Manafonistas

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2022 19 Mai

In der alten Heimat

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | No Comments

Dortmund. Gute Bekannte: ein paar. Und Seelenverwandte: eine. Gut. Etwas geübt in Dejavues und Zeitreisen, war auch der gestrige, wegen drückender Temperaturen, schleichende Gang durch den Rombergpark, nicht ohne flüchtige, auch mal scharf konturierte flashbacks. An den Tagen, als Tschernobyl passierte, sass ich genau da auf der Wiese hier, Sommers 86, etwas beklommen die Ruhr-Nachrichten lesend und die Windrichtungen verfolgend. Ein anderer Sommer, bestimmt nicht ohne eine gerade mitschwingende Sehnsucht, las ich, genau da, auf einer der Bänke an der Einbuchtung des Teiches, einen Roman von Lars Gustafsson. War es „Tod eines Bienenzüchters“, oder „Nachmittag eines Fliesenlegers“? Wenn ich die schönste Dortmunder Parkerinnerung notieren sollte, müsste ich allerdings hinüber in den Westfalenpark wechseln, auf eine Picknickdecke, währen das hinreissendste Girl der Bittermark mir eine absolut windschiefe Version eines Oldies von Jethro Tull um die Ohren bläst, während ich mit meinen 16 Lenzen selbst das gelungenste Querflötensolo nicht gegen den Anblick ihrer langen gebräunten Beine eintauschen würde. Zurück im Mai 2022, gebe ich den Rohkostler und pflücke wie K. Lindenblätter und zerbeisse sie langsam. In einen Café, das früher, glaube ich, „Orchidee“ hiess, und jetzt „Oase“, spüren wir auf der Terrasse, die den altbackenden Charme der Sechziger Jahre versprüht, als Gitte, Freddy, Ronny und Konsorten noch auf meinem Zettel waren, bevor die Kinks und die Garagenband aus Liverpool für klare Verhältnisse sorgen sollten, die nicht nachlassende Schwüle. Erste Tropfen fallen vom Himmel, viel zu wenig. Auch unser Gespräch eine Zeitlupe, sanftes Stromern durch alte Sommmer. Ich erzähle K. von dem Wiedersehen derer, die es damals gut miteinander konnten, in Furth i. W. – die Blutjungen von 1982, auch so ein früheres Leben. Wir gehen auf schattenlosem Asphalt wie durch Watte hindurch – das wird in der Erinnerung nur getoppt durch eine Irrwanderung auf Gran Canaria, an Bananenstauden entlang, bei gefühlten 45 Grad Mittagsstarre. Vor vielleicht zehn Jahren. Die trockene Wärme von Lanzarote, der Wind aus Afrika, eindeutig meine Präferenz: auf dem Parkplatz von Jameos del Agua, 34 Grad, schattig, wunderbar, und gleich Nils Petter Molvaer in der Höhle! Zurück in der Gegenwart, auf dem kleinen Balkon in der Vorstadt, werden die Wassergläser aufgefüllt, und aus einer humorlos dunklen Wolkendecke stürzt eine Viertelstunde lang die wohltuende, eine Viertelstunde währende Regendusche herab, ohne Donnergegroll – allein der Sound umwerfender Winde und Wasserstösse. Einige Augenblicke lang sehe ich mich (hoppla, ist es eine jüngere Ausgabe meines Ichs?) auf der Wiese des Gartens tanzen, bukolisch – warum denke ich in letzte Zeit öfter daran, wieder „Liege & Lief“ von Fairport Convention zu hören?


(In fünf Tagen spielt hier John Scofields Trio, im neuen Domicil. Im alten Domicil, nahe der mittlerweile denkmalgeschützten Bordellstrasse, spielte der junge Jan Garbarek, mit Arild Andersen und Edvard Vesala, anno 72. Triptykon –  immer noch eine tolle Platte.)

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