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2022 17 Sep

Schrödingers Android – knietief im Uncanny Valley

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 12 Comments

 


 
 

Finden Sie Gollum unheimlich? Nö, oder? Armes suchtgeplagtes Würstchen … Und Prinzessin Neytiri? Auch nicht – sie ist eine Schönheit innerhalb ihrer Ethnie, und die spitzen Ohren signalisieren uns seit Tolkien nichts Diabolisches, sondern edle elbische Abstammung. Wall-E auch nicht, dafür sorgt schon das Kindchenschema mit den grossen Äuglein.

R2D2 ist eher putzig, kann man auch aushalten, ohne sich unwohl zu fühlen. Der dürfte uns auch im Seniorenheim das Frühstück reinbringen, ohne dass wir kreischend unter die Bettdecke flüchten würden. Bei C-3PO wäre mir da schon etwas gruseliger.

Es geht also hier um künstlich geschaffene Wesen und den Grad ihrer Unheimlichkeit. Das führt uns unter anderem von blauen Avataren eben auch zu Robotern.

Nun finden bekanntermassen viele Menschen Roboter unheimlich, möchten nicht von ihnen gepflegt oder operiert werden. Ein Roboter ist ein Hybridgeschöpf zwischen Mensch und Maschine, es wird viel getan um ihn menschlich erscheinen zu lassen. Seine Fähigkeiten – z. B. die technische Zuverlässigkeit im OP-Saal oder am Steuer mögen die des Menschen übertreffen, trotzdem möchten die meisten lieber einen Chirurgen oder Chauffeur aus Fleisch und Blut.

In Filmen ist es ähnlich: Es gibt kaum einen Film, in dem ein Roboter nicht vermenschlicht würde, ob er nun wie in Star Wars nett herumzwitschert, sich in seine Programmiererin verliebt, die Welt rettet, zur proletarischen Weltrevolution der ausgebeuteten Roboter aufruft – in fast jedem Fall wird ihm seitens des Drehbuchs oder Regisseurs ein eigenes Bewusstsein und ein Gefühlsleben in seinen stählernen oder siliciumdurchwobenen Körper eingeschrieben, in einer Häufung und Perseveration, die auf subliminale Ängste hinweist, bzw auf deren zwanghafte Abwehr.

Eine unbelebte Maschine, die uns versorgt, ertragen wir gut, ein Beatmungs- oder Dialysegerät ist keineswegs unheimlich, da fürchten wir höchstens ihr Versagen, aber nicht das Dingens an sich, obwohl es unsere Körpergrenzen durchstösst – da ist der Mensch schon empfindlich. Etwas eindeutig technisch Geschaffenes macht keine Angst, und blaue Prinzessinnen gibt es unbestritten nicht, also kein Grund zum Fürchten.

Sobald das Dingens aber beginnt, menschliche Konturen anzunehmen, zwei Arme hat, und uns ein Glas Wasser einschenken oder uns die Gallenblase entfernen kann, fängt es für viele an ungemütlich zu werden. Warum ist das so?

Wie bereits andernorts erwähnt, hat der Mensch das Bedürfnis nach eindeutigen Zuordnungen – insbesondere was die bekannten Kategorien betrifft – schon bei uneindeutigem Geschlecht beutelt es viele noch gewaltig, fast mehr noch, wenn die Zuordnung „lebendig / tot“ nicht mehr greift, wie schon Freud ganz richtig herausfand. Darum fürchten Kinder Gespenster. Der Gruselkrimi lebt von der aufgeworfenen Frage, ob eine bedrohliche Präsenz vorhanden oder gar im Raum ist oder eben nicht.

Und nun kommt die Stunde der empirischen Wissenschaft: Findige Köpfe liessen Zuschauer eine Menge an Androiden per ansteigender Rating-Skala graduell einschätzen, wie sympathisch sie ihnen waren. Sozusagen ein Roboter-Ranking.

Es zeigte sich ein ansteigender Grad an Sympathie, je menschenähnlicher die Androiden wurden (oder dem Kindchen-Schema folgten), bis die Kurve plötzlich einbrach – an einem Punkt, an dem sie von lebendigen Menschen kaum mehr unterscheidbar waren und der Anthropomorphismus fast perfekt war. Um danach, bei absoluter Menschenähnlichkeit, wie wir sie aus Animationsfilmen kennen, wieder anzusteigen. Diese Senke nannten die Wissenschaftler das Uncanny Valley (auch Gruselgraben oder Akzeptanzlücke genannt), in dem offenbar die grösstmögliche Verunsicherung für den Menschen verortbar ist.

 
 


 
 

Das Unheimliche ist an die Superposition einer psychischen Spielart der Quantenphysik gekettet: es kann in die eine oder andere Position abkippen, es kann sowohl menschlich als auch künstlich sein. Diese Unbestimmtheit ertragen wir schlecht.

Einige meiner Patienten lieferten mir Aufschlüsse hinsichtlich der menschlichen Roboterangst: Eine Frau, die von einer schizophrenen Mutter (mit teilweise völligem Realitätsverlust) alleine grossgezogen worden war, berichtete von einem wiederkehrenden Angsttraum:

 

Ich stehe einer Maschine gegenüber, sie arbeitet und gibt unschöne Geräusche von sich. Sie kommt näher, und ich habe panische Angst, in diese Maschine hineingezogen und selbst vom Menschen zur Maschine zu werden, meine Seele zu verlieren.

 

Ein Patient mit einer schwer depressiven Mutter berichtete einen fast identischen Traum, auch von Kindern suchtkranker Mütter hörte ich ähnliches. Die Mütter schafften es trotz ihrer Erkrankung, ihre Kinder körperlich zu versorgen, konnten aber keine emotionale Bindung zu ihnen herstellen – was ja auch der Roboter nicht kann – oder konfrontierten sie mit einer beängstigenden und bizarren Wahnwelt, bis die Kinder die emotionale Bindung kappten um nicht hineingezogen und selbst verrückt zu werden. Was sie mit einer überflutenden Einsamkeit und Ohnmacht konfrontierte.

Bei einem Roboter begegnen wir also wohl einer menschlichen Urangst, einem Objekt ausgeliefert zu sein, ohne einen emotionalen Rapport herstellen zu können, das wir nicht steuern, nicht anrühren, nicht um Gnade bitten können und auch nie wissen, ob und wann eine Spule durchschmort, das Ding durchdreht und uns vernichtet – weil wir ihm ja letztlich egal sind. Beziehungsweise nicht einmal das, denn auch Gleichgültigkeit setzt eine lebende Seele als Trägersubstrat voraus. Und hier stehen wir vor reiner Technik in ihrer ganzen Indifferenz und Unerbittlichkeit – das hat jeder schon erlebt, wenn er seinen sonst treuen Computer angefleht hat, den im Speicher unauffindbar verschluckten wichtigen Text wieder herauszuwürgen. Und dem das sowas von wurscht ist. Wenn von dem nun das Überleben abhinge … ?

 

This entry was posted on Samstag, 17. September 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

12 Comments

  1. Jörg R.:

    C-3PO möcht ich nicht wirklich im Wohnzimmer haben.

  2. Michael Engelbrecht:

    Spannende Lektüre.

    Der Soundtrack dazu: Die Roboter von Kraftwerk.

  3. Jan Reetze:

    Merkwürdig, dass der wohl ikonischste aller Roboter hier nicht erwähnt wird, zumal er auch geschlechtstechnisch klar zuzuordnen ist: die falsche Maria aus „Metropolis“.

  4. Lajla:

    Ich finde Roboter spannend. Nähere mich ihnen, wenn es Gelegenheit dazu gibt. Hier einen Text von mir zum Thema :https://www.manafonistas.de/2019/03/14/mein-abend-mit-alter-3/

  5. Ursula Mayr:

    Es gibt mehrere ikonische Roboter, Maria ist zweifellos der älteste davon.

  6. Michael Engelbrecht:

    Humans ist eine interessante britische TV Serie. Sehr spannend, und vielschichtig. Ob es da, in der ersten Staffel, ein uncanny valley gibt? Ist schon länger her…

    Very human-like, die robots, ähem, die synths!

    Der Guardian schrieb zu Season 1:

    https://www.theguardian.com/tv-and-radio/2015/jun/15/humans-review-sci-fi-high-energy-thriller

  7. Ursula Mayr:

    Jan: Wenn man die künstlichen Menschen dazunimmt wäre Frankenstein und Alraune ( auch Brigitte Helm) von 1930 noch zu erwähnen.

  8. Ursula Mayr:

    Den Abend hätt ich auch gern erlebt! Wann war das?

  9. Ursula Mayr:

    Empfehlenswerte Klassiker: The Stepford Wives von 1975 UND 2004, am besten gleich hintereinander.

  10. Michael Engelbrecht:

    Ich habe mir nun tatsächlich, angesteckt vom kleinen Roboter Fieber hier, Staffel 3 von HUMANS besorgt. Und werde, wenn ich es da entdecke, durch das Uncanny Valley schreiten:)

    Humans (Season 1)

    Once there were butlers, now there are robots. An eerily crafted drama. With its cautionary tale of robots taking on increasingly human aspects, this unnerving newcomer hardly is pioneering new fantasy territory. But what it does, it does very well. AI is an ongoing hot topic. Humans brings the debate to the suburban family level and pulls off a well-paced look at what draws the line between human and machine.

  11. Anonymous:

    Da gehört der Terminator auch noch dazu!

  12. Ursula Mayr:

    Richtig – ein Cyborg. Ein lernender kybernetischer Organismus, angenehm ironisch verfremdet ab Teil 2. Im Pilotfilm noch bierernst. Hasta la vista, Baby!

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