Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 11 Apr

Was wäre wenn …

von: Uli Koch Filed under: Blog | TB | Tags:  | 8 Comments

… man Radiergummis, Kalbellitzen, Schrauben, Butterbrotpapier, Alufolie, Holz, Filz und Kork, kleine Metallgegenstände, found objects, akademisches Treibgut und anderes schwer Vorstellbares nähme um damit John Cage’s Versuch einem Konzertflügel neue Flügel zu geben mit apokalyptischen Phantasien zu neuen Horizonten zu treiben? Wenn diese neuen Klangräume nicht nur allerlei sonderbare Klangfarben enthalten würden, sondern einen Rhythmus, einen Puls, einen sogartigen Groove, der nur durch gelegentliches zartes Oszillieren und Zirpen unterbrochen wird, um dann sich gleich wieder treibend neu aufzubauen? Und das alles noch eine kaum identifizierbare elektronische Würze bekäme?

Dann wäre man im düsteren Herzen der Abandoned Cities, in den noch nachglühenden Reaktoren, die alles Wasser verdampft, die Bäume in Buchseiten verbannt und alles Vertraute zum Verschwinden gebracht haben. Ein musikalisches Exil? Das, was sich in Harold Budd’s Abandoned Cities noch bedrohlich und präapokalyptisch angehört hat und in Hauschka’s gleichnamigem Werk zu einem Rundgang durch zerfallende Städte wurde, ist nun einen Schritt weiter nur noch eine Erinnerung an die Vitalität des Zerfalls und des Lebens davor. Denn die Kinder leben längst auf dem Mars und ich habe noch über neunhundert Jahre vor mir …

Als Sohn einer Musiklehrerin hat mich Musik von Kindheit an begleitet. Aber das war, durchaus zum Leidwesen meiner Mutter, nicht unbedingt die klassische Musik: bei Mozart und einigen Romantikern verspüre ich heute noch eine leichte Übelkeit, von der Langeweile des tausendmal Gehörten ganz zu schweigen. Es war die Suche nach der Magie des Neuen, des noch nicht Gehörten und so entwickelte ich früh eine Faszination für experimentielle Musik und neue Klangräume, die sich mir zunächst in der elektronischen und psychedelischen Musik der 70er Jahre eröffneten, dann aber auch bald den Weg zum Jazz, besonders zur improvisierter Musik, aber auch ambienten Klängen fanden. So gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten Klavierunterricht auch hinreichend schwierig, weil es mir nur schwer gelang dem klassischen Reproduktionsgeschäft etwas abzugewinnen. Schließlich fand ich als 16jähriger eine Klavierlehrerin aus der damals sehr aktiven und brodelnden Wiesbadener New Jazz Kooperative, die mir zum Glück nicht nur „Literaturspielen“ beibringen konnte. Hier konnte ich über die Jahre eine Form des Improvisierens erarbeiten, die inzwischen viele Grenzen hinter sich gelassen hat und dennoch jedes mal wieder neue Herausforderungen findet. Wozu auch das Präparieren eines Konzertflügels – meist zum Leidwesen seines Besitzers und zur Freude des Publikums – gehört. So ist What if ein Eintauchen in eine zutiefst vertraute Welt von experimentellen Ereignissen, ein Heimkommen in ein futuristisches Haus, in dem die klassischen Regularien verwelkt auf dem Boden liegen und in jedem Raum anstelle von Bildern organisch artifizielle Klänge für die Atmosphäre sorgen. Und wenn die Musik einmal vorbei ist, läuft sie traumgleich einfach im Inneren weiter. Was wäre wenn …

 
 
 

 

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8 Comments

  1. Lajla:

    Die Klangbilder, die durch deine „Lumpensammlung“ entstehen würden, dürften interessant klingen. Für mich sind sie sehr inspirierend. Ich weiss nicht, ob Martina auch auf Zypern die abandoned villages besucht hat. Sie sind gerade das Gegenteil von den hier beschriebenen apokalyptischen Orten. Dort treffen sich Jugendliche aus beiden Teilen, wandern, campen … um gemeinsam die Schönheit dieser verlassenen Dörfer zu erkunden. With „Back to the Roots“ into a better future.

  2. Martina Weber:

    Lajla, ich empfand viele Orte auf Zypern als „abandoned“, nicht nur bei einer Autofahrt über die Berge von Nikosia zurück in den Süden. Dass es wirklich abandoned villages gibt, habe ich erst jetzt recherchiert. Varosha, zum Beispiel. Liegt im türkisch besetzten Teil Zyperns. Entry is forbidden to the public. Warst du dort?

  3. Lajla:

    Nein, Martina. Ich habe dir zum Thema eine Email gesendet.

    Verlassene Orte, Uli müssen ja nicht per se düstere Musik erzeugen. Es muss aber auch nicht die Mondscheinsonate hineinklingen. :)

  4. Uli Koch:

    Diese „Lumpensammlung“ ist der zentrale Teil von Hauschka’s What If und nicht nur meinen bescheidenen Experimenten. Und ersteres ist wahrlich sehr hörenswert.

    Das Düstere speist sich aus den Atmosphären, die Harold Budd und Hauschka aufbauen, was sich auch in den Covers und den Titeln ausdrückt. Bei der Musik empfinde ich das bereits weit weniger, wenngleich das komplexe Präparieren eines Konzertflügels für den Klassikpuristen schon mehr als ein Abgesang auf die immer mühsamer hochgehaltene Tradition ist.

    Auch wenn ich noch nicht auf Zypern war kann ich eure Faszination für die realen verlassenen Orte bestens verstehen. Ich habe sie, wenn immer ich sie vorfand mit Begeisterung begangen und nach Spuren neuen Lebens durchsucht.

  5. Lajla:

    Hauschka hat vor einem Jahr hier unangesagt in der Kunstakademie gespielt. Ich stand vor dem überfüllten Raum. Das nächste Mal werde ich bei seinem Heimspiel versuchen, einen Blick auf das präparierte Klavier zu werfen.

  6. Uli Koch:

    Du wirst staunen, was der so alles zum Einsatz bringt. Habe das nur mal in einem kurzen Kulturfeature im Fernsehen gesehen, wo Volker Bertelsmann ein bisschen zeigte, was man so alles mit einem Flügel anstellen kann …

  7. Martina Weber:

    Ich empfinde die „Abandoned Cities“ von Harold Budd gar nicht als so bedrohlich, sondern eher als beruhigend. Vielleicht habe ich sie auch nicht laut genug gehört, um eine Bedrohung zu empfinden, ich bin ja sehr rücksichtsvoll … ich bin aber auf dem Sprung, mir vernünftige Kopfhörer zu bestellen, um meine Hörerlebnisse zu intensivieren, vielleicht wird sich dadurch eine andere Wirkung einstellen.

    Danke für deine Mail, Lajla.

    Der Gedanke, dass sich junge oder auch jung gebliebene Leute in den Abandoned Cities in Nordzypern treffen, ist faszinierend. Die Fotos im Internet sind gruselig. Eine Geisterstadt, aus Neubauten.

  8. Uli Koch:

    In der Maiausgabe des Musikexpress findet sich ein schöner Artikel über Volker Bertelmann mit ein paar Bildern und Statements zu seiner Arbeitsweise…


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