Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the month Juli 2011.

Archives: Juli 2011

2011 3 Juli

A Dublin Accent

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 3 Comments

Once hitchhiking in Ireland, an elderly couple picked me up. After a while of nice conversation the Lady turned her head and asked me, who was sitting on the backseat
of the car: „Are you from Dublin, Dear? You´ve got a Dublin Accent!“

I was astonished and replied: „No, Lady, I´m not irish – I am from Bremen, Germany.“
„Oh, really? Then your English is quite good“ and to her husband she said:
„He definitely has a Dublin Accent, hasnt´t he?“

I felt a little proud and took it as a compliment for years – unless one day, by chance,
i heard a Dubliner speaking in his native language and it hit me like a stroke: he sounded like a stranger, speaking in a strange language. He sounded like a guy from Bremen, who speaks like tripping over a sharp stone; who speaks like not speaking english very well.

2011 2 Juli

72 Stunden / Der Mandant

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Comments off

Zwei Spannungsfilme aus Hollywood, die in der deutschen Filmkritik ein geteiltes Echo fanden. Ich schlage mich auf die Seite der Befürworter.  Gekonnt inszenierte Thriller sind das, die jedem Detail,  jeder Szene, Aufmerksamkeit schenken. So gelingt es in beiden Fällen, den Raum unter der Oberfläche des Atemlosen zu öffnen: die Vereinbarkeit von Charakterstudie und vorwärtstreibender Handlung ist ihr Gütesiegel. In beiden Fällen entwickeln sich die männlichen Protagonisten: der Rechtsanwalt erscheint anfangs als kalter Zyniker (mit einem Muskelbody, der ihn eigentlich zum idealen Nachfolger trashiger Steve Segal-Filme macht), und erhält im Lauf des Films immer mehr Sympathiepunkte und Brüche. Man kann hier einer Fassade beim Bröckeln zuschauen.  Der Lehrer ist der klassische normale Bürger, der in der Not über sich hinauswächst. Die Qualität der beiden Thriller wird noch gesteigert von der Musik, von durchweg hervorrragenden Darstellern. In DER MANDANT sind der Fahrer des Anwalts und der befreunde Privatdetektiv eine Nummer für sich, in 72 STUNDEN die weibliche Hauptdarstellerin. Der eine ist ein Remake (was seiner Qualität keinen Abbruch tut), der andere  die Verfilmung eines gut recherchierten Romans von Michael Connelly.  Clint Eastwood ist es vor Jahren sogar mal gelungen, einen weitaus weniger überzeugenden Connelly-Roman in einen guten Film zu verwandeln. 72 Stunden gibt es schon als DVD und BluRay, Der Mandant läuft derzeit in den Kinos. Die Schauplätze beider Filme sind aus unzähligen  Filmen vertraut.  Dennoch wirken sie nicht wie eine sterile Bühne, allem kalten Licht, allen abgenutzten Dejavues zum Trotz.

Bright's Passage: A NovelSo Runs the World Away

Ich habe den Roman noch nicht gelesen, aber weiß, dass Motive daraus in sein letztes Album eingeflossen sind, SO RUNS THE WORLD AWAY. Der alte Dampfer auf dem Cover der CD gibt schon mal Ton und Richtung an. Und erinnert mich an eine alte Taschenbuchausgabe von Mark Twains Mississipi-Erkundungen. Auf diesem Album werden  Landkarten studiert, Berge bestiegen und der Südpazifik erkundet. Die Protagonisten bewegen sich vorrangig durch verlassene Zonen, und selbst mitten in einer brodelnden Metropole träumen sie von einer neuen unbekannten Welt. Josh Ritter hat sich im Vorfeld dieser Arbeit vertieft in alte Schriften von und über besessene Gelehrte und skurrile Forschungsreisende früherer Jahrhunderte. Und dieses Völkchen mit ins Boot genommen seiner Reise-, Liebes-, und Mordgeschichten, in denen sich die Welt auf höchst unterschiedliche Weise verflüchtigt. Hätte er nicht selbst den perfekten Titel für das Album gefunden, hätten auch zwei andere Titel Sinn gemacht, welche die Musikgeschichte allerdings schon vor Jahrzehnten archiviert hat: BEFORE AND AFTER SCIENCE, und SONGS OF LOVE AND HATE.

Musikalisch darf sich Ritter glücklich schätzen, eine Band um sich geschart zu haben, die ihn bei diesem Meisterstück einfallsreich unterstützt. Im Begleitheft der CD (das uns rasch in die Schwingungen alter Zeiten eintauchen läßt)  sind nicht nur die Texte abgedruckt, sondern auch für jeden einzelnen Song die Instrumente aufgelistet. Wenn Josh Ritter auf seiner Homepage erzählt, daß er auf SO RUNS THE WORLD AWAY gleichsam mit Öl auf großer Leinwand agiert habe, geben ihm die mit Bedacht gewählten Klangfarben all der Mellotrone, Fender Rhodes Pianos, Ukulelen, Vibraphone, Omnichords, Kontrabässe und Englischhörner nur Recht, die das klassiche Singer/Songwriter-Set erweitern. Und er hat dabei kein bisschen dick aufgetragen.

Eine im 19. Jahrhundert angesiedelte love story zwischen einer Mumie und einem Archäologen (THE CURSE) ist das Kernstück des Albums. Ritters Lieder haben mitunter ein episches Ausmaß, er meistert auch diese Klippe: geschickt setzt er in längeren Texten Spannungs-und Reizpunkte. Surreal geht es zu, wenn Ritter in FOLK BLOODBATH einen Song von Mississippi John Hurt aufgreift, und über dieser ewigalten Melodie die Geschichte des Mordes an einem Liebespaar erzählt. Der Killer erinnert an das Ungeheuer in Cormac McCarthys NO COUNTRY FOR OLD MEN: -Stacklee shot Louis in the back of his head / the angels laid him away / Stackalee said to Louis, Oh now do not grieve, I-m sending you to Delia you won-t ever have to leave.

Wer meint, auf diesem Album sei man ja ganz gut unterwegs zwischen Finsterwald und Twilight Zone, sei beruhigt: ähnlich wie THE NATIONAL auf ihrem fiebernden Songreigen HIGH VIOLET, findet auch Josh Ritter Auswege aus allzu endloser Nacht, ohne dabei auf die Trickkiste künstlicher Besänftigung zu setzen. Einmal gar, auf dem kurzen SEE HOW MAN WAS MADE, zieht er, in der Beschwörung häuslichen Glücks, einen entfernten Verwandten von Neil Youngs A MAN NEEDS A MAID aus dem Hut. Dieses Stück von HARVEST galt ja stets als leicht grenzwertig:) Wer aber zwischen den Tönen hören kann, merkt, daß dies keine bürgerliche Phantasie ist, sondern eine Sehnsuchtphantasie all der hier unter Sternen herumgeisternden Figuren.

Auch stimmlich ist Josh Ritter in Hochform. Ganz gleich, ob der Song nun balladesk ist oder rockendes Gewitter, findet er den eigenen Ton, in dem entfernte Verwande kurz aufleuchten: ein Hauch von Paul Simon in LARK, eine Mischung aus Bob Dylan und Donovan in LANTERN. Das mindert aber nicht die Wucht und die Originalität, mit der Josh Ritter all diese Songs ausbreitet. Die, die denken, daß alle Geschichten schon erzählt worden sind, alle großen Lieder gesungen, werden hier mit einer Einladung Erster Klasse versorgt: der alte Dampfer, ladies and gentlemen, steht schon bereit!

2011 1 Juli

Das Mana des Verdachts

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | Comments off

Als der Komponist Wolfgang Rihm einmal gefragt wurde: „Wie kommt das Neue in die Welt, Herr Rihm?“ antwortete dieser: „Ja, es gibt doch bereits den großartigen Essay von Boris Groys, lesen sie doch den!“ Ich schöpfte Verdacht, wollte wissen, wer der Genannte sei und bekam es bald heraus: gemeint war damit ein russischer Philosoph, Kunstkritiker und Medientheoretiker und dessen Buch „Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie“.

„Wann und warum wandert Kultur nicht ins Museum, sondern auf den Müll?“ – mit dieser für Kulturschaffende, Kritiker und Rezipienten gleichermassen interessanten Frage befasst sich dieses Fischertaschenbuch mit edelweißem Cover und einem Foto drauf von Duchamps Pissoirs – und wir ahnen schon: diese beiden Pissbecken haben es geschafft. Sie haben auf wundersame Weise eine dauerhafte Aufwertung erfahren, die sogar den zum Millionär gewordenen Tellerwäscher wohl noch in den Schatten stellt.

Jeder Mensch weiß: auch die Mona Lisa ist von Verfallsfrist nicht betroffen. Zeugt ihr Lächeln von der Gewißheit, dass ihr der Logenplatz im Louvre nicht zu nehmen ist – bis in alle Ewigkeit? Es ist anzunehmen. Von Boris Groys gibt es noch ein anderes Schmankerl für alle Interessenten von Kulturdynamik: „Die Politik der Unsterblichkeit. Vier Gespräche mit Thomas Knoefel“. Auch dieses Buch weist auf das Wandern kultureller Werte hin und ist in seiner Form des Dialogs (man denkt an Sokrates und seine Schüler) befruchtend:

 

Boris Groys: „Was ist Mana? Wir haben schon darüber gesprochen, wie der Verdacht funktioniert. Ich sehe ein Ding und plötzlich habe ich das Gefühl, dass es nicht bloß ein Ding ist, sondern das in oder hinter ihm etwas steckt, was gefährlich ist oder was mich verfolgen oder vernichten kann. Die Metaphysik ist, wie gesagt, eine paranoidale Haltung ohne Paranoia. Das Mana ist also nur ein anderer Ausdruck für den metaphysischen Verdacht.“

 

Hitchcock-Kenner wissen: dieses Auto; diese Vögel; dieses Haus da  … – etwas stimmt damit nicht, etwas prickelnd Unheilvolles wartet. Und die kluge Eule in den dunklen Wäldern von Twin Peaks ist stiller Zeuge. Glücklicherweise nähert sich meist irgendein Detektiv oder sonstiger Held stellvertretend für uns der Gefahr, but: no risk, no gain. Dies Das-kommt-mir-aber-verdächtig-Vor gilt aber nicht nur für Bedrohliches. Der Verdacht kann sich auch auf eine positive, vielversprechende Ausstrahlung (charisma) beziehen, auf ein Kultobjekt etwa; einen Fetisch; ein Amulett – irgendetwas von Bedeutung oder Reiz (something relevant or kinky).

 

Boris Groys: „Und die Menschen, die dem Mana folgen, gewinnen am Ende. Wie die Heiligen drei Könige, die dem Stern folgen. Das alles sind Bilder für das Mana, für den metaphysischen Verdacht. Es ist immer das Gleiche: Wenn man das Mana sieht, wenn man einen Stern sieht und erkennt, dass er sich bewegt, dass er von einem Ort zum anderen zieht – dann soll man ihm folgen, wenn man erfolgreich sein will“.

 

Geradezu märchenhaft erhaben mutet solches an. Der wanderlustige Sänger David Sylvian könnte hierzu passend singen: „And where are the stars? Didn´t she promise us stars?“ Ich werde den Verdacht nicht los: seine Musik hat Mana, seit nunmehr dreissig Jahren, nicht erst seit Manafon. Doch, doch, die gute Fee führte ihn sicher in das Morgenland …


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz