Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2021 1 Apr

my home is my country-song

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Tags: , 3 Comments

 

Vor langer Zeit wurde einmal das geheime Leben der Pflanzen in Augenschein genommen. Damals konnte man lesen, dass sie beispielsweise auch musikalisch seien. Versuche wurden unternommen: man stellte etwa einen Lautsprecher auf und bespielte die Pflanzen mit unterschiedlicher Musik, auf die sie ebenso unterschiedlich reagierten. Es hiess, Countrymusic habe auf sie nur neutrale Wirkung, weder positiv noch negativ, also unbeeindruckend. Ich habe das nie vergessen, da auch für mich die meiste Zeit meines Lebens Country-Musik eher neutral war – von „ganz nett“ bis „nerviges Geplärre!“. Das hat sich grundlegend geändert. In letzter Zeit höre ich Songs aus diesem Genre mehr als Jazz, allerdings nur solche der erlesenen Art. Taylor Swift ist für mich die Entdeckung der letzten Wochen und Monate, ich spiele mindestens drei bis vier Lieder täglich mit aus ihren fantastischen Alben Evermore und Folklore. Ich kannte sie nicht, sah irgendwann ein Netflix-Porträt von der Sängerin. Sie ist ein Sprachgenie, die Geschichten und Verse purzeln nur so heraus. Dass sie ein, zwei Privatjets besitzt, dazu ein Dutzend von Grammys und Häusern, stört mich wenig: es macht ihre Musik nicht einen Deut schlechter. Und ich liebe diese Stimme, das teilweise tiefe, erdige Timbre und dazu die coolen Phrasierungen. Die Akkordfolgen sind einfach, jedoch geschmackvoll arrangiert. Grandiose Kollaborationen mit anderen Musikern von Bon Iver und The National. „Der Signifikant ist blöde“, sagt Lacan und wenn ich zum zehnten Mal hintereinander den Song „Ivy“ höre und mitspiele, der übrigens von einer lesbischen Liebschaft Emily Dickinsons erzählt, ermahnt er mich, nun sei aber mal Schluss mit der „Dauerschleife idiotischen Geniessens“. Lieder von Joni Mitchell hatten diese Nebenwirkung kaum, ins leicht Trällernde abzugleiten, schon gar nicht die von Hejira. Die sind erhaben – Gruß an Hegel. Doch wir verweilen mittlerweile gern, nicht nur am Negativen, sondern auch in funktions-harmonisch simpleren Gefilden.

 

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3 Comments

  1. Lajla:

    Na endlich, Country is fun. Und es war Hegel, der sagte: Musik nimmt man im Bauch auf. Taylor Swift is gorgeous.

    Jochen, ich habe einmal in Düsseldorf eine Ausstellung gesehen mit Pflanzen, die japanische Musik zu hören bekamen. Das hatte mich gefesselt, ungläubiges Staunen bis heute. Die Blätter bewegten sich dazu. Und ich habe das nicht geträumt.

  2. ijb:

    Den Dokumentarfilm habe ich noch nicht gesehen, dafür aber vor ein paar Jahren eine etwas einfacher gestricktere US-„Doku“, die Taylor Swifts Lebenslauf nachzeichnete. Das war schon sehr beeindruckend. Also was die so alles gemacht hat und wie ernst sie das Ganze schon sehr früh genommen hat und „hart gearbeitet“ hat. (Ich setze das in Anführungszeichen, weil „hart gearbeitet“ lese ich echt bei jedem zweiten (Selbst-)Portrait von Künstler/innen; dabei finde ich den klassischen Arbeitsbegriff da irgendwie irreführend, da „harte Arbeit“ für mich vielmehr nach körperlichen Arbeiten in Kohleminen oder beim Messebau klingt – und schätze z.B. Sven Regener dafür, dass er seine Arbeit als Erlaubnis und Chance zum „Spielen“ und freien Gestalten beschreibt.)

    Ich muss gestehen, dass ich zwar fast alle Taylor-Swift-Alben über die Jahre gehört habe, aber ich eigentlich fast nie so ein ganzes Album von ihr am Stück hören kann. So wirklich Country ist das aber auch schon lange nicht mehr (seit ca. „1989“). Aber ich habe noch einen Hörtipp: Ryan Adams hat einmal das Album „1989“ komplett neu als Hommage eingespielt, und dabei jeden Song in (s)einer eigenen Stilschublade neu interpretiert. Mit Ryan Adams geht es mir ähnlich wie mit Taylor Swift: Keines seiner vielen Album hat es bislang geschafft, eine bleibenden Platz in meinem CD-Regal zu bekommen, und eigentlich fällt es mir auch meist ein wenig schwer, ein Album von ihm komplett durchzuhören (obwohl ich recht viele schon hatte) – mit einer Ausnahme: Seine Taylor-Swift-Hommage „1989“ halte ich für sein bestes Album; es hat ein wunderbar US-amerikanisches Feeling – und bildet ein tolles Gegenüber zum Original, das wahrscheinlich auch mein „Favorit“ in ihrer Diskografie ist, obwohl es objektiv höchstwahrscheinlich nicht das beste oder ausgereifteste ist – und auch viele andere Songs von ihr finde ich gut. Die beiden neusten Alben habe ich jeweils bis jetzt nur 2 bis 3 mal angehört. Ich glaube, mir waren sie stets ein bisschen lang …

  3. ijb:

    Apropos Songwriting: Kürzlich fiel mir auf, dass ich schon recht lange nicht mehr die aktuellen Folgen des Sodajerker-Podcasts gehört habe, wo regelmäßig bekannte Songwriter(innen) von ihren Schaffensprozessen beim Songwriting erzählen. Ich hatte vor ca. 2 Jahren mal darauf hingewiesen. Mittlerweile gibt es knapp 200 Episoden, und sehr viele davon werden auch für viele Leser und Autoren dieser Seiten überaus hörenswert und inspirierend sein. Gerade diese harten Lockdown-Zeiten (in Berlin wurde jetzt noch einmal kräftig angezogen; man kann eigentlich auch diesen Monat wahrscheinlich nur noch zu Hause bleiben) bieten ja viel Raum und Zeit, diese jeweils rund 45-minütigen Gespräche übers Songschreiben zu hören.

    Zuletzt habe ich mehrere „nachgehört“, die schon im letzten Jahr geführt und veröffentlicht wurden und die ich sehr empfehlen kann:

    Lucinda Williams – immer toll, ihren Geschichten zuzuhören;

    Laura Marling erzählt von der Entstehung ihres letzten Album und erwähnt u.a. die verschiedenen Persönlichkeiten, die sie beim Singen einiger Songs sozusagen als Perspektive wählt;

    Kate Tempest redet u.a. über die verschiedenen Bereiche bzw. Ausdrucksformen ihres Schreibens;

    Jeff Tweedy habe ich noch nicht angehört, da ich schon sehr viele Interviews mit ihm gehört und gelesen habe – ist aber bestimmt auch hörenswert;

    aber es kann sich ja jede/r viele interessante Gespräche nach Laune aus diesem Archiv raussuchen, Rhiannon Giddens, Meshell Ndegeocello, Alicia Keys…;

    enttäuschend fand ich bislang noch keines der Gespräche – auch nicht Sting oder OMD.

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