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Archiv: Adorno

2017 29 Jan

Wiesengrund

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Hanna Werbezirk hört als Jugendliche heimlich, unter der Bettdecke, sehr leise, damit Papa im Nebenzimmer nichts hört, die Nachtstudio-Beiträge eines Herrn Wiesengrund im Radio — und ist zunehmend fasziniert von der Stimme und dem, was die Stimme sagt.

Damit beginnt die Geschichte. Eine Geschichte, die zumindest zum Teil auch die der Autorin Gisela von Wysocki ist, die in der Tat bei Theodor Wiesengrund Adorno studiert hat. Wiesengrund schildert Hannas Weg von den nächtlichen Radiosendungen, dem Vater, der Astronom ist und seine Tochter gern als seine Assistentin einsetzen würde, bis zu ihrem Studium in Frankfurt und den Begegnungen mit dem Besitzer der Stimme. Am Ende muss sie eine Entscheidung treffen, die ich hier nicht vorwegnehmen will.

Die Geschichte einer Annäherung an ein Faszinosum. Sie führt über etliche Stationen, durch Hörsäle, Fahrstühle, das Frankfurter Institut für Sozialforschung, die Treppe und die Ampel davor, Wiesengrunds Sprechstunden, das Wohnen „auf Zimmer“ mit sehr seltsamen Wirtsleuten. Einige dieser Episoden sind von einer hinreißend mollgetönten Komik, insbesondere die Schilderungen der studentischen Szene der 60er Jahre und einiger nervender Adepten Adornos, die gerne mal päpstlicher sein möchten als der Papst. Aber auch Hanna selbst gerät zunehmend in einen Konflikt mit sich selbst, der darauf beruht, dass ihre Vorstellung, die sie durch die Stimme der Radiovorträge gewonnen hat, nicht mit dem Mann in Übereinstimmung zu bringen ist, der dann wirklich im Hörsaal, der Sprechstunde und bei anderen Gelegenheiten vor ihr steht: „Der Gedanke ist mir niemals gekommen, dass der Zauberer auch schlechte Tage haben kann.“

Die Geschichte krankt für mein Gefühl lediglich ein wenig daran, dass die Autorin sich immer wieder in ellenlangen Schilderungen und Überlegungen verliert, was sie hätte sagen, entgegnen, in die Diskussion einbringen oder tun sollen, es letztlich aber nicht tut. Das führt dazu, dass die Geschichte merkwürdig theoretisch und die Person Wiesengrund, über die man doch gern Näheres erfahren würde, eine recht nebulöse Erscheinung bleibt. Auch Hannas Konflikt mit sich selbst bleibt bestehen, er wird nicht aufgelöst. Aber vielleicht ist das ja genau das Fazit, das zu ziehen ist: Wiesengrund widerspruchsfrei ist nicht zu haben.
 
 
Gisela von Wysocki:
Wiesengrund
265 Seiten
Suhrkamp, Berlin 2016

Ein Philosophieprofessor in Freiburg erzählte, er hätte ein Jahr lang Descartes´ „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ in der Jackentasche getragen, das Buch also immer bei sich gehabt und immer wieder darin gelesen. Was geschieht mit einem solchen Verstand? Und so sehe ich mich endlich gezwungen, zuzugestehen, dass an allem, was ich früher für wahr hielt, zu zweifeln möglich ist. verum aut falsum? vacuum! Work while you work, play while you play. Diesen Satz fand ich in seiner im Deutschen sehr muffig klingenden Variante in Reimform in meinem Poesiealbum und ich ärgerte mich schon als Kind darüber. Die Unterscheidung von Arbeit und Vergnügen entlarvte Adorno in No. 84 seiner „Minima Moralia“ (Reflexionen aus dem beschädigten Leben) als eine der Grundregeln der repressiven Selbstdisziplin. Die oft nur eine Seite langen gesellschaftskritischen Kurzessays atmen den Duktus des Großbürgerlichen, methodisch an der Dialektik geschult, sprachlich erkennbar am nachgestellten „sich“, das in bestimmten Frankfurter Kreisen in die Alltagssprache übernommen wurde: „Im Reich der erotischen Qualitäten scheint eine Umwertung sich zu vollziehen.“ (No 12). Wie wirkt es sich aus, wenn jemand die „Minima Moralia“ fünf Jahre lang unentwegt bei sich trägt? Peter Gente gründet einen Verlag und nennt ihn nach dem Vornamen seiner Frau Merve. Fragmente, Gespräche, Listen. Bis an die Grenze der Literatur. Revolution als Textarbeit. Gegen die systematische Philosophie. Drei Jahrzehnte lang, von 1960 bis zum Ende der großen Erzählungen, um das Jahr 1990 herum.

 
 
 

 


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