Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Ich hatte unlängst ein faszinierendes Kinoerlebnis, bei einer Vorführung des Regiedebuts von Ryan Gosling, „Lost River“. Er ging mir schlicht und einfach unter die Haut, und die Zeit, die Gosling und sein Kameramann in langsamen Einstellungen oft anzuhalten, einzufrieren schienen, verging im Fluge).

Der Schauspieler, der keine Miene zuviel verzieht, das allerdings mit einer Ausdrucksstärke, die unsern allgegenwärtigen Till Schwaiger auf unterstes Bad Segeberg-Niveau stutzt, war in kurzer Zeit zum „James Dean des 21. Jahrhunderts“ mutiert (u.a. wegen des abgründigen thrillers  „Drive“, und des epischen  „The Land Beyond The Pines“) – und er selbst kann ja nichts für das Geschwätz der bunten Presse.

Auf „Lost River“ wurde in Cannes und sonstwo gnadenlos „eingeprügelt“, und als ich den Film sah, der mich mit seiner gespenstischen Atmosphäre, seinen berauschenden Bildern, seiner apokalyptischen Stimmung gefangen nahm, spürte ich die Vorbilder, allen voran David Lynch, aber auch die keineswegs bloss epigonalen Abgründigkeiten dieses Nacht- und Neonfilms. Inspiriert wurde er angeblich von Ryan Goslings Eindrücken im desolaten Detroit, einer Stadt, der schon seit Jahrzehnten alle Höhenflüge abhanden gekommen sind.

Lassen sie sich also nicht von den Verrissen hier und da auf den Gedanken kommen, diesen Film (der gerne schon mal als „Machwerk“ bezeichnet wird) zu verpassen. Was heute Tobias Kniebe in der SZ schreibt, ist jedenfalls eine fast so grosse Freude wie der Film selbst (okay, Freude ist das völlig falsche Wort für „Lost River“ – ich bin da eher in eine mitteltiefe Trance gesunken, die aber meine Urteilskraft keineswegs getrübt hat).

Für dieses Hineinsinken hat Herr Kniebe auch treffliche Worte gefunden. Ich konnte mich da sogar auf die wenig doppelbödige  Filmmusik von Johnny Jewel einlassen, obwohl David Torn sicher die bessere Wahl gewesen wäre. Ja, der Mann, der gerade das verstörende, einzigartige Gitarrensoloalbum „Only Sky“ rausbrachte, versteht sich auch aufs Soundtrack-Handwerk!

2015 28 Mai

„Bloodstains all over the songs“

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 

Ladies and gentlemen, a great album will be on the market on Friday, God’s Favorite Customer. It isn’t an album of Father John Misty rockers or pop songs, but instead may be more somber than Pure Comedy. The difference is that there is a raw, urgent quality to these songs, even in moments of near quiet. The songs  sound wounded, but also occasionally offer pockets of clarity amidst a fractured period of time. “I’m treading water as I bleed to death,” Tillman sings in its opener, “Hangout At The Gallows.” And fittingly enough, bloodstains are all over these songs.

(Stereogum)

 

 

The scene (it’s in the fourth episode, called Day 3) that begins with Dr. Smith on the beach, cuts to John being healed by Vietnam Joe, and ends with Cass‘ vision of what has happened to John is accompanied by David Byrne singing „Un di Felice, Eterea“. The track is so beautiful, but I couldn’t at first nail the song to the voice, it was a tip of the tongue-thing cause I knew that I knew this singer very well, but he hasn’t too often been singing in this overtly operatic Italian style. So I was diverted. The whole  series, „John from Cincinatti“, sacked by HBO after ten episodes (shame!), is awesome. Executive producer David Milch had sone strong words for  the people in command of the cash flow (in his commentaries of two episodes). The series is heartwrenching, even now where I’m looking at it (diving into it) for the second time. How can something that is close to grotesque come so damn near (under my skin) and send shivers down the spine? The music, yes, see comment one, but that’s only  part of trick. „I’ll have an eye on you, Butchie Yost.“ Always seductive that opening sequence with old footage from the surfer’s dream word enhanced by „Johnny Appleseed“, a catchy track from Joe Strummer and the Mescaleros. All is subtle and weird.

 

 

 
 
 

„Valtz de mon pere“ could have fitted on Emmylou Harris‘ „Wreckin‘ Ball“, one of country music’s darkest hours. Like in that famous scene of Maya Deren’s short film „Meshes of the Afternoon“, Rickie Lee Jones‘ New Orleans-fuelled album is changing scenes dramatically, from step to step and track to track, and it all makes dark sense for a woman, 58, who now lives on a  street made famous by  Tennessee Williams‘ „A Streetcar named Desire“. Manafonista’s only real country girl will open an old bottle of her best Bordeaux in the woods. 

 

2015 27 Mai

In Richtung Norden

von | Kategorie: Blog | Tags: , | | 1 Comment

 

 
 
 
Guitarist J a k o b B r o organized a very special (Northern) tour along places in Norway, Iceland, Faroe Island, Greenland and Denmark with LEE KONITZ, BILL FRISELL and THOMAS MORGAN. You can read about it on All About Jazz here

A special documentary film by Jørgen Leth about the tour and the musicians is in preparation to be released next year. Leth is one of the most illustrious figures of cultural life in Denmark.
 
 
 

 

Durch seine Querverbindungen zu Hip Hop etc. wurde das neue Werk des Saxofonisten Kamasi Washington zum meistgehuldigten Jazzalbum dieser Wochen, nicht zuletzt in Popkreisen, und liess sogar das dunkel tönende, mich durchweg fesselnde Understatement von Keith Jarretts neuem Solowerk hinter sich. Der wurde immerhin 70. da gab es viel zu lesen, auch, letztens, wie unglaublich gut gelaunt er sich bei zwei Solokonzerten in Italien und der Schweiz gab. Keine Garstigkeiten. Small Talk zum Publikum, zu Scherzen aufgelegt. Schön. Nun denn: Mr. Washington kommt, wie in bunter Vorzeit Jarrett mit seinen Soloexkursionen aus Bremen und Lausanne (da waren es drei LPs in dunkelgrüner Kiste), mit drei CDs in einem Schächtelchen daher, ein opus magnum im wörtlichen Sinne, das Cover erinnert an den kosmischen Kitsch alter Zeiten. Ich renne ja nicht jedem Geschrei hinterher, aber dieses Phänomen interessiert mich, und so werde ich es mir auf der Zugfahrt zum Berliner Pokalfinale anhören. Solange es mich überzeugt. Sonst stimme ich in die Fangesänge der Borussen ein. Wir haben wirklich die Absicht, Klopps letztes Spiel zu einem grossen Fest zu verwandeln, und den Pokal zum Borsigplatz zu holen. Die Chancen stehen 50:50. Die Reise dauert etwa so lang wie die Laufzeit des vermeintlichen Meisterstücks des neuen Jazzheroen. Hat es jemand gehört, hat es jemanden bezaubert, ernüchtert? Darüber wird noch zu berichten sein: ein neues „Jazzgeheimnis“, oder nur ausgefuchstes Marketing, und ahnunglose Poprezensenten?

 

 
 
 

Timing gehört zu jeder Radioproduktion dazu, auch in Live-Sendungen. Und da wurde es gestern Abend interessant: ich merkte eine halbe Stunde vor Beginn, dass ich viel zu viel Text hatte, und es war mir wichtig, die Musik vin Sidsel Endresen und Stian Westsrhus bis zum letzten Ton auszuspielen, um dann noch Programmhinweise der Jazzredaktion loszuwerden und die Stunde abzurunden. Also ging ich wie ein Berserker vor, schmiss Satz um Satz heraus, ein munteres Streichen ganzer Textpassagen (s. Foto, Seite 4), und fügte hier und da einen neuen Satz hinzu, um einen verlorenen Zusammenhang neu herzustellen. Ich verdichtete den Text, was ihm eigentlich ganz gut bekam – meine Ausflüge in die Musikethnologie waren zwar nicht weit hergeholt, aber doch dezente Abschweifungen. Soll ich hier also noch den „author’s cut“ (extended version) posten, ich weiss nicht. Mein Lieblingstechniker hinter der Glasscheibe und ich hatten viel Spass, und einen kleinen Teil improvisierte ich frei ins Mikrofon, weil ich mein eigenes Gekrakel nicht lesen konnte.

WHITE
 
 


 
 
DESERT
 
 

 
 
MUSIC
 
 

 
 
DESERT
 
 

 
 
WHITE
 
 

 
 
MUSIC
 
 

 
 
 
All photos ©FoBo_HenningBolte
 

2015 26 Mai

To whom it may concern

von | Kategorie: Blog | | Comments off

2015 26 Mai

Das Jazzgeheimnis

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 10 Comments

Was ist der Sinn des Lebens? Wo sind meine Haustürschlüssel? Was heißt Denken? … Zu den relevanten Fragen jenseits des höheren Blödsinns und diesseits intakter Synapsen könnte sich auch folgende gesellen: „Warum höre ich überhaupt Jazz?“ Oft versteht man nämlich nicht, was genau dort vor sich geht und gespielt wird – zumindest die experimentellen Formen betreffend, bleibt es stellenweise undurchsichtig. Man würde gerne so manchen Jazzer fragen: Was sind die Tricks? Wo ist der letzte Grund in diesem sonderbaren Sansibar? Ist das jetzt noch notiert oder schon improvisiert? Hierzu ein Rückblick: An jenem Tag, als Abbey Road erscheint, wird irgendwo in Norddeutschland ein Elfjähriger nach zweimonatigem Krankenhausaufenthalt (geschienter Schiffbruch) aus der Klinik entlassen. Auf dem Rückweg in familiäre Gefilde kauft er diese heissbegehrte Scheibe. Sie euphorisiert ihn völlig und er betrachtet fortan vier Pilzköpfe, die einen Zebrastreifen überqueren, als sein Alter Ego, wenn nicht gar Höheres Selbst. Ein Nachbar tritt tagsdrauf an den Gartenzaun heran, Pfeife rauchend und vollbärtig: „Was hörst du so für Musik?“ „Die Beatles!“ ist die aus stolzer Brust tönende Antwort. „Charlie Parker musst du hören!“ Das holt den Kleinen wieder auf den Teppich. Der Name sagt dem Jungen nichts, dennoch: er merkt ihn sich. Drei Jahre später bekommt er, inzwischen Mitglied einer Rockband, vom Schlagzeuger zum Geburtstag ein Album geschenkt: „Hier haste mal was Ordentliches!“ Die Rückseite des Covers zeigt einen auf dem Hotelbettrand sitzenden schwarzen Musiker, der rehäugig schüchtern an der Kamera vorbei ins Leere blickt, auch dies ein Alter Ego. Nefertiti von Miles Davis ist fortan Kult in seiner schmalen Sammlung – allein: die Musik bleibt fremd und unzugänglich. Jetzt, Jahrzehnte später, lichtet sich das Dickicht, vieles ist vertraut und lässt sich kategorisieren. Insbesondere eine Antwort wurde gefunden auf die Frage, warum der „Jazz“ bevorzugt wird, besonders in seiner explorativen, weniger traditionellen Form: es ist auch eine Befreiungskur; ein Gegenpol zu jenen Songwelten, die mehr das einfache Gefühl, den niederen Instinkt ansprechen. Man gönnt sich gerne auch mal Grönemeyer, denn im Verbund mit Coleman, Berne und Artgenossen lässt sogar „Bochum“ sich ertragen.


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