In der Früh ist hier der Nebel aufgezogen, wer jetzt in einem Fesselballon durch die niederrheinische Luft gleitet, erlebt eine Geisterstunde. Der Samstag bringt eimen Schwall von Laubblättern mit sich. Der erste Schnee ist eine Frage von Tagen. Ich liebe das Geräusch voll funktionsfähiger Kaffeemaschinen, wenn eine Arabicasorte aufgebrüht wird. Plötzlich aber, stärker als alles andere, war der Wunsch, diese Platte zu hören, die sich in meinem Archiv schon viel zu lange versteckt hält, diese Platte, die der verrückte Phil ohne jeden Bombast produziert hat, ja, regelrecht nackt, auf dem Cover sitzen John und Yoko an diesem mächtigen Baum, und es war alles grün ringsum.
Archives: Oktober 2013
2013 12 Okt.
Sie sassen beide an diesem Baum, und es war grün
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
Freitagabend war es spaet geworden. Bis er von der Arbeit mit Bus und Bahn nach Hause durchgerutscht war, bis er gegessen hatte, sich die Ruhe der Wohnung auf ihn uebertragen hatte, bis er eingeschlafen war….
Auf 5 Uhr war sein Wecker gestellt. Aber am Samstagmorgen wachte er kurz vor 4 Uhr auf und konnte nicht wieder einschlafen. Er ahnte dass die Muedigkeit ihn spaetestens in drei bis vier Stunden wieder einholen wuerde. Er tappte in die Kueche, machte sich eine Tasse Kaffee und schaltete das Radio ein um sich in den Tag geleiten zu lassen.
Um 5 Uhr, als die Radiosendung zu Ende war, hoerte er noch die Nachrichten und schaltete dann das Radio aus. Er legte eine CD auf, die fuenf Minuten Nachrichten waren genug von dem was er aus der Welt da draussen hoeren und wissen wollte.
Um 6 Uhr 30 der Bus zum Bahnhof, dann der Zug zur Arbeit. Die fruehen Tagesstunden und die noch vorherrschende Dunkelheit liessen ihm Platz für eigene Gedanken, Traeumereien und Erinnerungen. Wie oft schon hatte er hier gestanden, auf den Zug gewartet? War hin und auch wieder zurueckgefahren? Wie ging es den Menschen die ihm am Herzen lagen? Man muesste mal wieder telefonieren, sich treffen…
Ueber Kopfoerer hoerte er Musik; das Geplapper der spaerlichen Zahl von Mitreisenden wollte er nicht hoeren.
Angekommen wartete er auf den Schliessdienst der ihn mit den anderen ins Gebaeude lassen wuerde. Langsam wurde es hell draussen. Er genoss die verbleibende Zeit und fuehlte sich ganz nah bei sich; bei sich und der Musik die ihn umfing. Mit Arbeitsbeginn wuerde sich diese Ruhe unweigerlich in ein Gemisch aus Durchsagen, laermenden Menschen und der Musik aus den einzelnen Ladenlokalen mischen.
In zehn Stunden geht es dann wieder zurueck: Die Fahrt nach Hause. Wieder in der Dunkelheit; wieder mit Musik die ihn begleitet, troestet und mit seinen Blicken in die Dunkelheit verschmilzt.
1) These New Puritans: Field of Reeds
2) Bill Callahan: Dream River
3) The Necks: Open
4) Ryuichi Sakamoto and Taylor Deupree: Disappearance
5) Sleaford Mods: Austerity Dogs
6) Marsen Jules Trio: Presence Acousmatique
7) L. Pierre: The Island Come True
8) James Blake: Overgrown
9) Dysnomia: Dawn of Midi
10) Jan Bang: Narrative from the Subtropics
11) The Haxan Cloak: Excavation
12) Seaworthy and Taylor Deupree: Wood, Winter, Hollow
13) Quercus: Quercus
14) Dennis Johnson: November
15) Stephan Mathieu: Un Coeur Simple
16) Tindersticks: Across Six Leap Years
17) Carla Bley: Trios
18) Pat Metheny /Tap: John Zorn’s Book of Angels Vol. 20
19) Lucian Ban & Mat Maneri: Transylvanian Concert
20) Mark Kozelek & Jimmy LaValle: Perils From The Sea
2013 11 Okt.
12. Oktober, Deutschlandfunk, die Zeit des Hahnenschreis
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
1 Steve Tibbetts: Kili Ki Drok, aus NATURAL CAUSES Nun verglich Steve die Musik mit dem Charme eines dreibeinigen Hundes, doch das ist pure Untertreibung. Es geht bei diesen Texturen nicht um den schnellsten Weg von X nach Z. Eine Geisterstrasse schlagen auch Taylor 2 Taylor Deupree and Ryuichi Sakamoto: Ghost Road, aus DISAPPEARANCE und Ryuichi ein, man hört den Wind übers Feld pfeifen, während es Aaron in eine grosse Fabrikhalle 3 Aaron Parks: Reverie, aus ARBORESCENCE verschlagen hat, er knüpft an legendäre Piano-Solo-Romantizismen der 70er Jahre an. Kann das gutgehen? Dieweil ereilen uns die fiebrigen wie feinnervigen Geschichten von Jan aus der Südsee, 4 / 5 Jan Bang: Flooded Corridors, und Melee of Suitcases, aus NARRATIVE FROM THE SUBTROPICS allerdings wird niemand eine klare Erzähllinie freilegen, zu sehr flattern die Ereignisse wie pointilistische Tupfer durch sonnentrunkene Räume, 6 Roscoe Mitchell: A Cactus and A Rose, aus DUETS WITH TYSHAWN SOREY, während in einer anderen Welt, die noch vor dem Art Ensemble of Chicago begann, Roscoe alles andere als flüchtige Töne seinem tief gelegten Horn entlockt, 7 Stefano Bollani & Hamilton de Holanda: O Que Sera, aus O QUE SERA und der gute Stefano mit Hamilton zusammen den alten Rausch brasilianischer Lieder neu entfacht. 8 Kayhan Kalhor & Erdal Erzincan: The Wind, aus KULA KULLUK YAKISIR MI Der Wind schlägt mehrfach um in dieser Stunde, und er geistert schon seit tausend Jahren durch orientalische Höfe. Und alles kommt zu einem guten Ende, wenn Burkhard die Fieberkurven (die Klanghorizonte scheinen diesmal unter erhöhter Temperatur zu leiden) Turner’scher Gemälde mit speziell präparierten Gitarren einfängt. 9 Burkhard Stangl: Unfinished – Sailing, aus UNFINISHED. FOR WILLIAM TURNER, painter.
(Vorproduziert mit Stimmbandkartarrh, kein Whisky, keine Drogen involviert:))
2013 11 Okt.
Liste, ein paar Sätze 4
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Jakob Bros neuestes Werk December Song, der letzte Teil einer Trilogie: ich habe es mir angehört und HIER darüber geschrieben. Lee Konitz klang noch nie so gut (er war wohl selbst am meisten überrascht). Mit von der Partie: Bill Frisell, Thomas Morgan und Craig Taborn.
Und dazu noch ein wunderbarer VIDEO von Sune Blicher im Avatar-Studio in New York aufgenommen.
Zur Release-Veranstaltung im Kopenhagener Restaurant Mielcke & Hurtigkarl gab’s Reworks von einer Reihe von Stücken der zwei ersten Albums der Triologie Balladeering und Time ausgeführt von Trentemøller, Opiate, Mikael Simpson, Skuli Sverrisson, Mike Sheridan, Den Sorte Skole, Steffen Brandt, Teitur, Anders Mathiasen und Maria Laurette Friis.
‘Rework’ oder auch ‘Rebuild’ ist die Bezeichnung, die Thomas Knak für die Remixes auf dem letzten Bro-Album Bro/Knak gebrauchte. Dieses Album enthält sowohl elektronische Rebuilds als auch instrumentale Variationen, u.a. eine eindrucksvolle siebzehnminütige Piano-Variation von Paul Bley. Auch Kenny Wheeler ist in einem Stück zu hören.
Mielcke & Hurtigkarl ist ein exquisites Restaurant im Kopenhagener Stadtteil Frederiksberg mit einer speziellen Verbindung von Cuisine und Musik. Dazu mehr in meinem Bericht HIER.
2013 11 Okt.
Liste, ein paar Sätze 3
Henning Bolte | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Jan Bang hat auf unserem letzten Pianolab.Amsterdam im September im Amsterdamer Bimhuis gespielt. Es wird in absehbarer Zeit ein Video geben.
Im Anlauf dazu habe ich ein Radioprogramm unter dem Titel Motianesque zusammen- gestellt. Motianesque 1 ist hier über zwei Klicks ON DEMAND zu hören (95% Musik).
Tigran Hamasyan hat im Amsterdamer Bimhuis sein Schattentheater aufgeführt. Mit Areni Agbabian (voc), Charles Altura (g), Sam Minaie (b-git), Arthur Hnatek (dr). Erstaunliche Energien, die er freisetzt, erstaunlich, was in der dabei wirksamen Dramaturgie aufeinandertrifft und aufeinander einwirkt. Wird noch drüber zu schreiben sein. Michael hatte ja schon in Kristiansand mit Tigran geredet. Ich hab’s in Amsterdam fortgesetzt. HIER ein erster Bericht. Auf Niederländisch erstmal (Google Übersetzung hilft). Demnächst Besprechung des Albums Shadow Theatre.
2013 10 Okt.
Across Six Leap Years
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 4 Comments
Die neue Arbeit der Tindersticks ist zwar im Grunde alte Musik, aber wie hat es Thelonious Monk gehalten mit seinen Stücken, eben, auch er hat sie wieder und wieder aufgenommen. Und nun haben sich das mal die Tindersticks geleistet, feinsinnigste Melancholiker unter britischer Herbstsonne, Lieder aus ihrem Werkeverzeichnis neu eingespielt. Weder besonders neutönend noch elektrifiziert noch als extended mix, eher in schlichter Lust und Beiläufigkeit. Sie bereisen mit diesen aufgefrischten Erinnerungen europäische Theater, die wie für ihre Musik geschaffen sind, unter anderem den Berliner Admiraalspalast, wo ich sie erleben werde. Wir Tindersticks-Hörer brauchen nicht viele Dinge zum Glück, einen heftigen Regenguss vielleicht, einen warmen Pflaumenkuchen mit Hefeteig, guten Sex an fremden Orten, die Aussicht von Hampstead Heath, eine sanfte Landung auf dem kleinen Flughafen von Nizza, die dritte Staffel von Homeland im Gepäck, spät am Abend einen Caipirinha im Pool, die definitive Version von „I Know That Lovin“ (die haben wir jetzt!), oder eine Nachricht von Freunden an der Rezeption. Oder eine Kindheitserinnerung, in der man den Toten noch einmal „hallo“ sagen kann, „hello, with love“. Gute Nacht, legen Sie die neue Tindersticks auf mit den alten Liedern, und träumen Sie gut!
Auf dem Weg nach Sjøbygda in der Sør-Trøndelag Region. Letzter Laden, bevor’s richtig silvanisch wird.

Nun geht’s über kurvenreiche Schotterwege tief in den Wald. Nach circa vierzig Minuten erreichen wir Eggaodden Skole, das alte Schulhaus, 1893 errichtet. Bis 1956 hat es Dienst getan und die folgenden fünfzig Jahre des eingetretenen Fortschritts hat es leergestanden. Hier im vorgefundenen Status.

Dann den Weg weiter hinunter zum Seeufer. Dort befindet sich Bekkastoggo, an einem kleinen Gebirgsbach gelegen. Das Haus war bis 1956 von zwei Schwestern bewohnt und stand danach ebenfalls fünfzig Jahre leer. Hier im vorgefundenen Status.

Bis Eldbjørg während eines persönlichen Umbruchs eines Tages hierhin fand, den Ort für sich entdeckte, sich seiner annahm und einen schnellen, wilden Entschluss fasste. Auf der Stelle kaufte sie beide Häuser. Zwei Tage später war alles unter Dach und Fach und konnte die Verwandlung beginnen. Die natürlich ein längerer Weg bis zum heutigen Status war.

Im alten Schulhaus treffe ich die Vokalistin Kirsti Huke und den Saxophonisten Tore Brunborg von der Gruppe Scent of Soil, die hier in der Abgeschiedenheit für einige Zeit an neuen Stücken gearbeitet haben. Sie werden sich am nächsten Tag mit den anderen Bandmitgliedern, Gitarrist Petter Vågan, Bassist Rune Neergaard und Schlagzeuger Gard Nilssen tausend Kilometer weiter nördlich im subpolaren Tromsø vereinigen, um zusammen Neues zu spielen.

Brunborg/Huke/Vågan/Nergaard/Nilssen – Scent Of Soil. Hubro 2513
Ich hätte, wäre, könnte, wollte.
Ich habe, bin, kann, will.
Ich möchte, würde.
So viele Welten, so viele Vorstellungen, so viele Geschehnisse, so viel. Viel und viel, so viel oder so viel.
Nicht mehr als eine Liste. Nicht eine Liste. Mehr Liste. Liste. List. Liest.
KRISTIANSAND. Ich habe Kristiansand gesehen und gehört. Punkt, ja. Noch immer voll davon. Wird sich noch artikulieren, manifestieren.
TRONDHEIM. Ich habe Trondheim gesehen und gehört, ja. Was dort geschah, darüber kann man HIER etwas lesen.

SJØBYGDA. Dann bin ich mit Eldbjørg Raknes nach Sjøbygda gefahren. Sjøbygda liegt tief in den Wäldern am Selbusee, südöstlich vonTrondheim. Eineinhalb Stunden Autofahrt. Dort arbeiteten gerade Kirsti Huke und Tore Brunborg. Sjøbygda ist eine neue, von Eldbjørg aufgebaute Künstler-Residenz. Stian Westerhus hat hier seine Bleichen Pferde gefunden und Paal Nilssen-Love hat hier die Bäume rascheln lassen. Darüber gibt’s mehr zu erzählen. Demnächst.

ELDBJØrg RAKNES. Eldbjørg Raknes, Vokalistin, stellt gerade ihr neues Album Open fertig, an dem sie mit Audun Kleive gearbeitet hat.

Gibt es eigentlich bei Konzerten nachvollziehbare Kriterien für die Kombination einer Vorgruppe mit dem Hauptgast? Müsste es nicht das mit der Musik verbundene Lebensgefühl sein, wenigstens tendenziell? Die Veranstalter beweisen da nicht immer ein Gefühl für gelungene Deals. Bevor The Veils am 14. Juni in Frankfurt auftraten, spielte eine sehr modebewusst gekleidete Jungsband, deren Namen ich übers Internet nicht mehr ausfindig machen konnte. Einer der Musiker war vor allem damit beschäftigt, seine – natürlich absichtlich – immer weiter herunterrutschende Jeans im Auge zu behalten, was sich ein bisschen auf die Kontrolle seines Gitarrenspiels auswirkte. Irgendwie klang das alles so fröhlich und so gar nicht nach The Veils. Wenn sich der Bandleader nicht nach jedem Song so herzerweichend charmant beim Publikum bedankt hätte, wäre es nicht zu ertragen gewesen. Von The Veils habe ich am Ende die Setlist mitgenommen, eine kleine Devotionalie. Ganz unten steht „NUX“, die Abkürzung für Nux Vomica, übrigens der Name eines homöopathischen Medikamentes gegen Übelkeit. Diese Arbeit sollten Sie sich unbedingt anhören.