Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2022 4 Mai

Das verlegte Beatles-Buch

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | Tags: , , | 11 Comments

Ein Meister im Verlegen war ich sowieso immer. Manches will man unbewusst verlieren, eine Uhr, einen Regenschirm, eine Mahnung, das Teil hier ganz sicher nicht! Seit Tagen halte ich Ausschau nach dem Buch – es ist dick genug, der Umschlag knallbunt, es gibt keinen Grund, es zu übersehen. Vor allem ist dieser umfangreiche Schmöker eines jener Bücher, bei denen ich mich auf jede einzelne Seite, jedes der zahllosen Kapitel freue, und, ehrlich, ich hätte das bei dem Thema, einem wahrlich alten Hut, nicht für möglich gehalten. Aber Craig Brown hat ein wundervolles Verfahren entwickelt, uns die Geschichte der Beatles zu erzählen: bei allen eingestreuten Zeitsprüngen, die wie so vieles andere, zur Auflockerung beitragen, folgt er der Chronologie der Ereignisse, wobei das Marginale (ein weiterer Trick der Auflockerung) genauso fesselnd hinzugezogen wird wie legendäre Schlüsselmomente (für die er auch manch neuen Dreh findet).


Zudem ist hier ein Humorist am Werk, der es versteht, statt schwärmerisch eine Nummernrevue abzureissen, unter mancher Oberfläche des Schelmischen den einen und anderen Abgrund freizulegen. In des Ausdrucks freiester Auslegung, erzählt der gute Craig „mit vielen Zungen“, so gewitzt, oder, wie es die Engländer gerne sagen, „sophisticated“, dass es  die Lust an der Lektüre nicht im geringsten mindert, wenn einem manches bekannt vorkommt – so frisch und unverbraucht ist dieses „story-telling“ der Meisterklasse.


In den letzten zehn Jahren konnten wir uns auf unterschiedlichste Weise den Beatles neu annähern, da waren die Mono-Remasters, die Stereo-Remasters, die Surround-Mixe, die filmischen Dokumentationen, deren vorläufig letzter Streich die mehrteilige Serie „Get Back“ war, die, mit der ewigen, stoischen Anwesenheit von Yoko Ono, auch etwas von Bergmanns „Szenen einer Ehe“ hatte. Eine Serie, die ich, mit den ewigen Diskussionen im Kreis, abwechselnd ermüdend umd faszinierend fand: es geht um das Ende, und alle wissen es, verrückter, fabelhafter Jahre, ein letztes Sammeln kreativer Energien, für den Schwanengesang, der seine Momente hatte, aber nicht mehr an „Abbey Road“, „Das Weisse Album“, und „Sgt. Pepper“ heranreichen konnte. Die Vier waren auch zu müde, um nostalgietrunken ihre „alten Zeiten“ zu beschwören.


Und das bringt mich auf einen entscheidenden Aspekt von Craig Browns Erzählwerk: das Buch geht allen Fallen des Erinnerungsseligen aus dem Weg. Nicht mit Nüchternheit, sondern mit trockenem Humor. Beiläufigkeit. Nonchalance. Und so habe ich noch einmal, beim Packen des Reisekoffers, Ausschau gehalten nach dem Buch, das ich wohl in Domburg vergessen habe, neben dem Bett, in einem Strandkorb, oder sonstwo. Ich war ungefähr auf Seite 130, und die Beatles in einem Club in Liverpool. Notfalls kaufe ich es neu, kein Problem. Die CD mit den „Esher-Demos“ liegt bereits im Toyota, ich werde in bester Gesellschaft sein, während des Trips nach Furth im Wald, zum Hotel am Steinbruchsee.

 

(Wenn diese Reise nicht lang schon geplant gewesen, sowieso eine hochspannende Geschichte, wäre ich am 6. Mai  nach Tübingen gefahren, um abends das Bill Frisell Trio zu erleben. Bill ist ja auch mal kurze Zeit seiner Beatles-Leidenschaft gefolgt, und wer weiss, vielleicht würde er übermorgen eine Version von „Happiness Is A Warm Gun“ servieren. – Philip Watsons Biografie „Bill Frisell, Beautiful Dreamer“ ist ein übrigens ein weiterer, unerwarteter, perfekter Lesegenuss. Biografien sind nicht mein liebstes Buchgenre, aber in diesem Jahr scheint sich das Blatt zu wenden. Im August erscheint „Jeder für sich und Gott gegen alle“ bei Hanser, die Erinnerungen eines gewissen Werner Herzog. Vorfreude.)

This entry was posted on Mittwoch, 4. Mai 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

11 Comments

  1. Ursula Mayr:

    A propos alter Hut, Du Meister des Verlegens der darob nicht mal in Verlegenheit gerät.. ich will ihn immer noch wiederhaben.

  2. Michael Engelbrecht:

    Du hast im letzten Jahrtausend einen Hut bei mir liegen gelassen?! Oder einen Regenschirm?

  3. Ursula Mayr:

    Den hast Du Dir von mir ausgeliehen….

  4. Michael Engelbrecht:

    Jetzt wird es spannend. Und die Frage bleibt die gleiche:

    Den Hut (warum solltest du keinen Hut gehabt haben?), oder den Schirm? Es muss gegossen haben, denn ich mag normal keine Regenschirme, und wenn ich keine Kapuze habe, werde ich auch gerne patschnass!

    Aber wie kannst du dich daran erinnern? Das Objekt muss eine hohe „Affektladung“ gehabt haben😂 …

  5. Ursula Mayr:

    Kleidsamer brauner breitkrempiger Cordhut mit extrem hoher affektiver Aufladung, Andenken. Hat mir sogar gepasst, wobei mir jeder Hut zu klein ist wg Haaren. Du hast Dich verzückt im Spiegel betrachtet und Stunden gebraucht ihn mir abzuschwatzen für ein Paar Tage.

  6. Michael Engelbrecht:

    Die Erinnerung nimmt langsam Gestalt an.

    Chapeau!

    In den Jahren davor gehörte nur eine Baskenmütze zu meinem gelegentlichen Kopfschmuck. Einmal, Jahre später, liess ich mir Ohrlöcher stechen, und fand zwei hinreissende Ohrringe. Aber ich trug nur einen davon, eine Zeitlang, am linken Ohr. Dann verlegte ich beide, und fand nie wieder vergleichbar schöne Teile.

    Es ist wunderbar, über was man sich hier alles austauschen kann😅

  7. Ursula Mayr:

    Du glaubst anscheinend dass Du hier so einfach davonkommst? Martina, wie sind die Verjährungsfristen für Hutveruntreuung?

  8. Michael Engelbrecht:

    Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr „materialisiert“ sich der Hut mit der breiten Krempe. Ich „sehe“ ihn geradezu auf meinem Kopf sitzen – wo ist der Spiegel, in dem ich mich „verzückt“ anschauen kann 😂? It‘s just my imagination, running away with me!

    https://www.youtube.com/watch?v=YNn361umypM

  9. Martina Weber:

    Keine Chance mehr, Ursula.

  10. ijb:

    ich hab die Serie „Get Back“ noch nicht gesehen (mangels Disney+), aber da du schreibst: „…für den Schwanengesang, der seine Momente hatte, aber nicht mehr an „Abbey Road“ (…) heranreichen konnte“.

    Ist es nicht so, dass die Serie die Arbeit am Album „Get Back“ (Anfang 1969) dokumentiert, welches dann quasi unveröffentlicht blieb, bevor die Vier dann wenige Wochen später (Frühjahr 1969) für „Abbey Road“ zusammenkamen – das dann vor den „Get Back“-Aufnahmen veröffentlicht wurde (welche u.a. von Phil Spector zum „Let it be“-Album ausgebaut wurden?)

  11. Michael Engelbrecht:

    Jetzt, wo du das sagst… sollte es so sein, dass erst NACH Get Back (aus den Sessions wurde das Album Let it Be) das Album Abbey Road entstand, dann haben sie den Schwanengesang halt vorgezogen … und hatten hinterher noch mal einen unfassbaren Kreativitätsschub …

    Und so war es wohl, wie ich hier finde:

    „George Martin sagte: „Let It Be war eine so unglückliche Platte gewesen, dass ich wirklich glaubte, sie markiere das Ende der Beatles, und schon damit rechnete, nie wieder mit ihnen zu arbeiten, ‚Schade, dass es so enden muss‘, dachte ich. Daher war ich ziemlich überrascht, als Paul mich anrief und fragte: ‚Wir nehmen eine neue Platte auf – hast du Lust, sie zu produzieren?‘ – ‚Nur, wenn ihr mich genauso machen lasst wie früher‘ lautete meine spontane Antwort. ‚Genau das haben wir vor‘ sagte er. – ‚John ist auch dabei?‘ – ‚Ja, Ehrenwort.‘ Das wurde eine sehr schöne Platte, ich glaube, es lag daran, dass alle der Meinung waren, sie würde die letzte sein.““


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz