Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Wally ist Theaterautor, und eines Tages, früh in den Achtziger Jahren, zu der Zeit, als Brian Eno in einem Loft in Manhattan einen Dachgarten anlegt und die Aufnahmen von „On Land“ erste Gestalten annehmen, verabredet sich Wally mit einem alten Freund. Ewig haben sich die beiden nicht gesehen. Sein alter Kumpel Andre hat einiges zu erzählen, von seinen Reisen mit tibetischen Mönchen in die Sahara, einem Reinkarnationsritual, und von den unwirtlichen, einsamen Landschaften im Norden Schottlands. Von letzteren könnte ich auch erzählen, etwa von meinem friedlichen Einbruch in ein Haus an der Steilküste, gegenüber der Orkney-Inseln, und wie ich dort nachts eine alte Platte von Louis Armstrong fand und auflegte. Nun, egal, es machte mir damals grosse Freude, den beiden Freunden zuzuhören, im Kino – Louis Malle hatte den Film „Mein Essen mit André“ 1981 gedreht, und neben „Herzflimmern“ gehörte er damals zu meinen Lieblingsfilmen des Franzosen. In einiger Zeit werde ich hier eine kleine Geschichte erzählen, aus dem „Arbora Verde“, einem italienischen Restaurant in Dortmund. Genau da hatte Borussia Dortmund die erste Meisterschaft mit Jürgen Klopp gefeiert. Meine kleine Geschichte heisst „Mein Essen mit Horst“. Horst ist unser ehemaliger Klassensprecher. Und eigentlich ist er das immer noch. Die Zeit mit Horst und dem Wildschweinragout verging im Fluge, so fesselnd empfand ich die Dinge, über die wir sprachen. Eben nicht die üblichen alten Stories – vieles drehte sich um unseren Klassenlehrer Dr. Egon Werlich, eine hochspannende Figur, die bei jedem meiner Klassenkameraden die unterschiedlichsten Inspirationen, Faszinationen und Ambivalenzen auslöste. Was ich an diesem Abend von „Egon“ erfuhr, war mir neu, und warf ein weiteres interessantes Licht auf all die Eindrücke, die ich über die Jahre von ihm gewann. Mein Problem ist, dass es mit nicht zusteht, diese Erzählungen öffentlich auszubreiten, weshalb „Mein Essen mit Horst“ eine echte Herausforderung sein wird. Aber glauben sie mir eins, wenn an dem Abend unser Gespräch von diversen Kameras gefilmt worden wäre, es wäre ein feines kleines „independant movie“ daraus geworden. Schnitte ohne grossen Schnickschnack, und der Soundtrack aus den circa achtzig Stücken, die Roger und Brian Eno im Laufe von fünfzehn Jahren schufen. So würde den Erinnerungen, die sich auch um einen einen vollgekotzen Rolls Royce, Egon, den Maler, Samuel Becketts „Endspiel“, und ein Mädchen aus dem Bergischen Land drehten, hier und da ein fein verlangsamtes Tempo unterlegt, eine dezente Verdichtung, eine andere Deutungsebene. Aber auch hiervon kann, aus Gründen der Diskretion, kaum etwas in „Mein Essen mit Horst“ einfliessen. Zudem lege ich Horst die Kurzgeschichte vor der Veröffentlichung vor, und lasse ihm alle Rechte zu weiteren Streichungen. Aber jeder dürfte hinterher eine Ahnung davon bekommen, wieso dies ein so besonderer Abend war, und sich an eigene besondere Abende erinnert fühlen, an denen einfach nur geredet und getrunken wurde, und doch noch eine Menge mehr passierte zwischen den Tönen, zwischen Martini Rosso und einem Glas Merlot. Ein anderes, etwas raueres Beispiel für solch ein abendliches Gelage mit Wein und Gesang wäre, aus der Welt der bewegten Bilder, die zweite Folge der letzten Staffel von „Game of Thrones“. Umwerfend gut.

This entry was posted on Sonntag, 23. Februar 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

5 Comments

  1. Martina:

    Diesen Independentfilm würde ich mir ja gern ansehen!

  2. Michael Engelbrecht:

    Mit Louis Malle und Game of Thrones könnte dieser „Film“ nicht mithalten, Martina, es fehlt die Verdichtung, das Erfundene, allein die „schauspielerische“ Leistung wäre ohne Tadel, aber auch nur, weil Zwei sich selbst gespielt haben. Wäre alles akustisch aufgezeichnet worden, könnten Drehbuchschreiber das als Basis nehmen, es dramatisieren, und Profis könnten es in Szene setzen.

    Natürlich, gute Freunde, oder die Jungs aus der Klasse, hätten am Rohstoff den grössten Spass.

    Der Witz ist ja, dass es durchaus die Grundlage für eine Kurzgeschichte oder Novelle oder eine Folge der imaginären Netflix-Serie „Zwei beim Italiener“ wäre (mit stets wechselnden Paarungen, anderen Sitzplätzen, und demselben Restaurant) – nur, was tun, wenn etliche Spannungsmomente, Enthüllungen, Wendungen und Aha-Erlebnisse nicht preisgegeben werden dürfen – wie dann noch etwas daraus machen, das mehr wäre als das dürre Gerippe einer Story!? Die Antwort auf diese drängende Frage: demnächst in diesem Theater.

  3. Olaf:

    Ich würde mir auch ein Ticket kaufen… es gibt doch einen Jim Jarmusch Film, wo die Leute in unterschiedlichen settings bei „coffee & cigarettes“ miteinander plaudern. hab ich gerne gesehen.

  4. Uwe Meilchen:

    Ich auch. Der Tesla-Verstärker ! 💚

  5. Uwe Meilchen:

    Und, als Double Feature, anschließend „Night on Earth“ :)


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