Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

 
 
 
My Father´s Tapes
 
Mein Vater war ein begeisterter Opernliebhaber. Ich kann mich noch gut erinnern, als Kleinkind dem endlosen Kreisen der Tonbandspulen zuzusehen, während aus dem Lautsprecher eine romantische Oper oder eine Beethoven Sinfonie erklang.
 
Das Tonbandgerät wurde auch für akustische Aufzeichnungen benutzt. Eine Spule zeugt von Familienfesten, dem Babygeschrei, den ersten Sprechversuchen meines Bruders …

Meist wurde das Gerät dann mit Batterie betrieben, weshalb große Geschwindigkeitsunterschiede und damit einhergehende Tonhöhenschwankungen keine Seltenheit waren.
 
 
 

 
 
 
Eine weitere Spule erhielt ich erst vor 18 Monaten von meinem Onkel. Sie musste Mitte der 60er Jahre mehrmals zwischen ihm und meinen Eltern hin und her geschickt worden sein. In das Mikrophon gesprochene Bestandsaufnahmen:

die neue Wohnung, die Einrichtung, der Job, Familienprobleme und neue Aufbrüche.

 

Was für ein (fast schon befremdlicher) Eindruck, die Stimmen seiner Eltern zu hören, als sie gerade 25 und 29 Jahre alt waren … jung, unerfahren, neugierig, noch nicht die große Erzieherrolle einnehmend …

Wie viele Fragen sich beim Zuhören ergeben. Unbekannte Situationen, Geschichten, Namen.
 
 
 

 

2014 9 Juni

Clarimonde

von | Kategorie: Blog | | Comments off

Paris um 1900: Im Zimmer Nr. 7 des kleinen Hotels Stevens erhängt sich ein Handlungsreisender aus der Schweiz. Sieben Tage später nimmt sich in diesem Zimmer ein Artist aus Deutschland das Leben. Auch er stranguliert sich mit der Gardinenschnur am Fensterkreuz. Die Polizei findet weder Spuren noch Abschiedsbriefe. Auf Weisung des Kommissars bezieht ein Schutzmann die Nummer 7. Auch er wird tot am Fensterkreuz gefunden. Bracquemont, Student der Medizin, glaubt, für die tragischen Vorgänge eine Erklärung zu haben. Er bezieht als nächster Gast das Zimmer. Seine Beobachtungen notiert er in einem Tagebuch.

 

Dieser Mitternachtskrimi, Clarimonde (Deutschlandfunk, 21. Juni, 0.05 bis 1.00 Uhr) basiert auf der Erzählung ›Die Spinne‹ von Hanns Heinz Ewers. Ein uralter Text aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Keine schlechte Einstimmung auf die Radionacht „Klanghorizonte“, die vierstündig, um 1.05 Uhr beginnt, mit einem „spoken word piece“, in dem (auch hier ist schwarze Romantik im Spiel!) ein Paar den Planeten Erde verlässt.

2014 9 Juni

„p11“

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 
Weitgehend abwesend, die Bedeutungsträger
der realen Welt, so dass heute nur Traumstoffe
gehandelt werden: eine Hängematte für den Orangenhain,
Kopfhörer, die „Odysseus“ heissen (Sirenenschutz!),
„we’re gonna ride out in a country silence“ –
glaubt jemand, die Eintrübungen der ersten Farbfilme
mit künstlichem Himmel und Federkissenwolken
seien vollkommen spurlos an uns vorübergezogen?
 

2014 9 Juni

„p10“

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 
Lang her, ein Anruf nach England, Polydors Hauptquartier.
Diese Schallplatte, eine Endlosspur, fünfzig Wege,
in einer Stimme zu versinken, sind rasch erzählt,
der letzte Song ein Schleicher, behütetes Lamento.
Die Stimme am anderen Ende, im Westen Londons
kopierte die „lyrics“, die Postbotin klingelte nur einmal:
„How does she intend to live when she’s in far Cathay?
I somehow can’t imagine her just planting rice all day.“
 

 

 
 
– Violence – define it.
– Not to remember there were gardens.
 

2014 8 Juni

Becs

von | Kategorie: Blog | | Comments off

„Fennesz can turn a dark, unused industrial estate suffering from years of acid rain into the most delicate of sunrises in the blink of an eye. Bécs lingers on the periphery of that image, never fully committing to either extreme, yet embodying qualities of both. He not only conjures noises never before heard, he crafts images never before seen.“

 
 

 
 

Es begann wahrscheinlich viel früher, aber auf jeden Fall begann es an einem Feiertag morgens in Bochum, im Cafe Tucholsky. Man sehe sich nur das dort geschossene Foto zu „p1“ an – die angenehmen Szenecafes in Dortmund hatten so früh noch geschlossen, und ich fuhr nach Bochum, mit grosser Lust auf das „mediterrane Rührei“. Ich sah die Plakate an der Wand, und beschloss, von einer Sekunde zur andern, diese Reihe zu schreiben – „p1“ bis „p75“.  Nach jeweils 15 Gedichten erfolgt eine Pause von mindestens vier Wochen, zum Aufladen der Batterien. Zum halben Vergessen des Geschriebenen. Zum Musterbruch. Sollte ich den langen Atem verlieren, verliert sich auch die Spur der Zahlen, das Unvollendete ist der Normalfall, das Vollendete enthält oft Blendwerk genug (im schlimmsten Fall ist es „hype“ , der  kolossal gebildete Umgang mit jeder Menge kaltem Kaffee). Jedes Gedicht würde acht Zeilen haben und eine musikalische Anspielung. Jedes Gedicht würde konventionelle Zeichensetzung haben, jeder Reim war vornherein ausgeschlossen: das Verfassen dürfte die 15-Minuten-Grenze (intuitiv geschätzt, keine Stoppuhr im Spiel) nicht überschreiten, und jeder Text müsste meine kritische Nachlese überstehen. Dann würde er sofort gepostet. Verliert der Text innerhalb desselben Tages seine Qualität (weil ich ihn nicht mehr mag, aus welchen Gründen auch immer), wird er gelöscht, kurz und schmerzlos. Nachträgliche Veränderungen jederzeit möglich, verdichtungshalber. Ich brauche nur eine „Blitzidee“, dann weiss ich, das Gedicht springt fast von allein aus den Tasten. Es gibt z.B. „storylines“ in lyrischen Texten dieser Art – sie dürfen gar auf eine Pointe zulaufen, wenn die Pointe Lust macht, den Text noch einmal zu lesen. Und, im Idealfall, noch einmal. Die mir am besten gefallenden Gedichte rechne ich allesamt zur „Spannungsliteratur“. Ganz tief in meinem Unterbewussten wohnen einige dieser Gedichte mit hohem „Thrillfaktor“, in einem nie abschliessbaren Raum, und sie stammen von Frank O’Hara, Christoph Meckel, Rolf Dieter Brinkmann, William Carlos Williams, und zwei Namen, die mir auf der Zunge liegen, von einem Argentinier, und einer Polin. Nichts zielt auf grosse Kunst, alles auf kleine Momente. Und auf das Gewinnen einer rech hochdotierten Wette! 

2014 8 Juni

„p9“

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 
Der erste Unsichtbare hockte in einem dunklen Auto,
ein böser Geist, und schlafloses Wälzen war der Preis
fürs heimliches Fernsehen (der gute Draht der Kinder
zu dem Schrecken aus Nussbaummobilar).
Der zweite Unsichtbare (bis heute sehe ich ihn vor mir)
kam aus einem Transistorradio unter der Bettdecke:
„All Day And All Of The Night“. Ist jemals jemand
wunderbarer mit der Zeit umgesprungen?
 


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