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2017 16 Feb

Naura

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  7 Kommentare

Sie waren alte Gefährten, Michael Naura am Klavier, und Peter Rühmkorf,  der an den Wörtern schmiedete. Naura hörte ich erstmals, und sehr oft, als Teenager, auf den Nordseeinseln, auf Langeoog (wo ich ein Buch von Rühmkorf erstand in der Buchhandlung Krebs, „Haltbar bis Ende 1999“), auf Borkum, auf Wangerogge, wo die grossen Ferien dann grosse Jazztage waren. Später, in den Neunziger Jahren, fuhr ich regelmässig mit dicken Tonbändern zur Rothenbaumchaussee, er liess mir freie Hand, vertraute meinen Themen fürs Jazzlaboratorium: beim Spätwerk von Talk Talk fragte er dann doch mal nach, aber als ich ihm versicherte, Ellington und Coltrane, Davis und Evans hätten ihre Auftritte da, war er beruhigt. Konrad Heidkamp lief in den Hallen umher und suchte Rares von Nina Simone. Einmal schickte mich die Jazzredaktion, in der immer auch die wohltuenden Wesen Tobias Hartmann und Hannelore Raukuttis ihr Werk verrichteten, eine Woche in den strömenden Londoner Regen, um die Experimentierstuben der Metropole aufzusuchen, ich traf Max Eastley, David Toop und andere, ich hörte Free Jazz im Polar Bear Club. Zu selten hörte ich spät abends Nauras bärbeissige Tiraden am Mikrofon, wenn er nachharkte, und desillusionierte, wo sich falscher Zauber ausbreitete. Wenn er sich begeisterte, war er in seinem Element. Ein bisschen NDR konnte ich immer mit nach Dortmund nehmen, und mir rare Jazzschallplatten aus dem Archiv leihen. Naura habe ich viel zu verdanken, als 1990 etliche Türen für mich aufgingen, unter anderem das Jazzmekka meiner Jugendzeit. Im Deutschlandfunk schlummert irgendwo mein 45-Minuten-Portrait. Onkel Pö kommt da nur am Rande vor, die Reisen mit alten Weggefährten durch das Ende der DDR schon mehr. Ich liess ihn einfach erzählen. Als er sich zurückzog, Ende 99, waren  die grossen Jazzzeiten im hohen Norden Geschichte, Jazzbeamte übernahmen das Zepter. Die alte Bundesrepublik ging permanent zuende. Naura, ein kauziges Original, nie aufs Maul gefallen – seine „blue notes“ und Blockakkorde trieben Rühmkorfs Texte an, während Wolfgang Schlüter dem Vibraphon reines Schweben entlockte und Eberhard Weber luftigste Erdungen besorgte – zwei gute, weitgehend vergriffene ECM-Platten dokumentieren Jazz & Lyrik in bewegten Hamburger Zeiten.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 16. Februar 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

7 Kommentare

  1. Hans-Dieter Klinger:

    Michael Naura, Plädoyer für einen Pianisten

    aus meinem Tonbänder-Archiv
    ich weiß nicht, ob Michael Naura selbst spricht
    (gesendet am 23. Okt. 1982 – NDR)
     

  2. Michael Engelbrecht:

    Er ist es …

  3. Gregor:

    Ich dachte deine Sendungen liefen unter dem Namen Jazzlaboratorium, an Klanglaboratorium kann ich mich jetzt nicht erinnern. Seis drum, die Sendungen wurden stets mit einem Vorwort von Michael Naura eingeleitet und dann startete der Gastbeitrag. Eines der Vorworte befasste sich mit Weltmusik. Das war so umwerfend gut, ich muss das finden und dann hier daraus zitieren, das ist immer noch aktuell

  4. Michael Engelbrecht:

    Genau, Jazzlaboratorium…

  5. Jan Reetze:

    Irgendwann, wohl um 1986 herum, habe ich mal mit ihm telefoniert. Ich weiß heute nicht mehr, was ich von ihm wissen wollte, es ging da irgendwie um meine Diplomarbeit. Er konnte wohl die Themenstellung nicht nachvollziehen (es ging da um Studiotechnik und Synthesizer und ihren Einsatz im Jazz), und es kostete mich mindestens eine Viertelstunde, bis ihm klar wurde, dass er dazu doch etwas zu sagen hatte — und dass er vor allem wusste, wen ich mal ansprechen sollte. Die Kontakte hat er dann hergestellt.

    Hoch in Ehren gehalten bei mir bis heute seine mit Wolfgang Schlüter eingespielte LP „Country Children“. Und ein Mitschnitt einer NDR-Sonntakte-Sendung vom April 1987 namens „Lass leuchten!“ mit Schlüter und Rühmkorf, damals auf Cassette mitgeschnitten und glücklicherweise irgendwann noch auf MP3 umformatiert, bevor die Cassette den Geist aufgab.

  6. Michael Engelbrecht:

    Eintrag vom 23. Juni 2015:

    Ich fuhr mit einem Studienkumpel nach Hamburg, die Siebziger Jahre zeigten sich von ihrer besten Seite, ECM veröffentlichte reihenweise Meilensteine, und als wir die Landesgrenze zu Schleswig-Holstein hinter uns hatten, hörte ich das beste Jazzprogramm, das es in der alten Bundesrepublik je gab. Michael Naura hatte Narrenfreiheit, holte alle möglichen Stars zum NDR, der Jazz boomte, ich war verliebt in Katrin E., und hatte vor, ihr Herz und ihren Körper zu erobern. Immerhin hatte ich die Einladung ins elterliche Herrenhaus “An der Glinder Au” in der Tasche.

    Ich war noch ein Teenager, und hatte Katrin auf einer Nordseeinsel kennengelernt, wir spielten in den Dünen, verschlangen ganze Backbleche Pflaumenkuchen, ohne ein Pfund anzusetzen, und jeden Tag hörte ich grandiose Jazzmusik im NDR: der junge Jan Garbarek, Art Lande, Chris Hinze, Gary Burton, Bill Connors, Volker Kriegel, Dave Liebman, Chick Corea.

    Und plötzlich, die Tore Hamburgs waren noch ein Stück entfernt, verkündete Michael Naura im Autoradio, dass der “Meister” just an diesem vorweihnachtlichen Abend im Congresszentrum der Hansestadt auftrete. Solo. Ahh! Als ich dann in 2 Hamburg 74 oder 14 eintraf, der Nachmittagstee aufgetischt wurde, machte ich den Vorschlag, die ganze Bande, Katrin, ihr Bruder, die Clique, solle heute Abend aufbrechen, um den Magier am Klavier zu erleben. Die Reaktion war reserviert. Hanseatisch unterkühlt. Stattdessen nahm das Grauen seinen Lauf.

    Ich war damals noch etwas schüchtern, sonst wäre mir das nicht passiert. Mit der angehimmelten Katrin und den anderen trottete ich in eine Old Jazz-Kneipe namens Rempter oder so, wo doofer Stimmungsdixie gespielt wurde, und sich eine biergetränkte Fröhlichkeit breitmachte. Die Nacht durfte ich im Zimmer des Bruders verbringen, der den Aufpasser spielte. Am nächsten Morgen, mit dem Katrin- und Jarrett-Blues in den Knochen, stellte ich mich noch überaus ungeschickt an beim Köpfen des Frühstückseis.

    In dieser Story war die Vorfreude alles: wie ich in meiner Studentenbude, Wochen lang, Gato Barbieri hörte, das erste Kapitel seiner grandiosen Latin-Jazz-Platten (auf Impulse), „Fort Yawuh“ vom Keith Jarrett Quartet. Umd seine Solosscheiben, “Facing You”, immer wieder „The Köln Concert“ und „Bremen-Lausanne“. Ich träumte von Katrin, und wie immer, wenn das Verliebtsein sich in mir ausbreitete, fuhr mir wiederholt ein Schmerz in die Fingerknöchel, ein Stechen, ein Ziehen.

    Ein paar Jahre später war ich nicht mehr schüchtern. Gut so. Und in den Neunziger Jahren arbeitete ich zehn Jahre mit dem grossartigen Jazz-Macho Michael Naura zusammen. Manchmal spielte er in seinem Büro Evergreens auf dem Klavier, und, als er einmal einen Jarrett-Akkord erwischte, fiel mir kurz jener Abend ein, in weihnachtlich geschmückten Einkaufsstrassen – und die unerträglichste Dixieland-Kapelle aller Zeiten! Michael Naura ist heute 80, Keith Jarrett 70.

  7. Jens Müller:

    Für alle Naura-Interessierten: 2009 erschien zum 75. Geburtstag eine „Naura Box“, „Fortissimo – Eine Deutsche Jazzologie“. 6 CDs mit dem lyrischen Naura, dem musikologischen Naura und viel Musik. Mit etwas Glück bekommt man sie noch.


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