Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 8 Sep.

Gregor öffnet seinen Bücherschrank

von | Kategorie: Blog | | Comments off

Der 1962 in Paris geborene Christophe Boltanski, Sohn des Soziologen Luc Boltanski, Neffe des Künstlers Christian Boltanski, hat 2015 in Frankreich den Roman La Cache und 2017 in Deutschland das Buch unter dem Titel Das Versteck herausgebracht. Das Versteck findet sich in einem Haus in der Rue de Grenelle in Paris. Der Autor lebte dort mit seinen Großeltern ab seinem dreizehnten Lebensjahr. Die Räume als Ausgangspunkt nehmend, erzählt Christophe Boltanski die Geschichte seiner Familie. Höhepunkt des autobiographischen Romans stellt natürlich der titelgebende Raum, der Zwischen-Raum, Das Versteck, dar. Während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich des Dritten Reiches, als auch noch die letzten Juden den Nazis ausgeliefert wurden, verlässt der jüdische Großvater des Autors eines Tages, nachdem er sich zuvor offiziell von seiner Frau hat scheiden lassen, unter lautem Geschrei, Streit vortäuschend, die Wohnung und war zwanzig Monate nicht mehr gesehen. Heimlich in die Wohnung zurückgekehrt, verbrachte der Großvater diese Monate in einem winzigem Zwischen-Raum… „ohne Spaziergang, nicht einmal hinter Gittern. Nur ein paar Meter Zelle zum Laufen. Kein durch Gitterstäbe hindurch zu betrachtender Himmel. Abgesondert. Ohne Besuchszimmer. In der Stille eingemauert. Niemand, mit dem er sich austauschen könnte, außer seiner Frau, seinem Gegenstück, zu der er nachts zurückkehrt, sobald die Kinder eingeschlafen sind. …“. Ein großartiges Buch!

 
 
 

 
 
 

Franscoise Frenkel , geboren am 14.Juli 1889 in Polen (Piotrkòw), gestorben am 18.Januar 1975 in Frankreich (Nizza), flieht als polnische Jüdin 1939 aus Nazideutschland nach Frankreich, dort gelingt ihr 1943 die Flucht in die Schweiz. Hier schreibt sie sogleich ihre Erinnerungen nieder. Unter dem Titel Rien où poser sa tête erscheint das Buch 1945 in Paris und gerät in Vergessenheit. Vor ein paar Jahren tauchte auf einem Flohmarkt in Nizza ein Exemplar des Werkes auf und fand so 2015 den Weg zu einer Wiederveröffentlichung. Inzwischen wurde das Buch ins Deutsche übersetzt und ist unter dem Titel „Nichts, um sein Haupt zu betten“, um ein Vorwort von Patrick Modiano erweitert, im Hanser-Verlag erschienen. Die Autorin beschreibt zunächst, wie sie mit viel Elan und Begeisterung 1929 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnet und erfolgreich führt. Ab 1939 geht dann nichts mehr, die Buchhändlerin muss fliehen, zunächst nach Frankreich, aber auch hier wird das Leben immer unsicherer, also versucht sie die Flucht in die Schweiz. Zweimal misslingt das Unterfangen, aber dann schafft sie es. Nach 1945 führt sie ihr Weg nach Nizza, wo sie dann auch 1975 stirbt. Über die Zeit zwischen der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen und ihrem Todesdatum 1975 wissen wir so gut wie nichts, aber, was für ein Glück, dass ihr einziges Buch gefunden und wieder veröffentlicht wurde. Tief beeindruckt haben mich die zahllosen Erzählungen von selbstloser Hilfsbereitschaft, von denen Franscoise Frenkel zu berichten weiß. „Es ist Pflicht der Überlebenden, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufopferung Unbekannter missachtet werden. Mögen diese Seiten“, schreibt die Autorin, „ein ehrenvolles Gedenken an jene wecken, die für immer verstummt sind, unterwegs vor Erschöpfung gestorben oder ermordet. Ich widme dieses Buch den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.“

 
 
 

 
 
 

P.S. Und? Ja, endlich gelesen, mit größtem Interesse und Vergnügen: Das Cafè der Existenzialisten von Sarah Bakewell. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde dieses wunderbare Buch hier vorgestellt, in diesem Sommer nun konnte ich es endlich lesen und kann es ebenfalls nur weiterempfehlen.

 

2017 8 Sep.

Holger (Reprise – RIP)

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 1 Comment

„Der Griff ins Plattenregal, zu den Lieblingsplatten von Can und Holger Czukay, das ist dann auch eine Art, Abschied zu nehmen“ schrieb Micha vor ein paar Tagen nach der traurigen Nachricht von Tode, oder seltsamer: „aufgefunden werden“ von Holger Czukay. „On The Way To The Peak Of Normal“ war auch für mich eines seiner beeindruckendsten Werke, allein schon wegen des Titels, der ein Feuerwerk intrinsischer und extrinsischer Widersprüche darstellt wäre er schon ein Highlight, aber die Musik ist einfach exzellent.

Dennoch gab es von ihm ein Album, dass ich noch mehr liebte. Einfach weil es allegorisch fast alles vorwegnahm, was Holger Czukay später an Experimentellem, mit ungewöhnlichsten Klängen und Samples, an Rhythmischem und Ambientem entwickeln und ausreizen würde, aber auch seiner Zeit extrem weit voraus war und,  dann wie so oft, kaum Beachtung fand. Er nahm es 1968 kurz nach der Gründung von Can im Inner Space Studio auf und selbst fast 50 Jahre später hört es noch frisch und unverbraucht an: Canaxis. Archaisch und zugleich immer noch weit in der Zukunft. Rituell, komplex und voller Erfahrungen aus Stockhausens Studio für elektronische Musik. Ein Vorausgänger seiner Zeit und nun ist uns Holger Czukay erneut vorausgegangen und während ich den wunderbaren Boat-woman-song höre, sehe ich die schlichten vietnamesischen Sängerinnen im Morgengrauen seine Asche in einen Nebenfluss des Mekong streuen …

 
 
 

 

2017 6 Sep.

John

von | Kategorie: Blog | | Comments off

Es ist lange her, als es in der taz gelegentlich eine ganze Seite gab, die der Lyrik gewidmet war. Vor allem Lyriker aus dem Ausland wurden da vorgestellt, mit Foto, Kurzvita, ein oder zwei Gedichten und deutscher Übersetzung. Einmal wurde diese Seite komplett John Ashbery gewidmet. Ich hatte damals noch nicht angefangen, mich wirklich auf die Lyrik einzulassen. Ich fand die Gedichte wahrscheinlich irgendwie interessant, habe sie aber erst Jahre später zu schätzen gelernt. Leider habe ich nicht die ganze Seite ausgeschnitten, aber immerhin drei Gedichte: „Brute Image“, „Forties Flick“ und „My Erotic Double“, alle brilliant übersetzt von Joachim Sartorius. Als mein erster Gedichtband zu etwa zwei Dritteln zusammengestellt war, suchte ich nach neuen Themen und Herangehensweisen und nahm mir die Lyrik von John Ashbery vor. Ich hatte das Gefühl, an einem Punkt angekommen zu sein, an dem ich meine Texte ziemlich verändern musste, damit es mir nicht langweilig würde. Ich wollte mehr über mich schreiben, aber auf eine versteckte, indirekte Art, vieldeutig, unberechenbar, und ich glaubte, dies würde auf mein Leben zurückwirken, was dann auch tatsächlich der Fall war. Natürlich kann man Gedichte von Ashbery einfach nur lesen. Die weit verbreitete Angst vor moderner, in diesem Fall postmoderner Lyrik ist unbegründet. Die Zauberformel besteht darin, sich von dem Anspruch zu lösen, Gedichte seien ein großes Rätsel, das zu erkunden wäre. Gedichte wollen oftmals nämlich nichts besonderes. Sie sind ein Angebot, an etwas teilzuhaben, und das ist manchmal nur ein Wort, ein Rhythmus, eine Zeile. Was Ashbery angeht, suchte ich nach Sekundärliteratur und fand einen ausgezeichneten Zugang in der Dissertation von Ulf Reichart aus dem Jahr 1991 (Innenansichten der Postmoderne. Zur Dichtung John Ashberys, A.R. Ammons´, Denise Levertovs und Adrienne Richs). Ein ganz charmant mit Schreibmaschine gedrucktes Buch. „Was ist Schreiben?“ fragt Ashbery in seinem Gedicht „Ode an Bill“ (in: Selbstportrait im konvexen Spiegel). „Nun, in meinem Fall ist es, nicht unbedingt Gedanken, / Aber Ideen aufs Papier zu bringen – vielleicht: / Ideen über Gedanken. Gedanken ist ein zu großes Wort. / Ideen ist besser, wenngleich nicht genau das was ich meine. / Irgendwann werde ich es erklären. Heute jedoch nicht.“ Am 4. September starb John Ashbery im Alter von 90 Jahren. In der us-amerikanischen Lyrik hat er eine ganze Epoche geprägt.

Dies ist der Anfang seines Langgedichtes „A Wave“ / „Eine Welle“, im Original und in der Übersetzung von Joachim Sartorius:

 
 

To pass through pain and not know it,

A car door slamming in the night.

To emerge on an invisible terrain.

 

Durch Schmerzen gehen und es nicht wissen,

eine Wagentür, die in der Nacht zuschlägt.

Auftauchen in unsichtbarem Gelände.

 

2017 6 Sep.

Holger

von | Kategorie: Blog | | 5 Comments

 

Und dass er nun tot aufgefunden wurde, ausgerechnet im Studio in Weilerswist, in dem so viele berühmte Platten aufgenommen wurden, hinterlässt, neben allem anderen, eine zusätzliche traurige Note. So lange nach Conny, dessen früher Tod ihn schockierte, so kurz nach Jaki (die Vornamen klingen allesamt nach verschworener Bande) – was einst Aufbruch war und Zukunft verhiess, sind nun schon alte Zeiten. Der Griff ins Plattenregal, zu den Lieblingsplatten von Can und Holger Czukay, das ist dann auch eine Art, Abschied zu nehmen.

 

„I found Ege Bamyası in the 49-cent bin at Woolworth’s. I didn’t see anything written about Can, I didn’t know anything about them except this okra can on the cover, which seemed completely bizarre. I finally picked that record up, and I completely wore it out. It was so alluring. Something about it made Can seem to be playing outside of rock ’n‘ roll. It was unlike anything else I was hearing at the time.“

(Thurston Moore, Sonic Youth)

2017 6 Sep.

Sleepover

von | Kategorie: Blog | | 2 Comments

Die ersten herbstlichen Blätter wirbeln um den Pool. Allmählich werden die Schwimmbäder wieder geschlossen. Gibt es an den us-amerikanischen High Schools tatsächlich ein Freshman Welcome Sleepover? Einige Leser werden sich an David Robert Mitchells Horrorfilm „It Follows“ erinnern, angesiedelt in einem Vorort von Detroit, wo Figuren wie aus dem Nichts auftauchten und unbeirrt durch die Gegend stapften, ihr Opfer im Blick. „The myth of the american sleepover“ ist der Vorgängerfilm, Mitchells Debüt. Man kann ihn als eine Art Vorarbeit für „It Follows“ sehen. In beiden Filmen gibt es so gut wie keine Erwachsenen und die Jugendlichen, im Sleepover meist um die 16, in „It Follows“ etwas älter, wirken orientierungslos, verwirrt, sich selbst überlassen, und dabei gelangweilt und überfordert zugleich. Das Setting ist ebenfalls ähnlich: hier ein Vorort in Michigan, dort ein Vorort von Detroit. Vorgärten, Schwimmbäder, Veranden, ein paar öffentliche Gebäude, wenig befahrene Hauptstraßen und überall Parkplätze frei. Im Sleepover fällt der Termin des offiziellen Sleepover mit einigen privaten Übernachtungspartys zusammen. Den Schlafsack geschultert und in die Pedale getreten, während der Abendhimmel am schönsten ist, und dann den energiegeladenen Song „Elephant Gun“ von Beirut im ipod angeklickt. Es geht in dieser Nacht darum, noch etwas aus dem Sommer herauszuholen. Sich gut mit jemandem unterhalten zu können und verrückt auf jemanden zu sein, das fällt eher selten zusammen. Am Anfang sind die Partys noch streng nach Geschlechtern getrennt. Während die Mädchen über Modefragen debattieren, hängen die Jungs schweigend vor dem Fernseher herum. Und hier habe ich eine der schönsten Szenen des Films gesehen, fast ohne Worte. Einer der Jungs, ein sympathischer Typ, der zwar in eine Blonde verliebt ist, die es aber genießt, ihn abblitzen zu lassen, dieser Junge beobachtet beim Fernsehen, wie ein etwas älteres Mädchen, wahrscheinlich die größere Schwester des Gastgebers, in Shorts und einem simplen roten Sweatshirt zum Kühlschrank geht, in ihren Socken, konzentriert, ein Telefon in der Hand. Sie schaut den Jungen an, holt ein sehr amerikanisches Plastikgefäß mit einem Saft aus dem Kühlschrank heraus, kippt etwas in ein Glas, schüttet ein bisschen daneben. Sie hält die ganze Zeit Blickkontakt mit dem Jungen, wischt mit einem Lappen den Fleck vom Boden auf, sagt ins Telefon, während sie den Jungen fixiert, I miss you too, und dann zeigt sie ihm den Mittelfinger. Ich denke, das ist die coolste junge Lady im ganzen Film. Es ist ihr einziger Auftritt. Niemand hat die kleine Szene mitbekommen. Der Film im Fernsehen läuft weiter. Ein Junge, der so aussieht, als ob er mal später Karriere machen würde, sagt: This movie is not even scary. Die Nacht ist noch lange nicht vorbei.

2017 5 Sep.

Sidsel

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

 

Now again, it has been special, the 13th or 14th installment of Kristiansand’s outstanding Punkt Festival, who wants to count? The live-remixes did often live up to, and extended the original performances. There are some stories to tell (and I will), but this blog doesn’t need quick shots, it’s always the gap, the in-between, the unspeakable that matters first. In the end it all comes to story-telling, gotcha!? After her duo with David Toop, and the mind-blowing „live remix“, Sidsel Endresen was standing outside, her eyes met my eyes, and instantly we embraced one another, and I heard her whispering two words into my ears: „my sweetheart“. Well, we never had an affair going on, so what was that? It simply was a purely improvised moment, with the much-quoted beating heart. David Toop has written a book about the history of free improvisation, and this way to communicate has never just been an attitude of music at the margins, it has always been, in many aspects & not so mysterious ways, a model for breaking patterns in the everyday life.

 

 

 

 

In einem Text, der schon ein paar Monate alt ist (s. comment 1) mokiert sich ein gewisser Michael Rüsenberg, manchem Leser vom Radio bekannt, über die Entscheidung, Nadin Deventer, ab 2018, und für drei Jahre, das Jazzfest Berlin leiten zu lassen. Warum poltert da wohl jemand dermassen substanzarm drauflos, statt im Vorfeld etwas sauberer zu recherchieren? Natürlich hat Nadin Deventer reichlich kuratorische Erfahrungen gesammelt, kennt Kulturmanagement und Jazzszenen aus dem Effeff – ihr Lebenslauf lässt sie geradezu als Idealbesetzung erscheinen, als erste Frau in Berlin Festivalgeschichte zu schreiben. Aber Rüsenberg zieht es vor, in der leicht erbärmlichen Landschaft der eigenen Vorurteile rumzustromern, und dabei auf chauvinistische Beifallspender zu zählen, die den Jazz für eine Männersache halten. Da ist mal wieder die „Kölsche Jazzpolizei“ unterwegs, mit pseudorheinischem Humor, und herzlich wenig Sachverstand. Bert Noglik und Richard Williams, Freigeister im besten Sinne des Wortes, kenne ich gut genug, um zu wissen, dass sie Nadin Deventers Programm mit Vorfreude entgegensehen.

 

2017 2 Sep.

Before The Necks

von | Kategorie: Blog | | 1 Comment

 
 

 
 

2017 2 Sep.

Revisiting Wandermüde

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | Comments off

 

„All stories are love stories.“

Robert McLiam Wilson (from the novel Eureka Street)

 

„All Stories Are True.“

John Edgar Wideman (From the story collection All stories are true)

 
 

The cover art for Wandermüde shows the gloves from a space suit placed on a mantelpiece, each palm facing decorative wallpaper. If there is a story here, it’s one that your mind instantly tells you, when your eyes see the juxtaposition and try to make sense of it. Or maybe you just get questions, like „are these gloves antiques placed there for fun in a bohemian living room from the past/future?“, or „are these gloves the gloves of someone who returned from space?“ or „are these gloves the gloves of someone about to go to space tomorrow“. Space. You’re already in space. Space is within you and without you. The gloves and the mantelpiece will soon be dust.

The first and most important thing to say about Wandermüde is that it is a work of great beauty. It may not be the most accessible of records – there are sustained notes, Ligeti-stylee ghostisms, corridor vibes, and in places a sense of epiphany and strangeness not seen outside of the closing scenes of Tarkovsky’s film Stalker or Russell Hoban’s novel Fremder. (I sent my copy of Fremder to Hoban’s publisher with a request for him to sign it. They said „sure“. Nothing came back. I emailed to ask what had happened. They replied that my hero was unwell. Nothing came back. My copy of Fremder is lost in space. My hero lives on.)

No point getting into the musicology of Wandermüde. Have a read at this Guardian article on accelerationism, (it’s a read alright!), take a breath, then listen to Deceleration. Or think of Florian Fricke and Popol Vuh and then check out Dark Pastoral. Wandermüde, like Fricke’s work, isn’t confined to some genre idea of prog or rock or drone/ambient. It moves in all directions.

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz