Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2019 6 Jul

Gregor öffnet seinen Bücher- und Plattenschrank (194)

von: Gregor Mundt Filed under: Blog | TB | Tags:  2 Comments

Max, Mischa & Die TET-Offensive (Teil 2)

 

Im ersten Teil meiner Überlegungen zu dem Roman wurde der Onkel von Max, Owen, nur kurz erwähnt. Mit ihm erzählt Johan Harstad eigentlich eine zweite Auswanderungs-geschichte. Geschildert wird sein Leben zeitversetzt, immer wieder verschränkt mit der Erzählung von Max, Mischa und Mordecai.

Übrigens, alle vier Personen sind Künstler, Max arbeitet als Theater-Regisseur, Mordecai als Schauspieler, Mischa als Malerin und Owen als Musiker.

Es ist ja schon erstaunlich, wie viel in diesem Roman von Musik die Rede ist. Während für Max, Mischa und Mordecai Musik eher als Soundtrack zum Leben dazu gehört, geht es bei dem Onkel von Max – Owen – um einen Lebenstraum, er ist einst wegen der Jazz-Szene nach New York ausgewandert, freiwillig, von sich aus, anders als Max, dessen Eltern beschlossen hatten, in die USA auszuwandern, und er sich eben fügen musste.-

Die ersten norwegischen Immigranten aus Stavanger kamen im Jahre 1825 nach drei Monaten auf hoher See in New York City an, es waren zweiundfünfzig Menschen, die hier ihr Glück suchten. Rund einhundertvierzig Jahre später versucht Max‘ Onkel, der eigentlich Ove heißt, eine neue Heimat in den USA zu finden. Owen sagt es einmal ganz klar: „Ich bin wegen des Jazz nach Amerika gekommen. Das war das Wichtigste für mich: die Musik.“ Natürlich klappt das nicht, nichts als Träume, er schlägt sich zunächst als Lehrer durch, würde auch andere Arbeiten annehmen. Viele Abende verbringt er in der Jazz-Szene. Aber mit seinem befristeten Visum kann er keine Arbeit, keine feste Anstellung finden, die Lage ist hoffnungslos. Bis Ove eines Tages erfährt, dass Immigranten mit einem befristeten Visum nach sechs Monaten Dienst in Vietnam die amerikanische Staatsbürgerschaft bekämen. Ihm ist natürlich klar, dass ein Dienst in der amerikanischen Armee in Vietnam den Bruch mit seiner Familie bedeuten würde, aber er verpflichtet sich zu diesem Dienst und wird nach sechs Monaten Vietnam tatsächlich amerikanischer Staatsbürger und darf sich einen neuen Namen aussuchen, aus Ove Hansen wird Owen Larsen. Natürlich entsteht dadurch kein neuer Mensch, im Gegenteil, der Vietnam-Rückkehrer hat Dinge gesehen, die er hätte besser nicht sehen sollen und ist an Orten gewesen, die er hätte lieber nicht kennenlernen sollen. Nach der Rückkehr aus Vietnam verliert er nach seiner Heimat Norwegen nun auch noch das Sehnsuchtsland Amerika: „(Owen) weiß nicht mehr, wo er hingehört. Er ist kein Amerikaner, er ist eine Fälschung, ein Betrüger. Er sehnt sich danach, an einen Ort zu gehören.“

Die siebziger Jahre vergehen ganz anders als sich Owen als Amerikaner und Vietnam-Veteran das vorgestellt hat: er arbeitet als Asphaltierer im Straßenbau in Kalifornien. Zurück in New York findet er ab 1978 eine Beschäftigung in einer Klavierfabrik, später wird er Pianist im Showroom eines Klavierhändlers und dann vermittelt ihm im Herbst 1985 ein Förderer einen Job bei der Firma KPM Music-Recorded Library (diese Firma gibt es wirklich, sie stellt `Gebrauchsmusik´ her: KPM is a huge, diverse, and growing library of recordings, specifically produced for use in films, television, radio and new media. Currently KPM consists of over 30,000 recorded tracks and 800 CDs. Music styles vary from symphonic to cutting-edge, through dramatic, ethnic, historic, and more.) Johan Harstad bringt es übrigens fertig, fast eine komplette Buchseite mit Musiktiteln aus dem Katalog von KPM zu füllen. Die Arbeit bei dieser Firma ist sicher nicht das, was Owen sich vorgestellt hat, aber immerhin, er kann Musik aufnehmen und er macht bei KPM auch durchaus Karriere. Inzwischen wohnt Owen längst im berühmten Apthorp-Gebäude, wo er dann auch auf Max und Mischa treffen sollte.

Hier nun noch einige bemerkenswerte Sätze aus dem Roman:

 

  • Der Zweifel ist immer wichtiger gewesen, er war der eigentliche Ausgangspunkt und das wichtigste Instrument. Wir haben uns gemeinsam vorangezweifelt.
  • Das Gedächtnis ist ein Archiv mit unzuverlässigen Mitarbeitern.
  • Wenn die Leute auch nur die Hälfte der Energie, die sie dafür vergeuden, passende Strümpfe zu finden, auf ihre Mitmenschen verwenden würden, wäre die Welt ein viel angenehmerer Ort.
  • Nach Anschlag auf das WTC: „Es war, als wäre ich noch einmal heimatlos geworden.“
  • Wie Beckett sagte: Ich kann nicht weitermachen, ich werde weitermachen. Man stürzt sich mit der Hoffnung in die Arbeit, einen Teil von sich selbst zu erkunden und zu bewahren, von dem Wunsch erfüllt, mehr über sich zu erfahren. Aber es ist immer dasselbe: Wenn man auf der anderen Seite wieder herauskommt, begreift man weniger als zuvor…
  • Deshalb schreibe ich dies. Weil wir einander abhandenkommen und uns in Menschen verwandeln, die wir noch nie waren, ohne die Fäden, die uns einmal zusammenhielten. Ich glaube, Owen schrieb aus demselben Grund. Nicht aus Sentimentalität, sondern um zu überleben, und dies ist die Hand, die ich über euch halte, beschützend, ein Versuch, uns ein für alle Mal, ein allerletztes Mal, in die Arme zu schließen.
  • Du solltest alt genug sein, um zu wissen, dass die romantische Vorstellung, für immer mit deinem besten Freunde verbunden zu sein, bis weit in die unüberschaubare Zukunft hinein,…, genau das war, eine romantische, schwärmerische Vorstellung, über die du eigentlich lächeln müsstest.
  • Es ist ein merkwürdiges Erlebnis, Zeuge dessen zu sein, wie alles weitergeht, während man selbst auf das Ende zusteuert.
  • Mitunter wird er vollständig von dem Gedanken gelähmt, nicht mehr da zu sein und wie unmöglich es ist, sich vorzustellen, dass man nicht weiter existiert, nie wieder; alles, was er je getan und gesagt hat, all die Erfahrung, jeder Witz, über den er herzlich gelacht hat, all die Musik, alles, was er gesehen und gelernt hat, alle, mit denen er gesprochen hat, die Einkäufe, die er getätigt hat, all seine Sachen, all die Freude und all das Leid, absolut alles wird seine Bedeutung verlieren, alles wird zurückbleiben.
  • Zuhause – das schönste Wort meiner Muttersprache.

 

Bezüglich des Soundtracks zum Buch seien nun noch weitere im Buch erwähnte Musiker, Komponisten, Schallplatten und Musik-Titel genannt:

 

Blind Melon: No Rain

Björk: Debut; Violently Happy, The Anchor Song

 

 

 

 

Lemonheads: Come on Feel

Pearl Jam: Vs.

Steve Martin: Let´s Get Small; A Wild And Crazy Guy; Comedy Is Not Pretty

Peter, Paul & Mary: Leaving On A Jetplane

Pink Floyd: Meddle

Leonard Cohen: Ten New Songs; Dear Heather

T.Rex: I Love To Boogie; Come To Me

Bill Evans: Autumn Leaves

Jan Johansson: Visa från Utanmyra; Emigrantvisa

Wilhelm Peterson-Berger: Damernas album; Vest i fjellom og; När jag för mig själv i mörka

skogen går

Fartein Valen (Musiker und Komponist aus Stavanger)

Agathe Backer Grøndahl

Louis Armstrong: St. James Infirmary

Frank Sinatra: The House I live in

Charlie Parker: Mood

Hüsker Dü: New Day Rising; The Girl who lives on heaven hill; Zen Arcad

John Cage 4:33

J.S.Bach: Wohltemperiertes Klavier; Goldberg-Variationen

Joan Baez: Sweet Sir Galahad

Neil Young: Live Rust

und: Bob Mould; Lovin´ Spoonful; Fairport Convention; Byrds; The Band; Love; Mose Allison; Ornette Coleman; Lester Young; Eric Dolphy; Grateful Dead; Jimmy Hendrix; Arne Nordheim; Nat King Cole; Joni Mitchell; Byrds; Buffalo Springfield; Frank Zappa; Jim Morrison; Townes Van Zandt; Sly and the Family Stone; Lee Morgan; Freddie Hubbard; Dexter Gordon; McCoy Tyner; Oscar Peterson; Erroll Garner; Richie Havens; Charles Mingus; Kim Gordon

und Glenn Gould; Frédéric Chopin; Friedrich Liszt; Josef Haydn; Edvard Grieg

This entry was posted on Samstag, 6. Juli 2019 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

2 Comments

  1. Martin Waldner:

    Habe das Buch, das wirklich hochinteressant scheint, und „klingt“, von der Musik aus betrachtet, für den Herbst reserviert. Habe nämlich gerade im Urlaub die vor ein paar Jahren erschienene Neuübersetzung von „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee begonnen. Ein Hochgenuss, auch weil ich nur den alten Film kannte, das Buch selbst nie gelesen hatte.

  2. Gregor:

    „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee, ja, mir ging es auch so, kannte nur den Film, aber als das Buch dann neu verlegt wurde, habe ich das Werk gekauft, gelesen und war ich so begeistert, dass ich es mit meinen SchülerInnen im Literaturkurs gelesen habe.
    Übrigens ist es ja schon seltsam, dass ausgerechnet jetzt „Apocalypse Now – Final Cut“ in die Kinos kommt (Start gestern)

Leave a comment

XHTML allowed tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Mit dem Absenden akzeptiere ich die Übermittlung und Speicherung der Angaben, wie unter Datenschutz erläutert.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz