Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2022 8 Mrz

Wir werfen Gras hoch – Randnotizen zum Anhalten der Zeit

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 10 Comments

Oder: ECM Double Talk (20) – Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet: „Witchi-Tai-To“ & „Dansere“


Einige Male habe ich Jan Garbarek live erlebt, aber das unvergesslichste Konzert war das in Münster, im Westfälischen Landesmuseum, Mitte der Siebziger Jahre. Es war die Zeit jenes Quartetts, das Jan Garbarek, Bobo Stenson, Palle Danielsson und Jon Christensen bildeten. Hockten wir da alle auf dem Boden im gut gefüllten Rund, oder sassen wir auf Stühlen? In der Erinnerung sehe ich mich auf dem Boden, neben mir zwei Kommilitonen, die ich aus Proseminaren der Germanistik kannte – einer erzählte vor Beginn des Auftritts von einem kleinen Roman, den er gerade schreibe (später hörte ich von seinem Suizid). Es war die Zeit florierender Kleinkinos, und man musste in Münster nicht weit gehen, um Leuchttafeln mit den Namen von Fellini-, Pasolini- und Godardfilmen zu sehen. Zu dem Zeitpunkt besass ich bereits alle frühen ECM-Platten mit Jan Garbarek, und erinnere mich just, wie auch die „Sounds“ damals einen längeren Text über den „kühnen Sound aus dem hohen Norden“ veröffentlichte (ich kaufte die Ausgabe in der Bahnhofstrasse auf Borkum um verschlang des Text im Gehen, auf dem Weg zu Meer). Ich war Feuer und Flamme für die Band, und endlich bekam ich sie live dargeboten. Auch das zweite Album der Gruppe war unlängst erschienen, „Dansere“, auf dem Jan die Quellen der eigenen Folklore anzapfte. Das Titelstück von „Dansere“ zählte von früh an zu den „set songs“ des Norwegers – die Frische, die Waghalsigkeit, die Unbekümmertheit, mit der das Quartett durch seines Kompositionen pflügte, riss uns zu manchem Begeisterungssturm hin. Es muss abends gewesen sein, und an solchen Veranstaltungsorten wohl Schatten vertreibendes Neonlicht herhalten, eigentlich eine ernüchternde Lichtkulisse, kein ideales Ambiente. Der Boden war hart, die Architektur funktionell, doch das scherte uns wenig. Hätte ich damals nur gewusst, wie man die Zeit anhalten, und sich ganz und gar einrichten kann in Jahren, die 1974, 1975 und 1976 heissen, und, statt stur linear voranzuschreiten, einen munteren Kreislauf zelebrieren, in denen wir an jedem Tag gewusst hätten: wir geben alles, wir fangen noch einmal an, wir proben heute eine andere Wirklichkeit, wir werfen Gras hoch. Ich wäre 1975 erst nach Kronach gereist, zum dortigen Auftritt von Keith Jarrett, ich wäre eine Woche später in Köln mit dabei gewesen. Es war eine Zeit fortlaufender Feuerwerke in der Musik, Funken und Glut für alle Tage. Es war eine Gegenwelt zum Fassbinder-Grau, und anderen Ernüchterungen. Die Verlangsamung der Zeit zumindest war realistisch, manches ECM-Adagio tat seinen Part dazu, auch Brian Eno sorgte bald dafür, dass wir uns, wenn wir den Dreh raushatten, auf Flughäfen in Zeitlupe bewegten. Meine Blicke folgten den singenden Bögen von Jan Garbarek. Alles war so neu, und hatte noch keine Patina angesetzt aus Erinnerung und gut abgelagertem Wissen: der Zauber der frühen Jahre. „Witchi-Tai-To“ lief endlos, endlos. Fast eine ganze Seite, zwanzig zeitlose Minuten, waren einer Komposition von Don Cherry vorbehalten, „Desireless“. Das Gras fliegt noch immer durch die Luft.

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10 Comments

  1. Olaf Westfeld:

    Vor ein paar Wochen am Second Hand Regal die Entscheidung getroffen, statt Dansere Eventyr zu kaufen – Zustand war besser, die LP halb zu teuer und außerdem ist Nana Vasconcelos dabei. Auch ein sehr schönes Album! Mal sehen, ob Dansere beim nächsten Besuch noch da steht (bezweifle ich, kann aber sein).

  2. Michael Engelbrecht:

    Zum günstigen Preis von ca. 23 Euro gibt es eine schlicht aufgemachte Box von Jan Garbarek, betitelt DANSERE, und sie enthält das Frühwerk SART (eine sehr eigenwillige hochspannende Scheibe, die zeigt, was passiert, wenn man den elektrischen Miles lve erlebt hat (wie Jan G.) und die Musik durch „nordische Filter“ laufen lässt und radikal verwandelt, grandios Rypdal und Co. an seiner Seite) – sowie WITCHI TAI TO und DANSERE. Absolute Klassebox, dreimal fünf Sterne.

    Und, Olaf, EVENTYR, ist, gefühlt und erinnert, meine Nummmer 18 und vier Sterne. Und Rosenfole, Nummer 13 mit 4 1/2 Sternen 😉

  3. Olaf Westfeld:

    Witchi-Tai-To – 5 Sterne plus, genau so wie Belonging. Eventyr – ja für mich auch 4-4 1/2 Sterne. Sehr schön finde ich auch My Song – unverschämt catchy – ähnliche Qualität wie Eventyr.

  4. Michael Engelbrecht:

    My Song – die zweite und letzte Studioaufnahme mit dem „norwegischen“ Jarrett Quartett. Ja, wunderbare Stücke dabei.

    Kennst du ROSENFOLE

    jan garbarek / Agnes Buen Garnas (voc) – grossartige FolkSongplatte, be der JG alle Instrumente spielt…

  5. Olaf Westfeld:

    Rosenfole (die Spracherkennung macht Rosenöl daraus) kommt bei Tyran Grillo auch gut weg… nicht wirklich gehört.

  6. Michael Engelbrecht:

    Da hast du noch nicht die Klanghorizonte gehört. ROSENFOLE habe ich, als sie rauskam, rauf und runter in den Klanghorizinten gespielt, Michael Naura mochte das Album auch sehr, wie ich mich erinnere. Das war spätnin den Achtzigern, früh in den Neunziger Jahren, und ein schönes Beispiel dafür, wie man von alten Folksongs gepackt werden kann, ohne ein Wort zu verstehen.

  7. Olaf Westfeld:

    1989 erschienen… bin ich langsam von Pink Floyd, Doors und Konsorten ins Punk Rock Lager gewechselt. ECM war mir aus der Ferne mal begegnet – Trio Music – aber da hatte ich eher wenig Berührungspunkte.

  8. Michael Engelbrecht:

    Punk Rock – was ist das denn, in den Neunzigern !? 😅
    Als Punk zum New Wave wurde, spät in den Siebziger, früh in den Achtzigern, das war meins: Bands wie Magazine, The Flying Lizards, XTC, Wire, …. aber auch: Prog Maestro Robert Fripp and the kurzlebige League of Gentlemen …

  9. Olaf Westfeld:

    Ja, Punk Rock war nicht ganz genau. Stand damals alles im Independent Regal: Pixies, Dead Kennedys, Sex Pistols und was weiß ich noch alles. Dann ging es auch ein bisschen in Richtung Grunge und Crossover – zum Teil fürchterliches Zeug – bevor ich Hip Hop (und damit auch wieder Jazz) entdeckte – das war dann aber 2-3 Jahre später.

  10. Michael Engelbrecht:

    A long way to E C M 😉🥁

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