Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

… dann hör ich auf mit dem Abgründigen – versprochen!

 

Das zu Granit erstarrte Gesicht des Mannes – bzw der beiden Männer (man sieht nur nicht beide) signalisiert dramatische Schwere, einen fast tödlichen Ernst. Die Balz ist ein tiefernstes Geschäft offenbar – was uns auch manche lateinamerikanischen Werbungstänze suggerieren wollen, bei denen man einen möglichst finsteren Gesichtsausdruck annehmen muss. Es geht auch hier um Sex and Crime, genauer gesagt um die SM-Szene im Schwulenmilieu in Greenwich Village. Dort treibt ein Serienkiller sein Unwesen, Steve Burns, ein New Yorker Streifenpolizist aka ein furios aufspielender Al Pacino (eine Sahneschnitte, würden die Schwulen ihn nennen) ermittelt undercover in den Lederbars. Unnötig zu erwähnen, dass er heterosexuell ist, unnötig zu erwähnen dass er sich hinterher dessen nicht mehr so ganz sicher ist. Und natürlich den Mörder schnappt, der aus „Küchenpsychologie-Motiven“ gemordet hat, wie Micha sagen würde (Milchbubi mit schlimmem Vater!). Steve Burns geht also „cruisen“ (= umherstreifen an ausgewählten Örtlichkeiten auf der Suche nach schnellem Sex).

Der Killer wird gefasst – so weit so schlecht – allerdings gibt es am Ende noch einen Twist der eine ganz andere Deutung nahelegt, weswegen ich den Film sehr schätze – but no spoilers. Der Film floppte 1980, damals fand ein Wechsel von einem demokratischen (Carter) zu einem republikanischen Präsidenten (Reagan) statt, mit einer entsprechenden Hinwendung zu einem rechtslastigen und klerikalen Wertekanon. Aber auch die Schwulen selbst wandten sich gegen diesen Film, in dem erstmals das SM-Milieu dargestellt wurde – allerdings in Verbindung mit blutiger Gewaltkriminalität. Das nahm man ihm übel. Die SM-Szene ist gewaltfrei – es existieren verbale und gestische Codes über die das „Opfer“ dem „Quäler“, im Jargon der Passive dem Aktiven mitteilen kann, wenn es zuviel wird oder gar lebensbedrohlich, etwa beim Spiel mit der Breath-Control-Mask, bei dem der Passive eine schwarze Ledermaske trägt mit einem Ventil an der Nase über die der Aktive die Luftzufuhr regelt. Das Ziel ist Lust zu bereiten und zu empfinden, für beide oder auch mehrere (Gang-Bang-Parties).

Der Film zeigt eine harte Männerwelt mit vielen Ingredienzien der SM – Welt von der ganze Industrien leben (Fetische, Uniformen, ein Sling, Gummiknüppel, Masken, Bareback-Hosen, Bondage-Accessoires, die bunten Tüchlein in der hinteren Jeanstasche als Code für sexuelle Vorlieben). Tunten gibt es hier nicht. Das Weibliche ist aber ständig anwesend in Form eines Five-letter-words, das mit F beginnt und eine Abwertung des weiblichen Genitales darstellt und das man unliebsamen Zeitgenossen in der Szene entgegenschleudert. Auf englisch fand man den freundlicheren Ausdruck „Pussy“, auch für Feiglinge und Weicheier verwendet, im Süddeutschen das warmwollige „Muschi“, im Rheinland gibt es offenbar in der Schwulenszene den Begriff „Quarktasche“. Der weibliche Körper als etwas zutiefst Verachtenswertes? Hassen Schwule Frauen?

Zu Anfang treten zwei Stricher auf – transsexuell verkleidet in Polizeiuniformen, mit blonder Wallemähne, stark geschminkt und mit klirrenden Sporen an den Stiefeln. Was suchen ihre Freier? Die Frau als Karikatur? Als Mischwesen? Als androgyne Domina? Als jemand der schlechthin alle denkbaren Bedürfnisse zu befriedigen vermag? Ladyboys die beide Möglichkeiten bieten?? Nach einigen Besuchen im Lederclub beginnt sich Steve Burns vor dem Ausgehen zu schminken wie ein Teenie. Lässt sich beim Kennenlernen die Brust befühlen wie eine Frau. Der Mann als gefallsüchtiges Weibchen? Welcher Teufel fährt hier in den rechtstreuen New Yorker Cop? Nur wird der Teufel diesmal nicht ausgetrieben, er bleibt in seinem Wirtskörper bis zur letzten Konsequenz – geht also einen Schritt weiter als der „Exorzist“, ebenfalls von Friedkin.

1970 fand der erste Christopher Street Liberation Day statt. 1972 schwappte der Brauch nach Deutschland. Hat Friedkin den Schwulen einen Gefallen getan indem er die Szene als Folie für das Treiben eines sadistischen Killers benützte? Schwulenverbände demonstrierten öffentlich gegen den Film. Der Film strotzt nur geradeso vor machtvoller Männlichkeit. Und doch wird auch in dieser Szene aktiv penetriert und passiv weiblich empfangen, die Mann-Frau-Polarität nicht aufgehoben, im Film angedeutet in einer Szene von fistfucking oder kurz „fisten“.

In einem Seminar, in dem ich den Film zeigte (die Wirkung eines Films erschliesst sich am präzisesten in der Beobachtung des Publikums) gerieten die weiblichen Teilnehmer in Unruhe bzw den Zustand einer Regression ins Orale, sie suchten häufig den Tisch mit den Knabbereien auf bis alles verputzt war und konsultierten den Kaffeeautomaten. Sie fühlten sich nicht wohl konnten ihre Affekte aber schwer versprachlichen. Die Herren (alle hoffnungslos hetero) bewahrten die Ruhe und knabberten nicht, die dargestellte Sexualität brachte sie nicht in affektive Schwingungen, vermutlich schafft es der Film hier nicht erotische Stimmung zu erzeugen, eher Schwere und Beängstigung. Klar, ist ja auch ein Killer anwesend. Später klärte sich diese Spaltung. Die Botschaft des Filmes war für die Frauen: Der Mann in diesem Film ist sich selbst genug. Er kann aussehen wie eine Frau, bietet mehr sexuelle Variationen wie eine Frau, hat penetrierbare Öffnungen wie eine Frau, hat eine reizvolle Brust (insofern er ein Fitnesstudio besucht, wabbeln darf da nichts!), verachtet das Genitale der Frau. Und was noch alles …

Wozu noch Frauen? Auch wenn zwischen dem „Exorzist“ und „Cruising“ einige Jahre liegen, frage ich mich doch, ob hier nicht eine Antwort des Mannes als solchem auf den gefürchteten Feminismus gefunden wurde. Wenn Ihr Euch uns entzieht, brauchen wir Euch auch nicht! Wir können das alles nämlich selbst! Vielleicht noch besser und befriedigender! Fuck off!

 

This entry was posted on Donnerstag, 21. April 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

45 Comments

  1. Lajla:

    2011 war Turku die europäische Kulturhauptstadt. Ich besuchte die Ausstellung, die sie ihrem heimgekehrten schwulen Sohn gewidmet hatten. Tom of Finland war ein talentierter Zeichner, der den männlichen Körper als Hauptthema hatte.

    Die Ausstellung war in einem schäbigen Zelt untergebracht, außer mir war kein Besucher weit und breit. Auch mein finnischer Freund wollte sich diesen „Schmutz“ nicht ansehen. Also ich brauchte keine Kekse. ;)

  2. Ursula Mayr:

    Für eine Ausstellung männlicher Körper würde ich auch keine Kekse brauchen.

    Aber bei S/M ist das vielleicht nochmal was anderes … da braucht man manchmal eher einen starken Magen …

  3. Michael:

    Bitte nicht aufhören mit dem Abgründigen … nachher gibt‘s hier noch haufenweise RoteBeteRezepte – und MedicalFood-Talks, ob Tomaten gesund sind oder zu viele Histamine produzieren. Aber mir soll‘s recht sein, solange ich noch das Rezept für Westerländer RehbockLasagne posten darf
    😅

  4. Lajla:

    Ich brauche das Alles nicht mehr, nach „Salo“ von Pasolini.

    @ Ursula. Kennst du die Kunst von Tom of Finland? Harmlos ist sie nicht, aber nicht grausam. Wir sehen täglich entsetzliche Bilder aus dem Ukrainekrieg. Ich brauche keine Steigerung in der Kunst. (Bildterror nach Dietmar Kamper)

  5. Ursula Mayr:

    Lajla: Kenne ich und mag ich nicht, Schwule gucken die scheinbar gern als Comic, mir ists zuviel Testosteron und zuwenig Grosshirn, was auch aus den Gesichtsproportionen ersichtlich und abmessbar ist.

    Bei Cruising gehts aber nicht um die Grausamkeit – da ist jeder Tatort inzwischen grausamer – sondern die Entwicklung – und auch die Überforderung – eines Mannes der hier unvermittelt in ein fremdes Milieu gestürzt und dadurch in seinem Selbstbild und seiner Identität erschüttert wird bis zur Dekompensation. Das ist der Reiz des Filmes: Wie sehr können wir der eigenen Stabilität trauen und dem, das wir bei uns für festgefügt halten? Fazit: Wir können es nicht! Das Fremde hat eine unwiderstehliche Anziehung.

  6. Michael Engelbrecht:

    @ UM: einmal mehr ein reflektierter, gewitzter Umgang mit dem Abgründigen – die Kunst, hinter den Schein und unter die Oberflächen zu blicken.

    Jenseits des Unheimlichen:

    Ich mag

    Screwball Comedies
    Humans, denen Selbstgerechtigkeit abgeht
    Spargel und Kartoffeln, gedünstet im Thermomix, mit Schwarzwälder Schinken
    Das Meer
    Lieutnant Columbo
    Das Meisterwerk des Miguel de Cervantes Saavedra
    Und lieber Truffaut als Chabrol😅

  7. Jochen:

    Das jemand ausser mir noch Dietmar Kamper kennt, freut mich immer wieder aufs Neue, liebe Lajla. Seinen „Bildterror“ deute ich aber anders: als allgegenwärtige Flut des Bildermachens überhaupt („Im Souterrain der Bilder“ heisst ein Text), nicht nur der Darstellungen von Gewalt.

    Das ist der Punkt, Ursula: wir können unserer Stabilität nicht trauen. Die Anziehung des Fremden ist unwiderstehlich. Allerdings: aus diesem Alter bin ich raus ;)

    Filme mit künstlerischem Anspruch meide ich. Ich schaue viel lieber gute Fernsehserien – man muss nichts hineindeuten, und anspruchsvoll sind viele trotzdem.

    Gerne erinnere ich mich, in diesen Kontext passend, an die Serie Transparent, in der ein jüdischer Hochschulprofessor in Los Angeles entscheidet, fortan als Frau leben zu wollen. Brilliante Momente, etwa, als die älteste Tochter ihre Sado-Maso-Ader entdeckt. Oder die jüngere Tochter sich in ihre Soziologie-Professorin verliebt. Oder der ganze Tross nach Jerusalem reist. Herrliche Einblicke in intellektuell-jüdische Lebenswelten, radikal erzählt.

  8. Littlejack:

    Spannend, was Ihr alles aus einem Film herausholt.

    Bei der S/M – Szene scheinen noch immer viele Berührungsängste zu bestehen, ich kenne keinen anderen Film, der sich damit beschäftigt.

  9. Lajla:

    Verweilen am Negativen
    von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Tags: Dietmar Kamper, Gedanken ohne Denker, Philosophica 6 Comments
    Das literarische Vermögen, über einfache Alltagsangelegenheiten auf interessante Weise zu schreiben, schätze ich sehr. Desweiteren auch die Fähigkeit, die negativen Aspekte des Lebens herauszustellen: die Schwierigkeit des Seins zu schildern, vom Nachteil des Geborenseins zu reden, das Unbehagen an der Kultur nicht vorschnell untergraben, das Falsche im wahren Leben zu entlarven, den Schimmelpilz mit Namen Menschheit zu verachten, die Ausbeutung der Natur anprangern, die Missachtung des Tierwohls anklagen, den Riss zwischen Trieb und Vernunft zu beachten. Kurzum: den Kritiker und Skeptiker in uns zu pflegen. Dies war einst starker Impuls hinsichtlich der Neugier an einer Philosophie, die sich als erbaulicher Schulstoff wenig eignet. Bei Schopenhauer und Cioran liess es sich finden oder dem wenig bekannten, einst sehr geschätzten Soziologen Dietmar Kamper. Der kürzlich verstorbene Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino war auch hilfreich. Witzig, präzise beobachtend, dabei besänftigend öffnete er Räume. The doors of perception. Die Schriftstellerin Sibylle Berg, ein schärferes Kaliber: schonungslos, als radikal gegenspirituelle Randfrau unverzichtbar. The lady is a punk. In Tuchfühlung bleiben mit den Dunkelwelten, nicht nur die wohlgefärbten Erinnerungen pflegen. Der Wiederkehr des Verdrängten Vorschub leisten, indem man gar nicht erst verdrängt. Permanentes Hintergrundgrummeln, so nannte es ein Malerfreund, dessen witzig provokante Bilder für mich immer ein Stück Heimat waren. Momentaufnahmen des Abgrunds, die Blumen des Bösen, Paraden der Peinlichkeit, die Sprache des Unbewussten. Sehe ich so manches Foto von mir aus der Jugend, graust es mich: „Das war ich? Nichts wie weg!“ Glücklich sind jene, die sich selbst toll finden. Genazino und der genannte Dietmar Kamper zählen zu denen, die halfen, unbehagliche Selbst- und Weltfremdheiten auszuloten: der eine bot den „Regenschirm für diesen Tag“, der andere würdigte die Einbildungskraft und verteidigte das Körperliche (Kamper war einst Sportler) gegen vorschnelle und vorlaute Vergeistigungen. Er sagte es einst treffend: „Das Leben lebt nicht, man muss ihm helfen – das nannte man früher Magie.“ Zum Abschluss dieser rückschauenden Reflexion ein Satz aus dem Buch Gedanken ohne Denker, das auch vom Buddhismus handelt. Sein Autor lässt eine Klientin zum Ende ihrer Psychoanalyse hin sagen: „Gott gibt es nicht und die Familie gibt es auch nicht.“

  10. Jochen:

    Witzig, ich überfliege kurz den Text und denke, der könnte von mir sein.

    Dann stelle ich fest: er ist es auch ;))

    Hier nochmal im Original

  11. Michael Engelbrecht:

    Mein Lieblingsfilm aus dem weiten Feld von S/M ist

    THE DUKE OF BURGUNDY

    Ein Film, der auch zeigt, dass romantische Liebesempfindungen und S/M sich keinesfalls ausschliessen.

  12. Lajla:

    @ Jochen. War zum Stabilisieren gedacht ;)

  13. Ursula Mayr:

    Das ist jetzt alles Jochen zitiert?

    Woody Allen sagte übrigens zum Ende seiner Psychoanalyse: Psychoanalyse ist wie Klavierspielen. Irgendwann kann mans!

  14. Ursula:

    Hat jemand Shadows of Grey gelesen? Ich drück mich da seit Jahren drum rum. Hab mich schon durch die Feuchtgebiete hindurchgelangweilt und befürchte ähnliches…

  15. Jochen:

    @ Lajla

    Thanks :)

    @ Ursula

    Also Fifty Shades of Grey, ich bitte dich – Blümchensex goes sadomaso …

  16. Michael Engelbrecht:

    @ UM: Ich habe nach ner Stunde aufgehört zu schauen: Küchen-SM 😅 (mag ja einigen Paaren Anregungen gegeben habe, für mich war dieser Film eine verklemmte Abwicklung des Themas)

    Feuchtgebiete: gähhhnnn …

  17. Ursula Mayr:

    Gottseidank, dass Ihr das sagt!! Alle fragen immer, was ich davon halte …

  18. Lajla:

    Ich habe den ersten Band von „Shades of Grey“ sofort gelesen, weil ich neugierig auf einen Weltbestseller war. Das Buch ist wirklich literarisch gesehen unter allem Niveau, aber ein Aspekt hat mich doch interessiert. Wie kann eine intelligente Frau sich einem Mann so unterordnen? Meiner humble Interpretation nach kann es nur mit dem Schutzbedürfnis der Frau zusammenhängen. Frauen wollen beschützt werden. Das sagte Tarkowski mal so richtig.

    Ich würde dir den ersten Band empfehlen.

  19. Ursula Mayr:

    Masochismus hat nichts mit Intelligenz zu tun, das Unterordnen schafft sexuellen Reiz – eine neurophysiologische Koppelung in Form eines Reflexes – bis hin zum Höhepunkt. Das muss man unter diesem Gesichtspunkt sehen. In München gibt es ein Hotel mit Sado-Maso-Zimmern und entsprechendem Interieur, einer meiner Ausbildungskandidaten hat es mit seiner neuen Freundin ausprobiert – beide neigen keineswegs zur Unterordnung – und werden’s jetzt öfter buchen. Was dort getrieben wurde hat er leider nicht verraten, angefangen haben sie mit Fesseln. Ohne diese Prägung versteht man’s nicht …

    Der Pastor einer kleinen Gemeinde hier starb den „autoerotischen“ Tod, hat sich selbst stranguliert und wohl etwas zu lange. In Bayern sagen wir: D‘ Katz frisst Mäus, i mags ned!!

  20. Ursula Mayr:

    Im übrigen sind die Männer bei den Masos in der Überzahl, das beweisen die gut besuchten Domina-Studios mit überwiegend männlichen „Devoten“, wie das heisst.

    Empfehlenswert dazu „Im Reich der Sinne“, bzw die Schwulencomics von Ralf König – letztere umwerfend komisch mit den Berichten aus dem schwulen Alltag.

  21. Lajla:

    Und aus soziologischer Sicht und lesenswert: Sehnsucht nach der Rolle. Die israelische Star-Soziologin Eva Illouz hat den Erotik-Bestseller Shades of Grey klug und schlüssig auseinandergenommen. Gefunden hat sie eine konventionelle Liebesgeschichte …

  22. Ursula Mayr:

    Meinst Du: Warum Liebe weh tut?

  23. Ursula Mayr:

    Achso – Sehnsucht nach der Rolle. Klingt interessant.

  24. Lajla:

    Nein. Ihr Buch heißt „Die neue Liebesunordnung. Frauen, Männer und Shades of Grey.“

  25. Ursula:

    Werd ich mal lesen.

  26. ijb:

    „Feuchtgebiete“ und „Shades of Grey“ haben jetzt aber nicht wirklich irgendwas gemein …

  27. ijb:

    …außer vielleicht, dass beide in Form von Buchstaben verfasst wurden.

  28. Ursula:

    Und dass viel zuviel Gedöns darum gemacht wird.

  29. ijb:

    Naja, ich denk, die beiden Produkte, äh Bücher haben auch weitgehend unterschiedliche Zielgruppen.

  30. Michael:

    Und dass sie mir beide absolut nicht gefallen haben, und es lag bestimmt nicht am Thema:)

    Das Gemeinsame zwischen beiden Filmen war das Behandeln oft tabuisierter Räume.

    Ich würde gerne mal THE IMAGE (1975) sehen, von Radley Metzger auf BluRay. Wer das Teil hat, bitte melden. Gilt als Klassiker des erotischen Kinos, BDSM-wise. Stiess da immer wieder mal drauf. Nie gesehen.

  31. ijb:

    Nun, ich denke mal, du warst bei beiden Büchern ziemlich weit von der angepeilten Zielgruppe entfernt. Um literarische Qualität geht’s ja in beiden keinswegs. Auch nicht um tiefgehende psychologische Ansätze.

    Während Charlotte Roche wohl eher die Provokation auf Augenhöhe mit pubertierenden (weiblichen) Jugendlichen gesucht hat, war „Shades of Grey“ doch wohl eher eine weichgezeichnete Liebesschnulze mit dem vorgeblichen Versprechen von tabuisierten SM-Szenen, vorrangiges Zielpublikum Frauen zwischen 20 und 50.

    Wie Buchhändler erzählten, hatten beide Bücher allerdings auch eine beachtliche Käuferschicht unter „älteren weißen Männern“. Ob die allerdings von den jeweiligen Autorinnen angepeilt waren…? Ich denke nicht.

  32. Jan Reetze:

    @Micha: Columbo war Inspector. Er legte stets Wert darauf. (Und ich liebe ihn noch immer.)

  33. Michael Engelbrecht:

    @ Jan: ich habe amerikanische Originalfolgen gesehen, da ist er Lieutnant, die deutsche Synchro machte ihn zum Inspektor …

  34. Jan Reetze:

    Micha, Du hast natürlich recht. Ich habe den kompletten DVD-Set und jede Folge bestimmt dreimal gesehen … Brain cells are going fast …

  35. Michael Engelbrecht:

    Die deutschen Folgen von Columbo sah ich ich schon oft. Da liefen die Wiederholungen ja lange auf Kabel and anderen Kanälen. Wie oft dachte ich dabei: hey, toll, die Folge kenne ich ja gar nicht, aber dann erkannte ich sie doch – nur ganz selten war es bei diesen Wiederholungen doch das erste Mal. Nur wenige Serien aus meinen Kindheits- und Teenagerjahren kann ich heute noch mit so viel Freude und Lust wieder und wieder gucken.

    Es gab ja zwischendruch ein längeres Break. Die alten und die dann wesentlich jüngeren Folgen, mit dem gealterten Peter Falk. Als die „neuen Folgen“ kamen, war ich wegen einer Sache etwas enttäuscht. Ich hatte mich so an die alte deutsche Columbostimme gewöhnt (sie geradezu liebgewonnen), dass ich die hanz andere Synchro-Stimme der jüngeren Folgen sehr gewöhnungsbedürftig fand, so dunkel und spröde und wenig passend fand ich sie.

  36. Ursula Mayr:

    Ich fand den zerknitterten Trench immer besonders charmant – hatte einen Lehranalytiker der immer genauso zerknittert herumlief – dergleichen war ihm sowas von wurscht.

  37. Michael Engelbrecht:

    Der Trench gehörte zum Gesamtpaket (besonders im Upper Class-Ambiente), auf allen Ebenen unterschätzt zu werden. Das Auto hatte auch was :) – kann einem Analytiker auch helfen …

  38. Michael Engelbrecht:

    Back To William:

    Ich kenne nun wirklich nicht alle Filme von Herrn Friedkin, aber mein persönlicher Favorit, und unvergesslich, ist, mit den Herren Gene Hackman und Roy Scheider, FRENCH CONNECTION aus dem Jahre 1971. Definitiv auch ziemlich abgründig.

    Zur Kinogeschichte gehört, dass Filme Themen der Zeit, Ängste, Sehnsüchte etc, aufgreifen, verarbeiten. Ich glaube, eine feministische Interpretation von THE EXORCIST und CRUISING schiesst m.E. weit über die Intentionen des Regisseurs hinaus, bringt aber eine spannende Facette in die Diskussion.

  39. Ursula Mayr:

    Es ist nicht alles intendiert, was entsteht.

  40. Michael Engelbrecht:

    Das ist natürlich wahr. Aber dass hier eine unterbewusste „message“ mitschwang a la „wir können auch ohne euch Frauen“, mhmm… dass sich da so etwas artikulierte, unter der Oberfläche sich Raum schafft, okay… aber das Scheitern solch einer Ausgrenzung wurde ja gleichsam mitgeliefert…allerdings habe ich beide Filme vor Ewigkeiten gesehen…alles jetzt gefiltert…wie ich sie wohl heute erleben würde? Stets eine spannende Frage.

    „Bedrohlichkeit“ entsteht in diesen sexuellen Sphären ja auch ganz klar im Kopf. Wenn nicht gerade ein Serienkiller oder katholischer Priester mit Austreibungspraktiken rumläuft…

    In dem Film „The Duke of Bugundy“ (den ich ungefähr fünf Mal in den letzten Jahren gesehen habe) existiert eine lesbische, durch BDSM mitgesprägte Welt, komplett ohne Männer. Als agressive Abwehr des Männlichen empfand ich das gewiss nicht:):) der Film ist (in my headspace) auf allen Ebenen berauschend: Kamera, Musik, Story, Sexus.

    Diesen Link fand ich zu Duke und anderen Filmen auf dem Blog, und ich schätze die da kurz vorgestellten Movies heute genauso wie damals:

    https://www.manafonistas.de/2017/11/27/first-class-movies-from-2015-that-still-stand-the-test-of-time/

  41. ijb:

    Die Frage, inwieweit man die Wirkungen von Filmen (bzw. von Kunst im Allgemeinen) unabhängig von den Intentionen der Regisseurin/ des Regisseurs betrachten darf – oder vielmehr nicht sogar: muss – ist natürlich keine neue.

    Unlängst wurde im Rahmen der Berlinale ein „Film“ (in Anführungszeichen, da es sich vielmehr um einen abgefilmten Vortrag mit Filmausschnitten handelt) von Nina Menkes gezeigt, „Brainwashed“; darin analysiert die Filmemacherin zwei Stunden lang in allen Details das, was man heute als „male gaze“ bezeichnet. Das kann ich – trotz gewisser Einschränkungen – nachdrücklich empfehlen, da dort wieder einmal sehr klar hervorgeht, dass man letztlich solche Interpretationen sogar von der Person der Regisseurin bzw. des Regisseurs unabhängig treffen muss, eben weil sie nicht zuletzt sehr anschaulich macht, wie selbst viele Regisseurinnen bestimmte Seh- und Erzählmuster so verinnerlicht haben, dass es eben eine nicht geringe Anstrengung erfordert, sich davon frei zu machen – und dem etwas entgegenzusetzen.

    Vor kurzem hatte ich auf einen Artikel über die Regisseurin Celina Sciamma („Portrait of a Lady on Fire“) verwiesen, in dem sie selbst ausführlich von diesem Prozess berichtet und erläutert, wie sie selbst im Rückblick ihre ersten drei Kinofilme kritisch sieht, was bestimmte Erzählmuster betrifft, die unbewusst Stereotypen reproduzieren; in Interviews hatte sie da sehr eindrückliche Beispiele aus ihren eigenen Filmen, etwa aus ihrem ersten, wo es um eine Beziehung zwischen einer Schwimmschülerin und ihrem Trainer geht, was sie selbst damals selbst weniger kritisch sah, als das nur wenige Jahre später auch vom breiten Publikum (inkl. ihr selbst) betrachtet wird. Sehr aufschlussreich. Ich kann die Links raussuchen und hier gleich noch einmal posten. Erst ab ihrem vierten Film („Portrait..“) habe sie wirklich eine Filmsprache „gefunden“, die sich von „male gaze“-Tropen befreie.

    Ganz interessant, deutlich kürzer und allgemeiner passt dieser kleine Videoessay zum Thema, den ich zufälligerweise vor wenigen Tagen gesehen habe: Thomas Flight analysiert in seinen vielen sehenswerten Videoessays immer wieder, was wir sehen und was erzählt wird.
    Hier nimmt er eine filmanalytische Aussage, die er selbst über Scorsese (zur Verwendung wiederkehrender Erzählmittel bei „The Irishman“ im Verhältnis zu „GoodFellas“) gemacht hatte und der Scorsese in einem Interview implizit widersprochen hat („Ich habe das nicht bewusst so gemacht.“) zum Anlass, genau diese Frage in verschiedenen Facetten abzuwägen, anhand von ein paar guten Beispielen (u.a. „Marriage Story“, „Blade Runner“ etc). Ist natürlich im Prinzip nichts Neues, passt aber hervorragend an dieser Stelle zu dieser Diskussion – und kann man sich eigentlich nicht oft genug vergegenwärtigen, wenn man darüber spricht, was Filme letztlich alles (mit-)erzählen.

  42. ijb:

    Zu Nina Menkes und „Brainwashed“:

    Grundlage für die vorliegende dokumentarische Analyse des Male Gaze im Kino bildet Nina Menkes’ Vortrag „Sex and Power: The Visual Language of Oppression“. Menkes deckt darin patriarchale Erzählstrukturen auf, die hinter vermeintlich klassischen Szenenauflösungen und Kadragen stecken. Anhand von Thesen der feministischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey zur Objektifizierung und Sexualisierung des weiblichen Körpers zeigt sie, wie ästhetische Entscheidungen wie Kamerabewegung oder Lichtsetzung die Wahrnehmung von Frauen auf der Leinwand beeinflussen, wie das Shot Design als Instrument und Spiegel der Machtverhältnisse fungiert. Dabei arbeitet sie einen Zusammenhang zwischen etablierter Filmsprache und einer Kultur der Misogynie heraus, der jenseits der Leinwand zum Missbrauch von Frauen führt. Ihre Einzelanalysen von Szenen aus 120 Jahren Filmgeschichte entzaubern so manchen Kultfilm des Independent-Kanons – denn die patriarchal geprägte Filmsprache durchdringt nicht nur das Hollywood-Kino.

    https://www.berlinale.de/de/programm/programm/detail.html?film_id=202200805

    Allein die Vielfalt der Belege, die Menkes anführt, hat etwas Augenöffnendes: Ob Ingrid Bergman in vollem Scheinwerferlicht oder Uma Thurman nur bis zum entblößten Nabel – Frauen sind das Objekt im Kino, sie werden betrachtet, mal als Ganzes, mal sind es nur Körperteile. Dieser männliche Blick, der male gaze, hat sich Schnitt, Montage und Licht gleichsam als Grammatik eingeschrieben, so sehr, dass selbst Filme von Regisseurinnen wie Kathryn Ann Bigelow ihr gehorchen. Auch wenn die These nicht neu ist – Menkes lässt unter anderem die „Erfinderin“ des Begriffs male gaze, die britische feministische Filmtheoretikerin Laura Mulvey, zu Wort kommen – besitzt diese im Zeitalter von #MeToo eine neue Brisanz.

    Barbara Schweizerhof (Die Zeit)

  43. ijb:

    Hier noch die beiden erwähnten Beiträge / sehr lesenswerten Portraits zu Céline Sciamma:

    1
    Céline Sciamma’s Quest for a New, Feminist Grammar of Cinema
    In subtle, unpredictable ways, the French director is determined to move beyond received ideas of filmmaking.

    https://www.newyorker.com/magazine/2022/02/07/celine-sciammas-quest-for-a-new-feminist-grammar-of-cinema

    Auszug:

    Talking about “Girlhood” now, Sciamma is categorically undefensive: “For me, it’s really simple. If people you consider political allies are telling you, ‘This is not helping the revolution. This is even slowing the revolution,’ then they’re right. That’s it.” […]
    “It’s how we were collaborating,” Sciamma told me. “My first three films are collaborating with cinema and patriarchy.”

    Sciamma’s second film, “Tomboy,” contains a scene in which a male-identifying child is physically forced to wear a dress. It’s horrible to watch—it feels like torture. Sciamma said that it had also been horrible to shoot. She would never film a scene like that today. At the time, she thought she had to force herself, because she was still “playing by the book.” She was already “trying to disrupt the book,” but still within “the rules of ‘legitimate screenwriting.’ ”

    “Tomboy” is about a ten-year-old child, Laure, who moves to a new neighborhood and assumes a new identity, Mickaël. The parents don’t know that Laure is Mickaël, and the neighborhood kids don’t know that Mickaël is Laure. According to “the book”—specifically, the chapter on dramatic irony—the only point of constructing a plot like that is to set up an explosive scene of revelation, where conflict is pushed to the highest point, in the most violent, the most dramatic, way.

    Sciamma’s more recent films depart from these rules.

    _____

    2

    The sexually charged Water Lilies was a classic first film, a statement of intent. Sciamma shot it in her home town of Cergy, installing her partner, Adèle Haenel, as the centrepiece of a synchronised swimming team. She wanted to bottle the confusion and longing of adolescence; to make every viewer see the world through the eyes of a teenage girl. But the shock of the new blindsided some critics. “Watching [Water Lilies],” wrote the Observer’s Philip French at the time, “makes male viewers feel like voyeurs.”

    “Ouch!” says Sciamma when I read this aloud. “That’s crazy. That’s not what I meant. But it’s always interesting, people’s perception of the film, because it’s always changing.”

    That’s the thing about films. They’re different each time we revisit them, but that’s because we’ve changed, or the culture’s changed. She explains that Water Lilies contains a scene in which one of the swimmers is pressured into sex with her boyfriend. Sciamma was thinking about it the other day and realised that what she’d actually filmed was a rape. “But I would never have called it that. It was just first-time sex going bad. And then later on the boy comes back and tries to kiss her and she spits in his mouth. Now at the time, 2007, everyone in the audience went ‘Ugh’, because they were disgusted with her for doing that. Now it’s different. Right before the pandemic, Adèle showed the film at a high school and she called me up after and said that the reaction had changed. Everyone was whooping and clapping. They thought she’d done the right thing.”

    https://www.theguardian.com/film/2021/nov/14/celine-sciamma-petite-maman-interview-girlhood-portrait-lady-fire

  44. Ursula Mayr:

    Laura Mulvey schätze ich sehr, allerdings ist die feministische Filmanalyse in einem Zustand der Abgehobenheit, dass ich fast keinen Satz mehr verstehe. An der Befreiung von male gaze wird aber eifrig gearbeitet und das ist auch gut so.

    Wir haben hier in unseren Filmseminaren den unschätzbaren Vorteil ein kleines, beobachtbares und reflektierendes Publikum zu haben (wir verdunkeln auch nicht total) mit dem man sofort eine Rezeptionsanalyse durchführen kann. Und wenn bei einem Film die weibliche Seite des Auditoriums eine Essstörung bekommt und die Sprache verliert, sagt das durchaus was aus. Da fangen wir an. Das Five-letter-word hatte hier natürlich starken Einfluss und schockierte in seiner Funktion als Beschimpfung. Das in einer Zeit, in der die Sprache noch nicht so derb war wie in heutigen Krimis in entsprechendem Milieu, und die Jugendsprache noch nicht so evaluiert.

  45. Michael Engelbrecht:

    A propos PORTRAIT OF A LADY ON FIRE, mein Blogeintrag vom 29. Dezember 2020, und geschrieben ohne mir in irgendeiner Form draufgeschaffte / verarbeitete Muster feministischer Filmanalyse (wie bei THE DUKE OF BURGUNDY sind schon die eingesetzten Sounds/Geräusche/Musiken ein Kapitelchen wert…):

    „Mein Kinofilm des Jahres 2020, daheim gesehen, auf BluRay (auch als DVD erhältlich, sowie bei „amazon prime“). Das französische Original, englische Untertitel. Die BluRay-Edition ist empfehlenswert, spannende Extras, u.a ein Interview mit der Malerin Claire Mathon, deren Bilder die Geschichte, die hier nicht verraten wird, miterzählt. Je grösser die Leinwand, desto besser.

    Es ist in vielen Passagen ein ruhiger Film, der Sprache nur sehr sparsam verwendet. Kein Gehetze zwischen Untertiteln und Bild, der Zuschauer darf sich zurücklehnen und kann in den bewegten und ruhenden Bildern versinken. Céline Sciamma hat hier aber nicht nur einen Film über die Bilder gemacht, die Menschen sich aus Konventionen machen, oder was passiert, wenn die gezeichnete Welt die Übereinkünfte verlässt.

    Es ist auch ein Film über die Lust am Lesen und an der Musik. Letztere kommt im Film, wie in der Realität des 18. Jahrhunderts, nur vor, wenn man ihr leibhaftig begegnet. Die eine junge Frau hatte in ihrem bisherigen Leben nur die Orgel gekannt. „Bleak“ nennt die andere den Sound des sakralen Monsters, natürlich auf französisch. Und in dem abgelegenen Haus am Meer, in dem die Malerin die junge Frau zeichnen soll, für den von ihrer Mutter ausgewählten Zukünftigen, gibt es ein Spinett, dessen kurz angeschlagene, spindeldürre Töne allein schon, bei der sich nach dem Unbekannten Verzehrenden, Wirkung zeigen.

    Die wenigen Male, wenn jenseits der Meeresbrandung Musik erklingt, ist die Wirkung immens. Einmal, als die Zwei mit dem Hausmädchen zu einer grösseren Gesellschaft nahe des Meeres aufbrechen, beginnen die Anwesenden (in meiner Erinnerung alles Frauen) einen wunderbar ergreifenden Gesang, Stimme für Stimme, und ich denke für einen Moment an Dead Can Dance.

    Und, kleiner Sprung, das Finale, die Klänge, die reine Gänsehaut! Einer dieser Filme, den man wieder und wieder sehen kann – „spellbinding“ ist das englische Wort dafür.“

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