Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2019 12 Apr

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (186)

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | 3 Kommentare

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 3)
 

Wenn man sich näher mit dem Thema `MPS´ beschäftigen möchte, kommt man an einem Buch nicht vorbei: Klaus-Gotthard Fischer: „Jazzin‘ The Black Forest“, The Complete Guide to SABA / MPS – Jazz Records, SABA/MPS – Geschichte eines Jazzlabels (German / English). Hier findet man die MPS-Story mit dem kompletten Verzeichnis aller 700 LPs, inklusive Cover-Abbildungen, sowie zwei ausführlichen Interviews mit Hans Georg Brunner-Schwer und Joachim Ernst Berendt.

 
 
 


 
 

 

Das Buch erschien 1999 zum Preis von DM 99,90, heute ist das Werk leider längst nicht mehr zu haben, nur noch antiquarisch, der Preis liegt zwischen 180,00 Euro und 500,00 Euro. Es gibt Grenzen. Und es gibt Bibliotheken, so habe ich mir das Buch über Fernleihe in einer Stadtbibliothek ausgeliehen. Es hat sich mehr als gelohnt, das Werk ist eine Goldgrube. Klaus-Gotthard Fischer, der mit Ilse Storb 1990 das Buch“ Dave Brubeck. Improvisationen und Kompositionen. Die Idee der kulturellen Wechselbeziehung. Mit einer Diskographie“ herausgegeben hat, leistete hier ganz Arbeit. Fischer ist eben auch ein passionierter Sammler, er verfügt über eine vollständige Sammlung der Jazzplatten von SABA / MPS. Die 78 Seiten genauester diskographischer Daten begeistern den Plattensammler. Genannt werden Datum, Musiker- bzw. Formationsname, Aufnahmeort, Aufnahmelokalität, Toningenieur, beteiligte Musiker mit Instrumentenangabe, Musikstücke, Komponisten, Laufzeit; Titel, Produzent und Jahr der Veröffentlichung der Originalschallplatte; Verfasser der Erläuterungen (Liner Notes) auf der Plattenhülle; Ausgaben, Bestellnummern Originalausgaben bzw. Äquivalentausgaben (In- und Ausland); Compliation- Sampler-Ausgaben und schließlich Bemerkungen zur Aufnahmesitzung und zu den Plattenveröffentlichungen, abweichende Titel von Äquivalentausgaben, Auszeichnungen, Preisverleihungen usw. Hinzu kommen noch das voll-ständige Register aller 700 LPs inklusive Cover-Abbildungen, alphabetische Register der LP / CD Titel, der Musiker und Formationmen. Eine unglaubliche Fundgrube. Ein Beispiel: J.E.Berendt erzählt in einem Interview, das der Autor des Buches mit ihm geführt hat, von einer Aufnahme-session mit Ben Webster und Don Byas: „Der eine ist wohl der größte Tenorsaxophonist, der je bei Duke Ellington gespielt hat, der andere war eng mit Count Basie verbunden – beide von ihren leaders gefeuert, weil sie zu viel tranken. … Wenn ich Don und Ben ihre unbegleiteten Soli spielen höre, kommen mir die Tränen, sie erzählen die ganze Tragödie, den ganzen Schmerz ihres Lebens. Was ich damals über Ben´s Solo schrieb, gilt weiter: `Dieses Solo ist der ganze Ben Webster – es ist in jedem Takt, in jeder Note, in jedem Sound und Atemholen voller Emotion, voller Liebe und Einsamkeit, voller Sehnsucht und Verzweiflung, voll Heimatlosigkeit und Nirgendwohin-Gehören. Ben hatte auf der Fahrt nach Villingen immer wieder gefragt: Where should I Live? In Amerika seien seine Mutter und Großmutter kurz hintereinander gestorben – Everybody is dying now – und er habe niemanden mehr, auch Zuhause in Kansas City nicht; in Europa habe er Paris, Skandinavien, Amsterdam, London ausprobiert. Wohin soll ich noch gehen? All das schwingt in jedem Takt. Der Titel “When Ash Meets Henry“ ist so irreal wie die Musik. Ash ist einer der alten Jazzleute aus dem frühen Kansas City, Henry ist `a great Jazzfan in London´. Die beiden können niemals zusammenkommen – und dieses “Niemals und Nirgendwo“ fühlte Ben, als er sein Solo spielte. Nach der Aufnahme gingen Don und Ben mit Messern aufeinander los. Willi Furth und Hans Georg Brunner-Schwer hatten Angst, als sie die Messer sahen: „Solche Musiker bringen Sie mir aber nicht mehr ins Haus.“ Ich ging rüber ins Studio, drückte auf den Knopf, damit die beiden hören konnten, was sie gerade gespielt hatten. Da sahen sie sich an, umarmten sich und weinten – und dann lachten sie schallend. Ich wußte, daß ihr Zorn keine Wut aufeinander war, sondern auf die Welt, von der sie doch ein Leben lang erfahren haben: Sie ist nicht in Ordnung.“

 
 
 


 
 

 

Natürlich wollte ich die Platte unbedingt hören, als gebrauchte LP oder CD ist sie durchaus noch zu haben und ich möchte sie hier sehr empfehlen, eine wunderbare Platte! Die diskographischen Angaben in dem Buch „Jazzin‘ The Black Forest“ verraten folgendes: Die Aufnahmen fanden am 1.und 2.Februar 1968 im SABA-Tonstudio in Villingen statt, der Toningenieur war Rolf Donner, neben Webster und Byas spielten Tete Montoliu (p), Peter Trunk (b), Al `Tootie´Heath (dr) folgende Titel ein: Blues For Dottie Mae (Byas/Webster), Lullaby to Dottie Mae (Byas/Webster), Sundae (Cann-Miller-Krueger-Styne), Perdido (Duke Ellington- J.Tizol), When Ash Meets Henry (Webster), Caravan (Duke Ellington-J.Tizol). Der Produzent war Joachim Ernst Berendt, die Scheibe erschien 1968 bei SABA-Records, später noch bei MPS, MPS/BASF, PRESTIGE mit den Liner Notes von J.E.Berendt, in den Niederladen mit Erläuterungen von Mike Hennessy. Noch Fragen?

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 12. April 2019 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. Hans-Dieter Klinger:

    Das scheint das Ende der Serie zu sein – oder kommt noch etwas? Ist ein echtes highlight!

    SABA/MPS dürfte das älteste deutsche Jazz-Label sein. Ich habe auch ein paar Scheiben im Plattenschrank, ein paar ganz frühe sind verloren gegangen, Ausleihe?

    Die 60er und 70er Jahre waren so eine Art Gründerzeit. Viele deutsche Jazz-Labels fallen mir nicht ein: ENJA, ECM (ist ja gar kein Jazz-Label, sondern eine Sache für sich), Pirouet (mit großartigen Marc Copland Aufnahmen), Winter&Winter, ACT

  2. Jan Reetze:

    Vielleicht noch der Hinweis auf drei sehr schön kompilierte Sampler: 1999 bzw. 2000 sind veröffentlicht worden zwei CDs namens “Before and Beyond the Black Forest”, eine andere erschien ebenfalls 1999 mit dem Titel “Supercool”. Bei allen drei besteht die akute Gefahr, dass man sich sofort die Originalalben zulegen möchte.

  3. Gregor:

    Nein, Hans-Dieter, das war noch nicht die letzte Folge der MPS-Story, eine kommt noch, aber erst Mitte Mai. Es wird dann um weitere herausragende MPS-Alben gehen, um das SABA-Mobil TK-R-15 und die frühen bespielten SABA-Kassetten, sowie um einen Ausflug ins nahe Villigen gelegene Phonomuseum in St.Georgen.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz