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on life, music etc beyond mainstream

2014 23 Nov

Nie mehr nach Chicago?

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 25 Kommentare

Ich wäre eine schlechte Zeugin gewesen, hätte ihn kaum beschreiben können, Erinnerung fast nur an einen Schatten, keine unangenehme Erscheinung, wie er zurück zum Haus sich bewegte, die durchsichtige Plastikbox am Wegrand zurückließ, mit der Aufschrift „Können Sie gerne mitnehmen“ oder so ähnlich. New York, Tokio, Dublin, Weekend Breaks from London, Chicago, Südamerika, ein Kasten voller Traumorte, und war ich nicht gerade in einem Roman durch so viele Orte und Zeiten gereist, dass ich die Orientierung verlor? Paris und die 70er Jahre, und das Erinnerungshotel. Zeitkapseln, der blaue Kalender, Los Angeles, immer wieder zugebundene Augen. Als könnte irgend etwas einen Trost spenden. Es waren mindestens 60 oder sogar 70 Bücher, alles Reiseführer, alle neu, in dieser durchsichtigen Plastikbox am Rand der Straße. Ich fuhr mit meinem Rad ins unbeleuchtete Gelände, am Wasser entlang, Robert Fripp auf dem iPod. This is my house. Als ich wieder an die Stelle gelangte, war die Box schon lang nicht mehr da.

 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 23. November 2014 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

25 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

     
    Hamid Drake: „In the end I was lying on the floor, Michael, listening to your words – it was like in the old radio times. I only didn’t get this one point, something with Chicago.“

    Michael: „Well, that was a quote from the film Locke: „Fuck Chicago!“

    Hamid (laughs)

    Michael: „Why ya’re laughing?“

    Hamid: „Well, I’m living in Chicago …“ (laughs again)
     
    From: punktfestival.no / 2014 / seminars

  2. Lajla Nizinski:

    Ich stand am Fenster hinter dem Vorhang. Ich wusste, die Frau wuerde zurueckkommen. Ich sah, wie sie von ihrem Fahrrad stieg und an der Bordkante entlang etwas suchte. Ich hatte die Box wieder reingenommen. Aus den Reisefuehrern hatte ich einen grossen Kreis gelegt. Ich drehte eine Flasche, um herauszufinden, wohin meine naechste Reise gehen wuerde. Bei Stillstand war es eindeutig: SYLT.

  3. Martina Weber:

    Bewegte sich nicht eben die Gardine? Sie hatte den Band über Südafrika auf den Gepäckträger des Fahrrades eingespannt und den über New York. Raus aus Europa. DIN A 4 in den Körpern und Köpfen. Tokio auch, ja, aber nicht, weil sie dorthin reisen wollte, sondern weil ihr vielleicht ein paar Bilder gefielen, oder auch nur ein paar Wörter. Sie würde das Buch dann in den öffentlichen Bücherschrank in der Leipziger Straße stellen. Die Enge der U-Bahn in Tokio. Disziplinierte unnahbare Menschen mit bewegungslosen Gesichtern. Und das Gekicher. Vorurteile? War der Mann, der die Box abgestellt hatte, wirklich ein Mann gewesen? Und warum hatte er oder sie all diese Bücher aussortiert? War sie Lektorin bei einem Verlag? War sie jemand, die anderen einfach mal so eine Freude machen wollte? War sie Psychologin und sie, die Radfahrerin, längst Teil eines wissenschaftlichen Experiments? Und warum hatte sie den Reiseführer über Sylt nicht mitgenommen?

  4. Lajla Nizinski:

    Ich ging hinunter auf die Strasse und positionierte den Reisefuehrer aus Daenemark so, dass sie ihn ueberfahren wuerde. Sie wuerde vermutlich absteigen muessen und das Buch mitnehmen. Ich hatte aus Seite 34 listcalling 017236421 gekritzelt.

  5. Martina Weber:

    Sie war schon in Richtung nach Hause geradelt, beschloss aber umzukehren. Sie wusste nicht warum. Sie wollte einfach noch einmal an der Stelle stehen, an der die Box gewesen war. Fast wäre sie vom Rad gefallen. Da lag ja schon wieder ein Buch. Diesmal Dänemark. Sie stieg ab. Eigentlich hatte sie Dänemark abgehakt. War das Buch auch in der Box gewesen? Sie erinnerte sich nicht. Ob jemand das Buch aus der Box genommen und es später wieder hierhergelegt hatte? Sie hob das Buch auf und blätterte darin herum. Auf Seite 34 entdeckte sie als einzige handschriftliche Notiz eine Nummer.

  6. Michael Engelbrecht:

    „It feels like New York, luminous with dark rain.
    Young girls smoking skinny cigarettes looking cool to
    speed up the goodbye.“ (Karl’s Diary, Nov. 25th)

  7. Lajla nizinski:

    Hello stranger. Did you come along to blow up the story?
    fragte ich mich auf die Straße blickend. Da stand er und trompetete into the blue. Ich drehte meine Anlage voll auf Dröhnen, dachte kurz an die Frau:“Won t you please come to Chicago for a ride.“

  8. Martina Weber:

    Während sie noch darüber nachdachte, ob sie das Buch mitnehmen oder sich die Nummer merken sollte, denn zu schreiben hatte sie nichts dabei, fiel ihr an der Bushaltestelle ein stranger Typ auf, der eine Zigarette rauchte. Er trug eine Sporttasche. Wahrscheinlich einer dieser Fitnessfactoryleute, die nicht wussten, dass es ein paar hundert Meter weiter, im freien Gelände, ein kostenloses Outdoor-Fitnessstudio gab. Plötzlich war laute Musik zu hören, offensichtlichaus dem Fenster, dessen Gardine sich bewegt hatte. Der Mann an der Bushaltestelle schien den Song zu kennen. Er lächelte. Als erinnerte er sich an etwas. Sie kannte diese Musik nicht, fand sie aber ganz gut. Sie überlegte, ob sie ihr Handy eingesteckt hatte. Sie würde jetzt einfach diese Nummer wählen.

  9. Lajla Nizinski:

    Guten Tag, Sie sind mit der Firma Gosch verbunden.
    Druecken Sie die eins, wenn Sie einen Befehl bestellen wollen.
    Druecken Sie die zwei, wenn Sie ein Date mit einem unserer Mitarbeiter haben moechten.
    Ihr Gespraech wird aufgezeichnet, abgehoert und kontrolliert.

  10. Martina Weber:

    Sie drückte die zwei. Unerschrocken.

  11. Lajla nizinski:

    Hi Lara, I am Butty. You crossed the sea to find me. Brave! Sorry, I had to decode your Din à4 brainfolio. You dig Chicago. I will lead you there. The aftermath is our hour.
    Bring some good spirit and bodycare along with you. You will need it when we enter the Sperrzone.
    Klick.

  12. Martina Weber:

    She couldn´t believe it. She gave her bike to the man at the busstop, with a wonderful smile, bought a new toothbrush and a notebook and entered the Sperrzone.

  13. Lajla Nizinski:

    Ich beobachtete sie auf meinem Monitor. Es war ganz klar, sie war nicht zum ersten Mal in der Sperrzone. Da, was machte sie da? Sie hob etwas auf. Ich konnte nicht erkennen, was es war.

  14. Martina Weber:

    Auf einmal war alles leicht. Sie fragte sich, was sich in einem früheren Leben je bedrückt hatte. Als ob sie schon einmal hier gewesen wäre. Zwischen all diesen Industrieruinen und den abgestorbenen Bäumen. Was hatte sich eigentlich verändert? Vielleicht war es das DIN A 4, das Butty decodiert hatte. Wo war Butty überhaupt? Lag da nicht ein zusammengefaltetes Stück Papier auf dem Asphalt? Eine Nachricht?

  15. Lajla Nizinski:

    Lara, ich bewundere dich wie tarkowskimaessig du die Sperrzone bewaeltigst. Pelz ist jetzt Mode, ziehe aber bitte diesen Friesennerz aus und schluepfe in einen schwarzen Latex 2.Haut. Im Headshop findest du alles.
    Bin morgen bei dir.

  16. Martina Weber:

    Sie musste erst einmal nachdenken. (Ein Rest von DIN A 4). Also, wenn Butty jetzt schon mit Forderungen anfing, ohne sie, Lara, auch nur nackt gesehen zu haben… Lara nahm ihren Notizblock und schrieb „Warum es die Welt nicht gibt“, sie riss das Papier heraus, faltete es zusammen und legte es auf den Asphalt. Dann holte sie ihren iPod aus der Tasche, drückte auf „cease to matter“, kuschelte sich in ihren Friesennerz und schaute sich in der Sperrzone um.

  17. Lajla nizinski:

    Ich steckte die beiden Tickets in meine Jackeninnentasche und sang freudig erregt den neuen Neil Young song: say hello to Chicago, say hello to Chicago.
    Dann betrat ich die Sperrzone. Ich schaltete meinen Navi an und gab LARA ein. Es zeigte such ein Abbild von trostlosester Landschaft. Neben der Straße standen wie vom Blitz zerrissene Fichten, darunter kauerte bleiches Dornengestrüpp. Eine monotone Stimme sagte:“what are the roots that clutch, what branches grow
    Out of this stony rubbish? Son of man
    You cannot say, or guess, for you Know only
    A heap of broken Images where the Sun beats,
    And the Dead Tree give no shelter.“
    Genervt schaltete ich den Navi aus.
    Wo war Lara? War sie in Gefahr? Ohne mein Sinnfeld wäre sie nicht existent.

  18. Martina Weber:

    Sie legte „The waste land“ wieder weg.
    Sie merkte jetzt erst, dass sie einige Tage nichts gegessen und getrunken hatte. Sie sah sich um. Hinter einer wie von einem Blitz zerrissenen Fichte bewegte sich etwas.
    „Butty?“ rief sie.

  19. Lajla nizinski:

    „Lara?“ Ich spürte, wie sich meine Brust dehnte und der Apeman aus mir rausdrängte:“Aaaaaaauouo ououou.“

  20. Martina Weber:

    Plötzlich war Butty ganz nah. Sie war grandios komplett schwarz angezogen, fake fur um den Hals, blass geschminkt, gnadenlos rotes Haar. In der Hand eins dieser neuen Navimodelle. „And down we went.“ sagte eine monotone Stimme aus dem Gerät heraus.

  21. Lajla Nizinski:

    Lara, mach bitte dieses Geraet aus, sie koennen uns sonst jederzeit orten. By the way, you look wonderful tonite. Gib mir deine Hand. Wir haben genau 2 Stunden Zeit, der Sperrzone zu entkommen. Sie werden sie mit Atomgift verseuchen. Hab keine Angst, denk an Lake Michigan.

  22. Martina Weber:

    Ein Klick. Lara schaltete das Navy aus.
    Und wie orientieren wir uns jetzt, Sweaty?

  23. Lajla Nizinski:

    Ich sah in ihr schoenes blasses Gesicht und dachte an die Falsche Bewegung in Handkes Buch. Ich werde sie nie lieben koennen. Sie vertraut mir nicht.

  24. Martina Weber:

    Lara hatte in einem der Reiseführer gelesen, dass die Sperrzone vieles verändert. Sie verfälscht die Bewegungen. Sie dachte an ein Buch von Handke, in dem es um die fatalen Folgen einer solchen Bewegung ging. Aber sie wusste nicht mehr, um welche Bewegung es sich handelte. Sicherlich nicht um das Ausschalten eines Navys. Lara konnte sich nicht vorstellen, dass Handke mit Navigationsgeräten unterwegs war. Butty schien plötzlich von einem der Sperrzonen-Viren befallen worden zu sein. Ihre Augen wurden fahl, ihre Hände zitterten, sie brach zusammen. „Butty, bitte wach wieder auf.“ rief Lara. Butty lag bewegungslos auf dem Asphalt. Lara versuchte Butty wegzutragen, raus aus der Sperrzone.

  25. Lajla Nizinski:

    Die natriumhaltige Luft wurde wie von einem Schaufelbagger vor sich hergeschoben. Kleine, die Haut aetzende Russteilchen zerschnitten den schwefligen Geruch.Der Himmel stoehnte unter der bedrohlichen Last, die er nicht hergeben wollte.
    Zwei schemenhafte Gestalten wankten durch den sauren Milchwald der Sperrzone.


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