Mitchener is a musician of a different temperament and approach, the performance had the same general qualities and brilliance. This brilliant duo of Hawkins/Jernberg has played at Nasjonal Jazzscene venue in Oslo recently and is in urgent need of further circulation.”
(Henning Bolte, All About Jazz 2017)
2022 23 Okt.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment

Für mich ist Fotografieren das Fangen und Gestalten von Licht. Es ist die spannendste und gleichzeitig entspannendste meiner täglichen Tätigkeiten. Das Licht wechselt unglaublich dynamisch. Ich brauche mich nur umzudrehen und das, was ich gerade gesehen habe, erscheint in ganz anderem Licht.
Licht ist noch variierter und vielgestaltiger als Töne und Klänge. Beides hat aber auch viele Gemeinsamkeiten. Licht kann musikalisch wirken, sich musikalisch anfühlen. Musik kann flieBen, sich ergießen wie Licht. Schoenberg hat dazu Sinniges gesagt. Dazu viellicht später nochmal.
Fotografieren gibt mir die Möglichkeit, meine Umgebung in “mein Licht” zu setzen, sie nach meiner Dramaturgie zu gestalten. Dabei entdecke ich unbemerkte und ungeahnte Vielfältigkeit und Schönheit. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Lichtsichten ‘Dasselbe’ eröffnet. Manches fotografiere ich wieder und wieder. Es ist nie Dasselbe in einem nichttrivialen Sinn. Fotografieren lässt mich im Tag und meiner Umgebung ankommen, macht den Tag und meine Umgebung real für mich. Und die Fotos, die ich heute mache, sind immer die schönsten und besten. Was natürlich total nicht stimmt.
Fotografieren ist für mich in und mit dem Licht wandern, streunen, flanieren. Das Licht kann dann zum Freund, zur Freundin werden, der/die zum Spielen verführt. In die Luft gucken gehört dazu.
Fotografieren macht vertraut mit Lichtfall und Kontrast. Manchmal schaue ich aus dem Fenster und denke: nö, kein interessantes Licht, gehe dann aber immer wieder trotzdem nach drauBen und bin jedesmal erstaunt, was das auf den ersten Blick nicht so spannende Licht tatsächlich macht, wie es wirkt, wie es sich zeigt.
Beim Fotografieren muss ich mich auf das Licht einlassen, ihm folgen und bekomme dann ein Foto, das mit der Erinnerung an diese Aktivität verbunden ist. Für den fremden Betrachter ist das natürlich anders. Dazu aber ein andermal.
Eins meiner unterschwelligen Ziele beim Fotografieren ist es, Fotos mit einer starken Form zu machen, auf denen man Objekthaftes nicht (gleich) erkennt.
2022 21 Okt.
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Butch Morris, Chironomie, Parma Frontiere Jazz, Roberto Bonati | 4 Comments
The Gesture of Sound, the Gesture of Color:
“Movements, Shifts, Displacements, Stillness”

Einige Gedanken zum Erschaffen von Musik zwischen Notation und Gebärden nach der Erfahrung meiner Zusammenarbeit mit dem Chironomic Orchestra in Parma unter Leitung von Roberto Bonati beim Festival Parma Frontière Jazz 2022 am 16. Oktober
Zwei Seiten: Improvisation und Orchestration
Improvisation ist die kreative Schöpfung im Hier und Jetzt, es ist Echtzeitkreation aus dem inneren Fundus von MusikerInnen. Orchestration ist die Abstimmung der Teile einer Kreation zu einem sich stimmig entwickelndem Ganzen. Beides sind zwei Seiten derselben Medaille musikalischer Schöpfungsprozesse.
Im Zusammenhang mit Jazz wird üblicherweise das Improvisatorische – inzwischen immer nachdrücklicher – zum höchsten Wert ausgerufen und das unmerkliche Ineinander-Übergehen von Vorstrukturiertem/Notiertem und Extemporiertem als Idealfall gesehen. Man schaue neuere Rezensionen mal daraufhin und wird reichlich fündig werden, wobei nicht immer klar wird, wie sich beides in den jeweils besprochenen Fällen vollzieht (mitunter auch schlicht leere Behauptungen, weil’s zum guten Ton gehört).
Heisse Nadel
Stücke werden im Jazz häufig in Grundzügen notiert (lead sheets). Die Ausfüllung geschieht dann improvisatorisch. So ist den Musikern mehr Freiheit erlaubt und es kann zu überraschenden, nicht vorhergesehenen Wendungen und Entfaltungen kommen. Dies erhöht die Spannung bei MusikerInnen wie beim Publikum. Dem mit heisser Nadel frei in der Momentanität Gestrickte wird im Allgemeinen ein höherer, intensiverer Erlebniswert zugeschrieben. Auch können im lebendigen Zusammenspiel in Echtzeit Klänge entstehen, die man im nachdenkenden und notierenden Modus des Komponierens schlichtweg nicht erreichen kann. Extrem gesagt können sich beide zueinander verhalten wie heisse Lava beim Vulkanausbruch und deren erkaltete geronnene Form.
Das Zusammengehen von Vorstrukturiertem, unmittelbar Erkennbarem und erweiterndem Fabulieren kennen wir in unserem Kulturkreis von Kirchenorganisten, die meistens sehr gute Improvisatoren sind. Sie leiten bekannte Lieder phantasiereich einstimmend ein und/oder lassen sie durch eine Koda phantasiereich zum Nachsinieren ausklingen. Durch ihre starke Form und Struktur eignen sich Kirchenlieder wunderbar dafür. Auf der zuhörenden Seite fügt sich Bekanntes mit Hinführendem und Ausschweifendem. Nicht umsonst gebrauchten Jazzmusiker starke Evergreens aus der Unterhaltungsmusik für ihre Exkursionen und Transformationen. Man höre sich an, was z.B. John Coltrane aus Songs von Richard Rogers oder gar von Franz Lehar macht.
Kontinuum
Damit wird auch erfahrbar, dass Musik aus einem Kontinuum entsteht und in einem Kontinuum aufgeht, in das wir wieder und wieder eintauchen können, das wir wieder und wieder aufleben lassen können. Das heisst aber auch, dass sich Klänge fortwährend mischen – real und vor allem in unserer Wahrnehmung, die das Gehörte abdämpfen, aufschäumen oder strecken kann. Das betrifft sowohl den realen auditiven Intake als das, was unser Gemüt damit macht. Das Notierte ist eine phantasiegeladene erinnerte Form davon und eine intentionsgeladene Einritzung, die man lesen, interpretieren können muss. Zuhörer haben ihre eigene Dramaturgie bezüglich des Gehörten und Komponisten bzw. Musiker können das dann in eigene organisierte Klänge umsetzen.
Orchestration
Zurück zum Ausgangspunkt, der Beziehung von Improvisation und Orchestration. In einem einige Jahre zurückliegenden Gespräch mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen, äusserte dieser, dass für ihn beim Zusammenspiel Orchestration ebenso wichtig sei wie die immer wieder so hoch beschworene Improvisation. Nun beinhaltet jede Improvisation, und sei sie noch so offen und frei, immer auch unbewusst Orchestration, ein Abstimmen aufeinander bis hin zu weitgehender Negierung davon. Bei ‘Orchestration’ oder ‘Orchestrierung’ denkt man auch an eine höhere Instanz, die dem Ganzen ein bestimmendes Klangbild verleiht, das sich aus dem Miteinander bestimmter Klangelemente ergibt.
Man achte im übrigen auf die Ausdrücke ‘stimmig’, ‘einstimmen’, ‘bestimmend’, ‘bestimmt’ und ‘abstimmen’. Dem Deutschen ist eine starke vokale Metaphorik eingeschrieben. Wenn wir dann zu ‘Stimmung’ kommen, haben wir einen Ausdruck, der sowohl die äussere Klangseite als die innere Klangseite kodiert.
Arve Henriksen ist deutlich ein Musiker, der das Improvisierende mit dem Orchestrierendem intensivierend zusammenführt, sei es im Zusammenspiel mit anderen als auch im Solospiel. Der Gitarrist Ralph Towner ist auch ein gutes Beispiel dafür. Dasselbe kann in einem Kontrabass-Solo geschehen, wo sich tiefe Lagen mit hohen Stimmlagen, rauh gestrichenen, gerupften oder gekratzten Texturen wie feinsinnigem Arco und perkussiven Klängen mischen bzw. orchestral entfalten können.
Chironomie, Gregorianische Gesänge
Wie führt dies nun zum chironomischen Ansatz des Bassisten/Dirigenten Roberto Bonati? Auf der Suche nach Mischungen in dem Kontinuum, in dem Musik sich bewegt, war der US-amerikanische Trompeter Lawrence ‘Butch’ Morris (1947-2013) mit seinen Conductions, bei denen mit Handzeichen und Gesten im Zusammenspiel mit der Realisierung durch die Orchestermusiker in Echtzeit Musik geschaffen wurde, eine beeindruckende Inspirationsquelle. Ähnliches gilt für den Soundpainting-Ansatz von Walter Thompson (1952). Butch Morris als auch sein Schüler Dino J.A. Deane (1950-2021) arbeiteten beide auf dem Punkt Festival in Kristiansand.
Der Bassist und Dirigent Roberto Bonati aus Parma sah sich weiter in der Musikgeschichte um und entdeckte, dass solche Handzeichen auch im Mittelalter eine wichtige Rolle spielten, etwa bei der Steuerung von Chören bei Gregorianischen Gesängen. Unsere heutige Notenschrift existierte zu der Zeit ja auch noch nicht. ‘Chironomie’/‘chironomisch kommt vom Altgriechischen ‘χειρονομειν’ und bedeutet ‘die Hände/Arme in Kadenz bewegen’.
Handzeichen/Gebärden
Zeichen-/Gebärdensprache ist ein uraltes effektives Mittel der Koordinierung von kooperativem Handeln etwa beim Jagen, Kletter, beim Bauen oder bei der Umzingelung von Feinden. Sie ist nahe an der Dynamik des Geschehens und hat eine hohe Impulsstärke, richtungs- und bewegungsweisende Kraft wie textur- und temperaturbeeinflussende Wirkung. Die Orchestermusiker haben bei dieser Herangehensweise die Freiheit, die jeweils angedeutete Klangqualität a l’improviso zu finden/zu gestalten, die Bewegung der Geste des Dirigenten in eine musikalische Bewegung auf/mit ihrem Instrument umzusetzen.
Roberto und Butch
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Arbeitsweise von Butch Morris und Roberto Bonati. Butch Morris arbeitete grundsätzlich vom Nichts in ein neues Etwas.
Roberto Bonati arbeitet mit seiner zeichensprachlichen Repertoire auf bestimmte Klangkonfigurationen hin, die über Noten oder offene, ungebundene Improvisation viel schwerer oder gar nicht erreichbar sind. Diese Konfigurationen sind vielfach kombinierbar, modellierbar, umkehrbar, verdichtbar, aufbrechbar und mit der Raumakustik zu vermählen, sodass sich eine groBe Variationsbreite von Realisierungen eröffnet.
9 Sekunden Nachhall
Das Konzert in Parma, bei dem ich mit live painting eingebunden war, fand statt in dem Kirchengebäude der alten Valserana-Abtei ausserhalb der Stadt. Dieser Raum hat einen Reverb/Hall von nicht weniger als 9 Sekunden. Es kam also darauf an, diesen Raum klanglich zu erfüllen ohne die Klänge zum Kippen, Schrillen oder zur Überhitzung zu bringen. Die Musiker mussten ihren Klang entsprechend abstimmen.
Es waren nicht nur die Gesten des Dirigierenden und die sicht- und fühlbare Lebendigkeit der Musiker, sondern auch das Aufsteigen der Musiker, deren Ausdehnung, Umhüllung, Eruption im dynamisch-dramatischen Wechsel in dem groBen Raum, die ergriffen und faszinierten. Damit war es in gewissem Sinne auch eine Antithese zu heute vielfach üblicher Musikproduktion.
4 Kontrabässe vs. leeres Papierblatt
Für mich als visuellem Umsetzer/Kommentierendem war die grösste Herausforderung der unmittelbar massive breite Orchesterklang, während ich noch vor einem groBen weissen Bogen Papier saB. Das 19-köpfige Orchester hatte 4 Kontrabässe, 3 Vokale, Bassklarinette, Klarinette, 3 Saxofone, Flügelhorn, Trompete, elektrische Gitarre und drei Violinen. Hier in Echtzeit meinen Ausdrucksweg darin zu finden, erforderte einiges, zumal ja auch alles auf groBer Leinwand (ca. 5,00 m x 2,50 m) hinter dem Orchester für das Publikum sichtbar und verfügbar war.
Das erste Album des Orchesters, “il suono improvviso” (2018), umfasste 45 MusikerInnen.