Manafonistas

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Der ganze Boden war bedeckt von zähem schwarzem Schlick oder besser gesagt dem, was der große Säuresee von den Abresten der Welt übrig gelassen hatte. Der schneidend scharf riechende Säuresee, wie ihn Moebius (eigentlich Jean Giraud) und Alessandro Jodorowski (die beide bemerkenswerterweise bislang hier viel zu kurz gekommen sind) in ihrem irren Initiationsmythos Incal beschreiben, liegt tausende von Metern oberhalb dieses düsteren Ortes an den kein Licht mehr dringt. Zutiefst rätselhaft ist auch der Weg, wie man hierher gelangt und ich könnte ihn in meinem jetzigen Zustand auch keinesfalls nachvollziehbar beschreiben. Ich habe nur gehört, dass James Cameron bei seinem letzten Tauchgang in den Marianengraben fast einen der verborgenen Eingänge gefunden haben soll, aber dann gab es Irritationen mit der Sauerstoffversorgung und er musste wohl aufsteigen.

Langsam versuchte ich mich also durch den düsteren Schlick voranzuarbeiten. Für die Augen ist hier vollkommene Nacht, so dass man nur nach langer Adaptation mit dem Geist die Schemen schattenhaft erkennen kann. Nach scheinbaren Ewigkeiten, die mich dem illusionären Charakter der Zeit ein Stückchen näher brachten, wurde der Boden etwas nachgiebiger und weicher, fast wie an einem Ufer. Es schnürte mir fast die Luft ab, der beißende Geruch dessen, was jenseits ultimativer Zersetzung noch olfaktorische Reize absondert, als eine noch lichtleerere Gestalt auf mich zutrat und mich mit einer dezenten Geste zum Mitkommen aufforderte. Er war gänzlich von einer Kutte umhüllt, worüber ich nicht unglücklich war, wissend was sie verbarg. Als wir an einer Art Fähre angekommen waren bedeutete er mir Platz zu nehmen und meinen Obolus für die Überfahrt zu entrichten. Es ist schwer etwas hier herunter mitzubringen, da alles Irdische auf dem Weg, spätestens durch den Säuresee völlig zersetzt wird, selbst Knochen haben da keinen Bestand mehr. Irgendwie gelang es mir aber den Silberling, den ich seltsamerweise auf dem Weg hierher dennoch retten konnte, zu fassen und dem cerberusähnlichen dreiköpfigen Wesen direkt in eines der offenen Mäuler zu schieben und den Schalter darüber im fahl glühenden rechten Auge zu betätigen. Das riesige Maul klappte lautlos zu und einen Augenblick später ertönte ein leises Zischgeräusch …

… und auf einmal war es, als ob es etwas heller werden würde. Der Fährmann stieß die Fähre ab, wobei ein leise glucksendes Geräusch ohne jegliche Höhen entstand und wir glitten stille voran, während die Geräusche aus dem Cerberus lauter wurden und sich schrittweise in archaische Klänge verwandelten. Der düstere Fährmann stutzte und gab zum ersten mal ein zustimmendes Geräusch von sich. Dann setzte er sich, nachdem immer deutlicher Musik zu erkennen war und zückte einen Reefer aus seinem Mantel, den er mit einem Reiben seiner Finger aneinander anzündete und den dicken Rauch genüßlich einzog. Gleichzeitig fing es langsam an weiterhin heller zu werden. „Das hatten wir hier lange nicht mehr“ sagte er mit affektloser, sonorer Stimme, „der letzte, der hier ein bißchen Licht reingebracht hat, war Pythagoras, als er mit seinem Bassmonochord einen Rock’n’Roll abfetzte“. „Das tut mir leid“ antwortete ich zaghaft, „keine Ahnung nach welchen Regeln hier unten was ankommt“. All das, was sich musikalisch seit Pythagoras getan hatte erklang nun in sehr komprimierter und dennoch minimalistischer Weise, kleine bizarre Oden aus der über- und unterirdischen Gesamtkulturwelt. Eine intensiver als die Nächste. Nichts, was man schon mal gehört hätte und trotzdem nichts unbekannt. Nun war es so hell geworden, dass man das andere Ufer sehen konnte, wo zwei noch etwas verschwommene Gestalten standen, die sich beim Näherkommen als Moebius & Moebius entpuppten, genau genommen Dieter und Jean Giraud, wobei auf der Schulter des Zeichners die Lichtinkarnation seiner Betonmöwe Deepo saß, die alles überstrahlte.

 

 

 

 

Die beiden hielten sich im Arm und lachten und auch der Fährmann schien inzwischen nicht nur ziemlich stoned, sondern auch herzlich guter Stimmung zu sein und gluckste heiter im Takt vor sich hin. „Junge“, sagte er trocken, „das muss Dir mal einer nachmachen: einfach die Welten kurzzuschließen, indem du uns was mitbringst, wo der eine Schöpfer noch im Irdischen weilt und der Andere die Zeitlosigkeit hier mit wundersamsten technoiden Klangsignalen in ein endloses Band verwandelt“. Alles brodelte nun in überbordender Eleganz, der Raum brach lautlos in sich zusammen und jenseits der wundersamsten Musik war nur noch das leise Lachen von Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius zu hören, während der andere Moebius mit einem Fingerstrich im Leeren seine Betonmöwe das lang erwartete Weltenei legen ließ …

 

 

2018 8 Jun

Mr. Tillman

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Ah
Mr. Tillman, good to see you again
There’s a few outstanding charges just before we check you in
Let’s see here, you left your passport in the mini fridge
And the message with the desk says here the picture isn’t his
And oh, just a reminder about our policy
Don’t leave your mattress in the rain if you sleep on the balcony
Okay, did you and your guests have a pleasant stay?
What a beautiful tattoo that young man had on his face
And oh, will you need a driver out to Philly?
Jason Isbell’s here as well
And he seemed a little worried about you“

(excerpt)

 

video

 

 

What a wonderful new Jon Hassell album, I had to smile reading you‘re listed on one track. In my next show I will play some of it, and his ancient „Vernal Equinox“, too.

Honestly I didn’t know I was on the record, but I only heard the two tracks available on spotify (and ordered the album). I love what I heard so far, and are really happy to hear that he used some material from the time we played as well. Looking forward to hear the rest!

 

2018 6 Jun

Sechs Sechs Achtzehn

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„Everyone carries a room about him. This fact can be proved by means of the sense of hearing. If someone walks fast and one pricks up one’s ears and listens, say at night, when everything round about is quiet, one hears, for instance, the rattling of a mirror not quite firmly fastened to the wall.“

(Kafka, „The Blue Octavo Notebooks“)

 

„As a very sensitive child, I reacted to the violence around me by internalising everything. I closed all the shutters, build up walls, became as perfect as I could be, in order not to be hit. My only refuge was music, and I totally disappeared into the internal landscapes it opened up to me.“ 

(Max Richter, Liner Notes „The Blue Notebooks“, 2018 Anniversary Edition)

 

 

Vor kurzem erschien eine Jubiläumsausgabe des „Blue Notebook“ Albums von Max Richter; um eine CD mit sieben Titeln ergänzt; vier davon unveröffentlicht. Dinah Washington fügt mit ihrem Gesang dem bisher instrumental gehaltenen „This Bitter Earth / On The Nature Of Daylight“ eine neue Farbe bei. Die zwei Neuabmischungen auf der zweiten CD sind zu vernachlässigen; stören eigentlich nur den Fluss beim Anhören.

Und noch eine Empfehlung: der von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch geschriebene Soundtrack zu „Blade Runner 2049“; ein Soundtrack der so ganz anders ist als man ihn von Hans Zimmer erwartet. Natürlich, auch dieser trägt unverkennbar seine Handschrift; aber dieser ist technischer, härter, schriller und elektronischer – ungewohnt für Hans Zimmer zwar, aber der Thematik des Filmes angemessen.

Mit diesen beiden Alben lassen sich die Abende bei untergehender Sonne verbringen: verborgen und unbeobachtet hinter einer Mauer aus Klang sitzend, zur Ruhe kommend. Auf dass niemand störe.

 

 

 
 
 

All things important you‘ll find in this miniature house. We live  in the main house, with a view to green fields, close to a natural reserve. We love traveling to the sea, great movies and TV-series, music,  food – and really enjoy making contact with interesting humans. The Tiny-House is centrally located, 30 minutes away from the city centre. With the bus at the end of our street you‘ll have a short trip to the heart of the city, to the „RWTH Uniklinik“ or to the train station. By the way: free parking space, and the „tiny house“ is a light-friendly room, separated from the main entrance of the big house, with a bathroom and a fine high sleeper bed. Everything is compact and cozy. Additionally we have a nice big garden that can be enjoyed by our guests (even in winter time). At times being blocked for Airbnb the tiny house is used for my therapeutic work, and visits of friends. Apart from everything else, this safe haven (for one or two persons) will soon contain the most minimal exhibition of album covers (changing with the seasons). 

 

2018 5 Jun

Elbjazz Festival

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  Impressionen

 
 
 
Es ist ein weiter Weg nach Hamburg. Große Städte zu besuchen, reizt mich nicht besonders. Weite Wege lege ich lieber zurück, wenn ich in leeren Landschaften ankomme, in Landschaften voller karger Schönheiten.

Weite Wege gehe ich gerne, wenn ich Freunde treffen kann. Die Reise nach Hamburg war ein Geburtstagspräsent, das mein Mädel von unseren Kindern geschenkt bekommen hat.

Wir verbrachten zwei Tage bei Bettina und Rudolf. Zwei weitere Tage streiften wir auf dem Festival umher. Das Programm war reichhaltig, Bekanntes und Unbekanntes, Attraktives und Uninteressantes.
 
 
 
  Omer Klein Trio   (listen)
 
 
 
Dieses Trio habe ich im letzten Jahr live gehört. Wenn ein Auftritt in Reichweite ist, sollte man die Gelegenheit zum Besuch nützen. Ich halte das Omer Klein Trio live für das zur Zeit aufregendste Piano Trio weltweit. Das Recital in der Schiffbauhalle auf dem Blohm & Voss Gelände wurde von NDR info mitgeschnitten.
 
 
 
  Django Bates und die hr-Bigband
 
 
 
51 Jahre Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Saluting Sgt. Pepper – direkt an den Bühnenabsperrungen, ganz vorne. Witzige und aberwitzige Arrangements. Der Sänger Martin Ullits Dahl, glänzend!
 
A Day In The Life – a wonderful one in this case …
 
 
 
  Tony Allen
 
 
 
Ein Blick aus der Elbphilharmonie auf die Stadt. Am Samstagabend um 20 Uhr spielte im Großen Saal die Band von Tony Allen. Ich kannte ihn nicht. Der Auftritt war eine kleine Enttäuschung.

Allen spielte wenig differenziert, sein Pianist war kein begnadeter Improvisator, allerdings ein gut groovender basso-continuo-Spieler. Ein junger Saxophonist und ein talentierter Double Bass Player ergänzten zum Quartett. Zu Hause angekommen, habe ich mein Wissen über Tony Allen deutlich vergrößert, habe bei Qobuz ein paar Alben angehört, die mir gut gefallen haben. Brian Eno beschrieb einmal Tony Allen als „den vielleicht größten Schlagzeuger, der je gelebt hat“. Dieser Auffassung werde ich mich jedoch nicht anschließen.

Vielleicht lag es am Ort, am Großen Saal, dass ich wenig angetan war. Es ist ein Raum, gebaut für ein Sinfonie-Orchester, mit den dafür passenden akustischen Eigenschaften. Zwei Sekunden Nachhall mögen ideal sein für Sinfonische Musik, aber wenn Tony Allen die Cymbals traktiert, wird es ein zischender Klangbrei, in dem dumpfe Tomtom-Impulse schwimmen. Bass Drum und Kontrabass liefern ein konturlos wummerndes Tiefton-Fundament. Auch an den Freiluftbühnen der Blohm & Voss Werft frönte man den über die Maßen röhrenden Bässen, den Machos des Frequenzspektrums – grauenhaft. Am besten war der Sound beim Omer Klein Trio in der Schiffsbauhalle, vielleicht deswegen, weil Spezialisten des NDR am Werk waren.

Ich freue mich auf die Kulturwelten Helmbrechts, wo Mixer mit guten Ohren und Geschmack für transparenten Sound sorgen, in kleinen Sälen – ein großer Vorteil!

Wer wird dort wohl spielen?

„Das Drama ist nämlich, dass das Unvermögen zu schreiben einem noch keineswegs das Verlangen danach nimmt.“
 

Das Zitat, im Merve-Verlags-Prospekt 2003 entdeckt, stammt aus dem Buch von Marcel Bènabou „Warum ich keines meiner Bücher geschrieben habe.“

Ich habe mir das Buch antiquarisch gekauft – für 5 Cent. Davon bekommt der Autor einen eher geringen Anteil, und so wird deutlich, dass kein Vermögen zu besitzen direkt zum Unvermögen zu schreiben führen kann.

Die zweite Bedeutung des Satzes ist die klassische Schreibhemmung: das Schreiben fällt schwer, was irgendwie mit Komplexen und Psyche zusammenhängt. Der Schreibwunsch bleibt und hält uns davon ab, einfach etwas Ungehemmtes zu tun, zum Beispiel den Rasen zu mähen (falls keine Rasenmähhemmung besteht). Es kann aber auch daran liegen, dass ich eigentlich was anderes schreiben möchte als ich meine zu müssen.

Drittens könnte es einer Größenphantasie entspringen: ich habe kein Talent zum Schreiben, tue es aber trotzdem, oder ich tue so, als ob … . Vielleicht beklagt sich Bénabout über die vielen schlechten Bücher, die aller Schreibhemmung zum Trotz dennoch erscheinen.

Noch eine weitere Möglichkeit, den Satz zu verstehen: das Unvermögen sitzt im Körper, durch Krankheit, Unfall, Alkoholkonsum oder Behinderung bedingt. Davon habe ich neulich erzählt: von der Widerspenstigkeit der elektronischen Kommunikationsmittel. Meine Finger produzierten trotz nur minimaler Dysfunktionen in fast jedem Wort Fehler. Das Diktierprogramm hatte immerhin eine Quote von 1:4 Richtigen. Beim manuellen Korrigieren verzitterte ich noch mehr Buchstaben. Aus Ungeduld wurde Zivilisationskritik oder ehrlich gesagt Wut, bis ich in der Situation eine gewisse Albernheit entdecken konnte. Die Technik hatte sich selbständig gemacht.

Das Geschriebene sah sehr merkwürdig aus und ließ sich, wie die Tramschilder in Budapest, nicht im Gedächtnis behalten. Einzige Anker für Sinn und Verstand boten die von selbst entstandenen Worte DADA und DERRIDADA. Ich fühlte mich gleich kulturhistorisch ein bißchen zuhause. Zufällig fand ich heraus, daß sich der Text hervorragend rappen ließ. Also doch Stoff für das manafonistische (far) beyond.

Zwei reizende Kommentare fanden sich ein. Doch dann entdeckte ich, dass sich offensichtlich ein Korrekturprogramm an meinen Text herangemacht hatte. Alle einzelnen Wörter waren orthographisch richtig geschrieben; zusammen ergaben sie keinen Sinn. So hat mich die künstliche Intelligenz zweimal ausgetrickst; erst hat sie meine Ordnungsversuche hintertrieben, dann hat sie auch noch mein Chaos zerstört. Unvermögen! DADA und DERRIDADA blieben übrig.

Anmerkung: Marcel Bénabou war mit Georges Perec befreundet, dem großen Erzähler und Aufzähler. Während Perec in seinem Roman „La vie mode d’emploi“ Geschichten und Bildern aus einem Pariser Mietshaus sammelt, findet sich bei Bénabou die wohl längste Liste, was warum nicht zu schreiben ist – eine Fundgrube für Schreibgehemmte.

Die Liste seiner Literaturpreise ist lang, aber einer dieser Auszeichnungen hat mich denn doch überrascht. David Mitchell bekam 2015 den World Fantasy Award für seinen vorletzten Roman Die Knochenuhren. Wir erinnern uns: der Roman zerfällt, wie bei Mitchell üblich – wir lassen Der Dreizehnte Monat einmal außen vor – in mehrere Teile, mehrere Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, Bereits während der ersten vier Geschichten spürt der Leser, dass da etwas nicht stimmt, irgendwie fallen die Geschichten kaum merklich aus der Realität. Aber erst im fünften Teil lesen wir Fantasy pur. Mitchells Leser staunten nicht schlecht, das gab es bei ihm bisher nicht. Genau für diese Geschichte, Teil fünf der Knochenuhren, erhielt der Autor diesen Preis.

 
 
 

 
 
 

Am 15.Mai dieses Jahres erschien nun Slade House, der neue Roman von David Mitchell. Es sei gleich verraten, das ist nun ein ganzes Buch Fantasy pur. Das geheimnisvolle Slade House in der Slade Alley mit allem was drumherum passiert, alles Fantasy. Immerhin bleibt Mitchell sich und seinen bisherigen Büchern treu, wenn er auch diesen Roman in verschiedene Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, zerfallen lässt, freilich spannt er den Zeitrahmen dieses Mal recht kurz: es beginnt im Jahre 1979 und schreitet im Neun-Jahres-Rhythmus bis zum Jahr 2015 fort. Die fünf relativ kurzen Geschichten werden dem Leser jeweils aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven präsentiert: zunächst erzählt der Schüler Nathan Bishop, wie er und seine Mutter Lady Grayer und ihren vermeintlichen Sohn im Slade House besuchen. Die zweite Erzählung wird aus der Sicht eines Polizisten, die dritte aus der einer Studentin, die vierte aus der einer Journalistin und die fünfte von einem der Grayer-Zwillingen dargeboten. Die ersten vier Ich-Erzähler gelangen alle ins Slade House, aus dem es kein Zurück gibt, denn hier geht es darum, dass man ihnen die Seele nimmt. Thema ist also einmal mehr lebenswütige Menschen, die den eigenen Tod nicht akzeptieren wollen und auf Kosten des Lebens anderer ihr Dasein ins Unendliche ausweiten möchten.-

Von der Slade Alley führt ein nur alle neun Jahre im Oktober sichtbares Türchen in einen paradiesisch anmutenden Garten an dessen Ende das riesige, unheimliche Slade House aufragt. Hier leben die Grayer-Zwillinge, die alle neun Jahre Seelen-Nachschub brauchen. All das kommt der Mitchell-Leser-Gemeinde natürlich bekannt vor: genau um diese Thematik ging es in den Knochenuhren. Slade House könnte man ja auch durchaus als Fortsetzung dieses 816 Seiten Wälzers verstehen, wobei freilich, für Mitchell höchst ungewöhnlich, Slade House recht knapp ausgefallen ist: 233 Seiten kurz. Hier wie dort kämpfen die Horlogen für die Unantastbarkeit des Lebens und gegen die Gier nach Unsterblichkeit.

Obwohl ich gewiss kein Liebhaber von Fantasy-Literatur bin, gefällt mir auch dieser Roman Mitchells sehr gut. Die fünf Geschichten sind dermaßen gut erzählt, dass der Leser die Figuren und die Stories sehr schnell lieb gewinnt und sich nur schwerlich damit abfinden kann, dass die Erzählungen rasch abbrechen und er sich auf Neues einstellen muss, was allerdings wiederum im Handumdrehen gelingt. Wie immer legt Mitchell viel Wert auf die historische und kulturelle Situation der jeweiligen Zeit, in der eine Erzählung spielt: 2015 ist natürlich von iPhone als Kommunikationsmittel die Rede, 2006 vom Handy und den SMS, natürlich auch von Tony Blair, 1997 spielen die Eels ihr Novocaine for the Soul, Morrissey titt auf, Björk singt die Hyperballad und von Massive Attack gibt es Safe from Harm.

 
 
 

 
 
 

Auch freut den Mitchell-Leser, dass er Bekanntes aus früheren Romanen wiederfinden kann: So arbeitet die Jounalistin Freya im vierten Teil des Slade House für die Zeitschrift Spyglass Magazine, wir kennen es aus dem Wolkenatlas, dort arbeitete Luisa Rey für diese Illustrierte. Auch Dr. Marinus ist ein alter Bekannter, er spielt in den Knochenuhren eine wichtige Rolle. Ganz zu schweigen von Vyryan Ayrs, dem Robert Frobisher im Chateau Zedelheim dient (Wolkenatlas).

Nach Chaos, Der Wolkenatlas, Der dreizehnte Monat, number 9 Dream, Die tausend Herbste des Jacob de Zoet und Die Knochenuhren ist Slade House sicher nicht Mitchells stärkster Roman, aber der Freund der Bücher dieses Autors kommt auf seine Kosten und für den Entdecker von David Mitchells Bücher ist Slade House sicher ein guter Einstieg in seine Romanwelt.

 

 

 
 
 

Arrival at „Romantik Hotel Platte“. Moving to a place nearby. Two days of shamanism. Peruvian healer Don Agustin and his team. 50 clients. I heard before it would not be an easy ride. I think it was a good preparation to only listen to two records within the last three days, Santana‘s „Abraxas“, and Jon Hassell‘s forthcoming album „Listening to Pictures“. Both albums contain cover art by Mati Klarwein known for his magic realism, think of „Bitches Brew“, think of „Dream Theory In Malay“. Speaking of the music, I can only say that listening to Hassell‘s album can even take the most experienced lover of his music by surprise. It is one of those works of an old master that is not painting the world soft and sweet, but much more an invitation to surround oneself with cutting edges, distant echoes, and something unspeakable. Just an idea coming up for sequencing the first hour of my radio night in June: Jon Balke with Batagraf (one track, see Jazzland Records), Steve Tibbetts (three tracks), Brian Eno (three tracks), Jon Hassell (three tracks) Nik Bärtsch (one track). And yes, the two days in the green hinterland would not become an easy ride. But impressive in many ways.

 

2018 1 Jun

Lob des Fusion

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Lange Zeit ging ein Gespenst um in der westlichen Musikwelt – das Gespenst des Fusion. Um es auszutreiben, hatten sich wissenschaftlich-akademische Mächte mit dem gemeinen Volk zu einer heiligen Allianz zusammengeschlossen: der Klassikliebhaber, der Jazzpurist und der globale Folkfan mit seinen Wurzeln in Irland, Schottland, England und der Bretagne; die Lateinamerika-Fraktion mit ihrerseits weltmusikalischen Auswüchsen. Mercedes Sosa, Violetta Parra und Inti Illimani seien hier exemplarisch genannt. Ferner die Klaren aus dem Norden (Jan Garbarek, Terje Rypdal, wobei, ähäm, herrje), die Bluespuristen … – ich könnt´ noch Hundert nennen. Dabei sind doch der Fusion-Sound und seine eng verwandte muskulöse Tante Jazzrock fest verwebt mit vielem, was geschmackvoll war und ist. Man denke an Gateway, die frühen Tage des Mahavishnu, an Chick Coreas Return To Forever. Auch Senora Flora Purim, Airto Moreira und Weather Report dürfen hier nicht fehlen. Folgerichtig spiegeln sich Slavoj Zizeks einleitende Worte seines Buches Die Tücke des Subjekts (The Ticklish Subjekt, 1999) auch in meinen neuen Anfang wieder – allerdings nicht bezogen auf die Rehabilitation des cartesianischen Subjekts (cogito, ergo sum) und einem berechtigten Misstrauen gegenüber New Age und den Obskurantismen der „Ganzheitlichkeit“, sondern bezogen auf ein Lob des Fusion. Möge sein Geist fortan frei walten, unbelastet von Vermaledeiungen der Vergangenheit – ich jedenfalls wähne mich frei von Stolz und Vorurteil.

 
 
Adam Rogers – DICE


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