Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 11 Sep

„Die Geschichten eines Anderen“

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | Tags: , 3 Comments

 

Er war eine Zeitlang in Paris, und an einem Tag traf er ein afroamerikanisches Paar. Man speiste zusammen, verstand sich blendend, und die Frau muss atemraubend gewesen sein. Jedenfalls kam es mit so vor, als ich das Interview im Jazz Magazine las, Mitte der Siebziger Jahre. Der Ehemann bot ihm fast beiläufig an, seine Frau zu lieben, denn einige Schwingungen im Raum waren durch und durch erotisch, und er gönnte ihr von Herzen aufregenden Sex mit dem Fremden. Als Jimmy Garrison, der Bassist des John Coltrane Quartetts, diese Geschichte erzählte, war er noch immer fasziniert von dem Erlebnis. Der Ehemann ging dieweil in die Stadt, wenn ich mich recht erinnere. Ein wenig fühlte ich mich an Milan Kunderas Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins versetzt. Dort tauchte die Idee der erotischen Freundschaft auf, wenn man allem Besitzergreifenden abschwor, und gute Gespräche und erfüllter Sex nahezu eins waren.

 

Er war in Paris in einem Hotel und fertig. Ein Tiefpunkt, ein offenes Magengeschwür. Schmerzen. Was tun? So erinnere ich ein altes Interview aus dem Jazzpodium. Er machte sich Gedanken, die sich vielleicht ab und zu selbständig machten und sich aus dem gekippten Fenster, ins Freie hinein, verflüchtigten. Das ist natürlich eine Ausmalung meinerseits. Er war in einer Situation wie das lyrische Ich in Bertold Brechts Gedicht vom Radwechsel, das überaus schlicht einen Menschen ansiedelt zwischen Vergangenem und Zukünftigen. Der Bassist Gary Peacock fasste einen Entschluss und war bereit,  zu neuen Ufern aufzubrechen. Den Schalter umzulegen. Er hat es sicher anders erzählt, aber die Essenz dieser Erinnerung ist wahr. Die Ränder mögen noch so verschwommen sein. Was wohl dazu führt, dass manche Momente aus den Geschichten eines Anderen unvergesslich sind?

 

Ich glaube, die Story stammt aus der Zeit vor der Aufnahme  seines Album „Tales of Another“. Ich weiss noch, wie er erzählte, und wahrschheinlich auch in jenem Gespräch, dass die Kompositionen nur aus einzelnen Samen oder Ideen bestanden. Kernzellen, welche vom Trio aufgegriffen wurden. In den nächsten  Klanghorizonten am 17. Oktober spiele ich in der letzten Stunde Musik aus „Tales of Another“. So kann eine Nacht gut enden, mit Gary, Keith, und Jack – und schlussendlich mit Miles, Keith, Gary, Gary, Ndugu, Mtume, Michael und Don. Was könnten die Herren Eicher und Klinger alles zu dieser Gruppe von Miles erzählen!? Sie erlebten genau dieses Septet live auf ihrer einzigen Tour, an einem Herbsttag des Jahres 1971 in München. Und das zog einige interessante Dinge nach sich.

 

This entry was posted on Freitag, 11. September 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

3 Comments

  1. Lajla:

    Was hat denn die Frau dazu gesagt?

  2. Michael Engelbrecht:

    Ich war nicht dabei.

    Aber es wurde sicher nicht über sie verfügt. Sie war die Erste unter Gleichen. Das hatte alles Klasse. Natürlich wurde „sie“ ihm nicht angeboten.
    Der Satz ist missverständlich. So setzt Erinnerung Puzzlestücke zusammen. Fehlerhaft.

    Garrison war ein, zwei Jahre später tot. 1976. Unendlich früh.

  3. Michael Engelbrecht:

    In jungen Jahren waren sie etwas fern, die Helden, und ich war nicht erfreut, dass in Würzburg nur recht selten sie auftauchten. Und deshalb kann ich ihre Auftritte (innerhalb der Stadtgrenzen) in zehn Semestern Pychologie an den Fingern von zwei Händen abzählen: Jeremy Steig Quintet mit Jimmy Cobb, Zbginef Seiffert solo, Peter Brötzmann Trio mit Han und Fred, Volker Kriegel, Joachim Kühn solo, Zbgnief Namyslowski, Fred Frith und Tom Cora, sowie (einen stillen Helden des britischen Folk schmuggel ich einfach mal in diese Reihe) Bert Jantsch. Auch solo. Um auf Tuchfühlung mit ihren Sounds & Stories zu bleiben, hatte ich eine Zeitlang das Jazzpodium, Down Beat, und das französischen Jazz Magazine abbonniert. Meine Musiklust war unstillbar.

Leave a comment

XHTML allowed tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Mit dem Absenden akzeptiere ich die Übermittlung und Speicherung der Angaben, wie unter Datenschutz erläutert.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz