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on life, music etc beyond mainstream

2024 4 Mrz

Demontage eines Idols oder Isolationshaft in Disneyland

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 8 Comments

 
 

Ein Film wie ein Benzodiazepin

 

Schon klar … der hundertundeinste Film über das Leben von Elvis Presley braucht jetzt nicht unbedingt eine Rezi – sowie die Welt auch diesen Film in toto nicht braucht, nicht mal, wenn die Regisseurin Coppola heisst, deren Vater ich die komplette Sprengung und Abfackelung einer kleinen Insel mitsamt der dazugehörigen pflanzlichen und tierischen Infrastruktur immer sehr verübelt habe: unter dem Deckmantel Antikriegsfilm lässt sich prächtig die eigene aggressive Ladung austoben – meine unmassgebliche Hypothese. Ein wirklich zutiefst friedlicher Mensch wäre sicher nicht imstande, dergleichen auf die Leinwand zu posten – und ob sich im Publikum dann auch nur lauter Kriegsgegner finden, die den Wahnsinn des Krieges und die eigene moralische Superposition bestätigt haben wollen oder ob sich da doch nicht so mancher kleine Sadist darunter befindet und recht gut von Coppola und anderen bedient wird, ist auch so manchmal meine Vermutung. Ende Sidekick – wir waren ja bei Elvis. Bezuehungsweise bei Sophia Coppola. Nehmen wir das Ganze also als Zeitphänomen. Oder als Problem der Regisseurin.

Warum also die Schilderung des monotonen Lebens eines Anziehpüppchens unter der narzisstischen Knute eines grossartigen und zuzeiten auch gutherzigen Sängers,  solange man ihm nicht auf die Füsse trat, auf der ständigen Flucht vor Leere und Langeweile und der Suche nach der passenden Frau, die zu seiner Madonna-Flittchen-Spaltung passte – zumindest ein paar Jahre lang; ewig geht dergleichen ja ohnehin nicht gut, bekanntlich. Ist ja auch schwierig, eine Frau geniessen zu wollen, ohne der über allem stehenden Übermutter und ihrem Alleinvertretungsanspruch die Treue zu brechen, da geht’s einem wie dem Frosch im Milchtopf, das war nicht nur bei Elvis so, das war auch das Problem so mancher Narzissen von der gefährlicheren Sorte wie Hitler und Stalin, ersterer hatte ja auch sein Anziehpüppchen und bei letzterem bin ich mit der Biographie noch nicht bis zum Sexualleben durch und hoffe sehr, noch überhaupt eines zu finden. Sollte man natürlich nicht mit Elvis in einem Atemzug nennen, schon klar, da tut man ihm schwer Unrecht, wobei er immerhin bereit war, einen Auftragskiller für seinen Karatelehrer anzuheuern, mit dem Priscilla kurz vor der Trennung angebandelt hatte. Die dunklere Seite des Love-me- tender-Florida-Boys.

 
 

 
 

Was ist also das Ganze? Eine Coming-of-Age-Geschichte? Hätte funktionieren können, wenn die Entwicklung der Hauptdarstellerin in irgendeiner Form deutlicher geworden wäre – so bemerkt man nur an der Änderung von Frisur und Outfit, dass in diesem hübschen Köpfchen, überwiegend in leere Räume positioniert (was für eine originelle Metapher für Einsamkeit und statisches Festgefahrensein!), überhaupt irgendetwas vorgeht. Emanzipationsdrama? Hätte uns in der Form schon in den Siebzigern nicht mehr vom Hocker gerissen, da war uns Margarethe von Trotta schon lieber.

Demontage eines der Grossen, zumindest in der Rockmusik? Schon eher, aber nix Neues, dergleichen hat schon die Grand Old Lady in realiter Miss Presley persönlich in Form ihrer Biographie als Drehbuchmitautorin 1988 abgeliefert – Elvis and Me hiess das damals. Ein Zweiteiler, und sie selbst natürlich wieder in der Rolle der tapferen treuen Gefährtin, die ihre Opferrolle dann später doch zu überwinden verstand. Und die Hauptdarstellerin Susan Walters zeigte zumindest einen Anflug von Temperament. Diesmal hat sie auch noch am Drehbuch mitgearbeitet, mit immerhin fast 80, naja. Zumindest konnte ihr der Presley’sche Fluch nichts anhaben: Elvis‘ Zwillingsbruder starb bei der Geburt, seine Mutter mit 48 an Leberzirrhose, er selbst mit 42 am Drogenkonsum, seine Tochter mit 54 an ähnlichem, nicht ohne vorher den King of Rock … äh … nee … den King of Pop Michael Jackson geehelicht zu haben, der auch nicht viel von Sex wissen wollte und sich lieber mit kleinen Jungs umgab.

Bei Elvis waren die Jungs, die für sein Dauerentertainment sorgten, immerhin schon zumindest körperlich dem Kindesalter entwachsen. Der alte Wiederholungszwang lebt noch.

Zuletzt suizidierte sich sein Enkel, ebenfalls Sänger, mit 27 und es wird diskutiert, ob man ihn noch dem Club 27 zurechnen soll –  stimmlich konnte er mit einem Jim Morrison und einer Amy Winehouse sicher nicht mithalten. Nur Priscilla steht noch botoxgestählt wie eine texanische Eiche und hat neulich noch mit Mörtel Lugner auf dem Wiener Opernball ein paar Runden gewalzt. Hut ab … oder Perücke!

Was den Film bemerkenswert macht, ist die komplette Elimination eines Stars: Der Hauptdarsteller Jacob Elordi dürfte kaum einen Elvis-look-alike –Wettbewerb gewinnen, er darf auch nicht in einer spektakulären Elvis-Show bewundert werden, die Zarathustra-Fanfare erklingt nur einmal leicht misstönend. Elvis nur als Schatten sichtbar, keiner seiner Songs ist zu hören und wenn doch dann von einer Frau gesungen (und die machen das nicht mal schlecht), ansonsten ist Elvis nur der Auslöser von Mimikveränderungen des Anziehpüppchens, die wahlweise über etwa drei bis vier Gesichtsausdrücke zu verfügen versteht. Da hat jemand sehr gründlich die Löschtaste bedient.

Dass Priscilla ihren Abgott dann mit seinem eigenen Karatelehrer betrogen hat, verschweigt der Film wohlweislich, aber wie gesagt, da hat ja auch die reale Miss Presley mitgearbeitet. Und ist ja auch blamabel, wenn eine Frau unbedingt einen Liebhaber braucht, um sich von ihrem Ehekreuz endlich trennen zu können.

 

Fazit:

 

Im Prinzip findet Elvis in diesem Film überhaupt nicht statt, er hätte fast ohne ihn gedreht werden können – die Eliminierung eines Idols bis auf die Grundfesten. Was hat Frau Coppola wohl geritten, diesen ansonsten völlig aus der Zeit gefallenen Film zu produzieren, der mindestens so langweilig ist wie das Leben einer verlassenen Hausfrau auf Graceland unter der Fuchtel von Elvis‘ Vater, der während der Abwesenheit des Sohnes auf sie aufpassen musste, damit sie wenigstens ihren Highschool-Abschluss schafft. Und sogar da musste sie noch von der Banknachbarin abschreiben – gegen das Versprechen einer Einladung zu einer Party in Graceland.

Immerhin ist Sophia Coppola die Tochter eines der (ob ich ihn jetzt mag oder nicht) Grossen der Filmwelt und mit Lost in Translation hat sie einen passablen Start hingelegt – über eine Frau die ihren Platz nicht finden kann und wiederum einen Mann dazu braucht.

Weiter gings mit Marie Antoinette, einer Frau, die durch einen Mann in ihre Position kam und der auch von Sex nicht viel wissen wollte, zumindest nicht mit der eigenen Ehefrau – das hatte er mit Elvis gemeinsam. Anscheinend liegt ihr an der Darstellung von Frauen, die offensichtlich das grosse Los gewonnen zu haben scheinen und später feststellen dass sie eine ganz andere Karte gezogen haben.

In Die Verführten (diesmal ein wirklich spannender Film) ermordet eine Horde sexuell frustrierter oder anderweitig durchgedrehter Damen einen Soldaten, der ihnen vorher zu Willen war.

Somewhere – ein Film über eine Tochter die den Vater aus seiner chronischen Langeweile befreit – wenig originell aber nett.

The Bling Ring – belanglos. Der Rest auch.

 
 

 
 

Das sehr gebremste Entwickeln einer eigenen Handschrift bei einer Regisseurin, die noch eine Weile herumzuprobieren scheint, kein wirklicher Nägelkauer mehr, nichts was einen hineinzuziehen versteht, auch kein Anknüpfen an originelle Geschichten wie Lost in Translation. Offenbar geht ihr verfrüht die Puste aus – drückt der väterliche Erfolg wirklich so schwer?

Und jetzt die Demontage eines Grossen bis nichts mehr davon übrig ist und die Sympathielenkung auf ein kleines Mäuschen das erst erwachsen werden muss … honi soit … aber wir wollen ja nicht soviel analysieren. So überlasse ich die geneigten Leser jetzt ihrem Kopfkino und zeichne für nichts verantwortlich, was sich da gerade abspielt in Sachen Priscilla und Sophia und den sie erdrückenden Männern.

Nennt sich indirekte Psychoanalyse, Jo …

Eine besonders hinterhältige Form!

 

This entry was posted on Montag, 4. März 2024 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

8 Comments

  1. Jochen:

    Aber nicht so hinterhältig wie eine persistierende Übermutter-Bindung, gell?

    Man scheibt ja Schwulen zu, dass sie ein Mutterbild idealisieren. Wie ich das nenne? Gefangenschaft.

    Big Mother reigning …

  2. Ursula Mayr:

    Nein, das mit der Idealisierung war sicher bei Elvis so – hat ihr ja sogar die erste Platte gewidmet -„Thats alright, Mama, everything you do“, kann aber nicht in der Form auf Schwule angewendet werden. Beobachtbar ist bei Schwulen oft eine starke Bindung an die Mutter, das muss aber nicht zwingend eine Idealisierung sein, auch Hassbindungen sind sehr stabil und die Rolle des Vaters ist dabei auch entscheidend.

  3. Jochen:

    Ich nehme an, der Vater ist wichtig als positive Identifikationsfigur, Miss Mayr?

    (und damit als garant gelungener ablösung)

  4. Ursula Mayr:

    Yes, Commander!

  5. Jörg R.:

    Mir stellte sich da die Frage nach der Zielgruppe – wer guckt sich denn sowas an?

    Die Gen Z kennt doch Elvis oft schon gar nicht mehr?

  6. Ursula Mayr:

    Einspielergebnis 40 Mio in den USA seit November bei 20 Mio Produktionskosten. Das ist nicht der Brüller, obwohl Elvis den jungen Amis noch näher ist. Hierzulande gehen wohl eher die älteren Generationen rein.

  7. Roland K.:

    Hitler, Stalin, Elvis … was für eine Zusammenstellung.

  8. Ursula Mayr:

    Der Grad der Gestörtheit ist natürlich unterschiedlich.


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