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Archiv: John Zorn

 


 
 
 

Im Vorfeld hatte man sich lange gefragt, wie das denn gehen solle, alles unter einen Hut zu bringen. Die Vorfreude war gross gewesen und als man auf einem der besseren Sitze Platz genommen hatte und das Konzert begann, wurde schnell klar: wo John Zorn draufsteht, da ist auch John Zorn drin. Insgesamt siebenundzwanzig Musiker in zwölf Formationen traten auf. Solo, im Duo, im Trio und als Quartett brachten sie einige der „Bagatellen“ zum Besten, von denen der jüdische Jazz-Innovator zuvor dreihundert am Stück komponiert hatte, in dreimonatiger Klausur und mit der von ihm gewohnten Schaffenskraft.

Man begann pünktlich wie die Bauarbeiter und dem Polier in Person kam spontane Sympathie entgegen, als er die Bühne betrat in gewohnter Arbeitskleidung: lässig in Tarnfarbenhose mit den übergrossen Seitentaschen, fast so gross wie das auf dem hauseigenen Tzadik-Label veröffentlichte Œu­v­re. Kurz dem Publikum zunickend, die Sympathie erwidernd, begann er sogleich, sein Abendwerk zu verrichten, denn die Zeit war knapp. Diszipliniert unter der Regie und Moderation des Komponisten lief nun alles ab, straffer und mit mehr Dynamik, als Bauplaner ein Projekt jemals zuende brachten.

Als es nach zwei Stunden zur Pause ging, hörte man von einem jener zahlreichen Besucher im fortgeschrittenen Rentenalter, die wohl der Philharmonie wegen gekommen waren und vermutlich das erste Mal mit solcherlei Musik Bekanntschaft machten: „Laut, aber gut.“ Genau das war auch das einzige Manko: es war stellenweise schlichtweg zu laut. Glücklicherweise aber kam man doch auch in den Genuss einer ortstypisch differenzierten Akustik. Beim Soloauftritt Craig Taborns etwa schritt der umtriebige Zorn hilfreich zur Tat: „I wanna hear the Piano, let´s drop off the soundsystem.“ Beifall.

Es waren auch solche kleinen Zwischenfälle, die den Abend würzten: einer jener dumpfen douchebags etwa, der seinem selbsternannten Pseudokumpel quasi über den Kopf der Ikue Mori hinweg, die zuvor eine eigentümliche Computerperformance abgeliefert hatte, zurufen musste: „Next time you put it on a USB stick, John.“ Emotionslos und sachlich, wie es die Situation erforderte, war dessen Antwort: „Fuck you!“ Gut so, denn der Typ sass gleich hinter uns. Hätte man ihm, dem spontanen Impuls nachgebend, direkt eine geplettet, die Konzentration wäre vorrübergehend gestört gewesen.

Die Highlights des Konzerts? Ein jeder der zwölf Acts war hörenswert. Von einigen der Musiker, die ja beim Label ECM schon publizierten, hörte man auch Stilles, klassisch Anmutendes: vom schon erwähnten Craig Taborn etwa, von der Pianisten Sylvie Courvoisier im vertrauten Zusammenspiel mit ihrem Gatten, dem Geiger Mark Feldmann und seinem unverwechselbar eigenem Violinenton. Das Duo Julian Lage und Gyan Riley, der eine an den Nylonsaiten und der zweite an den steel strings zupfend, war beeindruckend. Auch das Violoncello-Duo mit Erik Friedländer und Michael Nicolas liess die Akustik des Ortes gut erklingen.

Persönlicher Höhepunkt war dann doch das Quartett der Pianistin Kris Davis, mit der reizenden Mary Halvorson an der Gitarre, mit Drew Gress am Bass und Tyshawn Sorey am Schlagzeug. Da würde man sich über ein erscheinendes gemeinsames Album freuen. Dann wieder Zorn, der fast jeden Angehörigen seiner Freundesfamilie nach den jeweiligen Auftritten herzte, küsste und umarmte: „After this beautiful ballad, let´s do a little headbanging!“ Und was jetzt kam, glich elektrisch verstärkten Vorschlaghämmern mit Massagebass im Unterbauch. Die drei Jungs des Trios Trigger lieferten eine Metal-Performance ab, die man nicht vergisst und der Chef im Ring gönnte ihnen ausnahmsweise eine Extrarunde, denn sie seien ja „first time in Europe“. War das ein Spass!

Den ersten Set hatte John Zorn am Saxofon im legendären Masada Quartett begonnen – mit Trompeter Dave Douglas, Joey Baron am Schlagwerk und Greg Cohen am Bass. Als ihn das Trio des Organisten John Medeski, mit Drummer Calvin Weston und David Fiuczynski, jenem Doppelhalsgitarristen der Gruppe Screaming Headless Torsos, dann mit Power-Funk abschloss, war man froh, dass gerade erst zwei der insgesamt fünf Stunden eines grandiosen Konzertabends wie im Flug vergangen waren.

Tzadik III

 

Verpasst! Das Jubiläum! 25 Jahre Tzadik, das wäre 2015 gewesen. Vor ein paar Wochen gönnte ich mir einmal mehr einen wunderbaren Tzadik-Abend, als es mir plötzlich auffiel, Tzadik müsste doch jetzt 25jähriges Bestehen feiern. Zu spät!

Den Gründer des Plattenlabels, John Zorn, kenne ich freilich schon länger: 1991 konnte ich John Zorn das erste Mal in Tübingen hören, er kam mit seiner Band Naked City, dabei waren Bill Frisell, Wayne Horvitz, Fred Frith und Joey Baron. Es war ein wildes Konzert, laut, absolut schräg, unerhört, begeisternd. Bereits 1988 hatte ich die Gelegenheit Naked City in gleicher Besetzung in der Berliner Philharmonie während der Berliner Jazztage zu hören, allerdings nur über das gute, alte Radio. Meine ersten Platten mit John Zorn trugen die Titel The Big Gundown (1985) u.a. mit dem Kronos Quartet, Tim Berne, Bill Frisell, Big John Patton, Toots Thielemans, Vernon Reid, Shelley Hirsch und Spillane (1987) mit Bill Frisell, Albert Collins, Ronald Shannon Jackson, Melvin Gibbs, dem Kronos Quartet und vielen anderen Mitwirkenden.

Aber erst 1995 wurde das Tzadik-Label von John Zorn gegründet. Mit der Veröffentlichung von Kristallnacht, einem Werk, das an die Reichspogromnacht erinnerte, fing alles an. Mit dabei waren damals Anthony Coleman: Keyboards, Mark Dresser: Bass, Mark Feldman: Violin, David Krakauer: Clarinet und Bass Clarinet, Frank London: Trumpet, Marc Ribot: Guitar und William Winant: Percussion. Wurde diese Platte zunächst 1993 auf einem japanischem Label veröffentlicht, folgte dann 1995 das Erscheinen dieses Werkes auf Zorns eigener New-Yorker Plattenfirma Tzadik. John Zorn meinte damals, „zu wenig würde der Beitrag jüdischer Musiker zur amerikanischen Musikgeschichte als jüdischer Beitrag gewürdigt. Zu groß sei die Zurückhaltung, mit der sich Jazzmusiker als jüdisch outen würden: «Die antisemitische Vision jüdischer Omnipotenz kollidiert mit der Tatsache, dass die meisten Juden, die in den darstellenden Künsten arbeiten und sich öffentlich zu ihrem Judentum bekennen, angreifbar und aus dem kulturellen Mainstream Amerikas ausgeschlossen werden». Aufgrund dieser Analyse amerikanischer Musikgeschichte proklamierte Zorn damals eine offen jüdische Musikkultur, die sich selbstbewusst mit den eigenen musikalischen Wurzeln beschäftigt.“ (Jüdische Zeitung 2008)

 
 
 

 
 
 

Vier Platten (über 400 Schallplatten erschienen bisher auf dem not-for-profit, cooperative record label) möchte ich heute aus der Abteilung Radical-Jewish-Culture meinem Plattenschrank entnehmen und dringend empfehlen:

 

– John Zorn: Testament of Salomon (2014) mit Bill Frisell, Carol Emanuel, Kenny Wollesen, die ganze CD ist große Klasse. Leider habe ich sie erst jetzt entdeckt, sie hätte sonst Eingang in meine persönliche Top-Ten-Liste des Jahres 2014 Eingang gefunden.

John Zorn Masada Guitars (2003) mit Bill Frisell, Marc Ribot, Tim Sparks, besonders gefallen mir die Stücke Abidan, Kodashim, Bikkurim und Kisofim.

Great Jewish Music: Burt Bacharach (1997) Do-CD mit Robin Holcomb, Wayne Horwitz, Marc Riboz, Greg Cohen, Dave Douglas, Guy Klucevek, Eric Friedlander, Joey Baron, Bill Frisell, Chris Wood, John Medeski, Billy Martin, Fred Frith, Elliot Sharp, Anthony Coleman, Doug Wieselman, Shelly Hirsch und viele andere.Tolle Stücke: Close to you; Promises-Promises, Freefall und Don´t Go Breaking My Heart.

Rob Burger: Lost Photograph (2002) Rob Burger ist Komponist, spielt Akkordeon und viele andere Instrumente, plus Kenny Wollesen, Greg Cohen . Wunderbare Stücke unter anderem: Inzihuat, Aveenu Malkenu, Ringling Kid und Youkali (von Kurt Weill).

 
 
 

 
 


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