Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: April 2011

Vom Stocken und Fließen der Lieder, so ließe sich das neue Album am besten beschreiben . TKOL setzt unbeirrbar den Weg fort, den KID A erstmalig formulierte: durchtriebene Songs mit vorzugsweise ungerader Rhythmik, sperrigem elektronischem Untergrund, undefinierbaren Gefühlslagen. Radiohead weigern sich, das Stadium der Gediegenheit zu erlangen. Die diversen Mitglieder gehen gerne mal solo: J. Greenwood (dessen akustische Gitarrenklänge, zusammen mit alten Can- Stücken, derzeit den Soundtrack einer Murakami-Verfilmung anreichern) und P. Selway (dessen letztjähriges Soloalabum mehr Nick Drake als Radiohead enthielt, und zu verzaubern wusste) finden aber immer wieder zurück zu Radiohead. Gut so.

Nach wie vor mit dabei ist der Produzent Nigel Godrich (der, das sei mal nebenbei bemerkt, das beste Paul McCartney-Album der letzten 20 Jahre produziert hat). Jetzt bringt er das Kunststück fertig, das vielleicht zugänglichste Album der Band mit so viel Finesse auszustatten, dass man beim x-ten Hören Sounds und Schichten entdeckt, die beim ersten Mal gewiss entgangen sind. Wie geschickt etwa im Eröffnungssong Bloom eine Jazzbläsereinlage (ein Hauch von Fela Kuti) tief gelegt wird, ist exzellent. Nigel Godrich ist ein Meister im Verbergen des Offensichtlichen: nichts erschöpft sich in oberflächlichen Effekten.

– I would shrink and I would disappear / I would slip into the groove / And cut me up. Thom Yorkes Stimme bleibt eine Bereicherung: mal treibt er die Selbstauflösung des Sängers voran, mit diversen Arten des Seufzens und und Summens, mal thront seine Stimme fast majestätisch über allemal unsicherem Boden: auch das ist Kunst, alles Pathos, kaum dass es sich andeutet, ins Leere laufen zu lassen, oder zumindest jedem Überschwang das triumphierende Moment zu entziehen.

Die Natur (als Unheimlichkeitsort, aber auch als Zuflucht) spielt eine Hauptrolle, ebenso das durch weite Räume driftende Ich. – There is an empty space inside my heart, / Where the weeds take root (Lotus Flower). Die Geographie ist unklar, auch die Emotion des Sängers: ein irritierendes, zugleich faszinierendes Pendeln zwischen Urängsten und Sehnsuchtsstoffen. Die karge Lyrik bereichert widerspenstige Lieder: – Good morning Mr. Magpie / How are we today? / Nou you have stolen all the magic / Took my melody, heisst es einmal. Und es ist die Aufgabe des Hörers, diese Magie (in all ihren schönen Verstecken) neu ausfindig zu machen.

2011 10 Apr.

Joanna Newsom: Have One On Me

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Wer erinnert sich nicht an die erste Begegnung mit Joanna Newsoms Stimme!?
Ein wenig schrill und kindlich-naiv klang sie auf ihrem Debut THE MILK-EYED MENDER (2004). Kurze Songs mit Harfe, die verzücken, aber auch irritieren konnten. Fasziniert war man von der emotionalen Direktheit dieser Musik, und bald suchten Kritiker dafür nach den richtigen Wörtern und Referenzen. Auf einmal schien da wieder ein seltenes helltönendes Original (wie Björk, und davor Kate Bush) neue Räume zu erkunden. Die Independant-Szene hatte eine neue, schräg singende Heldin mit Pippi Langstrumpf-Flair, aber insgeheim fragte man sich schon, ob der Zauber beim nächsten Mal noch wirken würde.

YS (2006) ließ alle Befürchtungen zerbröseln. Auf einmal begegneten uns phantastisch ausufernde Lieder, jenseits der Regeln für Strophe und Refrain. Mit den ausgefeilten Produktionstechniken von Jim O Rourke und Steve Albini sowie raumgreifenden Violinen und Violas von Altmeister Van Dyke Parks entstand ein überragendes Werk. Als vielen dämmerte, daß YS rasch Klassiker-Status erlangen würde, stand die Frage im Raum,
ob das denn nun der Gipfel war, und ob allmählich alle Exzentrik einer sanfteren Gang-
und Sangesart weichen würde.

HAVE ONE ON ME ist nicht nur ein simpler Trinkspruch (und eine sexuelle Anspielung),
es ist auch die Fortsetzung des Zaubers mit neuen, nie ganz greifbaren Rezepturen,
in einem Werk, in dem Momente der Trunkenheit in allen möglichen Formen (Sex, Liebe, Umnachtung etc.) reich gesät sind. Es gibt in diesem Dreifach-Album die kurzen, nur von der Harfe begleiteten Lieder (auf einigen Songs wechselt sie zum Klavier); es gibt die langen Songgebilde, die zwar beim ersten Hören geradliniger daherkommen als beim Vorgänger, aber dann doch eigenartige Wendungen und Kurven einschlagen.

Die Lieder beginnen oft spartanisch, und dann wird ihnen gutes altes Cinemascope eingehaucht. Der Gitarrist und Tambura-Spieler Ryan Francesconi arrangierte viele Parts mit Holzbläsern und Streichern. Einiges hört sich exotisch an, neben der Tambura etwa
die Kaval, die ebenfalls aus dem Osten Europas kommt. Auch die Kora, eine 21-saitige Harfe aus Mali, darf zum Duett mit Newsoms europäischer Harfe aufspielen (außer Frage steht, daß Joanna Newsom die archaische Koramusik eines Toumani Diabate sehr schätzt und diese in ihrem Studium nicht minder intensiv studierte wie die weltoffene Klassische Musik eines Claude Debussy – subtil fließen hier Klangspuren des Impressionisten ein). Solche Duftnoten anderer Kulturen hinterlassen häufig einen schalen Nachgeschmack –
bei dieser Jägerin alter spirits und vibes passen sie bestens zu den Roots-haltigen Banjo-Sounds und anderen Schwingungen eines lang vergangenen Amerika!

Und die Themen der Songs? Die Texte von Ms. Newsom können durchaus mal Schwindel erzeugen (manch kryptische Bilder entziehen sich einer schnellen Deutung), dann wieder ist der Wortwitz scharfzüngig, und die gute alte Tante Liebeslied um einige hinreißende Zeilen bereichert! – I regret how i said to you, Honey, just open your heart, when I have got trouble even opening a honey jar. Vieles dreht sich ums Verbandeln und Entbandeln,
um die Balance von In-Sich-Ruhen und Außer-Sich-Sein. Dazu gesellt sich ein On-The Road-Gefühl, das Sich-Treiben-Lassen, das Zurückkommen zu den Wurzeln.

Manches davon macht sich eine wunderlich alte Sprache zunutze, die den Straßenstaub gar nicht erst abschütteln muß. HAVE ONE ON ME mischt Autobiographisches, Fiktives und Mythisches in einer Perfektion, die an einen gewissen Herrn Dylan erinnert. Kein Wunder, daß sie zu ihren Lieblingsautoren Carson McCullers und William Faulkner zählt (nehmen Sie sich mal bei Lust und Laune die Neuübersetzung von Faulkners LICHT IM AUGUST vor,
oder John Steinbecks FRÜCHTE DES ZORNS, und Sie erfahren mehr darüber, welche Quellen die Lady auf HAVE ONE ON ME u.a. anzapft, als von diesem ganzen Elfenquatsch, der ihr angedichtet wird!)

Songweise wirkt das so, als habe Joanna Newsom vor sich hin fabuliert, an entlegenen Orten, in Bildern, die Traumszenen beschwören und sich auf manche Dunkelheit einlassen. Das Herz bleibt ein einsamer Jäger. (Kleine Fußnote nebenher – Newsom war eine Zeitlang zusammen mit Bill Callahan (aka Smog); da muß sie auch Muse gewesen sein, denn manche von YS abstrahlende Streicherklänge inspirierten sein letztjähriges Klasse-Album I WISH WE WERE AN EAGLE. Und auch die Alben von Smog sind ja, man denke an die Highlights,
RED APPLE FALLS und KNOCK KNOCK, wundervoll knorrige Zeugnisse des Driftens und
Nie-Ankommens und Zurücksehnens – Sie kennen dieses Platten nicht? Bitte nachholen!).

Die Stimme ist über die Jahre anders geworden, hat sich entwickelt, findet – buchstäblich – etwas tiefer gelegte Räume (kurze Kiekser gibts trotzdem noch). Erste Kritiken ziehen (was die Anmutung des Gesangs und die Schwingungen leicht gospeliger Momente angeht), Vergleiche zu Nina Simone, Laura Nyro und Joni Mitchell (da wäre beim ersten Album keiner drauf gekommen!). Bei HAVE ONE ON ME bleibt alles in Bewegung, in allerfeinsten Texturen. Auch wenn der Kelch einiger Lieder hier und da überfließt (have one on me, Joanna, cheers), ist das Werk erstaunlich formbewußt. Durchgearbeitet. Durchdacht. Der Zauber nimmt stets neue Formen an, und eine Formel dafür ist, zum Glück, nicht abrufbar!

Michael Engelbrecht

2011 10 Apr.

Bill Callahan: Apocalypse

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Manchmal mache ich mir einen Spass daraus, wenn ich einen Western sehe, an der Farbe des Himmels sein Erscheinungsjahr zu erraten. Die frühen Formen von Cinemascope haben nämlich bestimmte Einfärbungen und Eintrübungen. Der Himmel auf dem Cover von APOCALYPSE eröffnet schon mal eine Perspektive. Bill Callahan reitet wieder. Verkörperte Clint Eastwood nicht auch mal einen Charakter namens Callahan!? Hier aber gehört die akustische Gitarre zum Gepäck, die Fiedel, die Snare-Drum. Und da jeder Song neues Territorium erschliesst, gesellen sich andere Klangfarben dazu, mal jazzig angehauchte Flöten, mal dezente Wurlitzer-Orgel-Tupfer.

Ein Sänger sitzt in einem verblichenen Hotelzimmer, wie eine Gestalt aus einem Edward Hopper-Bild, ein stumm gestellter flackernder Fernseher, ein paar dunkle Träume winken nach dem Schlaftrunk. Zum Glück ist das Trostose nicht immer trostlos. Es gelingt unserm Troubadour ähnlich Wundervolles wie auf dem vielgerühmten Vorgänger SOMETIMES I WISH WE WERE AN EAGLE. Der neue Titel verheisst Schrecken, doch die Beobachtungen der Baritonstimme bleiben lakonisch, reflektierend, stoisch – und der leise Humor ist von angenehm schwarzer Art!

Natürlich ist Bill Callahan immer schon ein Abgrundforscher gewesen (wie sein Landsmann John Darnielle von den falbelhaften Mountain Goats), aber mindestens ebenso wichtig sind ihm die aufregenden Wege aus selbstgewählten Gefängnissen hinaus. Im letzten Song (ONE FINE MORNING) scheint sich gar das gute Gefühl eines Ritts in die Morgensonne auszubreiten. Bill Callahan spielt mit Mythen, und er mag die großen weiten Prairien seiner Heimat: – Die Landschaft ist so leer und mächtig, Menschen, die dort auftauchen, geraten automatisch in den Fokus, weil nicht viel um sie herum ist, erzählte er jüngst – und es stimmt, man denke an einzelne Szenen aus Western alter Schule von John Ford.

Ein paar Schlüsselverse belegen den trockenen Witz dieses (hier passt das Wort mal richtig gut!) Songschmiedes: – One thing about this wild, wild country / it takes a strong strong / it breaks a strong strong mind / and anything less makes me feel like I-m wasting my time (Eine Sache hat es mit diesem wilden, wilden Land auf sich: es erfordert einen starken, starken, es bricht einen starken starken Geist; und alles, was darunter liegt, fühlt sich für mich an wie verschwendete Zeit!)

Bill Callahan ist ein Drifter, ein Streunender, und dass die Räume seiner Kindheit ihre Dämmerung behalten haben, zeigte schon sein frühes Meisterwerk RED APPLE FALLS, das er noch unter dem Namen Smog aufnahm. Und wie schon auf seinen anderen beiden überragenden Smog-Alben, KNOCK KNOCK und A RIVER AIN-T TOO MUCH TO LOVE (letzteres ein absolutes Lieblingsalbum des Ex-Go-Betweens Robert Forster), gingen die Reisen von Callahan meist ins Hinterland, suchten das Weite, die Orte, wo Blicke sich verlangsamen und dehnen können. Da hilft es auch, mal mit dem Boot aufs offene Meer zu treiben – und den eigenen Untergang knochentrocken zu kommentieren: The boat burned as well / Hm! / And the punk and the lunk and the drunk and the skunk and the hunk and the monk in me all sunk.

Ein Abstecher führt nach Australien, da läuft in einer Flimmerkiste die David Letterman-Show, und unser bärbeissiger Poet besingt mit grotesk anmutendem Witz das grosse und goldene Amerika, bestückt eine Schattentarmee mit Captain Kris Kristoffersen, Sgt. Johnny Cash und anderen Geistern aus dem Tower of Song, reimt Afghanistan und Vietnam auf Native American: bitterer Sarkasmus, und doch ist der Amerikanische Traum nicht ganz totzukriegen. Die E-Gitarren zündeln Feuer am Wegesrand. Ein messerscharfer politischer Song mit einem Minimum an Analyse. Unser weltverlorener Cowboy mag es gerne skelettiert.

Seit er sich auf Platten Bill Callahan nennt, ist der Grundton etwas wärmer geworden, die Melodien eine Spur einschmeichelnder, und doch hat die Musik nichts von ihrer archaischen Kraft eingebüßt. APOCALYPSE ist eine Musik, deren diversen Abzweigungen man genau folgen muss, um die Spur nicht zu verlieren. Karg und expressiv geht es zu, selten rollen Rhythmen längere Zeit im Gleichmaß. Hier seufzt und grummelt und schnauft und singt und murmelt sich einer durch die Verslandschaft, dass es eine wahre Pracht ist, wieviele richtige falsche Töne er dabei noch trifft. Bleibt, zum Schluss, noch die Farbe des Himmels in diesen Liedern zu klären: alles ganz alte Töne, eine fein wuchernde Patina, das meiste nachgedunkelt – und vollkommen zeitlos! Michael Engelbrecht

2011 9 Apr.

My Songs – You Tube

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