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2018 11 Mai

Die Hutmacherin mit der Gibson

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 3 Kommentare

 


 
 
 

Es ist eher ein singuläres Erlebnis, einer monologisierenden Person geteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Gestern begegnete ich einer Hutmacherin, die ich ausgesprochen unterhaltsam fand. Mir ist nicht klar, ob sie mich wirklich wahrnahm. Ob die Katze je Montaigne’s Streicheleien erfühlte, oder ob es beim „Streichen“ blieb, wissen wir auch nicht. Da ich auch meinerseits nicht auf ihren Vortrag oder ihre Geschichte reagierte, kann auch ich nicht sicher sein.

 

Eigentlich bin ich Musikerin, Gitarrenspielerin, genauer Gibson Playerin. Ich habe seit Jahren eine Les Paul im Keller. Ich kann sie schlecht in meiner Wohnung aushalten, es macht mich traurig, dass ich sie nicht mehr spielen kann. Ich stand jahrelang auf der Bühne. Sie wog immer schwerer, meine Schultern hielten den „Pott“, wie Les Paul selbst sie treffend nannte, immer weniger aus. Das Vollholzbrett drohte mir das Schlüsselbein wie ein Hühnerbein zu zerquetschen. Ich überlegte kurz, mir eine schlankere E Gitarre zu kaufen, eine Fender Strat etwa – nein, einmal Gibson, immer Gibson. Was habe ich mich die Tage aufgeregt, als Gibson Insolvenz anmeldete. Nicht die Information, dass jetzt keine Qualitätsgitarren mehr gebaut würden, das stimmt ja so gar nicht, ärgerte mich, sondern dass in der Presse das ungesunde Wachstum, verursacht durch falsche Investitionen, mit der Qualität der Gitarre verwechselt wurde. Mit Kopfhörern und Lautsprechern und dem ganzen Konsumentenelektronikkram kann doch nicht die Gibson Qualität geopfert werden. Lieber hole ich persönlich die rote Gibson „ES330“ aus dem Sarg von Chuck Berry, als dass ich das zulasse. Schließlich war die „ES-150“ die erste an Strom angeschlossene Gitarre. Schließlich spielt mein Lieblingsmusiker Ray Davies auf einer „SG“. Die Gibson ist nicht tot zu kriegen, die wird immer gebaut werden. Und wenn sie demnächst eine Gibson mit einem schlankeren Griffbrett vorstellen, versuche ich meinen „Pott“ gegen eine leichtgewichtigere einzutauschen. Obwohl die Schulter nicht mehr mitmacht, deswegen bin ich ja Hutmacherin geworden. Sehen Sie mal dieses rote Modell hier vorne, das hat den Sound, den George Harrison aus seiner Gibson gezaubert hat.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 11. Mai 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

3 Kommentare

  1. Jochen:

    „I play my red guitar – it´s the devil in the flesh, it´s the iron in my soul …“, Mr. Sylvian sang on Brilliant Trees. When proudly presenting my new lightweighted Strat to a friend, who always & only played a heavy SG, he wrinkled his nose: seemed to be not his class.

  2. Michael Engelbrecht:

    Time for guitar stories!

    In a few days from now, we will literally be drawn into the sound of an ancient Martin acoustic 12-string, played by Mr. Steve Tibbetts!

  3. Lorenz:

    Da könnte ich noch da Buch Vintage von Grégoire Hervier empfehlen. Sicher keine Weltliteratur, aber spannend und auch interessant. Obwohl ich einige Gitarrenmodelle kenne, habe ich die Modelle, um die es im Buch geht, unbedingt nachrecherchieren wollen. Das Lesen hat großen Spaß und mich neugierig gemacht.

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