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2021 27 Feb

Album

von: Jan Reetze Filed under: Blog | TB | Tags:  17 Comments

 
 

Nick Cave ist nun eindeutig bei seinem Alterswerk angekommen. Da wird sich nichts Wesentliches mehr ändern. An “Idiot Prayer” kommt “Carnage” nicht ganz heran (ich prophezeie, dass ihm das mit keinem Album mehr gelingen wird), aber wenn er dieses Level hält, dann werden wir noch so manches gute Album von ihm hören dürfen.

 

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17 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Wieder so ein Fall bei dem die Cd bzw wohl auch LP erst im Mai erscheint. Werde mich an körperlose Streams nicht gewöhnen. Beim DLF steht wohl ein Umzug in ein anderes Studio an, in dem es dann keine Dreher mehr gibt. Klug ist das nicht.

    Die Kritiken sind durchweg begeistert. Ich gönne mir das Album nachher in voller Länger auf spotify. Diese Zeilen aus der 5 Sterne Besprechung im Independant machen doch Lust:

    „For an album written in the pandemic’s stasis, there’s a compelling amount of travel on Carnage. Cave is always sing-speaking about throwing his bags in the back of cars, riding trains and having sex in motel beds. As in dreams (said to be about the shifting of emotions) there is a lot of water imagery: swimming pools, rain and rivers. Against the gentle throb of “Old Time”, he “steps back” to childhood, and above the tense strings of “White Elephant” he threatens to “shoot ya for free”.

  2. Michael Engelbrecht:

    Hier sind ja einige langjährige Nick Cave Hörer versammelt.
    Meine Geschichte Mit Nick geht so: ich hatte nie ne engere Beziehung zu seinen frühen Alben. Dann The Boatman‘s Call. Fand ich tatsächlich langweilig. Murder Ballads: ein one trick pony, langweilig. Seine Filmmusiken mit Warren Ellis: gut als Musik zu den Filmen, als reine Musik gehört war es mir zu monoton. Ich mochte ein Album sehr, so um 2003, 2004, habe aber den Titel gerade vergessen. SPÄTER: The Skeleton Tree: grossartig. Das Konzert von Nick Cave and The Bad Seeds, viele Jahre zuvor, so um 2005 herum, Hammersmith Odeon, London, klasse. Ghosteen: nach Anfangschwierigkeiten, tief bewegend. Idiot Prayer: durchweg fesselnde Zeitreise. Und heute Abend, in der Psychedelikshow meiner Infrarotkabine, entdecke ich mein all time favourite Nick Cave Album. CARNAGE. Fantastisch. Und hier höre ich auch etwas von dem, was er bei Eno gelernt haben könnte. Ist sofort notiert worde, siehe blog diary am 31. Januar, als derzeitige Number one of 2021. Es könnte das Phänomen der ersten Begeisterung sein. Ich werde es Nikolaus wissen. Die ersten zehn Plätze wird es nicht verlassen. Promise.

  3. Olaf Westfeld:

    Gerade die frühen Alben waren wichtig und prägend für mich – The Good Son, Henry’s Dream, Kicking Against The Pricks, Your Funeral (und noch eins, dessen Name mir gerade nicht einfällt). Diese Alben sind sehr eng mit einem bestimmten Lebensabschnitt verbunden, bestimmten Ängsten, Existenzfragen… kurz: irgendwann hatte ich genug von Nick Cave, habe oft gedacht und gesagt, dass ich den nicht mehr hören könnte.
    Nun dann kamen Grinderman, deren Energie ich mochte, danach dann Push The Sky Away – für mich das große Nick Cave Album.
    In Carnage habe ich Donnerstagabend kurz über Laptop Lautsprecher reingehört, der Shuffle Modus war noch an und hat mich direkt zu einem Lied namens „Balcony Man“ geführt. Den Rest habe ich nicht mehr gehört, das spare ich mir für den Mai auf, dieses Lied aber immer wieder, berührt mich sehr (trotz oder wegen des Kitschfaktors).

  4. Michael Engelbrecht:

    @ Olaf

    Spannend, wie sich Hörgeschichten unterscheiden und überlagern.

    PUSH THE SKY AWAY war das Album, dessen Titel mir nicht einfiel, und, bis zu seinen Spätwerken, mein absoluter Favorit.

    Und das Konzert im Hammersmith war das erste ohne Blixa Bargeld.

  5. ijb:

    Interessant, was du schreibst, Olaf. In gewisser Weise ging es mir ähnlich – aber nur ein paar Jahre später. Für mich fing die Reise im Wesentlichen mit Let Love In an, etwas später kamen auch Boatman’s Call und No More Shall We Part in die bis heute bestehende Bestenliste – lange meine drei Cave-Favoriten, die ich bis heute noch immer ebenso großartig finde, wenn ich sie auch längst weitaus seltener höre. Als etwas später Dazugekommener habe ich mir die frühen Alben sozusagen aus diesem Rückblick heraus angeeignet, wenn man so sagen kann.

    Nach No More… kam ja das wohl mittelmäßigste (wenn nicht sogar das einzige mittelmäßige) Bad-Seeds-Album Nocturama, das auch ich (wie wohl die meisten Cave-Fans) als ein wenig zu unpersönlich, uninspiriert und unambitioniert erlebt habe (später dann meinen Frieden damit geschlossen, finde ohnehin kein Album schlecht, das er gemacht hat); kein Wunder stieg Blixa dann aus. Zu jener Zeit schrieb ich übrigens eine Dokumentarfilmidee über Nick Cave, im Rahmen meiner Bewerbung fürs Regiestudium an der Filmakademie.

    Das erste Grinderman-Album hat mich nie so richtig gepackt (ich fand es ein wenig zu simpel), aber das zweite dann umso mehr. Dann kam ja auch das Lazarus-Album (2008), mit dem für mich sozusagen die Renaissance der Bad Seeds begann, die Band veränderte sich wieder einmal drastisch, hat in den Jahren vor allem durch Warren Ellis eine deutliche Richtungsänderung erlebt. Und ich stimme dir zu: Push The Sky Away (2013) ist irgendwie das eine Cave-Album, das ihn in die Songwriter-Meisterklasse der Größten brachte. Wenn er immer zur Dylan-Klasse gestrebt hat, hier erreicht er sie.

  6. Olaf Westfeld:

    Let Love In war für 15 Jahre oder so mein letztes gekauftes Nick Cave Album, und irgendwie hatte ich das damals auch kaum noch gehört. Ich bin 1994 nach Potsdam gezogen, Nick Cave ist sozusagen zu Hause geblieben. Was zwischen Let Love In und einigen Grinderman Songs erschienen ist, habe ich kaum mitgeschnitten (ausser dem Kylie Duo), da sind bestimmt auch einige tolle Alben dabei. Stattdessen wurden dann langsam Stereolab wichtig (hab‘ gerade den feinen Text from the Archive gelesen).
    Ein Nick Cave Konzert würde ich auch gerne mal besuchen, fehlt mir noch (genau so wie Radiohead).

  7. ijb:

    Das ist echt interessant, wie wir uns hier quasi die Klinke in die Hand gaben. Ich bin erst 2000 nach Berlin gezogen, war 2001 bei der Nick-Cave-Tour, muss aber sagen, dass ich, womöglich aufgrund der hohen Erwartungshaltung, das nicht als so transzendente Erfahrung erlebt habe wie das viele andere Cave-Fans beschreiben. Es war gut und so, aber auch ein bisschen routiniert; wahrscheinlich ein Konzert unter vielen anderen. In Erinnerung ist mir, dass Cave bei der Zugabe „The Curse of Millhaven“ sang, von den Murder Ballads, eine rasante Ballade aus der Perspektive eines Mädchen, das überall Feuer legt, mit unglaublich viel schnell gesungenem, fast runtergerattertem Text, und Nick Cave las den ab von einem Zettel – was ich amüsant fand, weil ich den Text damals wohl so gut wie auswendig kannte, auf der Murder Ballads sind ein paar gute Nummern, und die CD habe ich naheliegenderweise damals sehr oft gehört (sie liegt ja zwischen Let Love In und Boatman’s Call).

    Ich finde es schon faszinierend, dass Nick Cave heute, nach vier Jahrzehnten im Geschäft, und mit den relativ antipopulistischen Alben, die er in den letzten Jahren gemacht hat, die größte Reichweite seiner Karriere erreicht und jetzt die Mega-Hallen in allen großen Städten gebucht hat. Die 2020-Tour fiel ja aus, aber das Konzert in Berlin sollte in der riesigen O2-Arena (oder wie immer sie jetzt heißt) stattfinden, wo sonst nur die ganz großen Popstars auftreten. Das ist natürlich grandios teuer, und ich frage mich, wie das sein mag, denn schon mir schien das Konzert in der (ausverkauften) Columbiahalle damals eigentlich zu groß für Nick Caves unmittelbare Reichweite.

  8. ijb:

    Ich kenne übrigens auch fast alle Filmmusik- und Soundtrack-Alben, die Cave & Ellis gemacht haben; am besten finde ich „Wind River“, „Loin des Hommes“ und „Hell or High Water“ – den zweiten Film habe ich nicht gesehen, abgesehen von einer längeren Zusammenstellung von (dialoglosen) Szenen, und das sah großartig aus, und die drittgenannte ist eine Zusammenstellung aus kurzen Cave/Ellis-Stücken (z.T. basierend auf früheren Arbeiten) und fremden Songs (Townes van Zandt u.a.), in der Gesamtheit aber richtig gut. Auch die Filmmusik zum sehenswerten Film „The Proposition“, zu dem Cave das Drehbuch geschrieben hat, ist toll.

  9. Olaf Westfeld:

    Diese 02-Arena ist der riesige Kasten an der Warschauer Brücke, oder? Da habe ich mal Leonard Cohen gesehen – da kam natürlich nicht so viel rüber. Ja, seltsam, dass die letzten Nick Cave Alben so erfolgreich sind – aber viele der Alben sind vermutlich Longseller und dann kommt in 40 Jahren im Geschäft mit kaum schlechten Alben wohl einiges zusammen… zumal die Konzerte ja auch sehr gut sein sollen.
    Ich bin 1999 von Potsdam (wo die Mieten für Studenten unbezahlbar wurden) nach Berlin gezogen und habe bis 2003 in der Nähe des Ostkreuz gewohnt. Erstes Konzert zu dem ich aufm Rad fahren konnte war damals von Stereolab, im ColumbiaFritz.

  10. ijb:

    O2-Arena, ja. (Also O wie beim Sauerstoff, nicht „Null-Zwei“.) Die Arena wurde mehrfach umbenannt, dann heißt sie heute wohl nicht mehr so. Ich war nie drin.

    Ich erinnere mich, dass Cohen damals zu Gast war, hatte auch gedacht, womöglich müsste man diese riesige Summe einmal investieren, um ihn als Spätgeborener wenigstens ein Mal in echt gesehen zu haben, aber dann dachte ich, das ist schon ein bisschen extrem – so ein Riesengeld für so ein distanziertes Cohen-Konzert. Ich kann mir gut vorstellen, dass es trotzdem eindrucksvoll war, mit dem Charisma des Herrn…

    Aha, damals wurden die Mieten in Potsdam unbezahlbar… in den letzten Jahren in Berlin, deshalb gehen viele mittlerweile nach Potsdam. Wir hatten Glück mit der Miete beim letzten Umzug vor 8 Jahren oder so, da wir als freiberufliche Künstler natürlich auch keine großen Gelder einnehmen.
    (2001 bis 2003 habe ich viel Zeit in Potsdam an der HFF verbracht)

    In den beiden Columbias war ich auch des öfteren bei Konzerten. Sonic Youth, Phillip Boa, Mercury Rev…

    Da kennst du Stereolab ja besser als ich Spätzünder.

  11. Olaf Westfeld:

    Na klar, O2… typ0 ;-)
    ich habe damals meine Mutter begleitet, selber hätte ich mir die Karte auch nicht gegönnt. Am Nachmittag vor dem Konzert erstreckte sich einer der größten Regenbogen, die ich je gesehen habe, über Friedrichshain. Konzert war trotz der Kühlschrank Atmosphäre in dieser Halle großartig.
    Bei Sonic Youth war ich auch mehrmals, allerdings in Hannover und Bielefeld, Philip Boa in Herford und Osnabrück. Mein letztes Konzert in der ColumbiaHalle war D’Angelo, auch schon wieder 6 Jahre oder so her.

  12. ijb:

    So war’s bei mir oft mit meinem Vater früher (Von McCartney über mehrere Stones-Konzerte bis hin zu etlichen 60s- und 70s-Bands aus der zweiten Reihe wie Sweet und so.)

    Mit Phillip Boa geht’s mir ein bisschen so, wie du es oben zu Nick Cave beschrieben hast. Das letzte Mal war ich wohl so 2001 bei einem Boa-Konzert, habe aber, nach einer gewissen Distanzierung dann doch auch sein Spätwerk mehr und mehr schätzen gelernt; mittlerweile besitze ich alle Alben (nur „C-90“ hab ich vor 100 Jahren bei Ebay verkauft und seither nicht mehr), habe die späteren (die der letzten 15+ Jahre) sukzessive nachgekauft, nachdem ich neugierig über die „Fresco“ gestolpert war – auch wenn manche ein wenig zu unspezifisch sind, „Loyalty“ und „Faking to Blend In“ etwa oder „Bleach House“, das erst durch die „Limited Edition“ als Doppelalbum richtig interessant wird (wie übrigens auch „Earthly Powers“) – kennst du diese Alben?

  13. Olaf Westfeld:

    Ich hatte eine Kassette, da waren meiner Erinnerung nach drei Philip Boa Alben drauf – wahrscheinlich auszugsweise. Copperfield, Hair und Hispanola. Ich erinnere noch die blaue Beschriftung. Die Albumtitel musste ich gerade aber noch mit Hilfe von Spotify herausfinden… Von Helios kenne ich auch ein paar Songs (außer „and then she kissed her“). Und dann hatte ich einiges von C 90 mal auf einer Festplatte – da macht es aber bei kaum einen Liedtitel ‚klick‘.
    Aber: Manche von den frühen Liedern hatte ich sofort wieder im Kopf, als ich die Titel las – verrückt wie gut das manchmal geht, wie sich das Gehirn an Musik erinnert.
    Von den von Dir genannten Alben kenne ich aber keines.

  14. ijb:

    Ah, die Alben, die ich genannt habe, sind alle Teil des „Spätwerks“ – der letzten 12 Jahre. Nicht wesentlich, aber wenn man prinzipiell für das Tun des Herrn Boa offen ist, durchaus hörenswert (wenn auch alle im Großen und Ganzen recht ähnlich).

    Helios (1991) ist wahrscheinlich das beste Album, das, bei dem Ambition, Experimentierfreude, Sound-Ideen und eigenwillige Atmosphäre am besten zusammengehen; ich denke, die Songs sind auch hervorragend. Mehr Pop-Appeal gab es beim folgenden Boaphenia (1993), das ich nicht weniger gelungen finde – es ist aber sehr anders, das war genau der Sprung vom Independent zur Eingängigkeit.

    In Richtung (introspektives) Songwriting sind aus den ersten zwei Dekaden noch Lord Garbage (1998) und My Private War (2000) durchaus hörenswert. Den Dreier Copperfield / Hair / Hispañola (die beiden letzteren sind ja die Visconti-Alben) kenne ich auch in- und auswendig; das sind wahrscheinlich die Klassiker, die stets als erstes genannt werden. Bei Helios ging es dann, finde ich, noch einmal auf ein anderes Niveau.

  15. Olaf (Ost):

    Nochmal zu Cave
    Ich habe drei Nick Cave-Alben, die mich sehr fasziniert haben:
    From her to eternity 1984
    Let love in 1994
    Ghosteen 2019
    Bevor es Ende der 80er zum Kotau der Öffentlich-Rechtlichen Radio-Sendeanstalten vor den Privaten kam, gab es eine ganze Menge wirklich spannender Sendeformate. Im Berliner Raum waren das im RIAS und SFB 1 bis 4 (ich glaube, so viele gab es) wunderbare Spezial- und Nachtsendungen, in denen Musik rekordertauglich serviert wurde. Im Vorabendprogramm explizit für die ostberliner Hörerschaft, in der Nacht möglicherweise als Lückenfüller. Was wurde da nicht mitgeschnitten! Obwohl so eine 2×30er Leerkassette im Osten sagenhafte 20 Mark und als Chromdioxyd sogar 30 Mark teuer war. Und die Spulen für die Bandmaschinen erst … Um 1984 herum war ich wohl mit der Lehre fertig und habe im Zwei-Schicht-System gearbeitet. Arbeitszeit war normalerweise 8 Dreiviertel Stunden, sodass ich nach der Spätschicht erst gegen halb 12 abends zuhause war. Jeden Donnerstag lief auf einem der abgelegenen (also kulturell anspruchsvolleren) Sender – sagen wir SFB 1 – von 1-2 Uhr eine aktuelle Platte komplett ausgespielt. Habe ich IMMER gehört und aufgenommen. Eines Nachts »From her to eternity«. Meine Herrn! Was für eine Wucht. So eine Ruppigkeit kannte ich noch nicht. Total faszinierend. Besonders der Track »Saint Huck« brannte sich förmlich ins Hirn. Das ist auch der einzige Track, den ich ad hoc nennen könnte, fragte man mich nach einem Cave-Song. 1984. Cave war mir nie wieder begegnet, aber DER Song saß und sitzt. Konnte kein englisch, schrieb die Ansage der Titel lautmalerisch mit. Bis 1994. Da hörte ich irgendwo mal diese Glockentöne, die das Mark zum Kochen bringen. Ich bin ja nicht so ein düsterer Typ, und Glocken assoziieren bei mir keinen Weltuntergang. Danach fand ich »Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus« recht interessant. Aber erst »Ghosteen« 2019 hat mich wieder zu ihm geführt. Dieses klangpoetische Märchen wird möglicherweise meine letzte schöne Erinnerung an Cave bleiben.

  16. Michael Engelbrecht:

    Da warte mal in Ruhe Carnage ab.

  17. ijb:

    The main reason Warren and I went into the studio was not to make a record. I think, more than anything, we just wanted to spend some time together. It had been a long time since we had seen each other and we were eager to continue the musical conversation we’d been having all these years. So, we met at the studio, greeted each other, and began.

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