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Martina Weber: Eine Kurzversion des Buches, ohne zu viel zu verraten? Frank Bascombe, 38, Sportreporter mit Wohnsitz in Haddam, New Jersey, geschieden, zwei Kinder, deutlich jüngere Freundin, erzählt mit längeren Rückblenden von einem privat und beruflich ereignisreichen Wochenende in einem Spätsommer Mitte der 1980er Jahre.

Es war zwar anders, aber so hätte es anfangen können: Ich war zu Fuß unterwegs, geriet in einen Platzregen und flüchtete in ein Antiquariat. Dort fiel mein Blick auf dieses Buch und während ich darüber nachdachte, ob ich mich für das Leben eines Sportreporters interessiere (eher nicht, bei originellem Zugang aber doch, und zwar für jede Sportart) hatte ich Seite 186 aufgeschlagen und las: „Wenn deine Gefühle so einfach und reizvoll sind, dass du voll in ihnen leben kannst, so dass der Abstand zwischen dem, was du empfindest, und dem, was du auch empfinden könntest, aufgehoben ist, dann kannst du deinen Instinkten vertrauen.“ Richard Ford illustriert diesen Gedanken dann an zwei originellen Beispielen. Eine einleuchtende Definition von Glück: nicht daran zu denken, was besser sein könnte. Okay, dachte ich, es geht also nicht um die Beschreibung von Sportereignissen, der Job steht nicht im Zentrum Ich dachte an einen Satz in meinem Notizbuch: Mal wieder einen Roman lesen, bei dem ich das Zeitgefühl verliere, einer, der kein Trash ist, den ich aber schnell lesen kann.

 

David Emling: Ich kam eigentlich noch viel zufälliger dazu. Auf der Suche nach Büchern, die den Alltag von Menschen zum Gegenstand haben, fand ich ein Buch von Richard Ford mit dem Namen „Unabhängigkeitstag“. Ich las es und war begeistert, merkte aber schnell, dass die Hauptfigur Frank Bascombe immer wieder von seiner Zeit als Sportreporter sprach. Und so erkannte ich, dass das gar nicht das erste und einzige Buch über Frank war, sondern in einer Reihe steht, die mit dem „Sportreporter“ anfängt. Aber vielleicht sagt es auch etwas über die Qualität der Bücher aus, dass man das zweite einer Reihe lesen kann, ohne dass es als ein solches auffällt.

 

Martina Weber: Das Cover der Ausgabe, die ich im Antiquariat entdeckt habe, ist missverständlich. Zu sehen ist ein Teil des Gesichtes eines Mannes oder einer Frau, die Nase, die Augen, die Haut geschminkt im Muster der US-amerikanischen Nationalflagge. Dies suggeriert in Kombination mit dem Buchtitel „Der Sportreporter“, es würden ausgiebig Sportereignisse geschildert und der Anteil der Hauptfigur, des Journalisten, daran. Und den Text auf der Innenseite des Buches müsste man unbedingt überkleben, weil er zwei wichtige Ereignisse verrät. Ich würde auf dem Cover die Interviewsituation mit Herb Wallagher andeuten, zwei Männer am See, der eine im Rollstuhl, beide aus einer gewissen Entfernung betrachtet, und eine Frau im Hintergrund, ein bisschen vom Wohnumfeld, alles eher vage erkennbar.

 

David Emling: Ich finde das Buchcover auch nur bedingt überzeugend – diejenigen anderer Ausgaben wie zum Beispiel das von dtv noch weniger. Das geschminkte Gesicht könnte vielleicht einen großen Sportfan andeuten, der sein Fandasein besonders ernst nimmt oder so etwas. Wichtig ist mir, dass die US-Flagge bei längerem Überlegen gar nicht so schlecht ist, denn was im Roman immer auch mitschwingt ist, dass Frank die generelle weltpolitische Lage reflektiert – wenn auch nur sehr subtil, etwas, das in den Folgebüchern deutlich expliziter wird. Frank setzt sich deshalb in seinen Reflexionen nicht nur immer mit sich selbst auseinander, sondern tut dies stets vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse in den USA und, noch wichtiger, in Auseinandersetzung mit dem sogenannten „american dream“. Das ist deshalb wichtig, weil Frank eigentlich, wie er selbst sagt, ein zufriedener Mensch ist – obwohl er geschieden ist, Affären hat, seine Kinder ihm zu entgleiten drohen, mit anderen Worten, gemäß noch immer geltender Kriterien eines „guten amerikanischen Lebens“ eigentlich gar nicht sonderlich zufrieden sein dürfte. Ich glaube, es ist eine elegante Art und Weise von Richard Ford die Frage aufzuwerfen, was denn ein „gutes Leben“ im modernen Amerika ist. Und diese Frage ist gewissermaßen aktueller denn je.

 

Martina Weber: „Der Sportreporter Frank Bascombe stellt keine großen Ansprüche an sein Leben – er fühlt sich wohl in der ruhigen Zufriedenheit des Mittelmaßes.“ Hat dieser Satz auf der Rückseite des Buches den Zweck, möglichst viele Leute, die sich insgeheim mittelmäßig fühlen, zum Kauf des Romans zu bewegen? Ich finde Frank überhaupt nicht mittelmäßig! Er ist nachdenklich, ohne grüblerisch zu sein, er ist ein guter Beobachter, reflektiert und selbstkritisch, und einfach ein guter Erzähler. Wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass er, bevor er als Sportreporter angefangen hat, Kurzgeschichten schrieb und einen abgebrochenen Roman. Und wie es aussieht, ist „Der Sportreporter“ Franks erster Roman, den er schreiben kann, indem er die Techniken aus seiner journalistischen Arbeit umsetzt, also einfach drauflos schreibt, weil er es jetzt kann, und nicht mehr, wie in seiner Zeit als Schriftsteller, jedes Wort, jeden Satz zergrübelt, so lange, dass er mit dem literarischen Schreiben aufgibt. Auf diese Weise ist dieser Roman, den Frank Bascombe als Sportreporter schreibt, Richard Fords Durchbruch als Schriftsteller geworden. Der Sportreporter ist damit auch ein Buch, in dem, jedenfalls am Rand, Schreibtechniken reflektiert werden.

 

David Emling: Das sehe ich genauso. Stilistisch gefällt mir dieses Mäandern zwischen Alltagssprache und kleinen Weisheiten, die dann schön dazwischen gepackt sind, sehr gut.

Es gibt ja wie schon gesagt noch mehr Romane über Frank, die sogenannten „Bascombe-Novels“, die es auch in einem Sammelband im englischen Original gibt. Das Spannende an dieser Ausgabe ist, dass Richard Ford selbst eine kurze, aber sehr dichte Einleitung an dessen Beginn gesetzt hat. Darin geht er genau diesem Thema nach: Er wurde oft gefragt, ob Frank ein typischer Durchschnittsamerikaner sein soll, sodass sich möglichst viele mit dieser Figur identifizieren können. Auch wenn er viele enttäuschen mag, so Ford, sei es nie seine Absicht gewesen, über einen Durchschnittsmenschen zu schreiben.

Ich glaube vielmehr, es geht in dem Roman darum, all jenen, die zwischen „normalen Menschen“ und „besonderen Menschen“ einteilen, diese Einteilung um die Ohren zu hauen. Mir fällt hier auch der amerikanische Schriftsteller Richard Russo (soweit ich weiß mit Ford befreundet, würde mich jedenfalls nicht wundern) ein, der in einem Interview mal gesagt hat: „There is no such thing as small lives.“ Ganz genau (übrigens heißt ein früheres Buch von Russo, das nun in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt „Ein grundzufriedener Mann“…)!

„Einfache“ und durchschnittliche Leben gibt es nicht, denn ein jeder hat mit seinen individuellen Problemen zu kämpfen, deren Aufkommen eben unvorhersehbar ist. Und diese Unkalkulierbarkeit des Lebens darzustellen, wie es Ford in seiner Einleitung beschreibt, ist die Grundidee dieses Romans. Umso spannender ist das eben dann, wenn der Protagonist von sich selbst sagt, dass er eigentlich ganz gerne im Mittelmaß mitschwimmt und im Grunde mit seinem Leben zufrieden ist. Der darbende Künstler in Los Angeles, der trotz zahlreicher Widerstände nur für seine Kunst lebt – ein solches doch arg strapaziertes Bild ist als Grundlage für einen Roman meines Erachtens langweilig und klischeebeladen. Ein Roman über einen vermeintlich „normalen Menschen“ wie Frank jedoch ist unendlich spannender, weil diffiziler, subtiler und dadurch weitreichender. Denn dann geht es vor allem darum zu zeigen, wie jemand, der vielleicht gerne durchschnittlich wäre, verzweifelt versucht, sich in seinem Leben einzurichten.

Und denken wir mal kurz an die aktuellen politischen Geschehnisse rund um den Globus (inzwischen auch im ach so langweiligen Deutschland), dann wäre ein wenig vom Bascomb’schen Mittelmaß vielleicht gar nicht so schlecht.

 

Martina Weber: „Auch das lernt man als Sportreporter:“ heißt es im ersten Kapitel. „Es gibt keine transzendenten Themen im Leben. Dinge sind ausnahmslos hier, und sie sind vorbei, und das muss genügen.“ Der klassische amerikanische Pragmatismus also, könnte man meinen. Es gibt aber das Bedürfnis nach Transzendenz. Franks Sohn versucht, Kontakt zu seinem verstorbenen Bruder aufzunehmen. Und Frank genießt es, gelegentlich eine Fünf-Dollar-Handleserin aufzusuchen.

 

David Emling: Auch hier konterkariert der Roman seinen Protagonisten in gewisser Weise selbst. Vielleicht würde Frank gerne transzendenzlos leben, er würde gerne einen harmlosen Alltag führen, er würde gerne ein sicheres Umfeld haben – aber das Leben selbst drückt seinen Stempel unerbittlich auch ihm auf. Als Beispiele wären in den folgenden Romanen (Achtung Spoiler!) ein Unfall seines Sohnes Paul zu nennen, ein Mord, der direkt neben Franks Motelzimmer geschieht sowie seine temporäre (und heilbare) Krebserkrankung.

Vielleicht – auch wenn derlei Beziehungen zwischen Protagonist und Autor natürlich immer ein Stück weit Spekulation bleiben müssen – drückt diese Haltung auch jene von Richard Ford aus, dem in jungen Jahren das gleiche passiert ist wie Frank. Die ersten beiden Romane Fords wurden zwar gelobt, jedoch waren die Verkaufszahlen schwach, sodass sich zwangsläufig die Frage stellte, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen würde. Er wusste nicht mehr, was er schreiben sollte, also ließ er es einfach sein. Und so heuerte er 1981 bei einem Sportmagazin an, das jedoch nach einem Jahr eingestellt wurde, und erst, nachdem seine Bewerbung bei einem anderen Magazin abgelehnt wurde, wandte er sich wieder dem Schreiben zu und schrieb…genau, den „Sportreporter“. Das zeigt vielleicht auch die Zufälligkeit des Lebens und seiner Entwicklungen, selbst in der Kunst und dem Schreiben. Wir sind Schriftsteller, ohne Zweifel, aber heißt das auch, dass wir immer schreiben werden?

 

Martina Weber: In Marcel Beyers Buch „Nonfiction“ habe ich neulich folgende Passage mit Bleistift angestrichen: „Wer als Schreibender sein Arbeitsmaterial ernst nimmt, wird die Sprache nicht wie ein Werkzeug benutzen können, um bestimmte Ziele zu erreichen. Er wird, gerade wenn seine Aufmerksamkeit politischen Vorgängen gilt, die größte Aufmerksamkeit auf die Sprache lenken und horchen, lange Phasen einfach nur still horchen, ohne ein Wort zu schreiben.“

Die beiden Szenen im „Sportreporter“, die ich am meisten genossen habe, waren die Begegnung mit dem desillusionierten Ex-Footballer Herb Wallagher, und das Abcheck-Gespräch mit dem Vater seiner Freundin in einer Art Hobbykeller, in dem ein Auto parkt, ohne Aussicht, wieder herauszukommen. Und, doch noch eine, das Gespräch mit der jungen intelligenten Journalismus-Praktikantin am Ende, aus meiner Sicht die interessanteste Frau im Buch, und von Frank ziemlich falsch eingeschätzt.

 

David Emling: Vielleicht würden Genderforscher nun sagen, es sei typisch, dass mir noch eine andere „reine Männerbeziehung“ besonders im Gedächtnis bleibt, aber sei dem, wie es will, für mich ist die Figur des Walter Luckett (neben Frank) die spannendste. Vielleicht weniger die Figur selbst als das, was sie ausdrückt, nämlich in gewisser Weise ist Walter derjenige, der am konsequentesten „ausbricht“ aus dem Mittelmaß. Wie Frank ist er Mitglied im „Club der geschiedenen Männer“, deren Hauptziel es ist, nette Events zusammen zu verbringen, dabei aber keinerlei tiefsinnige Gespräche zu führen. Walter hält sich daran nicht und spricht mit Frank so lange über seine gescheiterte Ehe, bis er ihm schließlich ein homosexuelles Abenteuer gesteht, was Frank doch sehr peinlich findet. Die Verzweiflung Walters und sein ständiges Fragen, ob dies schlimm sei und was man dagegen tun könne, ist für Frank offenbar ein wenig zu kompliziert. Nun könnte man es damit sein lassen, aber Walter taucht im Laufe der Geschichte immer wieder auf, und immer wieder kommt es zu derlei missglückten Interaktionen mit Frank, die nahezu zwangsläufig zu schlimmen Konsequenzen führen (müssen).

Hier zeigt sich am deutlichsten, dass Frank trotz seiner Reflexionsfähigkeit manchmal ein handlungsunfähiger Einzelgänger ist. Die Mischung aus Indifferenz und Zurückhaltung, mit der er Walter begegnet, steht durchaus stellvertretend für eine kalte Gesellschaft, deren Gewinner (zu denen Frank trotz allem zählt) keinerlei Interesse an den Verlierern haben.

 

Martina Weber: Dass Frank seine Exfrau mit „X“ bezeichnet und nicht ihren Namen nennt, fand ich lächerlich. Der Roman ist doch kein Tagebuch, in dem eine Person  erwähnt wird, deren Identität zu schützen wäre. Ich würde dieses „X“ auch nicht als Versuch einer Art Auslöschung verstehen, zumal die Scheidung auf einem Missverständnis beruht und Frank gern wieder Teil der Familie wäre.

 

David Emling: Das finde ich auch, zumal der Name in den anderen Büchern ganz selbstverständlich genannt wird. Es passt auch deshalb nicht, weil seine Exfrau (ihr Name ist Ann) sich in den anderen Büchern weiter von Frank entfernt, und die Nähe, die es hier im „Sportreporter“ zwischen den beiden noch immer gibt, passt nicht zur maximal anonymen Bezeichnung „X“.

 

Martina Weber: Der Roman spielt, von Rückblenden abgesehen, an einem Wochenende, von Freitagmorgen bis Sonntagabend. Das Buch hat 520 Seiten und wer nicht gerade eine Marathonlesesession einlegt, benötigt fürs Lesen länger als ein Wochenende. Die Zeit des Lesens dauert also länger als die Zeit, in der die Erzählung spielt. Das macht die Lektüre zuweilen etwas behäbig und es hat einen ähnlichen Effekt, wie wenn man heute einen Film aus früheren Jahrzehnten sieht. Die ersten Staffeln von Twin Peaks fallen mir gerade ein, die für unsere heutigen Sehgewohnheiten langsam erzählt sind. Die Erzählweise im Sportreporter ist, auch wenn sie gut gemacht ist, für meinen Geschmack auch etwas zu glatt und zu konventionell. Ich mag es lieber fragmentarisch, sprunghaft, herausfordernd, grenzüberschreitend. Kürzlich habe ich die „Western Lands“ von William S. Burroughs angefangen. Hier ist nichts vorhersehbar oder berechenbar.

 

David Emling: Hm … ich muss darüber lange nachdenken, denn ich schreibe stilistisch ähnlich. Vielleicht könnte man es ja so sagen: Wenn schon das Leben selbst (sowohl unser eigenes als auch das erzählte von Frank) so unvorhersehbar ist, dann sollte wenigstens die Erzählstruktur verlässlich sein. Man kann sich wenigstens darauf verlassen, dass nicht auch noch der Autor verrückte Dinge tut.

Eine schwache Verteidigung, das gebe ich zu, aber das ist wahrscheinlich tatsächlich eine Frage des Geschmacks. Für mich liegt die Kunst wirklich darin, trotz einer sehr glatten Erzählweise den Leser bei der Stange zu halten – und das schafft Richard Ford.

2017 1 Okt.

The world’s ugliest music?

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Ein treibender Rhythmus reißt die Tür auf ins Iron Paradise, wo die vom Mond Besessenen (so der ursprünglich geplante Titel des Albums) seit Ende der 80er Jahre warten mussten bis ihre archaische, ungefesselte Energie wiederveröffentlicht wurde. Ein Gemeinschaftsprojekt von Midori Takada, die uns dieses Jahr bereits ein Reissue des Monats lieferte, und Masahiko Satoh, die Lunar Cruise nach einer intensiven Auseinandersetzung mit afrikanischer, arabischer und traditioneller asiatischer Musik nach einer Tournee durch Afrika, den arabischen Raum und Europa im Studio einspielten. Ganz organisch verschmelzen hier Stammesrhythmen mit asiatischen Melodien, Jazzelementen und einem sehr eigenwilligen Synthesizerspiel zu einer Weltmusik, die an subtiler Programmatik und Kompositionsfertigkeit ein würdiges Pendant zu Jon Hassells gerade erst reflektierten Schaffens darstellt.

Während wir bei Through the Looking Glass noch in einem Sushirestaurant weilten, sitzen wir nun im Weltcafé Nahm, einem Ancient Palace, in dem die bunten verzierten Bodenfliesen einen Rhythmus vorgeben, der beim näheren Hinschauen in A Vanished Illusion übergeht, zu dem eine bizarre Jazz-Tahine serviert wird. Jyomuran transferiert einen afrikanischen Puls in den japanischen Winter (hierzu wird ein traditioneller japanischer Cocktail serviert, in dem kleine lebende Quallen mit einem Schuss Alkohol zum Leuchten gebracht werden) und Monody liefert einen verhuschten Stammesbolero hinterher. In „D“ wird Terry Riley zitiert, um dann schrittweise zerfallen zu dürfen und in Madorone im Nebel eines nur scheinbar süßlichen Shisharauches auf der abgenutzten Ottomane abzudriften. Die Faszination des Reduktionistischen beginnt in Chang-Dra auf einem Blech zu tanzen, durchläuft wellenförmige Eskalationen gleich einem uralten Drachenritual, zu dem vermeintliche Gewissheiten ins Opferfeuer geworfen werden. Nun sind wir bereit zum finalen Lunar Cruise, der letzten Reise der Mondsüchtigen, die mit kristallinen Jazz-Pianoklängen, Marimbatremolos und unirdisch leisen Halbgesängen verklingt. Stille ist es jetzt, nur der Mond leuchtet, halb wolkenverhangen, Spuren noch wie ein vergessener Wegweiser in mein Schreibzimmer …

 
 
 

 

craziness is holy“
 

Stephan Plank hat einen Film über seinen berühmten Tonmeister-Vater gedreht. Er wurde heute in Anwesenheit des Produzenten in Düsseldorf gezeigt. Der Film beginnt mit einer Szene in einer Spielhalle in Tokio, im Hintergrund läuft Brian Enos Music For Airports, im Vordergrund steht Conny und sagt: „Alle Geräusche können in Musik verwandelt werden, wenn es gefällt, ist es gute Musik.“ Brian Eno war nie in seinem Studio nahe Köln, in Wolperath. Die beiden haben sich 1977 in New York getroffen. Eno gab dem Sohn ein langes Interview, das demnächst in dem Buch von Stephan Plank zu lesen ist. Conny und Brian sind Wesensverwandte: revolutionär, geistreich, regellos, der Suche nach neuen Klängen für die Welt verpflichtet.

Stephan machte sich auf eine lange Reise, um den Weggefährten seines Vaters Fragen zu stellen. Annette Humpe antwortet am einfühlsamsten. Der Vater sei eher abwesend gewesen, immer am Mischpult. Auch Gianni Nannini sagt, dass er sich wenig um seinen Sohn gekümmert hätte. Er sei wie sie ein Elefant gewesen, der immer auf der Suche nach dem richtigen Groove war. Alle Interviewten bewunderten Conny. Für seine perfekte Arbeit am Mischpult, für seine grandiosen Einfälle zu ihren Werken, ohne sich je einzumischen.

Conny Plank war für Kraftwerk auch als Produzent von entscheidender Bedeutung. (Wie nachlässig, nicht zur Premiere in der hometown aufzutauchen.) Conny ist es gerade mit ihnen – aber auch mit Neu, mit DAF, mit den Scorpions, mit Humpe und Humpe, Harmonia – gelungen, den Sound of Westdeutschland zu kreieren. Auch mit der wunderbaren Christa an seiner Seite. 1987 starb er mit nur 47 Jahren.

 
 

 

 

Hubro is my label of the year, this time. Andreas Meland is the man in the background. A programm of excellent, very good, and  good works that, in 2017, even surpasses last year’s output of a Nordic / Norwegian spectrum between free improvisation, chamber folk, electric wilderness, altered states of mind & sound, minimal drone studies, post-exotica, songs & sounds & atmospheres. They even put out an album by the band aptly called „1982“, including a church organ being deprived of all its gravitas.

Now Erik Honoré’s second Hubro album ist out, „Unrest“, and, as he has told during bis lecture in Kristiansand about making music in dark and turbulent times, he sees it as the „dark-eyed sister“ of his excellent first solo album „Heliographs“. In fact, it’s  a shadowy affair, with a spoonful of atonality and testing the limits of high-pitched violins, free floating, slow piano runs – and a theatre of voices, hiding,  murmuring, wondering. Not to forget „The Sheriffs of Nothingness“!

Erik Honore and his companions (yes, a great cast!) know how to build up suspense and release, and the sequence of the tracks is immaculate. You have to listen to it as an album, and, if you want to do yourself a favour, in the dark. While being immersed, you’ll easily be haunted by the thrill of dissonant textures, well placed grooves and swirling melodic lines that happen when you least expect them to appear. The last track is the perfect closer, an apparently simple song with an irresistible tune. And, well, part  of the magic of Hubro albums is the cover art of Yokoland (Aslak Gurholt and Thomas Nordby) – for „Unrest“ it works as warning sign – and invitation!

 

2017 1 Okt.

„Power Spots“ – Mellrichstadt / Dartmoor

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Within the fields of existential, or possibly pagean experience, or even occult spirituality, different physical locations are believed to be holy / existential sites because they possess an access to spiritual (resp. a certain, rarely unearthed human) energy. Common power spots often include mountains, caves, springs, the (often) windstill areas of small village backyards (Mellrichstadt!) – and other locations of unusual natural phenomena.

Recognized power spots are places that intensify whatever people bring to them, so that spending even short periods of time in them can lead to spiritual / existential transformation. Carlos Castaneda was a devoted searcher of power spots. „Power Spot“ is the name of a fantastic record by Jon Hassell, too. Though often connoted with holy places, power spots can sometimes be hardly recognized by their quite ordinary appearance (photo 1).

A good aquaintance of mine nearly lost her life in Dartmoor weeks ago by foolishly undererstimating certain power spot features of an area officially marked with signs of danger. She (a trained post-Freudian therapist) was even warned to enter the moor by a small, „strangely looking“, old woman, but downplayed the advice by thinking she would be kind of foolish. She wasn’t. The result: my aquaintance was white like a ghost after returning very late – for more than half an hour, she thought, every step could be her last.

 
 
 

 

In my memory, it was a hot summer afternoon in Schwabing, 1981. There was a record shop in the underground, and I remember, on my regular visits to the city, to stop by and look for exciting new albums. And I remember at least two records I bought there, Egberto Gismonti’s „Solo“ (the material on the cover had a special feel), and Jon Hassell’s „Dream Theory in Malaya“. Both stayed with me ever since.

I had my special Hassell experience, when nearly diving into „Possible Musics“, the Hassell-Eno-collab from the year before, on a never-ending bathtub session in Würzburg, all candles on! So, to hold this album in my hands (I stumbled upon it, didn’t read anything about an imminent release), to look at the surreal Mati Klarwein cover, to see the names of Eno (gongs, bells, bass) and Lanois (mix) on the backside – that all was the perfect ticket to ride.

And this was my first contact with the world of lucid dreaming, Jon Hassell’s story about anthropolgist Kilton Stewart (dating back to 1935, a golden era of Malaysian life, before brutal colonialism left its marks) made it very clear that Freud’s dream theory urgently needed some up-dates from the everyday culture of distant, ancient tribes. Two years later I became a serious student of lucid dreaming, had read the standard books of Stephen LaBerge and Prof. Tholey (the German pioneer).

In this quite short span of time, between early 1981 and early 1983, I lived in a tiny village in the Bavarian wood. This was hard stuff for a townie, and, playing smart Alec, I tried to learn my lessons  from Henry David Thoreau. In fact, I learned more from a bunch of records, and „Dream Theory of Malaya“ belonged to the top of the pile. Now, the re-release of the album contains an extra-track, „Ordinary Mind“ (a quite misleading title for such an oceanic piece), offering, 36 years later, an undisputable, perfect ending of that classic.

 

P.S.: To work as a psychotherapist in Furth i.W. with alcoholics in the early ’80s, following a well-planned research program based on modern extensions of behaviour therapy, seems like a decent first stage of a career in psychology. On the countryside. Looking back, it was a heaven-and-hell ride, including secret road maps, love and desaster, witches and shins and hypocrites, mushrooms, dragons and, well, volleyball. Not to forget the first, very raw album of the Go-Betweens, „Send Me A Lullaby“.

„Scary stuff usually seems tamer in retrospect; Hassell’s masterpiece is ever more shivery and fraught, a perfect soundtrack to mad and bad times, and not in the slightest consoling.“

(Brian Morton, The Wire)
 

„When has Jon Hassell painted his masterpiece? There’s more than one actually. Certain shades always prevail, the twilight zones for sure, with their  sense of threat, otherness and lost paradise.“

(MHQ)

 
 
 

 

2017 29 Sep.

Hans Zimmer meets Radiohead

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v i d e o
 
 

2017 29 Sep.

Mellrichstadtblues

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Ich wäre noch tiefer in die Rhön gefahren, aber nach der Begegnung mit einigen Pilzsuchern in teilweise Handke’schem Outfit (habe ich je verraten, dass Pfifferlinge meine Lieblingspilze sind?), und einem Besuch einer geschätzten Lautsprechermanufaktur, wollte ich nur noch meine 800-Kilometer-Tour durchziehen, als ich plötzlich doch den kleinen Hunger verspürte. Leider hatte das leise vor sich hin sinnierende Örtchen Mellrichstadt schon am Mittag Marktplatz und Bürgersteig hochgeklappt, und es bedurfte einiger Pfadfindertugenden, noch eine offene Pforte ausser der des lokalen Beerdigungsinstitutes zu finden. Wenn alles so herrschaftlich ausgestorben scheint, fällt noch rascher auf, was für eine Stimmungskanone ich sein kann. Also ergaben sich, im gewitzten Dialog mit der Diensthabenden eines kleinen Museumscafés auf der Hauptstrasse, die auch Hinterlandstrasse hätte heissen können, ein paar Einblicke ins fast völlig zum Erliegen kommende Treiben ringsum. Lugte die Sonne mal kurz durch die Wolken, wurde es richtig warm, und ich ertappte mich dabei, uralte italienische Schlager hören zu wollen („mit der süssen Vera an die Riviera“). Isabella stellte dieweil Stühle im kleinen Hinterhofgarten auf. Sie erzählte von Senioren, die regelmässig kämen, mit treuen Hunden, und diese „Oase der Stille“ geniessen würden. Mittlerweile war mein Traum von einer fangfrischen Forelle ausgeträumt, ich gab mich mit einem Stück altdeutschem Käsekuchen zufrieden, schoss noch ein Foto von der von jedem Windhauch befreiten Idylle des Hofes (die Alten würden sicher bald herbeiströmen, die Szenerie in ein Konzert von Kuchengabeln verwandeln, ich hatte schon mein Solo) – und machte mich, nach erstaunlich munteren Abschiedsworten, auf den Weg. Am Rand nahm ich noch wahr, wie verriegelt die Dorfpizzeria war (ein Schild mit der Aufschrift „GESCHLOSSEN FÜR IMMER“ hätte mich nicht aus dem Gleichgewicht gebracht) – doch erst im Nachhinein wurde mir klar, wie leicht ich hier, am Ende der Welt, die Zeit hätte anhalten können. Ein idealer Ort für Liebende und Verlorene. Hinter der Ortsgrenze hiess das erste Lied, das ich hörte, „Hawai“, von Neil Young, er sang es 1976, in einer Sommernacht, auf seiner kleinen Ranch nahe Malibu.


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