Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

Der Titel stammt von dem Musiker Richard Horowitz, einem langjährigen Mitarbeiter und Freund des Trompeters und Komponisten Jon Hassell – diese Vergleich war Teil seines Textes über ein Konzert von Jon in der Royce Hall in LA vor einem Jahrzehnt.

 

Umgeben von seiner Familie und seinen Freunden starb Jon Hassell am Samstag, den 26. Juni, friedlich in seinem Haus in LA. Wie eine seiner beiden Patentöchter, Uti Cleveland, nach der Zeremonie sagte: „Jon konnte sagen, wie die Welt ist, und nicht, wie er sie gerne hätte“.

 

Manche Musiker haben die Fähigkeit, direkt zum Herzen zu sprechen. Das ist eine Gabe Gottes oder wie auch immer man es nennen mag. Jon hatte diese Gabe. Es hat etwas damit zu tun, dass man einen Ton auf eine besondere Art und Weise hört, so dass man ihn beim Zuhören sofort als etwas fast Privates erkennt. Eine persönliche Sache, die man in seinem Leben besitzt und von der man weiß, dass sie einen für immer begleiten wird.

 

In vielerlei Hinsicht wurde Jon mein Mentor, ein Teil meiner DNA. Ich hatte das Glück, den Mann über einen Zeitraum von fünf Jahren sehr gut kennenzulernen, und zwar ab 2005, als er zum ersten Mal zusammen mit dem Gitarristen Eivind Aarset zum Punkt-Festival in meiner Heimatstadt Kristiansand kam.

 

Zwei Jahre später, als er nach Norwegen zurückkehrte, wurde ich ein festes Mitglied seiner Band, und von da an reisten wir gemeinsam um die Welt und traten an den verschiedensten Orten auf, von Reykjavik bis Sydney. Wo immer Jon zu einem Auftritt eingeladen wurde, war ich an seiner Seite. An seiner Seite in Frankreich mit Gnawa-Musikern zu spielen, oder in der Carnegie Hall in New York und an verschiedenen Orten in den USA und in Europa, war einfach großartig.

 

Wenn er auf dem Big Ears Festival in Knoxville, Texas, auftrat, erzählte er, wie vertraut ihm die Landschaft war, als er in Memphis, Tennessee, aufwuchs. Der Sumpf und die Hitze. Als Teenager hörte er den Blues in kleinen Clubs. Als er später in Rochester studierte und „Gesang der Junglinge“ hörte, beschloss er, nach Europa zu gehen, um bei Stockhausen zu studieren.

 

Er bewunderte Terry Riley, den wahren Begründer des Minimalismus, und reiste nach Indien, um in den USA bei Pandit Pran Nath zu studieren.  Jon lernte, zuerst zu singen und dann die Gesangslinien auf sein Trompetenspiel zu übertragen – wie Kalligraphie, aber mit Klang, wobei er lernte, eine perfekte Linie mit dem Klang seiner Trompete zu zeichnen.

 

Durch Jon lernte ich Brian Eno kennen und erinnere mich gerne an ein langes Frühstück in London am Tag nach einem Auftritt beim London Jazz Festival. Die beiden hatten ihre Freundschaft nach ein paar Jahren ohne Kontakt wieder aufgenommen. Als ich aus London zum Flughafen fuhr, sagte ich zu Jon, wie schön es sei, zwei alte Freunde zu sehen, die sich nach Jahren des Schweigens wieder versöhnen. Jon antwortete einfach: „Nun, Brian ist mein Kumpel“.

 

2008 gingen wir mit Manfred Eicher ins Aufnahmestudio und nahmen das auf, was „Last Night the Moon Came Dropping Its Clothes In The Street“ (ECM) werden sollte. Die Aufnahmen fanden in den La Buissone Studios in Avignon, Frankreich, statt. Die Musiker waren allesamt Amerikaner: Rick Cox (Gitarre); Jamie Muhoberac (Synthesizer); der mittlerweile verstorbene Peter Freeman (Bass); Jon (tpt, Keyboards) und ich  selbst war für Live-Sampling zuständig.

 

Arnaud Mercier, der Jon seit 2003 und bis zu seinem Tod im Jahr 2021 treu zur Seite stand, war als zweiter Tontechniker neben den hauseigenen Toningenieuren dabei, und Manfred produzierte das Album. In das Endergebnis flossen Live-Aufnahmen aus Courtrais, Belgien, und spätere Aufnahmen ein, als das Punktfestival für ein paar Tage mach London kam. Schließlich wurden noch J.A. Deane, Helge Norbakken und Kheir-Eddine M’Kachiche in den Mix aufgenommen.

 

Als unsere Zusammenarbeit zu Ende ging, sagte mir Jon, die einzige Musik, die er hören würde, sei Ravels „Le Gibet“ aus „Gaspard de la Nuit“.

 

Am Tag der privaten Gedenkfeier war ich mit dem Fahrrad auf dem Heimweg aus der Stadt, als ich die Kirchenglocken läuten hörte. Und ich erinnerte mich daran, wie er mit den Kirchenglocken gespielt hatte. Jon und Arnaud hatten es so organisiert, dass die Tonhöhen morgens hohe Töne spielten, sie im Laufe des Tages langsam nach unten transponierten, und um Mitternacht mit einem wunderschönen tiefen Gong endeten.

 

Das erinnert an den Paul-Simon-Song über die beiden Johns – John Lennon und den verstorbenen großen Johnny Ace. Ich füge dem Lied einen dritten Jon hinzu – ich singe zu mir selbst:

 

On a lovely Sunday morning
In beginning of summertime
When a friend called up and asked me
if I´d heard Jon Hassell died

And the two of us went to this bar
and we´d stayed to close the place
And every song we played was for
the late great Johnny Ace

 

(free adaptation from The Late Great Johnny Ace)

 

(translated and transcribed by M.E. with kind permission from Jan Bang)

(source: janbang.org/news)

(program: Punkt 2021 )


(P.S.: Within the last hour of my next radio night on August 21, the musics will be shared by Jon Hassell and Don Cherry. It was deeply moving to find an old portrait of Jon in the archives of the Deutschlandfunk, and I decided to let ten minutes of that show from 1990 appear again, and not for sentimental reasons: you’ll hear Jon talking about the „urban jungle“ and his album „City: Works of Fiction“ while quite beautiful noises froom the streets enter the small appartment in South Kensington. A tiny moment in time, an everlasting memory. And, by the way, circles closing again, Jan is quoting Richard Horovitz at the beginning – and I did my first interview ever with Richard and his soul mate and lover in the days of old, Sussan Deyhim. m.e)

This entry was posted on Montag, 2. August 2021 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

2 Comments

  1. Rosato:

    Le Gibet

    im Mana-Blog

  2. Uwe Meilchen:

    Ein sehr berührender Text, der einfängt, wie Jan Bang den Musiker und auch Menschen Jon Hassell erlebt hat. Danke dafür.

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