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2019 4 Sep

Die Linder Ebene

von: Hans-Dieter Klinger Filed under: Blog | TB | Tags:  7 Comments

Die Linder Ebene kennt hier niemand – da bin ich mir sicher. Aber die Po Ebene kennt man bestimmt, und die Norddeutsche Tiefebene auch.

Die Linder Ebene ist etwas Besonderes, nicht absolut, aber in Relation zu ihrer Umgebung. Meine fränkische Heimat ist reich an Hügeln, Bergen und sogar Gebirgen. Hoch oben – in Presseck etwa – hat man einen weiten Blick auf eine wellige Hochebene. Man sieht die tiefen, manchmal klammen Täler nicht, die von den Schmelzwassern des Frühlings hineingefräst wurden. Wo die vielen nach Süden abfließenden Bäche des Frankenwaldes und des Thüringer Waldes von größeren Flüssen wie dem Main geschluckt werden, sind die Täler begleitet von steilen Bergen.
 
 




 
 

Die Linder Ebene ist etwas Besonderes, weil sie im engräumigen fränkisch-thüringischen Bergland nicht ihresgleichen hat. Dieser weite, flache, von Bergen gesäumte Kessel fasziniert mich durch seine Offenheit und den rätselhaften Muppberg, der von allen Seiten wie ein Sarg aussieht. Lange konnte ich – unwissend – mir vorstellen, mich in einer Caldera zu befinden. Der Muppberg ein alter Vulkanschlot? Falsch.

Der Muppberg ist ein sog. Zeugenberg. Er erhebt sich aus der Ebene, weil er ein harter Brocken ist, welcher der Erosion widerstanden hat. Er scheint im Wesentlichen aus Sandstein zu bestehen. Das Umland wurde in langer Zeit von Wind, Wetter und Wasser zugerichtet, weggespült und aufgebaut.
 
 




 
 

Das ist die Steinach, kurz hinter dem Dorf Mupperg. Dieses Bächlein und ein paar andere haben die Linder Ebene hergestellt mit Sedimenten, die seit Hunderttausenden von Jahren aus dem Thüringischen Schiefergebirge angeschwemmt werden. Der Flussname drückt es aus: Stein-Ache bedeutet Steinfluss. Wegen der Trockenheit dieses Sommers ist es ein harmloses Rinnsal. Aber wenn die Schneemassen des Thüringer Waldes im Frühling dahin schmelzen und starker Regen mithilft, wird der Bach zum Ungeheuer. Besonders in früheren Zeiten, als die Winter strenger und die Flüsse noch kaum reguliert waren, geschah dies häufig. Eine Chronik von 1763 aus Oberlind berichtet:
 
 

Neujahr sind wir mit großer Mühe bis an die Kirche gekommen, haben zum Turm hinausgesehen und sind sehr erschrocken. Bei vielen Häusern lief das Wasser zum Fenster hinein, so daß viel Morast mit hineingebrauset. Drei Tage lang konnte kein Nachbar dem andern Hilfe leisten.

 
 

In meinen ersten Jahren in der Drei-Flüsse-Stadt Kronach habe ich ein solches Frühlingshochwasser gesehen. Da stand das Wasser an der Schwelle des Hotels Sonne.
 
 




 
 

Bevor der Mensch hier eine Kulturlandschaft schuf, war es ein nordisch anmutendes Feuchtgebiet. Sümpfe (Müß, wie sie in der Gegend heißen), Torfmoore und ein Artenreichtum an Wasservögeln und des Fluges nicht mächtigem Getier gaben der Gegend ihren früheren Charakter. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Trockenlegung des Areals. Diesen Teich hat man wohl vergessen.

Die Linder Ebene ist etwas Besonderes. Es ist mein Fahrradparadies, flach, die Wege mit gutem Belag und extrem wenig Autoverkehr, mit zwei zu Radwegen mutierten alten Bahnlinien. Doch wenn man Lust hat, kann man auch in die Gebirge hochfahren, welche die Ebene einkesseln. 500 Höhenmeter liegen zwischen Heubisch und Neuhaus am Rennweg. Immerhin 180 Meter Höhendifferenz sind es von Heubisch hinauf auf den Muppberg.

Um die Ebene zu überblicken, segelt man am besten mit dem Gleitschirm darüber hinweg. Zu fotografieren in der Totalen fällt nicht leicht. Man müsste in einem Haus am Südhang des Thüringer Waldes wohnen. Dort ist die beste Wohnlage Sonnebergs – gemessen an der Aussicht …
 
 




 
 

Jedoch am unmittelbarsten erlebt man das Gebiet mit den Füßen oder den Reifen auf dem Boden. Heute war ich zum zweiten Mal in meinem Leben auf dem Muppberg, dieses Mal mit dem Fahrrad. Bewegt man sich in der Linder Ebene, sind fotografisch nur kleine Teilbereiche erfassbar.
 
 


          

 
 

Der Fahrweg hinauf zum Muppberg beginnt an seiner Nordseite in Neustadt / Coburg an der Straße nach Ebersdorf. Für Kfz ist der geschotterte Weg gesperrt. Nur zur Versorgung der Arnoldhütte und anderer Einrichtungen dürfen Autos hochfahren. An einer Stelle – bei einer Haarnadelkurve – zweigt ein breiter Weg ab. Hier musste ich rasten. In der Kurve geht es ein paar Meter in Direttissima-Linie aufwärts. Auf dem Schotter drehte mein Hinterrad durch. Ich habe leider kein Allradrad. Ein E-Bike habe ich auch nicht, denn ich radle beyond mainstream. Deshalb musste ich ein paar Steilstücke schieben. Oben gibt es einen Aussichtsturm, von dem ein Blick in die Linder Ebene möglich sein sollte. Leider war die Türe verschlossen. Aber ein Bild des Muppbergs von oben, wie ein Gleitschirmflieger ihn sieht, kann ich am Ende doch noch anbieten.
 
 


          

 
 

Zum Schluss zeige ich den letzten Berg, den ich an diesem Tag in Angriff genommen habe. Trotz der Höhen kann ich mir vorstellen, dass Norddeutsche-Tiefebene-Radler Gefallen finden an der Linder Ebene.
 
 




 

This entry was posted on Mittwoch, 4. September 2019 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

7 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Was für eine Einladung ins Hinterland, das für mich, im Januar 1975 etwa, so nah war und doch unerreichbar, es existierte einfach nicht auf meiner ganz privaten Landkarte. Ein Fahrrad hatte ich auch nicht mehr. Damals hatte ich einen atlasweissen VW 1303, und war in Würzburg zum Studieren angekommen.

    Ich teilte mir das Doppelzimmer 510 mit David Webster, und allabendlich, sehr oft jedenfalls, hörten wir von Kassette das damals schon einige Jahre alte White Album. Ich hatte Jazzpodium und Dowbeat im Abo, kaufte mir so gut wie jede ECM-Neuerscheinung, und als Keith Jarrett von dir ins Steinachtal, nach Kronach geholt wurde, in jenem Januar 1975, waren die von dir beschriebene Landschaften sowie das Hotel Sonne gerade mal 135 Kilometer nordöstlich, ein Katzensprung wäre es gewesen.

    (Ich habe richtig Lust, das E-Bike aus dem Toyota zu schnallen und die Anhöhen zu erklimmen. Und das ist tatsächlich noch Frankenland?! Würzburg ist ja in Mittel- oder Unterfranken, so was merke ich mir nur schlecht, i don‘t know much about geography, shame on me)

    Ich habe sehr präzise Erinnerungen an dieses erste Semester in Psychologie in Würzburg, Orte, Bücher, Platten, Fränkische Weinstuben, der Studentenkeller, Angehimmelte, Werner Herzog-Filme im Audi Max – ein Anruf im Internationalen Haus in der Friedenstrasse 2 hätte genügt, Herr Kopka an der Pforte hätte durchgestellt zum fünften Stock – und ich hätte im Hotel Sonne ein Einzelzimmer bestellt, damals im Januar. Andrea schien für mich unerreichbar, aber eine Serie fantastischer Jazzkonzerte, das wäre kinderleicht gewesen.

    Wenigstens sah ich ein paar wenige dieser grossartigen Bands in Münster, in den Mittsiebzigern, Gateway und Jan Garbareks Quartet, Gary Burton und S.O.S., und auch Oregon – und ich weiss noch, dass ich das Köln Concert im Amsterdam Record Shop kaufte, gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof.

    Gruss aus Kristiansand. Steve Tibbetts kommt heute an. Er spielt in der Kathedrale.

  2. Jochen:

    Thanks for the insight into your „cycling paradise“, Hans-Dieter.

    Very tempting – with high quality pictures as well, trickily presented.

    PS. Statt Linder Ebene gibt´s hier den Lindener Berg :)

  3. Rosato:

    Wie hoch ist er?

  4. Jochen:

    Neunundachtzig Meter über NN.

    (kommt mir höher vor)

  5. Michael Engelbrecht:

    Das unterste Foto funktioniert als Verkleinerung wie ein projektiver Bildertest. So ähnlich wie Rorschach. Ich habe erst erkannt, was es ist, als ich draufklickte, und es sich in voller Pracht zeigte. Vorher sah es für mich aus ein gewagtes Frauenporträt mit weitem Ausschnitt und leicht kubistischem Einschlag. Was ein Spaghetti-Eis so alles hergibt!

  6. Rosato:

    89 Meter über NN können den Wind nicht bremsen. Der Wind ist das Bergland des Ebenen-Radlers. Gegen den Wind fahren ist oft schlimmer als bergauf radeln.

  7. Jochen:

    Absolutely right, Rosato. So the clever ones play wind games. Riding with the wind like sailors. Headwinds usually I appreciate as a fitness factor. But there is one condition for this games: the absence of any time pressure.

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