Manafonistas

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Archives: Kurzfilm

Vielleicht wächst man in eine solche Lebenshaltung hinein. Als ich aufs Gymnasium kam, waren in meiner Klasse 39 Schülerinnen und Schüler. Es hätte nur einer gefehlt, um eine weitere Klasse zu bilden, aber sie hatten vor auszusieben. Damit nicht einige Schüler ein ganzes Jahr in die letzten Reihen verdammt waren, führte die Klassenlehrerin ein routierendes System ein. Jeden Montag wechselten wir die Plätze, immer eine Reihe weiter nach hinten, und wenn wir in der letzten Reihe angekommen waren, mussten (oder durften) wir in der kommenden Woche in der ersten Reihe sitzen. Wir behielten das jahrelang bei. Irgendwann fiel mir auf, dass die Schrift der Lehrer vorn auf der Tafel immer verschwommener wurde, je weiter hinten ich saß. Ich versuchte es, logisch zu erklären, aber Beate, meine Banknachbarin schien keine Probleme damit zu haben. Besonders dramatisch: die Folien mit ihrer winzigen Schrift, die der Erdkundelehrer so gern auf den Overheadprojektor legte. Ich hielt lange durch, gewöhnte mich an eine gewisse Unschärfe, die die Welt für mich weicher werden ließ. Es lag immer etwas dazwischen. Ich fühle mich gleichzeitig unsicher und geschützt. Mein Vater sagte, wenn du achtzehn bist, bekommst du Kontaktlinsen. Als ich meine erste Brille aufsetzte, war ich schockiert von der Brutalität der Schärfe: die Brillengestelle im Optikerladen, der Blick in den Spiegel. Draußen die Straße mit ihren Schildern, weit weg, und dennoch: spontan lesbare Schrift. Alles war gleichzeitig da. Mir wurde so schwindlig, dass ich mich setzen musste.

Zwei Takte rhythmisches Saxophonspiel.

Die ganze Aufregung liegt leider in der Unschärfe. Im flüchtigen Wahrnehmen und im blinden Rausch liegt das ganze Glück.

Das erste Bild: ein misslungenes Foto. Da ist eine Wiese, am Horizont eine Reihe von Bäumen. Darüber eine Schicht von Farblosigkeit und Grau. Im Vordergrund ist nichts erkennbar, weil alles weiß und überbelichtet ist. Es sind erst zwanzig Sekunden, und schon weiß ich, dass ich den Film mögen werde. Die Sätze, die Sprache, die Stimme. Die Bilderwelt, die sich entzieht. Weil die Welt damit angefangen hat, sich zu entziehen. We should synchronize.

Eine junge Frau mit dunklem Haar ist hier unterwegs. Ist egal, ob es ein kleiner verlassener Flugplatz ist oder was anderes. Alles ist in ihren Gedanken, auch wenn es den Mann wirklich geben wird, den sie an einem Tag im Februar getroffen hat. Ein Magier, der immer verschwindet. Auch wenn es die Zeichnungen aus Kohlestift gibt. Portraits, die sich verwandeln. Das Gespräch mit einer Freundin, und das Mädchen, das ihre Hand erst hält und später einfach davonrennt.

 

Gudrun Krebitz: Achill (2012). Länge: 8:53, verfügbar bis 20.12.2019 unter diesem Link.

Schade, dass du so lange keine Links mehr auf Kurzfilme gepostet hast, sagte mir jemand auf dem letzten Manafonistentreffen. Einige Jahre lang nahm ich jede Woche die Sendung Kurzschluss auf ARTE auf und brachte zu der Film-AG, deren Mitglied ich war, Kurzfilme als Vorfilm mit. Dann aber schien sich etwas zu ändern. Immer öfter fand ich Kurzfilme belehrend, die Botschaft plakativ. Die Filme wirkten, als seien sie dafür gemacht, sie im Ethikunterricht einer zehnten Klasse einzusetzen. Eine Filmemacherin, mit der ich darüber spach, sagte mir, die Filmförderung mit ihren Vorgaben hätte den Kurzfilm ruiniert. Good news, es geht auch noch anders. Court circuit, das Kurzfilmmagazin auf ARTE, läuft wöchentlich in der Nacht von Freitag auf Samstag. Neulich lief Der Taucher / the diver von Michael Leonard und Jamie Helmer, ein australischer Kurzfilm (13 Minuten, über diesen Link verfügbar bis 13.10.2020). Ein junger Mann lebt mit seinen Eltern abgelegen am Wald und an einem See. Irgendetwas an ihm ist seltsam, aber ist es wirklich seltsam? Wie Leonard und Helmer im Zoom erklärten, war Ausgangspunkt des Filmes ein Bericht über einen verhaltensauffälligen jungen Mann, der in Australien großes Aufsehen erregt hat. Sie recherchierten dessen persönliches Umfeld. Das Spektrum psychischer Erkrankungen sei weit. Es gebe kein Entweder – Oder. She piruettes this way and that way and then she falls.

 

 
 
 

Es geht ums Älterwerden und um die Bedeutung von Erfolg, um den künstlerischen Prozess und wie er sich entwickelt und wie er verhindert wird. Es geht um die Definition von Krankheit, immer geht es um Abgrenzung, um Schönheit und was sie wirklich ausmacht, um Machtausübung und die Rechtfertigung von Machtausübung, um Grenzerfahrungen mit Körper und Geist. Die Konfrontation mit der eigenen Arbeit aus der Vergangenheit. Und die Entstehung von Musik. Ziemlich guter Musik.

2014 3 Mrz

Filme, Meta, Stillstand

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Ich hätte lieber damit anfangen sollen, aus meinen Filmnotizen eine Serie zu machen, nicht aus meinem Versuch, ein paar vernünftige Comics vorzustellen. Bei den Comics werde ich, wie es derzeit aussieht, spätestens bei No. 3 aufhören. Und auch das nur mit Hilfe von P, meinem Kumpel, der die Konstruktionsprinzipien der Paul Auster – Romane viele Jahre vor mir durchschaut hat (suppose you remember, I mentioned it a time ago) und dem ich ein paar (also zwei) richtig gute Comics zu verdanken habe. Adrian Tomine habe ich aber selbst entdeckt. Mit einer Filmserie würde ich Gregors imposante Zahl der Einblicke in seinen wahrscheinlich mehrere Räume ausfüllenden Plattenschrank locker noch in diesem Jahr überschreiten. Keine Sorge, das ist kein Angebot einer Wette, Gregor. Meine Lust an Filmen habe ich vor geraumer Zeit wiederbelebt. Ich war Gründungsmitglied einer Filmgruppe, die fast nur aus Juristen bestand. Und da wir alle Anhänger der prozeduralen Gerechtigkeitstheorien sind (Gerechtigkeit = Verfahren), wurde erst einmal über mögliche Abstimmungsmodi bezüglich der Filmauswahl diskutiert. Henning wird solche Gespräche kennen. Jede Jury diskutiert über Prinzipien der Abstimmung. Juristen achten bei der Festlegung von Modalitäten (jetzt gebe ich Insiderwissen preis) nur scheinbar auf Logik. In Wahrheit geht es darum, bereits das Verfahren auf eine Art und Weise zu konstituieren (oder konstruieren), dass im Ergebnis zwingend die eigenen Interessen durchgesetzt werden. Die nächste dringend zu klärende Frage war die, wie sich die Gruppe eigentlich nennt. S, die die Einladungen schrieb, verwendete im Betreff ihrer E-Mails das Wort „Filmclub“. Mir war das zu zwielichtig, es hatte für mich einen irgendwie unseriösen Hauch. Ich schlug deshalb die Bezeichnung „Film-AG“ vor. Ein Gegenvorschlag lautete: AK Filmclub. (Anmerkung: AK = Arbeitskreis). Letztlich zerbrach die Gruppe, bevor wir rechtsgültig über den Namen abgestimmt hatten. Eine Zeitlang jedoch hatte ich dank meines unerschöpflichen Vorrates an Aufnahmen tiefschürfender arte-Kurzfilme den Kurzfilm als Vorfilm etabliert. Einmal brachte ich den portugiesischen Kurzfilmklassiker „Stillstand“ von Sandro Aguilar mit. Ein wunderbar schweigsamer Film. Ein Auto in einem Einkaufszentrum. Darin drei Männer und eine Frau. Der Deal: Wer als letztes das Auto verlässt, darf es behalten. Alles ist erlaubt.


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