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2019 13 Apr

Bauhausstil

von: Jan Reetze Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  8 Kommentare

„Heute weiß jeder Bescheid. Wohnungen mit viel Glas- und Metallglanz: Bauhausstil. Desgleichen mit Wohnhygiene ohne Wohnstimmung: Bauhausstil. Stahlrohrsesselgerippe: Bauhausstil. Lampe mit vernickeltem Gestell und Mattglasplatte als Schirm: Bauhausstil. Gewürfelte Tapeten: Bauhausstil. Kein Bild an der Wand: Bauhausstil. Bild an der Wand, aber was soll es bedeuten: Bauhausstil. Drucksache mit fetten Balken und Grotesklettern: Bauhausstil, alles kleingeschrieben: bauhausstil. ALLES GROSSGESPROCHEN: BAUHAUSSTIL.“

Ernst Kállai (ungarischer Kunstkritiker): „Zehn Jahre Bauhaus“, 21.1.1930

 

Ich mag’s trotzdem.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 13. April 2019 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

8 Kommentare

  1. Lajla:

    Wie langweilt mich die Emil Nolde Diskussion.
    Die Bauhaus Debatte dagegen ist interessant, weil nun endlich mal die Frauen des Bauhaus ihren verdienten Platz in der Kunst finden.Eine Schande für die Bauhäusler, die sich doch für besonders emanzipiert im Denken hielten.

  2. Lajla:

    Es geht um die Diskussion: Soll man das Werk eines Künstlers unabhängig von dem Menschen betrachten?

  3. Rosato:


    Soll man das Werk eines Künstlers unabhängig von dem Menschen betrachten?

    Schwierige Frage

    Soll man auf manchen Autobahnen lieber nicht fahren?

  4. Jan Reetze:

    Das Bauhaus habe ich immer als eine große Spielwiese verstanden, auf der versucht wurde, mit bestimmten Grundformen und industriell verarbeitbaren Materialien zu arbeiten. Dass das schiefgehen kann, wenn man etwa die Formen und Proportionen, die bei einem Teeservice sehr schön aussehen, auf eine Wohnsiedlung überträgt, gehört zum Risiko. Und dass sich dort — wie wohl an allen Kunsthochschulen — neben erstklassigen Künstlern auch durchgeknallte Esoteriker und andere Wirrköpfe herumtrieben, damit muss man wohl leben, wenn man Kreativität freisetzen will.

    Nolde & Co, die schwierige Frage: Ich glaube, es wird heute oft der Fehler gemacht, die Vergangenheit rückblickend durch die Filter späterer Ereignisse zu sehen.

    Nolde — um bei diesem (mir selbst nicht allzu sympathischen) Beispiel zu bleiben — hat sich um 1910 in geistigen Gewässern bewegt, die damals weder als links noch als rechts gesehen wurden, sondern bei vielen Künstlern und Intellektuellen auf großes Interesse stießen. Die haben damals noch nicht vorhersehen können, in welche Katastrophe das 20 Jahre später mündete. Zumal ja Nolde, der später glaubte, mit seiner Weltauffassung bei den Nazis gut aufgehoben zu sein, die für ihn sicher schwer zu verstehende Überraschung erlebte, dass die ihn gar nicht wollten. Ich erinnere auch z.B. an den Dramaturgen Lothar Schreyer (der aus Herwarth Waldens „Sturm“-Kreis kam, der nun bestimmt nicht rechtsgedreht war), der kurzzeitig am Bauhaus gelehrt hatte, schärfstes Avantgarde-Theater machte, dann aber 1933 mit 88 anderen Autoren das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ unterzeichnete, um dann zu erleben, dass ihn die Nazis seiner religiösen Überzeugung wegen ablehnten. Er hat sich dann irgendwie als Lektor durchgeschlagen.

    Das sind so Lebensläufe. Da stehst du daneben und überlegst: Was war mit denen los? Dass wir uns heute fragen, wieso solche Leute nicht gemerkt haben, worauf sie sich mit den Nazis einließen, hat bestimmt auch damit zu tun, dass wir Heutigen uns die Nazizeit immer als ein ausschließlich stockreaktionäres Gebräu aus Kitsch und Blut- und Bodenheimatliebe vorstellen. Das waren sie natürlich *auch*. Tatsächlich aber haben die Nazis damals — ähnlich wie die italienischen Faschisten — auch Kunstrichtungen und -formen aufgegriffen, die damals schärfste Avantgarde waren, haben die dann allerdings in entschärfende Kontexte gestellt. Mir fallen als Beispiel gerade mal die Arbeiten von Walter Ruttmann ein, und was eine Leni Riefenstahl in den 20ern gemacht hatte, war hochmodern und begründete eine Ästhetik, die wir noch heute in der Werbung wiederfinden. Das Problem ist, dass solche Leute, Gründgens, Rühmann, die Comedian Harmonists, und und und, dass die erstklassige Künstler waren, und dass sie irgendwie weiterleben mussten. Denen kann man vorwerfen, dass sie sich haben einkaufen lassen — im Fall Ruttmann aus Naivität, im Fall Riefenstahl und Gründgens aus Blödheit und Karrieregeilheit, wenn man bei Rühmann hinter die Kulissen schaut, dann war das auch ein bisschen komplizierter als es für uns heute oberflächlich aussieht; auch die gebrochenen Lebenswege der Comedian Harmonists zeigen exemplarisch, wie das enden konnte. Und soll man ein Meisterwerk wie „Berlin — Die Sinfonie der Großstadt“ von 1927 heute verurteilen, weil Ruttmann während der Nazizeit „Deutsche Panzer“ gemacht hat? Siegfried Kracauer hat das versucht, mich überzeugt seine Argumentation nicht.

    Peinlich und oft unverständlich ist halt nur, wie diese Leute später mit ihrer Vergangenheit umgegangen sind, aber da versuchten viele natürlich einfach, ihren A…. zu retten. Wenn man sich ernsthaft überlegt, wer halbwegs sauber durchs Dritte Reich gekommen ist, dann fallen mir eh nur Erich Kästner und Hans Albers ein. Und um auf Nolde nochmal zurückzukommen: Da gab es ganz andere Kaliber als ihn. Veit Harlan fällt mir da z.B. ein. Und was mich vor allem überrascht: Wieso sind jetzt alle so überrascht? Noldes Auffassungen waren seit Urzeiten bekannt.

    Das Leben? Kann nur gelebt werden. (Sagt Kästner irgendwo.) Und das sieht dann in der Realität ganz anders aus als in der schönen Theorie. Bitte mal ganz ehrlich überlegen: Wenn, sagen wir mal, mit der nächsten Bundestagswahl die AfD ans Ruder käme, wer würde dann wirklich in den Widerstand gehen? (Was würde das überhaupt konkret bedeuten: Widerstand?) Ich rede nicht von irgendwelchen Sonntagsanarchos. Wer würde Deutschland wirklich verlassen? Am warmen Schreibtisch einer Feuilletonredaktion ist es sehr leicht, den Helden zu spielen, der man dann sein würde.

  5. Lajla Nizinski:

    Ich denke, man kann den Künstler nicht von seiner Gesinnung trennen. Ich kann die Gemälde von Nolde als sehr schöne Bilder betrachten. Auch Arno Breker gefällt mir ausgesprochen gut. Man muss jedoch die politischen Zeiten berücksichtigen, in denen Nolde und Co ausgestellt werden und somit z.B. Verständnis aufbringen für Merkel, die jetzt die Nolde Bilder aus dem Kanzleramt entfernen liess. Helmut Schmidt, ausgewiesener Nolde Bewunderer, hätte das auch heutzutage nicht gemacht.(Die Dikussion um Nolde ist so alt wie die ‚Deutschstunde‘ von Lenz.)
    Jan, mir fällt noch der Schriftsteller Walter Bauer ein, er war einer der aufrechtesten Künstler in der damaligen Zeit.

  6. Rosato:

    ich werde nie mehr musik von johann sebastian bach anhören, bevor er entnazifiziert ist, bevor geklärt ist, dass er seine ehefrauen NICHT vergewaltigt hat
     
    ach was, ich gehe nur noch in den wald zum preiselbeeren suchen
     
    prophylaxe muss sein
     
    ich schaue mir schon lange keine western filme mehr an, filme, unter denen nicht wenige sind, die völkermord verherrlichen
     
    man sieht die bilder, hört die musiken, liest die bücher, man hört und sieht alles, auch wenn man nicht unbedingt alles versteht. man weiß aber nie mit gewissheit alles über einen menschen, einen künstler. erst hoch verehrt – dann kommt die entlarvung
     
    soso, die merkel entfernt nolde aus dem kanzleramt. das kann ich gut verstehen. sie soll sich dann gefälligst entschuldigen für ihre besuche der bayreuther festspiele, für das anhören von musik des antisemiten wagner
     
    ach ja, Jud Süß – film von veit harlan. in den 80er jahren wurde der film in meinem gymnasium der oberstufe gezeigt. dieser film durfte nur unter pädagogischer ‚anleitung‘ vorgeführt werden – damals, heute gilt das sicher immer noch. an die aufklärerische besprechung und diskussion erinnere ich mich nur noch vage. mit sicherheit wurde dringend empfohlen, wachsam zu sein, in der lage zu sein, propaganda als fälschung der (sog.) wahrheit zu durchschauen. woran ich mich gut erinnere, ist mein damaliger diskussionsbeitrag:

    so einfach sei das nicht. wir gehen ins kino, sehen filme, in denen indianer eine bedeutsame rolle spielen. manche filmverführungen verlassen wir mit der überzeugung, indianer seien bösewichter, manche filme verlassen wir mit dem gefühl, im indianer den edlen wilden gesehen zu haben

     
     

    und nun zu michelangelo antonioni, den berühmten regisseur von BLOW UP und ZABRISKIE POINT

    In Rom schrieb er für die Zeitschrift Cinema, eine von Mussolinis Sohn Vittorio herausgegebene, offizielle Filmzeitschrift. In den 40er Jahren erschienen hier auch die oft zitierten Würdigungen faschistischer und antijüdischer Propagandafilme wie Hitlerjunge Quex oder Jud Süß
     
    Jud Süß wurde bei den Filmfestspielen in Venedig am 5. September 1940 uraufgeführt. Die italienischen Kritiken waren überschwänglich, so schrieb der damals 28-jährige Michelangelo Antonioni:
     
    „Wir zögern nicht zu erklären: Wenn dies Propaganda ist, so begrüßen wir Propaganda. Dies ist ein überzeugender, prägnanter, außerordentlich wirkungsvoller Film. […] Es gibt nicht einen einzigen Augenblick, in dem das Tempo des Films nachlässt, auch nicht eine Episode, die sich nicht harmonisch in alle anderen einfügt. Es ist ein Film, der durch völlige Einheit und Ausgeglichenheit charakterisiert ist. […] Die Episode, in der Süss das junge Mädchen vergewaltigt, ist erstaunlich geschickt gemacht.“

    (aus den wikipedia-artikeln „Michelangelo Antonioni“ & „Jud Süß“)

     

  7. Hans-Dieter Klinger:

    JANs COMMENT IST GROSSARTIG

  8. Gregor:

    Hans-Dieter, was du über den Kommentar von Jan geschrieben hast, das sehe ich auch so: GROSSARTIG.

    Aber auch deine wohlüberlegten Kommentare sind nicht weniger großartig.

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