Manafonistas

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2022 16 Feb

Bergeinöden (revisited)

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 9 Comments

Wenn es um wiederkehrende Orte geht in den Geschichten der Manafonisten, tauchen manche mit schöner Regelmässigkeit auf: London, Düsseldorf, Pittsburgh, Dortmund, Würzburg, Kronach, Berlin, einzelne Inseln der Kanaren, Kristiansand, Hannover, Sylt, Northern California – die kleinste aller wiederkehrenden Ortschaften ist aber fraglos Bergeinöden nahe Arnschwang in der Oberpfalz, unweit der tschechischen Grenze.

Dort, in Furth i. W., finden sich nun etliche Sozial- und Psychotherapeuten zu einem Wiedersehen ein, die dort in den Jahren 1980 bis 1982 und mitunter auch sehr viel länger in der Fachklinik für Alkohol- und Medikamentenabhängige wirkten. 40 years later…  Nach der Produktion meiner Ausgabe der JazzFacts mit Neuem von der improvisierten Musik am Vormittag des 5. Mai (eine besondere Rolle werden Bill Frisell und John Scofield spielen), düse ich erstmal nach Würzburg, um in meiner alten Stadt aus Studentenjahren eine Nacht zu verbringen. Dann geht es weiter, und vom 6. bis 9. Mai schlage ich mein Zelt nahe dem Steinbruchsee auf. Wer über diese Zeilen stolpert und mich noch in hoffentlich bester oder zweitbester Erinnerung hat, kann mich gerne nach Würzburg für einen Abend und eine Nacht einladen. 

Wenn ich an Bergeinöden denke, erinnere ich mich an Lesenächte mit dem Klassiker „Walden“ von Henry David Thoreau. Ich hatte dort, blutjung, meine erste Stelle als Psychologe angetreten und eine Souterrainwohnung am Ausläufer des Hohen Bogens gemietet, „mein Dorf“ bestand aus einer Handvoll Häusern.

Ich fremdelte ein wenig nahe der tschechischen Grenze, meine Studienstadt Würzburg war drei Autostunden entfernt, Dortmund in schier unerreichbarer Ferne. Und meine zwei ersten Bücher waren „Ripley Underground“ von Patricia Highsmith, und eben Mr. Thoreau. Aber nach ca. 150 Seiten verlor ich, warum auch immer, die Lust an der Lektüre. ich weiss aber noch (ungefähr) zwei Dinge aus dem Buch. Thoreau beschreibt, wie man trainieren kann, in ungewohnt kühler Umgebung gut zu schlafen, und er macht sich über das ständige Geschrei über Neuigkeiten lustig. Schon damals waren Übertreibungen, speziell in der Kultur, weit verbreitet.

Knapp zwei Jahre hielt ich es am Arsch der Welt aus, als Stadtkind war das eine harte Nummer, und Ausflüge nach München reine Selbsttherapie. In München kaufte ich damals Egberto Gismontis zauberhaftes Album „Solo“. Und stromerte durch Schwabing. Wenn ich an die Schallplatten denke, die in meiner Zeit in Bergeinöden das Licht des Marktes erblickten, fallen mir, neben Gismonti, aus dem Stegreif zwei ein, die unentwegt liefen, und reine Seelennahrung waren: „Remain In Light“ von den Talking Heads (einmal drehte die alte Wirtin, weil ich allein war mit meinem Wiener Schnitzel, den „Zündfunk“ laut auf, und es liefen „Listening Wind“ und „London Calling“) – und „On Land“ von Brian Eno: eine Platte für die Ewigkeit, sie hatte dort in Bergeinöden, wo ich umgeben war von dem Dialekt der Oberpfälzer, von einem an der Kette schlagenden, verbitterten Hund, und später auch, hinreissend berauscht, von einer Indianerin aus meinen Kindheitsträumen, ihren perfekten Ort gefunden. An dem Abend, an dem ich ein Party gab, und kurz vor Mitternacht der Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ lief, veränderte alles, für eine gewisse Zeit!

Ich freue mich auf Würzburg und Bergeinöden – zwei „Geisterorte“ am Stück, denn wie anders erlebt man Ansiedlungen, in denen alle einem einst vertrauten Menschen schon ewig und drei Tage lang das Weite gesucht haben?! Ich liebe Gepenstergeschichten.

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9 Comments

  1. Jochen:

    Mein Bergeinöden hiess Stadthagen und war der Zivildienst im „Sozen-Milieu“.

    Spätestens da lernte ich, dass ich kein Arbeiterkind war und gründete kurz darauf die Grünen mit. Neben mir im Sitzungssaal eines norddeutschen Gasthauses sass Waltraut Schoppe. Sie wurde später Familienministerin in Niedersachen.

  2. Chrissie:

    Wie wäre es dann noch zur Abrundung mit Petzolds „Gespenstertrilogie“?

  3. Michael Engelbrecht:

    Als survival kit und „Resilienzwaffen“ nehme ich ca. zehn all time favourite cds und aktuelle lieblingsmusiken mit in meinem Toyoten, der einen wunderbaren player hat – und einen page turner der Sorte Fuchsmädchen von Maria Grund.

    Rocking the hinterland 🙆🏻😅

  4. Martina Weber:

    Chrissie, die Gespenstertrilogie von Petzold ist faszinierend. „Die innere Sicherheit“ – ich erinnere mich spontan an die Szene, als das Exterroristen-Paar mit der Tochter an der Ampel an einer Kreuzung steht, nach und nach von allen Seiten Polizeiwagen anfahren und an den roten Ampeln stehen, sie fühlen sich eingekreist, ertappt, und steigen mit erhobenen Händen aus. Gespenster.

    Als Gespensterlektüre kann ich dir, Michael, den Sammelband „Gespenster“ von Henry James empfehlen. Habe das Buch gerade ausgeliehen. Unübertroffen ist für mich bisher die Geschichte, über die ich hier vor einiger Zeit schrieb: the Turn of the Screw.

  5. Chrissie:

    Leider bin ich keine Freundin von Nina Hoss.

    Die Verfilmung von Turn of the Screw von 1961 find ich Hammer. Die Dämonisierung von erwachender kindlicher Sexualität gibt’s nicht erst seit dem „Exorzist“.

  6. Michael Engelbrecht:

    Hei, Girls, ich lassse mich ja gerne von Poetikfachfrauen und Dunkelzifferexpertinnen inspirieren, und habe mir den meines Erachtens nie gesehenen Gruselschocker aus dem Jahre 1961 auf BluRay besorgt.

  7. Chrissie:

    Danke für den Titel und dem der ihn erfunden hat – dürfte einmalig sein. Der Film ist reizvoll in der Darstellung des Unheimlichen sowie unter psychopathologischen Gesichtspunkten der Spaltungsmechanismen in der Psyche zu kurz gekommener Frauen. But no spoilers! Es gibt noch eine spätere Fassung – ich glaube aus den 70ern, aber leider zu eindeutig, da bleibt nix fürs Kopfkino. Und Deborah Kerr ist natürlich eine Augenweide, vor allem wenn sie entsetzt guckt. Haferkekse dazu!

  8. Michael Engelbrecht:

    Ich freue mich auf den Kinoabend in meiner elektrischen Höhle, inc. Haferkekse und eiskalte knackige Bioweintrauben!

    Der Grusel beim ersten Erleben solcher Filmklassiker mit Gänsehautpotential bleibt sicher unerreicht – ich erinnere micn an Dr. Jekyll und Mr. Hyde (mit Spencer Tracy) oder Psycho.

    Aber ich bin ja Zeitreisender🪂

  9. Martina Weber:

    Innere Sicherheit – ich dachte als erstes an Julia Hummer, an die Tochter, nicht an Nina Hoss.


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