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a u d i o

 
 

2019 13 Feb

TB 30

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 11 Kommentare

Eigentlich, so der Verfasser dieser Zeilen, habe er ja bereits gestern TB, dem, wenn man ihn denn so nennen dürfe, Jubilar, seine herzlichsten Glückwünsche zum dreißigsten Todestag aussprechen wollen, doch sei dies Vorhaben an mehreren sogenannten Unwägbarkeiten gescheitert, als deren größte zweifelsfrei die kontinentale Verschiebung der Zeit anzusehen sei. Doch sei dies naturgemäß nicht zu ändern gewesen, da die Richtung des Zeitpfeils nicht umkehrbar sei. Außerdem habe er sich schon seinerzeit bei einem abendlichen Treffen sogenannter Feuilletonjournalisten anlässlich des zehnten Jubiläums wie der Jubilar selbst in einen großen Ohrensessel in der Nähe der Tür setzen und die anderen Anwesenden nicht in ihren Gesprächen stören wollen, da diese sogenannten Fachgespräche, da sei er sich sicher, doch nur als bessere Tischdekoration enden und wie jedesmal zu nichts und wieder nichts führen würden, oder zu gröbsten Gemeinheiten, oder, noch abgefeimter, zu den aufgeblasensten Lobhudeleien. An solcherlei wolle er, der Verfasser dieser Zeilen, sich unter keinen Umständen beteiligen. Statt dessen habe er, wie es der Zufall gewollt habe, sich gestern anlässlich des Datums in einem herumliegenden Buch wieder einmal, wie man so sage: festgelesen. Ja, man könne sogar sagen: Dieses Buch habe ihn tatsächlich über zwei Jahrzehnte hinweg nicht losgelassen. Die scheinbare Belanglosigkeit, mit welcher sich TB, der Autor jenes Buches, in einen ebensolchen Ohrensessel neben der Tür setze und wortlos den Gesprächen der ihm scheinbar unbekannten eingeladenen sogenannten Gäste folge, um diese von Seite zu Seite stärker geradezu zu sezieren, bis ein einziges unfassbar komplexes Beziehungsnetz sich offenbare, in dem jeder jeden bis auf die Haut kenne, diese Belanglosigkeit, die sei schuld daran gewesen, dass er, der Verfasser dieser Zeilen, einem nichtendenwollenden Leserausch anheim gefallen sei, der, so wird man anmerken dürfen, auch den großen Hüsch befallen habe, der sich darob dazu verleitet gesehen habe, stundenlang durch das seinerzeit winterbedingt halbverschneite Österreich zu fahren, um ein Autogramm des von ihm verehrten TB zu erhalten. Jedoch sei ihm dies, wie er in seiner „Du kommst auch drin vor“ betitelten Autobiografie unumwunden zugab, nicht gelungen, was ihn zur Erfindung seiner sogenannten Hagenbuch-Geschichten veranlasst habe, die dann wiederum den Verfasser dieser Zeilen zu dem Auslöser aller dieser Schreibereien geführt hätten. Der Autor dieser Zeilen sei zwar, wie leider auch er zuzugeben habe, ebenfalls nie in den Besitz eines Autogrammes von TB gelangt, was allerdings nicht allzu verwunderlich sei, da er dies auch nie versucht habe, doch besitze er immerhin ein solches vom großen Hüsch, der wiederum ein großer Verehrer des genannten Jubilars, TB, gewesen sei, so dass zumindest man von einer Art indirekter Verbindung sprechen könne. Weswegen der Verfasser dieser Zeilen hiermit kund und zu wissen tut, dass jenes in Rede stehende Buch eines seiner sogenannten Lieblingsbücher sei, und, da man bei jedem Lesen immer wieder neuer, bislang nicht entdeckter Details gewahr werde, naturgemäß wohl immer bleibe:

 
 
 

           

 
 
 

Die Übersetzung, so der Verfasser dieser Zeilen, sei naturgemäß dem Original nicht ebenbürtig, doch sei dies in diesem Fall zu akzeptieren, er habe schon schlechtere Übersetzungen lesen müssen.

 

 

Wenn man zurückdenkt, fallen einem auf Anhieb eine Handvoll Filme und ein paar mehr ein, welche die Geschichte des eigenen Lebens mitsamt ihren Löchern, Fehltritten, Kunststücken, Zufällen, Nichtigkeiten, Abenteuern und Erhabenheiten miterzählen, als unvergessliches Kinoerlebnis oder kleine Schule des Sehens, der Sehnsucht oder des Loslassens, als Traumspender oder Trauerbegleiter, oder weiss der Kuckuck was – dazu zählen bei mir Psycho, Emil und die Detektive, Die Reifeprüfung, Blue Velvet, Silverado, Sullivans Reisen, Herz aus Glas, Goldrausch, Die Mutter und die Hure, California Split, Nostalgia, Diva, The Long Goodbye, Paris, Texas, Der unsichtbare Dritte, Celine und Julie fahren Boot, und ganz sicher auch 24 Frames. Ich habe den Film heute zum ersten Mal gesehen, ich war von der ersten Sekunde an gebannt, er hat einen der grossartigsten „showdowns“ (nennen  wir es „showdown“), die ich je gesehen habe (ich weiss, wann ich nicht übertreiben darf) – und im altmodischen wie existenziellen Sinn bin ich restlos ergriffen.  (me)

 
 
 

 

Martina Weber: Du hast dich auf eine ganz besondere Art von Interviews spezialisiert, die du auch Nicht-Interviews nennst. Seit November 2014 publizierst du auf dem Poesie- und Literaturportal fixpoetry.com, das von Julietta Fix aus Hamburg gemanagt wird, literarische Selbstgespräche. Auf deiner Webseite erklärst du den Begriff des literarischen Selbstgesprächs so: „Dabei dürfen die Künstlerinnen und Künstler frei drauflos sprechen, während ich ihnen aufmerksam zuhöre, nicht unterbreche und keine einzige Frage stelle.“ Wie bist du auf die Idee gekommen, auf diese Weise Künstlerinnen und Künstler zu Wort kommen zu lassen?

 

Astrid Nischkauer: Eigentlich waren es zwei Momente, die dazu geführt haben, dass ich die Form des literarischen Selbstgesprächs als Experiment mit offenem Ausgang erfunden und entwickelt habe und auf fixpoetry verwirklichen konnte. Zum einen gab mir die Aussage eines Autors – „Aber ich habe ja gar nichts gesagt“ – nach einer Lesung mit Autorengespräch zu denken. Und dann stellte ich fest, dass man oft viel mehr und interessantere Dinge erfährt, wenn man einfach nur zuhört. Fragen schränken ja immer auch ein, geben einen gewissen Weg oder zumindest eine Richtung vor. Julietta Fix hat dann die Umsetzung meiner Idee auf fixpoetry ermöglicht, wo die Reihe bis heute erscheinen kann, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Ohne sie und fixpoetry gäbe es die Reihe nicht.

 

MW: Auf fixpoetry.com habe ich 39 Interviews bzw. Nicht-Interviews gefunden, die du bisher geführt hast. Darunter Friederike Mayröcker, Marcel Beyer und Clemens J. Setz. Die meisten Interviewten sind Schriftsteller/innen bzw. Lyriker/innen. Welche anderen Kunstsparten finden sich bei deinen Selbstinterviews?

 

AN: Mit heutigem Stand, Mitte Februar 2019, habe ich 39 Selbstgespräche und ein Interview auf fixpoetry veröffentlicht. Das nächste Selbstgespräch erscheint in Kürze und viele weitere sind in Arbeit, Vorbereitung oder Planung. Friederike Mayröcker habe ich auch zu einem literarischen Selbstgespräch eingeladen, aber sie wollte nicht ganz frei sprechen, hat sich stattdessen lieber Fragen gewünscht. Und Friederike Mayröcker kann man einfach keinen Wunsch abschlagen, deswegen habe ich bei ihr eine Ausnahme gemacht und kein Selbstgespräch, sondern mein erstes und bisher einziges Interview mit ihr geführt.

 

Und ja, mein Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf Literatur, insbesondere auf Lyrik, die Reihe erscheint ja auch auf fixpoetry. Die Grenzen lassen sich da aber nicht immer so genau ziehen, viele Autoren und Autorinnen sind ja in unterschiedlichen Gattungen tätig, Fiston Mwanza Mujila zum Beispiel schreibt sowohl Lyrik und Romane, als auch Theaterstücke. Aber trotz des Literaturschwerpunkts wollte ich die Reihe von Anfang an offen für andere Kunstsparten halten. Bisher sind auch schon viele Selbstgespräche von Bildenden Künstlern und Künstlerinnen erschienen, darunter Linde Waber, Tomoyuki Ueno oder Ute Langanky. Und mit Klaus Fischedick habe ich auch einen Gärtner dabei, den Gärtner der Museumsinsel und Raketenstation Hombroich.

 

MW: Wie funktioniert so ein Selbstinterview? Wird das Treffen mit einer gewissen Vorbereitungszeit geplant oder funktioniert es auch spontan? Musst du dich auf ein Selbstinterview vorbereiten? Arbeitest du dich in das Werk des Interviewten ein?

 

AN: Im Prinzip ist es ganz einfach. Es gibt einige wenige Regeln, die da sind: Das Selbstgespräch wird während eines persönlichen Treffens geführt, also in Form eines tatsächlichen Gesprächs. Wann das Aufnahmegerät eingeschaltet und wieder ausgeschaltet wird, entscheide nicht ich, sondern der jeweilige Künstler oder die jeweilige Künstlerin. Einer der großen Vorteile einer online-Publikation ist, dass uns dadurch theoretisch beliebig viel Platz zur Verfügung steht. Und während das Aufnahmegerät läuft, sage ich dann wirklich nichts, stelle keine Fragen, unterbreche nicht, sondern höre schlicht und einfach aufmerksam zu. Im Anschluss daran transkribiere ich alles Gesagte möglichst genau und ohne einzugreifen, also ohne es zu glätten. Dann schicke ich es den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen nochmals zu und sie dürfen Korrekturen vornehmen, Dinge ergänzen oder auch wieder streichen, wenn sie das möchten.

 

Die Konzeption der Reihe verlangt einiges an Planung, ich betrachte die Reihe als ein Ganzes und setze immer wieder verschiedene Schwerpunkte, schaue zugleich auf Ausgewogenheit und Abwechslung. Ich bin sehr involviert im Literaturgeschehen, bin selbst Autorin, Übersetzerin, Rezensentin und gehe regelmäßig zu Literaturveranstaltungen. Das alles kann als Vorbereitung für die Selbstgespräche betrachtet werden. Ich überlege mir sehr genau, wen ich einlade. Und ja, ich setze mich mit dem Werk der Autoren und Autorinnen auseinander, viele davon habe ich auch rezensiert, im Vorfeld oder im Anschluss daran. Manche Autoren und Autorinnen begleite ich bereits Jahre lesend und zuhörend. Aus dieser Situation heraus ist es durchaus möglich, dass ich auch ganz spontan Einladungen ausspreche. Ich bin eigenverantwortlich für die Reihe. Julietta Fix hat mir von Anfang an das größte Vertrauen entgegen gebracht und ich bin völlig frei, wen ich einlade. Anders ginge das auch gar nicht.

 

MW: Würde ein Selbstinterview auch funktionieren, wenn du dich spontan mit einer Künstlerin / einem Künstler treffen würdest, die oder den du gar nicht kennst, eventuell sogar aus einer Kunstbranche, in der du dich nicht auskennst?

 

AN: Ja. Einige kannte ich vorher noch nicht persönlich, nur ihr Werk. Wie viel Vorlaufzeit es gibt hängt ganz von den Umständen ab und vor allem von den jeweiligen Künstlern und Künstlerinnen. Von den Umständen deswegen, weil mir kein Reisebudget zur Verfügung steht, das heißt, ich führe Selbstgespräche mit anderswo lebenden Künstlern und Künstlerinnen dann, wenn sie beispielsweise eine Lesung in Wien haben, oder wenn ich zufällig auf der Durchreise vorbei komme oder wenn wir uns anderswo begegnen, beispielsweise auf einer Buchmesse. Das Selbstgespräch von und mit Clemens J. Setz haben wir in einem Bahnhofscafé geführt, als ich am Bahnhof in Graz umsteigen musste und ein wenig Zeit war.

 

Wie viel Vorbereitungszeit die Künstler und Künstlerinnen brauchen ist unterschiedlich. Auf manche Selbstgespräche warte ich Jahre. Es gibt aber auch Selbstgespräche darunter, die ganz spontan geführt wurden, wenn es sich einfach aus einer Situation oder einer Begegnung heraus ergeben hat.

 

Die Kunstbranche spielt keine Rolle. Es ist ja ganz offen, worüber gesprochen wird, das heißt, es kann über egal was gesprochen werden, es muss überhaupt nichts mit der Arbeit oder dem Werk des Künstlers, oder der Künstlerin zu tun haben. Und es kann auch ohne weiteres über etwas gesprochen werden, womit ich mich kaum auskenne, oder was mich wenig interessiert. Fußball zum Beispiel hatten wir noch nicht, aber es wäre denkbar.

 

Es muss allerdings in einer Sprache geführt werden, die ich verstehe. Es würde nämlich schon einen Unterschied machen, wenn ich kein einziges Wort verstehen würde und nur so tun müsste, als würde ich aufmerksam zuhören. Und ich transkribiere dann ja auch alles selbst, das geht nur bei Sprachen, die ich verstehe. Beispielsweise ist die Muttersprache von Sarita Jenamani Odia und die von Aftab Husain ist Urdu. Beide haben ihre Selbstgespräche auf Englisch geführt und wir haben sie dann sowohl auf Englisch als auch in deutscher Übersetzung von mir veröffentlicht.

 

MW: Das Erstaunliche an deinen Selbstgesprächen ist, dass sie oft ganz ausgezeichnet funktionieren. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Personen, mit denen du dich zusammensetzt und denen du einfach zuhörst, sehr schnell zum Wesentlichen kommen, zum Kern ihrer Arbeit, ihres Denkens. Und oft habe ich den Eindruck, dass mit der gleichen Person ein sehr gut vorbereitetes konventionelles Frage-Antwort-Interview nicht zu dieser gedanklichen Tiefe kommen würde. Wie erklärst du dir das?

 

AN: Es gehört viel Mut dazu, sich einem Selbstgespräch zu stellen und ganz ohne Fragen drauflos zu sprechen. Fragen können ein Geländer sein, auf das man sich stützen kann. Zugleich können Fragen mitunter aber schon auch sehr ablenkend sein. Ich biete mit meiner Reihe eine Möglichkeit an, sagen zu können, was man immer schon gefragt werden hätte wollen, was einem ein großes Anliegen ist. Ein gutes Interview zu führen ist eine Kunst für sich, davor habe ich größten Respekt. Es bedarf einer sehr tiefgreifenden Recherchearbeit im Vorfeld und eines guten Einfühlungsvermögens, um die richtigen Fragen zu stellen. Ich möchte meine Reihe nicht als Kritik an der herkömmlichen Form des Interviews verstanden wissen, sondern als eine eigene Form, die auch ganz eigene Möglichkeiten eröffnet.

 

MW: Die Idee eines Selbstinterviews fand ich zufällig (man kann es auch als Zeichen der Synchronizität sehen) neulich in dem in Hongkong angesiedelten Film „Chinese Box“ aus dem Jahr 1997 (Regie: Wayne Wang). Ein britischer Journalist will eine ihm interessant erscheinende Frau darüber, wie sie die Zeit kurz vor der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China erlebt und welche Lebensgeschichte sie hat, interviewen und dabei filmen. In Minute 42 gibt es folgenden Dialog:

 
 

Frau: Da wäre noch eins, ich beantworte nicht gerne Fragen.

Journalist: Das ist ein echtes Problem. Ein Interview besteht nun einmal daraus, dass ich Fragen stelle und Sie Fragen beantworten. Das ist das Wesen des Interviews.

Frau: Nicht unbedingt. Die Story wird besser, wenn Sie mir die Kamera geben und ich alles aufnehme. Die ganze Geschichte.

 
 

AN: Die Idee ist eine ähnliche und doch grundverschieden. Der Impuls ist nämlich ein anderer. Würde man das Beispiel aus dem Film auf meine Selbstgesprächs-Situation umlegen, würde das so aussehen: Ich habe mir Fragen vorbereitet, treffe einen mir interessant erscheinenden Künstler oder eine Künstlerin, beginne damit ihm / ihr meine Fragen zu stellen und halte ihm / ihr mein Aufnahmegerät hin, das mir der oder diejenige aber aus der Hand nimmt und sagt: „Die Story wird besser, wenn Sie mir das Aufnahmegerät geben und ich die Fragen stelle. Die ganze Geschichte.“ Worauf ich damit hinaus will: Der Impuls zum Selbstgespräch geht nicht von den Sprechenden aus, sondern von mir. Ich ermuntere mein Gegenüber dazu, frei zu Sprechen und das Ruder selbst in die Hand zu nehmen.

 

MW: Wolf Schneider und Paul-Josef Raue schreiben in ihrem Handbuch des Journalismus, in ihrem Kapitel zum Interview: „Zunächst bedeutet das französische entrevue und das englische interview (davon abgeleitet) nur, daß zwei Personen sich sehen, wahrscheinlich auch miteinander reden wollen. Sprachlich kurios sind demnach das Telefon-Interview (…), und das Interview mit schriftlich gestellten Fragen und geschriebenen Antworten, wie Diktatoren es bevorzugen, weil sie Angst vor peinlichen Fragen oder spontanen Reaktionen haben.“ Schneider und Raue weisen außerdem darauf hin, dass ein gedrucktes Interview immer ein Kunstprodukt ist, das mindestens 30 Prozent von Notizen oder Tonbandaufzeichnungen abweicht. Ich beziehe mich hier auf die Auflage aus dem Jahr 1998. Seit dieser Zeit hat sich die Interviewkultur durch die Möglichkeiten des Internets insbesondere im Literaturbereich insofern sehr verändert, als das schriftlich geführte Interview sehr akzeptiert und geradezu üblich geworden ist. Insofern ist deine Art des literarischen Selbstgespräches eine Technik, die sich zurück bewegt zu den Wurzeln eines Interviews, dem Sich-Sehen.

 

AN: Die tatsächliche Begegnung, das sich Zeit-nehmen und Zuhören sind der Kern der literarischen Selbstgespräche. Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören.

 

Es stimmt, dass heute die meisten Interviews schriftlich geführt werden und diese Praktik so selbstverständlich geworden ist für uns, dass sie gar nicht mehr hinterfragt wird. Ein schriftliches Interview hat seine Vorteile, nicht nur für Diktatoren, es geht dabei aber auch sehr viel verloren, gerade auch an Individualität. Es geht ja nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch darum, wie gesprochen wird. Mündlichkeit ist etwas ungemein Faszinierendes.

 

MW: Es gibt auch Personen, mit denen ein Selbstinterview nicht funktioniert. Die Äußerungen von Peter Waterhouse bei eurem Treffen bestanden aus einigen „mmmh“s, Fragezeichen, Querstrichen, Klammern, aus einigen zusammenhangslosen Wörtern und einem vorbeifahrenden Auto. Barbara Köhler hat einen kleinen Essay zur Reflexion der Methode eines literarischen Selbstgesprächs und dessen Schwierigkeiten und Grenzen geliefert. Welche Voraussetzungen muss eine Künstlerin / ein Künstler für ein literarisches Selbstgespräch mit dir mitbringen?

 

AN: Wenn man Regeln aufstellt – auch wenn es noch so minimale Regeln wie bei mir sind, die nur einige formale Rahmenbedingungen betreffen, wie dass es in mündlicher Form geführt werden muss – so laden diese Regeln immer dazu ein, unterlaufen zu werden. Ich denke, Peter Waterhouse und Barbara Köhler hatten wohl beide Vorbehalte gegenüber der radikalen Mündlichkeit der Selbstgespräche. Ich transkribiere ja alles ohne es zu glätten.

 

Bisher habe ich drei Selbstgespräche aufgenommen und transkribiert, welche die Autoren dann schlussendlich doch nicht veröffentlichen wollten. Das ist immer eine Option, die Autoren und Autorinnen dürfen auch ganz am Schluss noch sagen, dass sie es lieber doch nicht veröffentlichen wollen. Das Risiko trage ich allein.

 

Und es gibt eine Voraussetzung, ohne die es gar nicht geht: Vertrauen. Viele reagieren zögerlich und ausweichend auf meine Einladung, bekunden prinzipiell Interesse, weswegen ich sie dann fix einplane, und erst nach sehr langer Zeit geben sie zu, dass sie sich doch nicht trauen und lieber keines machen möchten. Das macht die Planung zusätzlich schwierig.

 

MW: Für die Heftpräsentation der Wiener Zeitschrift Triëdere #13 (2/2015) mit dem Schwerpunktthema (Auto)Poetologien hast du eine Collage aus deinen Interviewtexten zusammengestellt. Hier findet sich der Satz „Also auch der Zuhörer beeinflusst ja eigentlich das, was ich spreche.“ Das bedeutet, dass die bei einem Selbstinterview anwesende Person einen enormen Einfluss auf das Gesagte hat.

 

AN: Der Satz stammt aus dem Selbstgespräch von und mit Wanda Koller, einer jungen Künstlerin, die ich auf der Raketenstation Hombroich kennen lernen durfte. Sie hat das sehr richtig erkannt. Ich sage nichts, aber meine Anwesenheit, mein Zuhören, hat sehr wohl einen großen Einfluss auf das Gesagte. Es kommt da ganz viel hinzu, Alter und Geschlecht spielen eine Rolle, aber auch, wie gut mich mein Gegenüber kennt. Autoren und Autorinnen, die ich im Vorfeld bereits rezensiert hatte, wie Marcel Beyer oder Ilma Rakusa, brachten mir dann beim Selbstgespräch ein sehr großes Vertrauen entgegen, auch wenn wir uns davor persönlich noch nicht gekannt hatten.

 

MW: Es bedeutet auch, dass jemand in einem Selbstinterview in Anwesenheit einer völlig anderen Persönlichkeit als dir höchstwahrscheinlich über etwas völlig anderes sprechen würde.

 

AN: Ja. Ort und Zeit spielen auch eine große Rolle. Und selbst wenn ich mit ein und derselben Person ein weiteres, zweites Selbstgespräch aufnehmen würde, wäre es komplett anders. Die Selbstgespräche sind immer auch eine Momentaufnahme und dadurch nicht wiederholbar sondern immer neu.

 

MW: Die Selbstinterviews sind mit einer Menge Arbeit verbunden. Du tippst die Gespräche, die keine zeitliche Grenze haben und teilweise ziemlich lang sind, ab, du lässt sie vom Sprechenden Korrektur lesen, arbeitest Änderungswünsche ein. Was reizt dich daran? Was für eine Motivation, welches Erkenntnisinteresse steckt dahinter?

 

AN: Ja, es steckt ein ungeheurer Aufwand dahinter. Vorbereitung und Nachbereitung sind sehr zeitaufwändig. Manchmal kommt auch noch zusätzlich hinzu, dass das Selbstgespräch auf Englisch oder Französisch geführt wird und ich es dann auch noch übersetze. Und das Transkribieren ist ein Knochenjob, vor allem, wenn man das Selbstgespräch irgendwo unterwegs aufnimmt, in einem Café zum Beispiel und die Hintergrundgeräusche zu laut werden, weil sich dann währenddessen jemand an den Nebentisch setzt und ein lautes Gespräch führt, oder wenn auf der Straße plötzlich die Kirchenglocken zu läuten beginnen und nicht mehr aufhören. Und man glaubt es nicht, aber aufmerksames Zuhören ohne etwas sagen zu dürfen ist auch sehr anstrengend. Die längsten Selbstgespräche dauerten rund eine Stunde am Stück, das ist nicht ohne. Ein normales Gespräch ist so aufgebaut, dass sich Sprechen und Zuhören im besten Fall abwechseln, man kann unterbrechen, widersprechen, nachfragen, selbst etwas sagen, oder sprechend Nachdenkpausen einlegen. Aber sobald das Aufnahmegerät läuft, habe ich die Zügel ganz aus der Hand gegeben und bin damit auch bis zu einem gewissen Grad selbst ausgeliefert, weil ich eben nichts mehr sagen darf.

 

Mich fasziniert an den Selbstgesprächen, dass es jedes Mal aufs Neue ein Experiment mit offenem Ausgang ist. Jeder und jede reagiert anders auf die Situation und die Nicht-Fragestellung. Ich sehe die Reihe als einen Freiraum, den ich geschaffen habe und mit dem jeder und jede umgehen kann, wie sie möchten. Der Motor hinter allem ist meine Neugier, mein Interesse und die große Wertschätzung, die ich meinen Künstlerkollegen und –kolleginnen entgegen bringe. Wie ich Julietta Fix schrieb, als auch der letzte Förderantrag für fixpoetry.com im Jahr 2018 ohne nähere Angabe von Gründen abgeschmettert wurde und sie sehr verzweifelt war: „Wir haben nichts, aber wir können trotzdem etwas geben. Sehr viel sogar.“

 
 

Über diesen Link finden sich alle literarischen Selbstgespräche auf Fixpoetry.com, bei denen Astrid Nischkauer keine Fragen stellte.

Die literarischen Selbstgespräche finden sich auch auf der Homepage von Astrid Nischkauer.

 
 
 

 

2019 12 Feb

Fernwärme

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Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch dermassen in den Bann der Soloplatten von Michael Rother geraten kann. Und FERNWÄRME mag sein Endspiel gewesen sein, aber was für Zauberstücke darauf sind, auf einer Platte, die mir 1982, am Arsch der Welt, in Furth i.W., vollkommen entgangen ist! Alles ein gepflegtes Tauchen in Endorphinen, von wegen. Fürs letzte Album gilt, neben manchem „Schunkel-Memory“: hello, darkness, my old friend!

 

2019 12 Feb

Shtisel

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Zugegeben, es dauert zwei bis drei Folgen, bis man drin ist in dieser für mich völlig fremden Welt orthodoxen Judentums. Diese Geduld muss man aufbringen.

Aber nach spätestens der dritten Folge, wenn man halbwegs begriffen hat, wer wer ist, dann ist man drin in der Geschichte. Und dann entspinnt sich die schönste Serie, die ich seit vielen Jahren gesehen habe.

Unbedingte Empfehlung.

 

 

Das rote Pferd

 

In der Manege des Truges

kreist

das rote Pferd deines Lächelns

aufgepflanzt steh ich da

mit der traurigen Peitsche der Wirklichkeit

und ich weiß nichts zu sagen

dein Lächeln ist ebenso wahr

wie meine ganze Weisheit.

 
 

Ist es draussen grau, geht man am besten in einen Film, der noch grauer ist. Ein Vorläufer des Film Noir war Marcel Carné, dessen poetischen Film Hafen im Nebel ich gestern in der Blackbox sah. Dass Jean Gabin auch sinnlich spielen konnte, beweist er in der Rolle des Deserteurs Jean, der nach Le Havre will, um dort das Schiff nach Venezuela zu nehmen.

Ich wußte nicht, dass Jacques Prévert (1900-1977) auch Filmskripte verfasste, ich kannte ihn lediglich als Lyriker und Chansons-Dichter. In Le Quai Des Brumes gibt es wunderbare lyrische Dialogmomente in melancholischer Atmosphäre. Der Liebesplot mit Jean und dem atlantikklaren Gesicht der Michèle Morgan ist kurzliebig und endet in mutiger Verzweiflung. Wie in den Filmen von Jean Renoir wird das prekäre Leben der Ärmsten poetisch-realistisch mit raffinierter Kameraführung gezeigt. Wer Gelegenheit hat, diesen Film zu sehen, wird ihn wie ein bewegendes Gedicht „lesen“.

 
 

Doch das Leben trennt

die Liebenden

ganz sanft

ganz ohne Lärm und Streit

dann kommt das Meer und tilgt im Sand

die Spur des Paars das sich entzweit.

 
 

Jetzt ist es wieder hell, ich schiebe die CD Les feuilles mortes rein und zwar die mit der Stimme von Juliette Gréco.

 

 
 

 

Der Tag, an dem Nina Simone beinahe meine Jukebox schrottete und der verbotene Joyce endlich geliefert wurde

 

Am Morgen holte ich meine alte Schreibmaschine aus dem Keller, spannte einen Bogen Original-Jukebox-Titelschilder ein, tippte oben MY BABY JUST CARES FOR ME ein, in der Mitte NINA SIMONE und unten LOVE ME OR LEAVE ME und überlegte, welche Platte der neuen Simone-Single weichen müsste. Während ich noch nachdachte, erinnerte ich mich an den Herbstflohmarkt, auf dem ich diese Nina-Simone-Single erworben hatte; die Platte sah gut aus, kaum Kratzer, vor allem, wann bekommt man schon mal eine Single von Nina Simone? Fünf Euro wollte der Händler, für 3,50 Euro steckte ich sie ein. Nun also, welche Platte sollte weichen, ich entschied mich für die Animals “The House Of A Rising Sun“, die Scheibe musste ohnehin etwas geschont werden. Nun nahm ich das Titelschildchen der Animals-Scheibe heraus und ersetzte es durch das, welches auf die Nina-Simone-Single hinwies.

Nun hätte ich nur noch die entsprechende Schallplatte austauschen, Geld einwerfen und die Nummer 158 drücken müssen, dann würde MY BABY JUST CARES FOR ME erklingen, doch, was geschah? Ein schreckliches Krachen, Quietschen, Aufheulen war zu vernehmen, ein Blick in das Boxeninnere ließ mich erschaudern: das Laufwerk, auch Schlitten genannt, hatte zwar die richtige Single angesteuert und auch aus dem Plattenständer herausgeholt, doch war es scheinbar nicht möglich, die Platte aufzulegen. Das Antriebswerk drohte sich aus seiner Verankerung herauszuquälen. Kurzerhand zog ich den Netzstecker. Was war passiert? Ich hatte beim Kauf der Single nur auf Kratzer geachtet, nicht auf die sonstige Beschaffenheit der Platte, die war nämlich offenbar so verbogen (siehe Bild), dass sie beinahe mein Laufwerk (Schlitten) geschrottet hätte. Das Unheil war noch abzuwenden, das Laufwerk konnte ich wieder reparieren. Die Nina-Simone-Single war allerdings nur noch etwas für den Restmüll.

Trost kam am Nachmittag in Form eines Schreibens der Stadtbibliothek Reutlingen. Doch der Reihe nach: Am 2. Februar 1922, James Joyce wurde 40 Jahre alt, sollte sein Meisterwerk erscheinen, Ulysses. Joyce hatte einerseits darum gekämpft, den Roman bis zu seinem Geburtstag fertig gedruckt, in seinen Händen halten zu können, konnte aber andererseits letzte Verbesserungswünsche und Zusätze nicht zurückhalten. Die Drucker machten es aber möglich, zwei Exemplare des Ulysses wurden am Morgen des 2. Februar ausgeliefert, sodass Joyce am Geburtstagsabend im Freundeskreis im italienischen Restaurant Ferrari in Paris feiernd, das Päckchen mit dem Buch öffnen – aber erst nach dem Dessert! (es lag die ganze Zeit unter seinem Stuhl) – und herumreichen konnte.

Eine wunderbare deutsche Übersetzung des Ulysses legte der geniale Übersetzer Hans Wollschläger 1975 vor, allerdings: einen fehlerfreien englischen Urtext des Buches gab es damals noch nicht. Eine kritische, synoptische Edition des Romans erschien erst 1984. Unter der Leitung von Hans Walter Gabler hatte man versucht, ein vertrauenswürdiges Original zu rekonstruieren. Auf Grund dieses Textes versuchte nun Harald Beck mit einem Übersetzerteam, dem auch als Mentor Fritz Senn aus Zürich angehörte, eine Überarbeitung der Wollschläger-Übersetzung. Im März 2007 hatte man noch mit Hans Wollschläger über das Vorhaben gesprochen, dann starb er am 19. Mai plötzlich. An der Revision wollte man allerdings festhalten, rund 5000 Änderungen und Korrekturen wurden vorgenommen, 2017 konnte man dem Suhrkamp-Verlag das Vorhaben als abgeschlossen vermelden.

 

 

 

 

Dann der Rückschlag: Gabriele Gordon, Inhaberin der Rechte an der Übersetzung Hans Wollschlägers, verhinderte das Erscheinen der revidierten Ausgabe, der „Kunstwerk-Charakter“ der Wollschläger-Übersetzung würde so nicht nur beeinträchtigt, sondern zerstört. „Nur Hans Wollschläger selbst hätte seine eigene geniale Übersetzung überarbeiten können. Niemand sonst.“ Von diesem Rechtsstreit las ich im Januar 2018 zum ersten Mal; bis zum Sommer vergangenen Jahres war dann klar, das Buch würde nie erscheinen. Am Ende erlaubte die Rechte-Inhaberin den Druck von 200 Exemplaren, die ausschließlich an Bibliotheken in aller Welt ausgegeben werden dürften, aber eben unverkäuflich seien.

Als Liebhaber dieses Buches war ich natürlich zutiefst unglücklich über die vergeblichen Verhandlungen zwischen Verlag und Rechte-Inhabern, setzte nun aber alles daran, eines dieser 200 Bücher wenigstens ausleihen zu dürfen. Bei einigen Bibliotheken habe ich es versucht, vergeblich, dann schließlich, zwei Tage vor dem Geburtstag von Joyce, am 31.1.19, erhielt ich die Nachricht, dass die Universitätsbibliothek Hannover (ausgerechnet, das musste so kommen) mir für vier Wochen ein Exemplar der revidierten Ausgabe ausleihen würde. Unermessliche Freude!

 

 

 

2019 10 Feb

Fresh Zappa

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„Information is not knowledge.
Knowledge is not wisdom.
Wisdom is not truth.
Truth is not beauty.
Beauty is not love.
Love is not music.
Music is THE BEST.“

Frank Zappa (1940 – 1993)

 

v i d e o

 

Berklee College of Music and Boston Conservatory at Berklee students pay tribute to Frank Zappa performing a medley of „Waka/Jawaka“, „Inca Roads“, „Peaches en Regalia“ and „Zomby Woof“ at the Berklee Performance Center.

 


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