Manafonistas

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2015 1 Feb

Last night the moon came dropping its clothes in the street

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | Tags:  11 Comments

Normalerweise bin ich nicht manipulierbar. Aber bei dieser Schallplatte habe ich auf die Einlösung des Versprechens von Titel und Cover gehofft. Als hätte jemand eine Szenerie mit einer alten Fotokamera bewusst verschwommen aufgenommen. Oder: Als sei das Bild auf dem PC noch nicht ganz geladen. Eine nächtliche Szenerie, ein schroffer Felsen, ein Fluss, aber die Nähe einer großen Stadt ist spürbar: ein metallener Zaun, wie man ihn am Rande von Straßen oder Zugstrecken findet. Eine rätselhafte gestreifte Markise. Was ist das überhaupt für eine Art von Ufer, oder Strand? Es ist gut, dass das Bild keinerlei Romantik aufweist. Und doch: Die Stimmung auf den beiden Schallplatten entspricht genau dem Bild und der Vorstellung, wie der Mond seine Kleidung langsam, sehr langsam Stück für Stück ablegt, bis er am Ende, gar nicht verschämt, in seinem Versteck in Nacktheit leuchtet. Nur für sich.

 
 
 


 
 
 
Es ist vielleicht ungefähr ein Jahr her, oder etwas länger, als Michael in der Sendung Jazz Live Jon Hassells City: Works Of Fiction vorstellte. Ich hatte mich darauf gefreut, durch die Sendung einen Zugang zu diesem Werk zu bekommen, aber damals gelang es mir nicht. Stattdessen war ich vollkommen hingerissen von Nils Petter Molvaers Khmer (was den anderen Teil der Sendung ausmachte) und ich habe diese Platte gekauft und sehr oft gehört. Der Zugang zu Jon Hassell gelang mir erst ein paar Monate später. Ich weiß nicht warum. Es muss die richtige innere und äußere Zeit sein. Seltener sind es Hintergrundinformationen. Manchmal muss man ein Werk auch vollständig hören, um sich einlassen zu können. Wenn es eine längere Jazzarbeit ist, meistens sogar. Und dann stellst du fest, wie du dich als Mensch verwandelt hast. Das ist das schönste daran.

Man kann das nicht erzwingen. A, ein Leser dieses Blogs, schrieb mir, er wisse, Jon Hassell sei wichtig, aber er bekäme den Zugang einfach nicht. Obwohl es eine Verbindung zwischen Hassell und A gibt: Das von beiden Künstlern hochgeschätzte Buch von Italo Calvino Die unsichtbaren Städte. Quäl dich nicht, schrieb ich A, es gibt keine must-hear-music. Lass dir Zeit.

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11 Comments

  1. Ulrich Kriest:

    Ich habe mir wider besseres Wissen, wider Albumtitel und Musik immer gedacht, dass das Foto einen Strand in Lampedusa, Gibraltar oder auf den Kanaren zeigt. Festung Europa.

  2. Ulrich Kriest:

    Gibt es keine must-hear-music? Gute Frage! Glaubt man den Feuilletons der letzten Tage, sollte man zumindest Dylan oder Deichkind zur Kenntnis nehmen, um mitreden zu können. Da ich zu Dylan nie mehr als ein (simuliertes) professionelles Verhältnis hatte (wenn man erst mit „Hurricane“ einsteigt, ist man wohl zu jung, um wirklich noch beeindruckt zu sein), greife ich spontan zu Deichkind.

  3. Jan Reetze:

    Das mit dem „Zeit lassen“ ist sicher ein guter Rat. Ich habe lange gebraucht, um mit Jon Hassell warm zu werden, und letztlich brauchte es dazu ein Live-Konzert. Auf „The Surgeon Of The Nightsky …“ ist ein Ausschnitt daraus zu hören. Es war leise, kein einziger lauter Klang, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, wie trotzdem nach einer Weile das Dach der „Fabrik“ abzuheben begann. Doch, Hassell kann das.

  4. Michael Engelbrecht:

    Schöne Geschichte, Jan! Bei mir war es ja LiebeAufDenErstenTon.

    MustHear, ogottogott. Wie Ulrich zu Bob D., habe ich ein professionelles Verhältnis zu Pete Seeger. (Grosse Achtung, aber keinen inneren Kontakt zur Musik.)

    Deswegen mag ich auch Easy Eds Texte so gerne in No Depression. Americana-Spezialist mit Herz, viel Musikkenntnis und guten Stories. Lajla würde ihn als Manafonista lieben:) – und mich lockt er öfter in alte ferne Zeiten damit. So habe ich gerade eine Platte der Tim Russell Band durch Easy Ed entdeckt, und: wow! Witzigerweise wurde besagte Countryplatte in Norwegen aufgenommen.

  5. Martina Weber:

    Ist Hassells Platte ein politisches Album?

  6. Ulrich Kriest:

    Ich war von Hassells Musik bei der ersten Begegnung („Possible Musics“) unmittelbar fasziniert, habe ihn danach immer mehr oder weniger intensiv im Blick gehabt. Was auch heißt: ein paar Jahre gar nicht auf dem Radar gehabt. Dann 2006 ein geradezu umwerfendes Konzert in Mannheim mit subsonischen Dub-Bässen. Unterwasser-Musik! Zur oben angeführten ECM-Platte dann ein langes Telefonat und anschließend einige Mails von Hassell mit hilfreichem Material. Dann, unvergessen, ein erwartbar schlecht besuchtes OpenAir-Konzert beim Würzburger Hafensommer, in dessen Verlauf es sachte zu regnen begann, was niemanden störte, weil die Musik buchstäblich in den Bann schlug. Nichts gegen Molvaer, den ich auch sehr gerne höre, aber Hassell ist eine andere Liga. Auch, nun ja, intellektuell.

  7. Ulrich Kriest:

    @ Martina: Wohl eher nicht, wenn man darunter etwas Explizites versteht. Aber das Konzept der Fourth World Music lebt von Kommunikation, Offenheit und kreativem Austausch, nicht von Segregation und Ausschluss.

  8. Martina Weber:

    Ich verstehe den Begriff des Politischen sehr weit, Ulrich. Ich habe das Thema angesprochen, weil der Begriff der „Festung Europa“ fiel.

    Ich finde John Hassell auch außergewöhnlich fein, klug und sehr poetisch. Sicherlich auch intellektueller als Molvaer, dessen Arbeit ich auch sehr sehr schätze. Das hängt aber sicherlich auch mit dem Lebensalter zusammen. Das Älterwerden hat ja auch ein paar Vorteile.

    Die „Possible Music“ habe ich in den vergangenen Wochen auch sehr oft gehört. Wobei hier der Einfluss von Brian Eno schon spürbar ist, es ist ja auch ein Gemeinschaftswerk. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Zusammenarbeit von Eno und Hassell für beide Künstler auch ihre Nachteile hat. Das Hassell-Stammpublikum liefe davon, weil Eno etwas mehr Mainstream ist.

    Die „Dream Theorie in Malaya“ höre ich auch gern. „City Works of Fiction“ habe ich auch. Beide auf Vinyl. Was einfach ein anderes Hörgefühl ist. Neulich habe ich zwei Leute dazu bewegen können, sich – wieder – Plattenspieler zu kaufen. Nur weil ich sagte, es sei einfach ein anderes Gefühl, eine Schallplatte aufzulegen. Vielleicht sollte ich als freie Mitarbeiterin bei Saturn anheuern ;-)

    Könnt ihr sonst noch etwas von Hassell empfehlen, was hier noch nicht genannt wurde?

  9. ijb:

    Meine Empfehlung: Mein Einstieg in Hassells Reich war vor vielen Jahren sein erstes ECM-Album „Power Spot“, auf das ich in einer Bücherei stieß und kopierte, bevor ich es Jahre später erst tatsächlich kaufte. Allerdings später wiederum einem befreundeten, norwegischen Jazztrompeter schenkte (zusammen mit „Last Night…“), da jener Hassell interessanterweise nur vom Hörensagen kannte. Also musste ich ihn doch von dieser Bildungslücke befreien. ;-)

    Bei „Power Spot“ haben auch Eno und Lanois mitgewirkt, und ich fand es immer ein äußerst kraftvolles und bewegendes Album, wohl wegen der starken Kombination aus afrikanischer Percussion und schwebender Grundstimmung. Damit ein vielleicht einfacherer Zugang als die vorhergehenden oder folgenden Platten. Aber Mainstream? Nein, sicher nicht.

  10. Michael Engelbrecht:

    Die Leute, die wg. Eno davon davon gelaufen sind, sind Vollpfosten. Beleidigung intended.

    Molvaers 1:1 ist kontroverser aufgenommen worden, seine Zusammenarbeit mit M.v. Oswald. Mich hat es mit seiner vermeintlichen Einfachheit komplett in Bann gezogen.

    Power Spot hat Eno produziert, mit Lanois, und es ist und bleibt ein Meisterwerk. Vielleicht sind da wieder einige davon gelaufen:)

  11. Martina Weber:

    Bei der Gelegenheit darf ich dezent daran erinnern, dass Molvaers 1/1 (auch „Transition“ genannt) meine Platte des Jahres 2014 ist, auch wenn sie schon ein paar Monate früher erschienen ist :)

    @ iJb: Vielen Dank. Die Geschichte gefällt mir, sich erst eine Kopie eines Exemplares aus der Stadtbücherei zu machen, und dann das Original doch zu kaufen. Das passiert bei mir auch immer mal wieder. Ich werde mir jetzt auch „Power spot“ bestellen.

    Noch nicht erwähnt haben wir „Maarifa Street“ von Hassell. Auch wieder: Schon sprachlich ein unglaublich guter Titel.


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