Manafonistas

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Prolog: Innenstadt von St. Paul/Minnesota, 1976

 

Ein 22-jähriger Mann mit einem roten Pferdeschwanz schlurft an einem lausig kalten Dezembernachmittag ziellos einen vereisten Bürgersteig entlang.  Er hat einen Aushilfsjob beim Sender Minnesota Public Radio, und anstatt seine Mittagspause im trostlosen MPR-Speisesaal zu verbringen, beschließt er, die winterlichen Straßen von St. Paul zu durchstreifen. Als er an einem Plattenladen vorbeikommt, fällt ihm etwas im Schaufenster ins Auge. Er zögert, die Hände tief in seine Taschen vergraben, dreht sich um, geht zurück und betritt das Geschäft.

„Wenn die Musik so klingt wie das Cover aussieht …“, sagte ich zögernd, als ich Terje Rypdals „After The Rain“ im Three Acre Woods-Plattenladen in der Innenstadt von St.Paul kaufte. „Das tut sie“, antwortete der mürrische Plattenverkäufer.

 

Und dann: 

 

Er hatte recht. So begann mein Leben als ECM-Fan. Fünf Jahre später fand ich mich in Oslo/Norwegen wieder. In den Pausen zwischen den Aufnahmen für „Northern Songs“ saß ich Manfred Eicher, dem Gründer des Labels, gegenüber und aß ein Ziegenkäse-Sandwich. Ich wollte etwas über die Geschichten hinter dem ECM-Katalog erfahren. Ich überschüttete ihn mit Fragen. Warum gab es zwei verschiedene Backcover zu Bill Connors‚ erstem Album? „Das ist dir  aufgefallen?“, sagte Manfred ungläubig. (Ich hatte bereits ein Exemplar des Albums verschlissen und zwei weitere verschenkt). Ich fragte ihn nach der Talent-Studio-Aufnahme von Egberto Gismontis erstem Album „Dança Das Cabeças“. Manfred sagte: „Kaum dass Naná und Egberto aus dem Flugzeug gestiegen waren, sagten sie:’Hier in Oslo ist es zu kalt, um zu spielen, zu kalt, zu viel Schnee!’ Manfred rieb seine Hände aneinander. „Zu kalt! Aber am nächsten Tag gingen wir ins Studio und begannen mit den Aufnahmen. Wir haben das Album in drei Tagen aufgenommen und gemischt.“

Auf meinen Reisen habe ich überall fanatische Anhänger des Labels getroffen. 1983 wollte ein Manager von Warner unsere Kaffeerechnung begleichen, warf einen Blick auf den Bon und sagte „Red Lanta“. Ich entgegnete: „Wie bitte?“ Er antwortete: „Die Rechnung beträgt 10,38 Dollar. Das ist die Katalognummer von Art Landes ‘Red Lanta’. ECM 1038. Kennst du das Album?“ Fans des Labels haben es sich zur Aufgabe gemacht, andere Fans auf im Katalog versteckte Juwelen aufmerksam zu machen. 1986 gab ich Leo Kottke eine Kopie von Ralph Towners „Solo Concert“. Und 1987 überreichte ich Manfred Eicher eine Kopie von Leo Kottkes Album „Guitar Music“.

Das Label und die Leute, die dort arbeiten, haben meine Ästethik auf vielerlei Weise geformt: hohe Produktionswerte, detailreiche Aufnahmen und ein von Intelligenz und Würde geprägtes Marketing-Bewusstsein. Natürlich kann man nicht über die Ästhetik des Labels reden, ohne über Manfred Eicher zu sprechen. Ich werde mich aber darauf beschränken zu sagen, dass jeder, der in irgendeiner Form mit dem Label gearbeitet hat, diese drei Gedanken nur allzu gut kennt: 1. Manfred wird dieses Ding sehr gut gefallen. 2. Manfred wird dieses Ding nicht gefallen. 3. Warum kümmert es mich, ob dieses Ding Manfred gefällt oder nicht?

So ist mein musikalisches Bewusstsein im Laufe der Jahre langsam von den Künstlern des Labels, seinem Gründer und seinen Mitarbeitern verzerrt worden.

 

 geschrieben von Steve Tibbetts

This entry was posted on Samstag, 8. August 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

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