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… und der Ravensburger Verlag kippt „Der junge Häuptling Winnetou“ aus dem Programm wegen eines verfälschten Bildes der indigenen Bevölkerung zu Zeiten des Kolonialismus.

Hab ichs doch gewusst – ich bin kriminell und eine postkolionalistische Ausbeuterin und rassistisch und antiziganistisch obendrein. Und meine früheren Schulfreund/e/innen dazu. Was haben wir alles kulturell ausgebeutet und auf billige und erniedrigende Klischees eingedampft. Die Jungs gingen als Cowboys und Indianer! INDIANER!!! Mit schwarzen Perücken! Und Zöpfen!! Und ich hatte ein Chinesenkostüm und malte mir schräge Augen mit Mamas Augenbrauenstift. Geht gar nicht! Und als Holländerin mit weissem Häuberl! Oder gar als … pssst … ähm … Sie wissen schon … die Mädels mit den weiten roten Röcken und weissen Rüschenblusen und grossen goldenen Ohrringen …

Und in den Kaufhäusern hingen die Kostüme an meterlangen Stangen … was da verdient wurde an dieser rassistischen Ausbeutung! Und die Kosmetikindustrie mit der ganzen roten und gelben und schwarzen Schminke für die Indianer und Chinesen und die Dingens … siewissenschonwas. Und die Perückenhersteller … überhaupt nicht zu fassen, das Ganze. Alles auf Kosten unterdrückter Minderheiten und kulturell ausgebeuteter Volksgruppen, denen man ratzfatz ihre Wurzeln klaut. Und meine Freundin ging als Marienkäfer – da gehn vermutlich jetzt die Tierschutzverbände die Wände hoch – auch Tiere haben schliesslich Recht auf Kopierschutz. Und ein Gänseblümchenkostüm hatte sie auch mal, da wurden die Gänseblümchen auch nicht gefragt, ob sie so dargestellt werden wollen mit diesem Klischee von weissen Blättchen und gelber Knospe … und die Elfen und Feen werden sich auch bald zu Wort melden wg widerrechtlicher Aneignung der Anderswelt;  ja, es tun sich Abgründe auf – haufenweise unbewältigte Vergangenheit und Identitätsklau.

Ich hab solche Schuldgefühle … kann ich irgendwo was spenden?

 

This entry was posted on Freitag, 26. August 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

36 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Meine „Farbenfrau“, die ich auch „Indianerin“ nannte rückblickend, wird niemals aus dem Verkehr gezogen… a true teacher of touch and love. She was a godess, a pagean, an archetypal alpha woman. Und die Geschenke der Kindheit, medial oder aus Träumen, sollten allemal besser behandelt werden. Wer die Kontexte nicht würdigt, bleibt eine Krämerseele.

  2. Ursula Mayr:

    Guter Spruch – der letzte …

    Ich weiss wie ich sühnen kann – als gebürtige Münchnerin gründe ich eine Initiative – polizeiliche Kontrolle auf dem Oktoberfest – nur Bayern dürfen Dirndl und Lederhosen tragen, wehe ein Preiss macht dergleichen.
    In der Gegend von Planegg bei München hört man eigenartige Summtöne unklarer Genese, heisst es.

    Ich nehme an Pierre Brice rotiert da im Grab.

  3. Jörg R.:

    In Planegg?

  4. Ursula Mayr:

    Yep! Der hat doch ne Oberpfälzerin geheiratet und sich im Münchner Speckgürtel niedergelassen. Und früher warn wir Mädels alle sauer weil die ihn gekriegt hat und wir ihn nicht gekriegt haben und heute sind wir froh dass wir ihn nicht gekriegt haben weil er ein ziemlich humorloser Knochen war und lebenslang stinksauer wegen Bully Herbigs Winnetou – Parodie. Und im örtlichen Swingerclub wurde er auch öfter mit Gattin gesehen, das hätte ihn ordentlich Sympathien gekostet bei Veröffentlichung.

  5. Anonymous:

    Die Hobbits haben auf den Herrn der Ringe doch sicher auch reagiert, oder?

  6. Ursula Mayr:

    Klar, hat die Lügenpresse aber wieder verschwiegen. Die Teletubbies übrigens auch.

  7. Uli Koch:

    Eine phänomenale kollektive Ansammlung extrem miesen Karmas, der Identitätenklau, die Aneignung von etwas Fremdem. Da bleibt fatalerweise nur die einzig politisch korrekte Lösung: man bleibe sich selber (und steige in die Zeitmaschine ins Präkambrium). Da werden die Teletubbies ganz schön in die Röhre gucken….

  8. Anonymous:

    gegen kulturelle Aneignung hilft nur Inzest

  9. Martina Weber:

    Die Vorgaben an Kinderliteratur folgen inzwischen detaillierten, rigiden Anforderungen an politischer Korrektheit. Ich habe immer wieder Artikel in der Federwelt (Zeitschrift für Autorinnen und Autoren) darüber gelesen und war fassungslos. Vor allem bleibt die Vielfalt auf der Strecke.

  10. Jan Reetze:

    Tja. Inzwischen sitzen in den Lektoraten der großen Verlagshäuser sogenannte “Sensitivity Reader”, die dabei sind, die eigentlichen Gatekeeper zu werden. Ähnliche Gestalten treiben sich auch bereits bei Filmdrehs herum, die die Schauspieler und Schauspielerinnen z.B. durch Sexszenen “begleiten” und genau durchchoreographieren, was wie wann passieren darf — und natürlich auch darauf achten, dass nichts in den Film kommt, das zu “Unwohlsein” bei den Zuschauern, Akteuren oder sonstwem führen könnte.

    Das haben wir nun davon. Ich habe Winnetou immer für genauso real gehalten wie Dumbledore oder Gandalf. Denn schließlich weiß ich doch, dass Zauberer in Wirklichkeit gar nicht so aussehen wie die. Und ich habe mich schon immer unwohl gefühlt, wenn Japaner in Krachledernen und mit schiefsitzendem Seppelhut übers Oktoberfest wanken. Als ich im Kindergarten beim Herbstfest in ebendieser Aufmachung den Hänsel spielen musste, habe ich mich auch unwohl gefühlt — jetzt weiß ich endlich, weshalb: Die Tante Sensitivityreaderin hat gefehlt.

    Erleben wir gerade, wie die Revolution ihre Kinder frisst? Müssten wir uns nicht alle in Nichts verwandeln? Denn nur wer nichts ist, kann bei keinem anderen Nichts Anstoß erregen.

    Aber es ist 2 Uhr nachts. Das sind bestimmt wieder nur so verschwommene Gedanken zwischen Tag und Traum. Gute Nacht.

  11. Michael Engelbrecht:

    Das ist der Neue Puritanismus.

    Eigentlich ziemlich ekelhaft.

    „Indianer“ und sogar „Neger“, alles war bei mir als Kind positiv konnotiert. Den „Negerkussspass“ mache ich heute noch – reflexhaft kommt da bei manchen „das sagt man nicht“, obwohl sie genau wissen, dass ich das nicht rassistisch meine. Aus „Amerikanern“ wurden „Sandbrötchen“, interessant.

    Nur „Pharisäer“, da bleibe ich bei, die erkenne ich recht schnell, manchmal nicht schnell genug. Das Wort ist ja nicht anstössig, oder doch?! Die habe ich schon immer „gefressen“.

    Ein privates Gegenmittel: zuweilen frotzelig rohe unkorrekte Sprache einsetzen (und den andern zumuten, den Kontext zu erkennen)…

    „Sensitivity Reader“ – wieder was gelernt.

    Na, den „Sensititvity Reader“ hatten sie bei Almodovars FESSLE MICH noch nicht. Ich glaube, die Zwei hatten richtig Spass, Kamera hin, Kamera her😅.. oder darf man das so nicht sagen?

  12. Ursula Mayr:

    Ich habe mittlerweile eine Beschwerde am Hals weil der von mir eingeladene Referent bei der Mala Educacion von einer “ tuntigen Transe “ sprach. Geht jetzt an den Vorstand des Instituts, der ja eh sonst nix zu tun hat,neben der Beschwerde dass im Vorfeld nicht davor gewarnt wurde dass es im Film um Missbrauch geht. Sie
    ( Ausbildungskandidatin im 1. Semester) wird dafür sorgen dass das Institut sich weiterentwickelt in genderspezifischer Hinsicht und hat dafür geeignete Referenten an der Hand. Sagtse…
    Seither überlege ich wie man “ transige Tunte “ anders ausdrücken könnte.Bin ja gutwillig…

  13. Jochen:

    … tranige Tante … ;)

    (könnte aber als „Tantenfeindlich“ eingestuft werden)

  14. Ursula Mayr:

    Micha: Na, und die Zigeunerinnen erst, was? Die waren doch sicher auch positiv konnotiert.
    Mein Opa war ja Roma oder Sinti bzw wusste man da noch gar nix von diesen Einteilungen, er wusste das sicher auch nicht bzw wars ihm wurscht, was ich von ihm hörte war er stolz auf diese Bezeichnung. Da ich ihm sehr ähnlich sehe wurde diese Bezeichnung von künftigen Schwiegermüttern bzw solchen die diesen Status befürchteten auch manchmal gegenüber dem Sohnemann, der mit mir angebandelt hatte, gebraucht. Später als Studentin bei der Arbeit im Würzburger Ghetto mit sesshaften Zigeunerfamilien ( die sollten natürlich für die proletarische Revolution gewonnen werden, klar) habe ich das genauso erlebt. Die waren stolz drauf.

  15. Michael Engelbrecht:

    Das wird ja immer degoutanter.

    Das war doch in dem Film ne „tuntige Transe“😉

    Ich wusste nicht dass die neu Generation von „Teerapeuten“ sich in Teilen zu einem Umerziehungslager mit Neo-Knigge-Potential entwickelt. Die Anpassung an den Sprachjargon der Therapeutin, schon mal abhängigkeitsfördernd….

    Mit 12 eben Marie Versini! Sie war meiner „Farbenfrau“ so ähnlich, wie einst auch die junge Hannelore Elsner, die junge Monika Peitsch, und Emma Peel sowieso. Meine Projektionen trugen zur Erziehung von soul and body bei.

  16. Ursula Mayr:

    Also die Versini fand ich absolut steril – oder lags an der Rolle? Oder war ich bloss eifersüchtig?
    Aber die “ neue“ Nscho – Tschi aus der Winnetou – Fernsehproduktion vor 5 Jahren mit Wotan Wilke Möhring als Shatterhand und einem rattenscharfen unaussprechlichen Albaner als Winnetou ist ne wirklich heisse Mutter. Darf man sicher auch nicht mehr sagen…
    Google mal!

  17. Michael Engelbrecht:

    Die Verisni war herrlich gebräunt, ich mochte ihre Augen, sie alleine schon haben mich gefesselt. Was hatte das alles schon mit der realen Person zu tun. Meine Fantasie hat 90 Prozent erledigt😂

    Damals gab es den Ausdruck MILFS noch nicht, mothers i like to fuck. Gott, kannte ich heisse Muttis. When i was younger so much younger than today. Aus der Ferne leider nur…

  18. Ursula Mayr:

    Iazua Larios!
    Und Nik Xhelijaj oder so!
    Für den würde jede Oma ihren Rollator zertrümmern.Und jeder Pfarrer sein schönstes Kirchenfenster eintreten.
    Achja, Oma geht ja sicher auch nicht mehr…

  19. Michael Engelbrecht:

    😂🥁

    Wham bang thank you mam!

  20. Michael Engelbrecht:

    Fucking dead seriously:

    Dir muss ich das ja nicht erzählen, Uschi, aber eine solche auch schon neurotische Bereinigung von Sprache schafft nur weitere ungute Verdrängungsräume, zunehmende Diskrepanzen zwischen Oberflächenpolitur und Tiefenstruktur. Das wirkt sich auch negativ auf Patienten – Therapeuten – Interaktionen auf, weil eine weitere Zensurebene zwischengeschaltet wird…

  21. Ursula Mayr:

    …und vermurkst die Sprache.
    Stell Dir vor Du hältst einen Vortrag: Und der Hauptdarsteller gibt sich den Anschein eines homosexuellen Mitmenschen der zum Zwecke der eigenen Befriedigung die Kleidung des anderen Geschlechts trägt ohne aber eine eigene körperliche Veränderung in Richtung des anderen Geschlechts anzustreben womit er sich von von Mitmenschen unterscheidet die eine solche anstreben, wohlgemerkt,wobei sie in der Partnerwahl durchaus unterschiedliche Ziele haben können…
    Das werdn lange Vorträge.

  22. Michael Engelbrecht:

    Exakt, oh, me lady, wir gewinnen heute wieder neue follower😉

    Gerade auch in der Sexualtherapie ist eine Ermutigung zu ungefilterter Sprache, mitunter zu dirty talk, eminent wichtig, um Verklemmungen und erstarrte Muster aufzubrechen.

    Oh Gott geht auch nicht mehr
    Oh Nein sowieso nicht

    Stattdessen, korrekt:

    Oh du
    Oh ja

  23. Jochen Siemer:

    Was immer geht:

    „Wie geht es dir damit?“

    „Magst du (uns) ein Stückweit davon erzählen?“

    „Schau mal bei dir, was das sagt …“

  24. Michael Engelbrecht:

    Das kann man als Lustkiller einsetzen, Jo, durchaus sinnvoll bei der Behandlung von Ejaculatio praecox.

  25. Jochen Siemer:

    Genauso wirkt es bei mir: abtörning hoch 3 ;)

  26. Jochen Siemer:

    Ursula, ich finde es gut, dass du diesen Witz jetzt hier einbringst ;)

  27. Ursula Mayr:

    Danke, Jochen, das macht jetzt ein Stück weit etwas mit mir, dass Du das jetzt sagst. Ich muss aber erst schauen, wie es mir damit geht!

  28. Lajla:

    Was für undemokratische Medienfritzen.

    Wäre ich heutzutage Grundschullehrerin, würde ich immer Karl May als aktuelle Fantasy im Unterricht durchnehmen. Mit der zeitlosen Erzählung (die Indianer litten auch damals schon) kann man kaum besser anhand von Winnetou und Old Shatterhand einen Erklärungsbogen spannen von tiefster Feindschaft zur innigsten Freundschaft.

  29. Ursula Mayr:

    Grundschule? Und die massiven Gewaltszenen? Hadschi Halefs Peitsche die sich “ ins Fleisch wühlt bis es aufplatzt“ – mit erotisch – sadistischen Untertönen – mehrfach pro Orient- Band in pathologisch anmutender Stereotypie? Die Marterpfahlprozeduren? Das “ Krummschliessen“ der Indianer, das mir den Angstschweiss aus allen Poren trieb? Old Wabble, der Gottesleugner, der in einen gespaltenen Baumstamm geklemmt wird und sich tagelang die Seele aus dem Leib brüllt bis er – selbstverständlich erst nach der Bekehrung zum Christentum – sterben darf. Ein archaisch – rächendes Fulfilling department als Gottesbild? Ein armer Bursche, der den kuriosen Schwur tut: Ein grauer Bär soll mir das Gehirn ausfressen, wenn..!“. Und Meister Petz wartet schon um die Ecke auf ihn und sein bisschen Brägen und veranstaltet dann die entsprechende Schweinerei für die man dann eigentlich einen Tatortreiniger gebraucht hätte. Und das chauvinistische Schindluder, das mit dem Begriff “ deutsch“ getrieben wird? Deutsche sind im Westen immer untadelig und stiften Segen – die Schurken sind Amis oder – ja, eben auch Indianer, allen voran Tangua, der Häuptling der Kiowas, ein im May’schen Multiversum sehr zwielichtiger Stamm, ebenso wie die schurkischen Komantschen. Da könnte man den Woke – Kritikern fast recht geben bei dieser Kollektivverdammung. Die massive unterschwellige Sexualberieselung, angefangen mit Winnetous “ küsslichen “ Lippen und die ständige Knutscherei des Heldenpaars?
    Ich finde es bezeichnend für unsere Zeit dass man sich über Marginalien aufregt aber diese Szenerien offenbar keinen Menschen stören. Vermutlich haben die alle nur Winnetou 1 gesehen und keine Zeile der 70 Bände gelesen.
    Und meine Fehlleistung in Form eines “ Marterphals “ hab ich gerade noch bemerkt, ätsch! Genauso wie neulich die Nuttergottes.

  30. Lajla:

    Schau dir den neuen Winnetou Film mal an. Er ist für Kinder ab 6 Jahren. Es geht auch darin hauptsächlich um das Gelingen feindlichen Nebeneinanders zum friedlichen Miteinander hin. Wer will denn diese ollen Karl May Marterpfahlstories noch lesen.

  31. Ursula Mayr:

    Gegen den neuen Film hab ich gar nix, aber in der Diskussion wird eben viel durcheinandergeschmissen und es wird ständig von Karl May geredet und den im Original zu lesen finde ich nun nicht unbedingt ab 6 Jahre.

  32. Jörg R.:

    Genau! Lesen tun die ohnehin nix mehr. Und was sie sich anschauen ist noch viel schlimmer…

  33. ijb:

    Anhand eurer Kommentare kombiniere ich, dass euch dieses aktuelle Interview mit Dietrich Brüggemann wahrscheinlich ansprechen wird:

    Zitat:

    Ich schaue mir diese Phänomene seit mindestens zehn Jahren an. Zunächst begann es in den entlegenen Ecken des Internets. Dann griff es immer mehr um sich, meistens unter vorgeschobenen edelmütigen, emanzipatorischen Motiven wie freie Partnerwahl für alle, sexuelle Orientierung und Antirassismus. Dagegen kann gar keiner etwas haben. Aber unter diesem Label ist ein merkwürdiger, intoleranter Zeitgeist entstanden.

    Zum Thema „Winnetou“ und ARD muss ich allerdings sagen, dass ich an verschiedenen Stellen andere Informationen gelesen habe. Die Begründung in der Überschrift scheint eher durch die Springerpresse erfunden worden zu sein. Da sind einfach – und zwar wohl schon 2020 ! – Lizenzen ausgelaufen, und dann hat das ZDF diese erworben – und seither, zuletzt im Juni, demnächst im Oktober, die „Winnetou“-Filme gezeigt:

    „Winnetou“-Verbot bei der ARD? Das steckt dahinter

    Außerdem, zu den wohl eher inspiriert billig gemachten „Der junge Winnetou“-Kinderbüchern, die als Merchandisingartikel begleitend zum Kinderfilm geplant waren:

    https://scompler.com/winnetou/

    Einleitung:

    Der erfundene Shitstorm: Chronologie eines Medienversagens

    Seit der Ravensburger Verlag am 19. August 2022 ein Begleitbuch zu dem Film „Der junge Häuptling Winnetou“ zurückgezogen hat, tobt in den Medien eine Diskussion über Zwang, Zensur, Gedankenkontrolle, Cancel Culture, Sprechverbote, Bücherverbrennung, Woke-Wahnsinn, linke Aktivistengruppen und eine angebliche Bedrohung der Demokratie. Nach nur einer Woche gibt es weit mehr als 100.000 Beiträge, die insgesamt millionenfach geliked, geteilt und kommentiert wurden – unter ihnen fast 5.000 redaktionelle Artikel. Der Tenor: Heftig laute, aber unlautere Kritik durch „woke Gruppen“ in den sozialen Medien hätte den Verlag so sehr unter Druck gesetzt, dass er letztlich gar nicht anders konnte (oder das zumindest dachte), als sich einer „radikalen Minderheit zu unterwerfen“. Die aufgebrachte Menge sieht eine „Tyrannei der Polictical Correctness“ und wehrt sich heftig gegen jede Form von Verbot.

    Datenanalysen zeigen jedoch: diesen Shitstorm über das Buch oder den Film gab es nie, ebenso wenig wie Forderungen nach Verboten. Beide sind vielmehr eine Erfindung findiger Journalisten und Populisten, die entweder medieninkompetent sind oder aus politischem Interesse bzw. aus wirtschaftlichem Kalkül hetzen. Und viele andere Journalisten, Politiker, CEOs und Bürger sind darauf hereingefallen und haben sich instrumentalisieren lassen. Nach eigenen Aussagen hat der Ravensburger Verlag sachliche Kritik ihrer Community ernst genommen und einen Fehler eingesehen. Nur passt das wohl nicht in das Weltbild (und das Geschäftsmodell) einiger Medien. Also erfanden sie den „woken Shitstorm“, verbreiteten haufenweise Verzerrungen und inszenierten so einen „antiwoken Shitstorm“.

    Das Frappierende: den identischen Ablauf der BILD-Kampagne gab es zuletzt im Fall „Layla“ und bei etlichen vorher. Aber obwohl die freie Erfindung und pure BILD-Inszenierung jedes mal noch offensichtlicher wird, fallen trotzdem immer mehr auch Nette und Restvernünftige mit darauf herein und empören sich heftig. Die Medienkompetenz fehlt also nicht nur bei den Journalisten, wie SCOMPLER schreibt.

    Ravensburger hat wohl einen Kooperationsvertrag mit einem realen First-Nations-Verband und gemerkt, dass da was nicht passt. Dann wurde von verletzten Gefühlen geredet, und das Unglück nahm seinen Lauf. Ravensburger will sich anders aufstellen, und da passt der Billig-Kram nicht mehr ins Programm. Jemand anderes teilte mir mit: „Es gab nachweislich KEINEN woken Shitstorm. Nur einige kritische Rückfragen von Verbänden indigener Gruppen, die u.a. in einem anderen Projekt mit dem Verlag arbeiten wollten. Aus rein wirtschaftlichen Gründen hat man entschieden, die Bücher nicht mehr nachzudrucken und als Hörbuch und eBook zu vermarkten. Die schon gedruckten Exemplare bleiben im Handel.“

  34. Ursula Mayr:

    Medienversagen? Ist doch dann ne super PR.

  35. Michael Engelbrecht:

    Exzellent aufgedröselt, Ingo!

    Unabhängig davon bleibt natürlich der neue Puritanismus Fakt.

  36. ijb:

    Auch muss man hier ernsthaft mal die Doppelmoral von WELT/BILD/Springerpresse kritisieren, die seit Jahren gegen die Öffentlich-Rechtlichen mobil macht – und wenn die dann Lizenzgelder einsparen, wird von den gleichen Leuten aufgebauscht, dass angeblich deutsches Kulturgut – und sogar Sigmar Gabriel hat ja geweint! – gecancelt würde.

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