Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the month April 2023.

Archives: April 2023

2023 18 Apr.

Fiyah!

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

If there are some familiar devices, such as the use of slow-moving written lines for horns and strings against busy percussion, there’s no sense of cliché. And what you won’t find is much in the way of the collective freak-outs familiar from the early years of such ventures. For all the musicians‘ fervour, both explicit and implicit, this is music in which the free play of ensemble and individual imagination is tempered by an intelligent degree of control. When an explosion does come along (and there are a couple), it’s a shock and is either brief or carefully resolved: an example of the sort of tactical astuteness characteristic of what will undoubtedly be one of the albums of the year.

Fire! drill

2023 17 Apr.

This Floating World

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments

Roger Eno spielte im „Silent Green“, einem ehemaligen Krematorium, das seit ein paar Jahren als Ort für viele, teils sehr unterschiedliche Veranstaltungen genutzt wird. Das JazzFest fand in einem Jahr  (einem Umbaujahr des Hauses der Berliner Festspiele) hier statt, das Avantgarde-Elektronik-Label Raster nutzte die große Betonhalle für ein Wochenende überaus eindrücklicher Konzerte zum 25. Labeljubiläum (spektakulär Franck Vigroux‘ Atotal-Perfomance), eine Jubiläumsveranstaltung mit Michael Rother und Gästen, die Transmediale mit Ausstellungen und einer Irmin-Schmidt-Filmpremiere oder auch eine Wiederaufführung von Béla Tarrs siebeneinhalbstündigem Filmklassiker Sátántango mit neuer Musik von verschiedenen zeitgenössischen experimentierfreudigen Musiker/innen … und viele weitere nationale und internationale Musikprojekte zwischen den Stühlen und mit speziellen Programmen und Projekten kann dort regelmäßig erleben – Irreversible Entanglements, Blixa Bargeld und Teho Teardo mit Streichern, Michael Gira mit Gästen, Lankum, Xiu Xiu und einiges mehr.

 

 

Die Konzertankündigung von Enos Programm mit Stücken seiner Deutsche-Grammophon-Alben hatte ich als Darbietung mit Klavier und Streichern gelesen; geboten wurde allerdings ein Solo-Piano-Abend. Roger spielte ineinander übergehend zahlreiche Stücke aus seiner langen Karriere, von ganz alten Stücken aus dem Jahr 1983 bis zu noch unveröffentlichten, die er nächste Woche im Studio in Berlin (wieder für DG) einspielen wird. Dabei saß er fast im Dunkeln, begleitet von einer Videoprojektion. Oder vielleicht darf man auch sagen: Er begleitete den über ihm projizierten „Film“. So erläuterte er es immerhin selbst. Und beim Spielen schaute er durchweg auf die Leinwand. Zusätzlich hat er sich beim Soundcheck einen Spiegel auf die andere Seite der geschlossenen Flügels stellen lassen, um eine Nackenverspannung beim stetigen Hoch- und Nach-Hinten-Schauen zu vermeiden, wie er nicht ohne Humor sagte. Letztlich schaute er während des Auftritts dann doch immer nach oben.

Als er die Bühne zum Konzert betritt, eine Flasche Bier in der Hand, erläutert er erst einmal, dass sich bitte niemand mit Husten zurückhalten solle. Er höre nämlich viele klassische Aufnahmen, auf denen Leute im Publikum ewig zur Hustenvermeidung röcheln würden (wie er eindrucksvoll imitierte). Bitte also ordentlich husten. Gerne auch direkt aufspringen und „Here I come!“ ausrufen. Und falls man zwischendurch zur Toilette wolle, es seien mit Sicherheit Angestellte im Saal, die wüssten, wo man hinzugehen habe. Ob sich die Gäste vielleicht doch noch schnell auch ein Bier holen wollten, fragt er, denn er werde nun für eine Weile sehr ruhige Klaviermusik spielen. Er habe Aufnahmen in der Gegend, in der er lebt, gesammelt und zu einem Film montiert, damit man was für Auge habe. Als „Film“ gehen die teils sehr stimmungsvollen Naturaufnahmen, alltäglichen Miniaturen und Fotos, sehr langsam ineinander überblendet, vielleicht dann doch nicht ganz durch, aber um die präsentierte Musik persönlich zu unterstreichen und dem Konzertbesucher in der Tat eine gute Blickrichtung fürs Auge und fürs Treibenlassen in oder vielmehr mit den Melodien zu bieten, ist die gut einstündige Projektion dennoch sehr wirkungsvoll.

 

 

Roger lässt es sich auch nicht nehmen, beim Spielen der Stücke mit durchweg abendlicher, wenn nicht gar nächtlicher Stimmung über einen Verspieler zu lachen, mit einer Hand sein Bier zu trinken und zwischendurch auch mal innezuhalten, um dem Publikum ein paar Erläuterungen zu den Bildern mitzugeben, sei es zu einer nebelverhangenen Landschaftsaufnahme nahe der englischen Küste oder zu einem wiederholt zu sehenden brennenden Klavier; dieses hatte er, seit er 15 war, also fast 50 Jahre lang, doch als es beim besten Willen nicht mehr zu stimmen war, musste er es vor einigen Wochen umbringen, und so verewigte er es in Form dieses Films beim Abbrennen und kann es nun weiter bei seinen Konzerten dabei haben.

Die vielen Stücke gingen fließend ineinander über und ergaben so eine durchgehende, lange Stimmung statt vieler kleiner Miniaturen. Nur selten konnte man Übergänge oder gar gesetzte Brüche ausmachen. Die Jahrzehnte verschwimmen in dieser langen musikalischen Lebensreise. Erst als zweite Zugabe gab er dann überraschender Weise einen alten, heiteren Jazzschlager – Accentuate the Positive (Arlen/Mercer, 1944) – zum Besten, den er, weiter klavierspielend, durchaus überzeugend sang (nicht ohne das Publikum vorher darauf einzustimmen, wir dürften uns glücklich schätzen, dass er kein Gesangsmikro auf der Bühne habe), bevor er sich mit „Let’s hope for a better world“ von der Bühne verabschiedete.

Vor dem Konzert habe ich mich ein wenig mit ihm unterhalten und versucht, ein paar gute Fotos zu machen (was nicht ganz einfach war, da er wirklich fast im Dunkeln spielte). Auf die ihm eigene, englisch humorvolle Weise erzählte er, dass er gerne mehr Konzerte mit seinem Bruder  geben würde, doch der würde bekanntlich lieber ewig in seinem Studio basteln, er selbst hingegen habe mittlerweile große Freude am Spielen vor Publikum, nicht zuletzt auch durch den Erfolg, der ihm durch die Ehre, bei Deutsche Grammophon zu veröffentlichen, zuteil wurde. Das gemeinsame Album Mixing Colours – das erste, das gleichberechtigt mit seinem Bruder entstanden sei – halte er für einen künftigen(?) Klassiker, auf den man noch in ferner Zukunft als ganz besondere, nachhaltige Momentaufnahme der Corona-Zeit blicken werde.

Schade nur, dass die Konzerte mit Streichern nur in London stattfinden. Roger meinte zwar, er sei wenig glücklich über das, was in seinem Heimatland in den letzten Jahren so geschehe, es sei im Wesentlichen die küstennahe Landschaft seiner Heimatgegend, die ihn noch dort halte.

 

 

2023 17 Apr.

(more) Variations

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 
 

 
 

2023 17 Apr.

Poinciana (live)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

Einer der ganz groBen Musiker ist gestern gegangen: AHMAD JAMAL (1930-2023) aus Chicago. Eines seiner bekanntesten Stücke “Poinciana.” gibt es in vielen Versionen, und er hat das Stück zu einer bewundernswerten Verfeinerung und Vertiefung gebracht – nachzuerleben in diesem Video von einem Konzert von vor 10 Jahren in Paris, das er mit 82 Jahren gab. Über Eleganz, tiefer Rhythmik und Suspense, was noch lange nachstrahlen wird. 

 
 
 

V   I   D   E   O 

 

2023 17 Apr.

Im Labyrinth des Unbewussten

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 
 

Er erinnert sich daran, dass sie in seinem Fotografiekurs war, im Rotlicht der Dunkelkammer. Fotografien der Freundin, die ihr Ex von ihr gemacht hat, und die sie nicht rausrücken will. Eine Serie von Polaroids, die die Freundin von ihm macht, während er schläft. Die Beiden als Künstlerpaar, sie schlendern über Flohmärkte, die Freundin blättert in japanischen Comics aus den 60ern. Die Kamera immer dabei. Fotografien, die die Handlung weiterentwickeln, gehören zu den Schaltstellen in der Graphic Novel-Trilogie „X“, „Die Kolonie“ und „Zuckerschädel“ von Charles Burns, die zwischen 2012 und 2015 in deutscher Übersetzung bei Reprodukt erschien. Im Unterschied zu Black Hole, das eine Gemeinschaftserfahrung beschrieb, konzentriert sich die Trilogie auf die Figur des jungen Dough, der durch Raum und Zeit stolpert und verschiedene Identitäten annimmt. Erinnerungen brechen immer wieder ab, gleiten über in Träume, Visionen – ein Horrortrip. Kalifornien in den 70er Jahren: Punkkonzerte, auf denen cut up-Texte à la W.S. Burroughs das Publikum begeisterten, vorgetragen von einem Mann, dessen Markenzeichen ein Schattenriss seines Haarschopfs auf dem T-Shirt war, und eine Maske. Die Geschichte zieht sich über Jahre hin. Dough hat etwas zugenommen. Was hat sein Leben mit dem seines Vaters zu tun? Der Vater sitzt im Sessel vor dem Fernseher, der junge Dough stellt einen Sender nach dem anderen ein, aber der Vater schüttelt immer wieder den Kopf. Alles scheint egal und keine Entscheidung macht mehr einen Unterschied oder Sinn. Da ist immer wieder sein Zimmer, ein ungeschützter Raum. Wassermassen spülen die Matratze durch dicke Rohre auf einen reißenden Strom. Die Matratze wird zum Floß, hinein in eine Welt, deren Zeichen er nicht deuten kann. Oder die Leiter rauf auf den spärlich beleuchteten Dachboden mit der seltsamen Frau auf der Hinterbühne. Die Magie der Zahl 23, und was sind das für kleine Lebewesen, die sich im Rührei bewegen? [Das Bild durch Anklicken vergrößern.] Auch eine Schallplatte von Brian Eno läuft: Before and after Science.

 
 

 
 

Die letzten Seiten lösen das Trauma auf, das der Anlass war für den Trip, der Dough ins Labyrinth seines Unbewussten geführt hat. Matthias Manthe hat Burns Graphic Novel-Trilogie in seiner TAZ-Besprechung als eine der präzisesten kulturellen Darstellungen männlicher Subjektivität und Verstrickung überhaupt bezeichnet. Das scheint mir überbewertet, da es eine männliche Subjektivität und Verstrickung in dieser Allgemeinheit nicht gibt. Dennoch, es wird Déjà-vu-Effekte geben.

 

2023 16 Apr.

Im Exil

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments

 

Im März 2022 floh Silvestrov mit seiner Tochter und seiner Enkelin aus seinem Zuhause in Kiew, wo er seit seiner Geburt 1937 lebte, nach Berlin. Dies stellt Tatjana Frumkis ihrer Einführung im Beiheft der zuletzt bei ECM erschienenen CD Maidan voran, einem Zyklus von Chorwerken, die ab 2014 als Reaktion auf den aktuellen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland entstanden. Er habe nichts als einen Koffer mit noch unveröffentlichten Manuskripten seiner Kompositionen aus seiner Wohnung mitgenommen. Ohne deutsche oder englische Sprachkenntnisse hält er sich seitdem in Berlin auf und wartet auf das Ende des Krieges.

Erstmals gehört habe ich Silvestrovs Musik vermutlich auf dem Album Der Bote, das im Dezember 2000 aufgenommen wurde. Es ist eines meiner allerliebsten Klavieralben, sicherlich auch, weil Alexei Lubimov darauf eine sehr eigene Zusammenstellung von Klavierstücken aus mehreren Jahrhunderten gleichwertig nebeneinander stellt, Werke aus den Jahren 1787 bis 1997, darunter zwei Silvestrov-Stücke, neben dem Titelstück Der Bote (Vestnik) noch Elegie – dessen Jahresangabe in dem CD-Beiheft falsch ist. Ich wurde stutzig, weil in der wenige Jahre zuvor bei ECM veröffentlichten Piano-CD Variations von Ingrid Karlen – dem ersten Mal, dass eine Silvestrov-Komposition auf einer ECM-Produktion zu finden war – die Jahresangabe 1967 lautet.

Tatsächlich befand sich Silvestrov 1976 bereits in einer sehr anderen künstlerischen Phase und hätte das Stück in den Siebzigern wohl nicht mehr so geschrieben.  Karlen muss eine frühe handschriftliche Fassung der Notation gehabt haben, so dass ihr viele der Detailinformationen fehlten, die Silvestrov bei seinen Kompositionen wichtig findet, um seine häufig sehr simpel scheinenden Kompositionen richtig zu erarbeiten. Silvestrov war damals auch nicht in der CD-Aufnahme involviert; Manfred Eicher lernte er erst später kennen.

 
 
 


 
 
 

Lubimov hat als langjähriger Freund des Komponisten (er hat Lubimov mehrere, teils ihm sehr wichtige Werke gewidmet) entsprechend ein tieferes Verständnis dieser Noten. Großartig, wie er eines der letzten Stücke CPE Bachs neben John Cages Frühwerk In a landscape stellt, gefolgt von Nostalgia des Armeniers Tigran Mansurian, ebenfalls einer der durch ECM-Veröffentlichungen populär(er) gewordenen Komponisten des einstigen weiteren Sowjetraums. Die Musik auf diesem Album wirkt frappierend zeitlos, besonders das älteste Stück gegenwärtiger als manch später entstandenes.

Silvestrovs Klavierstück Der Bote (Vestnik) wurde in der Musikkritik [ich habe unlängst mehrere Besprechungen aus den letzten gut zwanzig Jahren gelesen] sehr häufig als Mozart-Zitat aufgefasst und beschrieben. Silvestrov widerspricht diesem Verständnis. Mit der Lesart, diese Musik ließe sich als Dialog mit einer anderen Welt, vielleicht auch mit dem Jenseits, der Vergangenheit verstehen, kann er hingegen gut leben, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Der Bote wurde in den zwei Jahrzehnten seit Lubimovs Ersteinspielung bereits vielfach von anderen bekannten Pianist/innen interpretiert und eingespielt, darunter ein zweites Mal, diesmal mit der fragilen Orchesterbegleitung, von Lubimov auf der exzellenten ECM-CD Bagatellen und Serenaden (2007), auf der auch Silvestrov selbst am Flügel sitzt, seine Bagatellen spielend. Hélène Grimaud hat – neben Silvestrovs Zwei Dialoge mit Nachwort – ab 2017 sowohl die Soloversion als auch das Arrangement für Klavier und  Streichorchester gespielt, und im Januar 2020, kombiniert mit Mozart-Werken, für die Deutsche Grammophon als Album eingespielt. Das Album trägt – Überraschung – den gleichen Titel wie Lubimovs exakt 20 Jahre zuvor eingespielte CD-Produktion: The Messenger.

Leider wurde Silvestrov an den Grimaud-Einspielungen nicht persönlich mit einbezogen (zuletzt veröffentlichte DG eine Grimaud-CD mit 12 seiner „Stillen Lieder“). In der Gesamtheit ist es ein schönes Album, so äußert sich der Komponist selbst. Allerdings merkt er häufiger an, dass Veröffentlichungen bzw. Interpretationen seiner Werke nicht immer die nötige Aufmerksamkeit für all die wesentlichen Details zukommt – scheinen die Stücke auf dem Papier für viele Musiker/innen (und auch Hörer/innen, wie man liest) doch allzu simpel. Selbst einzelne ECM-Alben kann man kritisch sehen: Die Sechste Sinfonie (2007 veröffentlicht) etwa kommt eine Spur zu langsam (Silvestrov war bei der Aufnahme nicht anwesend), und zu dem Album Hieroglyphen der Nacht (da wirkte er an der Aufnahme im Jahr 2013 intensiv mit) äußert er sich kritisch darüber, wie die beiden Einzelinstrumente in der Mischung ins Verhältnis gesetzt werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass einen Komponisten solche Dinge beschäftigen, vielleicht sogar frustriere; schließlich  bleiben solche Ersteinspielungen quasi für die Ewigkeit. Das absolut genaue Hören und das sehr aufmerksame Achten auf alle noch so kleinen Details sind für Silvestrovs Musik essenziell.

Sehr glücklich dürfte er mit der zuletzt bei ECM zu seinem 85. Geburtstag veröffentlichten CD mit Chorwerken aus den Jahren 2014 bis 2016 sein, darunter seiner unmittelbaren Reaktion auf den Maidan 2014.

 
 
 


 
 

2023 15 Apr.

invited by nature art

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 6 Comments

 


 
 

 
 
 

[das sonnenlicht garantiert starke kontraste, wenn man mit dem smartphone fotos macht, aber für das abbilden strukturierter oberflächen ist mitunter fahles oder diesiges licht besser geeignet, so scheint es mir. schon immer war ich fasziniert von farbschichten, die beiläufig entstehen, und denen der prozess von entwurf und korrektur eingeschrieben ist, in der zeit und zufall eine ganz eigene freiheit formen, die nichts will, vielleicht auch deshalb entspannend wirkt auf geist und seele. ist das nicht paul klee, der mich hier zum verweil aufruft und zum kurzen kunst-trip einlädt mitten in der pampa? nun gut, miro hat auch seine hand im spiel, und loplop-maxe sowieso]

 

Diesmal hätte es ein parallel Reading werden können. Olaf hat es schon im Herbst gelesen; über einen Kommentar von ihm zu meinem Annie Ernaux-Post bin ich auf das Buch aufmerksam geworden. Nach dem zweiten Lesedurchgang wirkt bei mir noch vieles nach und meine Beschäftigung ist noch nicht abgeschlossen. Yoga von Emmanuel Carrère erschien vor einem Jahr in der Übersetzung von Claudia Hamm bei Matthes & Seitz. Beim Querlesen über ein paar Rezensionen und Reaktionen wurde mir klar, dass es sich um ein streitbares Werk handeln muss: Jemand hatte sich enthusiastisch bei einem Rezensenten einer renommierten Tageszeitung für einen Verriss bedankt, denn fast hätte er das Buch, das in einer Buchhandlung auslag, gekauft und so war ihm eine unnötige Ausgabe und enttäuschende Lektüreerfahrung erspart geblieben. Mein eigener Ausgangspunkt zum Titelthema ist eher bescheiden, stellt sich aber als durchaus ideale Lesevoraussetzung heraus: Abgesehen von ein paar geführten Meditationen auf Jugendfreizeiten mit dem üblichen, imaginären beschwerlichen Weg durch eine wundersame Landschaft zu einem alten weisen Mann, der mir einen von mir selbst formulierten, tiefgründigen Rat gibt, war mein Einstieg um die Jahrtausendwende das schöne klassische Yogabuch von Anne Elisabeth Röcker, in dem zu jeder Übung die Heilwirkungen auf den Körper beschrieben werden. Eine Routine sind die Asanas damals aber nicht geworden. Gertrud Hirschi, deren Bücher ich erst vor einem Jahr entdeckt habe, bezieht die geistigen und seelischen Ebenen stärker mit ein, was mich fasziniert, zumal einige Wirkungen tatsächlich eingetreten sind. Unbeweglich in Meditationshaltung herumzusitzen ist allerdings gar nicht mein Ding. Und warum soll es richtig sein, etwas zu sehen, wie es angeblich ist, und es nicht zu bewerten? Führt das nicht zu Passivität? Hält es mich von Interessanterem ab? Ich schwanke, so bin ich eben. Ein Lieblingssatz aus Carrères Buch. Ein charakteristischer Satz.

Geplant hatte Emmanuel Carrère ein heiteres, feinsinniges Büchlein über Yoga, womit er sich seit 30 Jahren beschäftigte, ein Werk, dem er den Titel „Ausatmen“ geben wollte. Doch es kam anders. Im Januar 2015 war er Teilnehmer eines Vipassana-Meditations-Retreats im Morvan, einer gebirgigen Region eineinhalb Bahnstunden südöstlich von Paris, um abgeschnitten von der Außenwelt ohne Ablenkungen durch technische Geräte, Bücher und Schreibzeug zehn Tage lang täglich zehn Stunden zu meditieren, zu schweigen und Inspiration für sein Buch zu finden. Nach vier Tagen wurde Emmanuel Carrère jedoch aus der Abgeschiedenheit herausgerissen, weil er die Trauerrede für einen Freund halten sollte, der bei den islamistischen Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo, die in Frankreich dem nine eleven entsprechen, ermordet wurde. Eine von zahlreichen drastischen Wendungen im Buch.

Emmanuelle Carrère schätzt Autoren, die so schreiben, wie sie denken, und auch sein Yogabuch entfaltet sofort einen Sog, der andauert und es, wie jedes gelungene Kunstwerk, in eine eigene Erfahrung verwandelt. Ich schreibe Yogabuch, aber der Titel weckt Erwartungen, die nicht erfüllt werden, jedenfalls auf den ersten Blick nicht. Ein wiederkehrendes Element des Buches besteht dann auch darin, einen passenden Titel für das Buch zu finden. Schreiben, wie man denkt, bedeutet keineswegs etwas herunterzuschreiben: Alles in diesem Buch ist fein aufeinander abgestimmt und komponiert. Wenn ich zum Beispiel in einem der kurzen Kapitel über Ragas lese, dass man bei ihnen einerseits nie weiß, wo man sich gerade befindet, und andererseits immer im Zentrum ist, so lässt sich dies auf die Lesesituation übertragen.

Was ist es nun geworden? Ein sinnliches, ehrliches, provokatives, zersetzendes und schonungsloses Buch über Yoga und Meditation, psychische Abgründe, Sex und Liebe, Freundschaft und – in diesem Teil weder provokativ noch zersetzend – über einen Schreibworkshop auf der griechischen Insel Leros. Und vieles mehr, sei es skizziert, angedeutet oder weggelassen.

Ein faszinierender roter Faden, der sich durch das Buch zieht, ist die Geschichte mit der Zwillingsfrau, mit der Carrère direkt nach einem Yogakurs am Genfer See eine bemerkenswerte Liebes- und Sexbeziehung beginnt. Die beiden treffen sich regelmäßig in einem Hotel einer Provinzstadt und verbringen einige Stunden zusammen, ohne auch nur ihre Nachnamen zu kennen und über das Leben, das sie außerhalb führen, zu sprechen. Ein geheimes Parallelleben, das für immer andauern sollte. Eine kleine Skulptur von Zwillingen, die ihm die Frau geschenkt hat, trägt Carrère wie ein Heiligtum mit sich. Er stellt die Figur während des Vipanassa-Retreats in seinem kleinen Bungalow auf. Schaut man nur eine Sache gründlich an, kann man darin alles entdecken: Die Unendlichkeit im Umriss einer kleinen Zwillingsskulptur.

Was Sie sonst noch im Buch erwartet: Eine überraschende Einsatzmöglichkeit für die Wolkenhände des Tai Chi. Gedanken zur twilight zone des tibetischen Bardo. Ein Hinweis auf die charismatische Schönheit des jungen Alain Delon in dem Film Rocco und seine Brüder von Visconti (der Film findet sich in voller Länge auf youtube). Mindestens ein halbes Dutzend Autorennamen und Buchtitel, die den typischen Geschmack eines gebildeten westeuropäischen Mannes, der in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre geboren ist, spiegeln.

War es korrekt von mir, den Autor des Buches mit dem erzählenden Ich gleichzusetzen? Um was für ein Genre handelt es sich? Fiktion, Essay, Autobiographie? Auf dem Schutzumschlag der deutschen Fassung steht „Roman“. Im Buch selbst findet sich keine Genrebezeichnung. Carrère betont mehrfach, dass er sich der Wahrheit verpflichtet fühlt. Gegen Ende des Buches offenbart er die wenigen fiktiven Elemente. Einiges an streitbarem Stoff hat der Autor ausgelassen.

Das Buch ist nicht nur eine völlig andere Einführung in Yoga und Meditation, es ist eine inspirierende, manchmal erschreckende, sicherlich auch streitbare und doch faszinierende Lebensreflexion eines Mannes, der weiß, was ihn bis zu seinem Tod begleiten wird: Yoga und Meditation, die Liebe und das Schreiben. Ich vermute, in umgekehrter Reihenfolge.

 

 

 
 

Das Schweigen der Lämmer

 

Ein Film der ständigen Grenzüberschreitungen und wechselseitigen Durchdringungen.
Auch die Kamera penetriert – Gesichter, Augen, in langen intensiven Einstellungen. Sie focussiert Grenzen, Gitterstäbe, Trennwände, die nichts zu trennen scheinen. Die Personen scheinen getrieben, die Grenzen ihrer Gefängnisse und die des eigenen Körpers zu überwinden, den anderen mit Worten zu durchbohren oder durch Gitterstäbe zu verletzen, sich in seinen Kopf zu begeben, sich den anderen im Wortsinne einzuverleiben oder in seine Haut zu schlüpfen.

Das ist der Trieb zum Kannibalismus: Sich den anderen auch physisch und nicht nur symbolisch einzuverleiben und zu verstoffwechseln, bis schliesslich keine Grenze mehr besteht – eine grandiose Verschmelzung bei Menschen, die keine Symbolisierungsfähigkeit entwickelt haben und im Konkretismus leben. In vielen Völkern isst man Tierhoden für die Potenz, oder zermahlene Tigerknochen und anderes magisch-phantasmatisch Aufgeladenes. So ist der Film ein Pandämonium an Grenzüberschreitungen in dem Wunsch, sich mit dem anderen zu vereinigen und in ihm eine unvergängliche Spur zu hinterlassen, zum Guten wie zum Bösen. Eine Pervertierung des urmenschlichen Wunsches, im anderen als Bild vorhanden zu sein und den anderen als inneres Objekt mit sich zu tragen.

Ein Patient in einer Therapiegruppe erzählte einen Traum, in dem er den Körper seiner Mutter, die ihn nie wirklich wahrgenommen hatte, aufschnitt und hineinkroch wie der Revenant in das tote Pferd mit den wiederholten Ausrufen „Ich will endlich rein“! Aber nicht zum Schutz oder als regressive Rückkehr in den Uterus, nicht um die Mutter zu zerstören (Küchenpsychologie), sondern aus dem Wunsch heraus, endlich wahrgenommen und als überdauerndes Bild in der Seele und den Gedanken der Mutter vorhanden zu sein. Von diesem Wunsch und seinen Aberrationen handelt dieser Film.

Was stört ist die Deutung von Hannibal Lecter, Clarice Starling sei nur darauf erpicht, Opfern zu helfen, weil sie die Lämmer ihrer Pflegeeltern nicht vor der Schlachtung hatte bewahren können. Eindimensionale Küchenpsychologie, ärgerlich in einem Film von beachtlichem Niveau. Oder nicht? Vor 30 Jahren wurde hier im Landkreis ein bekannter und beliebter Psychiater und Psychotherapeut von seinen beiden Söhnen (19 und 20 J.) brutal erschlagen. Der dritte Sohn, damals 12, war zugegen, aber nicht an der Tötung beteiligt. Der Fall schlug hohe Wellen und wurde sogar im SPIEGEL kommentiert.

Vor einigen Jahren brachte mir eine Patientin einen Brief ihres eigenen Anwalts, mit dem sie sich wegen des Honorars verstritten hatte und der ihr nun Sorgen bereitete. Der Anwalt forderte sie in sehr aggressivem Ton zur Begleichung auf, er betonte, er sei überall gefürchtet und auch höhere Kreise wüssten, wie „gefährlich“ er sei, alle würden sich vor ihm in Acht nehmen. Er würde sie schützen, wenn er das nicht mehr tue, würde sie von der Streitpartei dann ohnehin gelyncht werden.

Das Fazit war: Wenn ich meine schützende Hand von dir abziehe, wirst du erschlagen. Der Anwalt war der damals Zwölfjährige, der seinen Vater nicht vor dem Totschlag hatte schützen können und dies jetzt kompensatorisch wahnhaft-megaloman verarbeitete. Einige Zeit später wurde ihm der Anwaltstitel wegen seiner Ausfälle entzogen. Küchenpsychologie hat also auch manchmal ihre Berechtigung. Man verachte nicht die einfachen Erklärungen – die Lösungen sind dann freilich weniger simpel.

 

2023 11 Apr.

Scheunentore

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments

Big Bands im Jazz waren nie so meine Sache, was bedeutet, dass die Ausnahmen von solch dezenter Zurückhaltung sehr interessant sind, im Rückblick. Als ich, statt im Kindergarten rumzutollen, daheim morgens auf meinem roten Sitzkissen neben dem Kohleofen WDR hörte, gehörte die Big Band von Kurt Edelhagen nicht gerade zu meinem Erweckungserlebnissen. Ich war 5, aber nicht doof. Mir fehlte das Feuer in den Saxofonen (smartass in action!). Die ersten orchestralen Highlights meiner jungen Jahre waren zwei, drei Platten von Gunter Hampels galaktischer Traumband und eine Aufführung von Gustav Mahlers Erster Symphonie im Dortmunder Stadttheater. Und dieser verrückte Don Ellis! Das tiefe Hören geht eigene Wege, und sollte sich nie systematisch an ikonischen Werken abarbeiten. Wenn Duke Ellington dich finden will, findet er dich. Und so kamen sie mit den Jahren, die alten und die neuen Klassiker. Der Fahrstuhl über den Berg, Anthonys „Creative Music Orchestra“. Wildes Breitband, ungebändigt, aus dem Abseits (leftfield), wer kennt schon „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble?! Irgendwann rief Karl Berger – ein Seelenverwandter von Don Cherry –  in die Runde: „lasst eure Ohren gross werden wie Scheunentore“ – und alle Jahre wieder liess ich diese Satzung nachts vom Stapel. Und nun, – holla, die Waldfee – taucht mal wieder so ein Feuerwerk auf. Die Saxofone brennen. Die Musik schiesst aus allen Rohren. Wqs ist die Steigerung von Knaller und Burner? Knallburner! Ein wilder Wurf, angezettelt von klugen Köpfen, und gewiss keine reine Instinktarbeit. Auch kein postmodernes „mind jogging“. Mats Gustafsson. Fire! Orchestra. „Echoes“. Rune Grammofon. Mixed by Jim O‘Rourke. UND ES ROCKT, BABY! Ohrwürmer? Sowieso! Nachdem mich die erste Cd des Doppelalbums quasi umgehauen hatte, dachte ich mir: wie kann es hier noch eine weitere „Hälfte“ geben, die Schweden müssen verrückt sein. Zuviel des Guten? Fehlanzeige!  Wer sich aufgrund meiner diskreten Empfehlung das Werk zulegt (die Vinyl-Variante umfasst drei Lps, schaut nach auf der Homepage von Rune Grammofon), wird die Antwort finden. Genial. Zwei Drittel volle Lotte, vier Vinylseiten – und dann: Fragmente pflücken, Tiefenentspannung im Showdown. En passant springt eine solitär tönende Berimbau auf die Bühne, das Echo trägt den „Nana“, Nana Vasconcelos, dessen Meisterwerk „Saudades“ (1980)  in diesen Tagen als überragende Vinyl-Edition von ECM auf den Markt gebracht wird. Und es macht Sinn. Ein anderes Echo befeuert Elvis. Genau den Elvis. Und Albert und der Hudson River sind auch nicht weit. Aber genug für heute, ich liste keine Echos für den Abspann. Man gehe am besten allein auf Schatzsuche. Wie war das noch mit den Ohren und den Scheunentoren!? Safe Journey!


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz