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2014 23 Nov

Das heitere Parallellesen von “Bleeding Edge” (8)

von: Manafonistas Abgelegt unter: Blog | TB | 1 Kommentar

 
bleeding edge
 
 
 

„So! Lester. Who did the deed?“ –
„Ha, ha, trick question, I´m not dead, I´m a refugee from my life.“

Geschafft! Oder besser: Endlich geschafft! Nach dem letzten Brocken stellt sich doch eine gewisse Erleichterung ein. Das Ende ist erstaunlich unspektakulär. Kein Showdown, kein großer Knall (selbst der Vircator-Angriff von Misha und Grisha auf Ices Serverfarm am Lake Heatstink, den Pynchon auf gefühlten 125 Seiten vorbereitet, wird in einem Nebensatz erledigt: „The upstate server? No worries, we switched over to the one in Lapland.“). Pynchon führt einige Handlungsstränge zusammen (bei denen Windust und Ices Frau Tallis zwei zentrale Rollen spielen) und beleuchtet das Internet, das beginnt, unser Leben zu durchdringen. Er lässt Maxines Vater Ernie warnen: „… this magical convenience that now creeps like a smell through the smallest details of our lives, the shopping, the housework, the homework, the taxes, absorbing our energy, eating up our precious time. And there’s no innocence. Anywhere. Never was. It was conceived in sin, the worst possible.“ Und Ernie hat auch gleich noch eine Zukunftsvision parat: „Call it freedom, it´s based on control. Everybody connected together, impossible anybody should get lost, ever again. Take the next step, connect it to these cell phones, you’ve got a total Web of surveillance, inescapable.“ Diese schleichende Durchdringung muss auch Maxine immer wieder feststellen. Sei es bei ihren wiederholten Ausflügen in DeepArcher oder auf ihrem PC, auf dem die Windust-Datei von Geisterhand fortgeschrieben wird. Überwachung und Fremdsteuerung lauern überall. Maxine trifft den virtuellen Eric, der ihr verrät: „We´re being played, Maxi, and the game is fixed, and it won´t end till the Internet – the real one, the dream, the promise – is destroyed.“ Wer aber die Fäden in der Hand hält, wird nicht verraten!

Thomas S.
 

 
Nocturne in New York. Maxine und ihr Pops Ernie führen „in der Hauptstadt der Schlaflosigkeit“ eine „unschuldige Vater-Tochter-Unterhaltung“ vor dem Fernseher, Popcorn in Reichweite, der nächtliche Straßenlärm dringt nach oben. Zunächst geht es – wie so oft in Bleeding Edge – um früher, um die Kindheit der beiden Töchter, u.a. um vergangenen „Fernsehmüll“. Der Dialog geht weiter (Maxine beginnt):

„Vielleicht war das Fernsehen damals tatsächlich eine einzige Gehirnwäsche, aber heutzutage kann das nicht mehr passieren. Das Internet kann keiner kontrollieren.“

„Meinst du das im Ernst? Glaub es, solange du noch kannst, mein Augenstern. Weißt du eigentlich, woher dieses Online-Paradies stammt? Es fing an im Kalten Krieg, als die Denkfabriken voller Genies waren, die Atomkriegsszenarien durchgespielt haben. Mit Aktenköfferchen und Hornbrille, äußerlich der Inbegriff wissenschaftlicher Vernunft, und dabei haben sie jeden Tag darüber nachgedacht, wie die Welt enden könnte. Im Verteidigungsministerium hieß dein Internet damals DARPAnet, und sein ursprünglicher Zweck war, die Funktionsfähigkeit der amerikanischen Kommandostruktur auch nach einem nuklearen Schlagabtausch mit den Sowjets sicherzustellen.“ (…)

„Du hättest es erleben sollen, Kind. Heutzutage denken alle, die Eisenhower-Jahre waren so altmodisch, harmlos und langweilig, aber das hatte seinen Preis – gleich unter der Oberfläche lauerte der reine Terror. Für immer Mitternacht. Man brauchte nur eine Minute nachzudenken, und da war es – man konnte ganz leicht hineinstürzen. Manchen ist das passiert. Manche sind verrückt geworden, andere haben sich sogar umgebracht.“

„Pops.“

„Ja, und das Internet war ihre Erfindung, dieses Zauberding, das wie ein Geruch noch in die letzten Winkel unseres Lebens dringt, das Einkaufen, die Hausarbeit, die Hausaufgaben und die Steuererklärung erledigt, unsere Energie verbraucht und unsere kostbare Zeit frisst. Und darum gibt es da keine Unschuld. Nirgends. Hat es nie gegeben. Das Internet ist aus Sünde geboren, aus der schlimmsten Sünde, die es gibt. Und während es gewachsen ist, hat es nie aufgehört, diesen bitterkalten Todeswunsch für den Planeten im Herzen zu tragen, und glaub bloß nicht, dass sich daran etwas geändert hat.“

Maxine sucht zwischen den halb explodierten Körner nach dem letzten Popcorn.

„Aber du hast uns doch immer eingehämmert, dass die Geschichte nicht stillsteht. Der Kalte Krieg ist vorbei, oder? Das Internet hat sich weiterentwickelt, weg vom militärischen Nutzen, es ist ziviler geworden – heutzutage gibt es Chatrooms, das World Wide Web, man kann online einkaufen. Das Schlimmste, was man darüber sagen kann, ist, dass es vielleicht ein bisschen kommerzialisiert wird. Und sieh dir die Milliarden Menschen an, die Zugang dazu haben, die Möglichkeiten, die Freiheit.“

Ernie beginnt, durch die Kanäle zu surfen, als wäre er verärgert.

„Von mir aus nenn es Freiheit, aber es basiert auf Kontrolle. Alle sind miteinander verbunden, keiner kann mehr verlorengehen, nie mehr. Tu den nächsten Schritt und verbinde das Internet mit diesen Handys, und du hast die totale Überwachung, kein Entkommen. (…) Diese Dinger werden überall sein, alle Trottel werden darum betteln, eins Tragen zu dürfen, die Handschellen der Zukunft. Großartig. Davon träumen die im Pentagon: weltweites Kriegsrecht.“

Olaf W.
 

 
Und wieder geht ´s ab ins DeepArcher, über zehn Seiten werden die Abenteuer, die Maxine erlebt geschildert. Besondes beeindruckend, der Besuch „in der Finsternis der Dritten Welt, in der nur da und dort ein Feuer glimmt. Sie tastet sich durchs Dunkel und stößt auf Öl. Urplötzlich schießt, Schwarz auf Schwarz und basslastig donnernd, eine gewaltige Fontäne empor, aus dem Nichts erscheinen Prospektoren mit Generatoren und Scheinwerfern, deren Strahl die Spitze dieser Säule nicht mal erreicht.“  Wer denkt da nicht an Nigeria, die umweltzerstörende Ölförderung dort …

Aber nun kommt Pynchon zum eigentlichen Thema des Buches, das neben der Gier ja das Internet ist. Zunächst erfahren wir einiges über die Entstehung des `Online Paradieses´. „Es fing an im Kalten Krieg, als die Denkfabriken voller Genies waren, die Atomkriegs-szenarien durchgespielt haben … Im Verteidigungsministerium hieß das Internet damals DARPAnet, und sein ursprünglicher Zweck war, die Funktionsfähigkeit der amerikanischen Kommandostruktur auch nach einem nuklearen Schlagabtausch mit den Sowjets sicherzustellen.“

Pynchon schildert nun, wie das Internet, weg vom militärischen Nutzen, immer ziviler geworden sei. Heute nun dringe das Zauberding bis in die letzten Winkel unseres Lebens, es erledige das Einkaufen, die Hausarbeit, die Hausaufgaben, die Steuererklärung, es verbrauche unsere Energie und fresse unsere kostbare Zeit. Das Internet sei aus Sünde geboren, aus der schlimmsten Sünde, die es gebe, darum existiere  da keine Unschuld. Und während es gewachsen sei, habe es nie aufgehört, diesen bitterkalten Todeswunsch für den Planeten im Herzen zu tragen …

„Von mir aus nenne es Freiheit, aber es basiert auf Kontrolle. Alle sind miteinander verbunden, keiner kann mehr verloren gehen, nie mehr. Tu den nächsten Schritt und verbinde das Internet mit dem Handy, und du hast die totale Überwachung, kein Entkommen.“ „… Bildschirme verwandeln sich in Portale für Websites, wo man lauter Zeug kriegt, nach dem laut Beschluss des Managements alle süchtig werden sollen: Shoppen, Daddeln, Abspritzen, endloses Streamen von Müll …“ “ … Während hashslingrz und all die anderen immer lauter vom `freien Internet´schreien und gleichzeitig immer mehr davon den bösen Buben übergeben … Und sie kriegen uns, denn wir sind allesamt einsam, bedürftig, gekränkt und wild entschlosssen, an jede noch so jämmerliche Imitation von Zugehörigkeit zu glauben, die sie uns andrehen wollen …“

Wer hat das je so geschrieben. Mit fallen da meine Schüler ein, die früher einmal in den Pausen miteinander kommuniziert haben, heute aber mit dem Schlussläuten der Schulstunde, sofort die Smartphones zücken und ihre WhatsApps bedienen. Nein, telefoniert wird nicht mehr, das ist vorbei, es herrscht nun eine gespenstische Ruhe im Klassenzimmer, es ist ruhiger als in der Schulstunde , „denn wir sind allesamt einsam, bedürftig, gekränkt und wild entschlosssen, an jede noch so jämmerliche Imitation von Zugehörigkeit zu glauben, die sie uns andrehen wollen …“

Zwischendurch die Fragen der Kinder S.537f!!!

Der Roman endet, wie er anfängt: Maxine bringt ihre Kinder zur Schule, aber, sie überlegt, ob sie überhaupt mit dem Kinder-in-die-Schule-bringen an der Reihe ist. „Sie hat den Überblick verloren.“

Gregor M.

 

 

So, die 605 Seiten sind geschafft. Das klingt jetzt, als ob es anstrengend gewesen wäre, dieses Buch zu lesen. Das war es streckenweise auch; aber es gab auch entspannt und fließend zu lesende Abschnitte. Da ist sie wieder, diese Ambivalenz, die sich durch die Beiträge der meisten Parallelleser wie auch durch die Feuilletons zieht. Hierzu nächste Woche mehr, denn es soll ja noch eine letzte Textrunde über das Projekt geben. Heute will ich in versöhnlicher Stimmung auf einige mir besonders gelungen erscheinende Szenen hinweisen.

„Weihnachten“ – damit ist es nicht allein – „kommt und geht“. Immerhin gelingt es Maxine, mittels einer „revisionistischen Weihnachtsgeschichte“ über gut und böse nachzudenken, bevor sie zu Deep Archer ins tief unten wabernde Netz hinabsteigt. Dort wird sie zu einer Mischung aus Edward Snowden und Mom-die-nicht-will-dass-die-Kinde-so-viel-am-Computer-sitzen. Die Übergänge zwischen New Yorker Realität und der virtuellen Welt sind fließend. Der Horrortrip durch den mörderischen Untergrund, wo gleich mehrere Höllenhunde versammelt sind, ist auch eine gefährliche Reise durch das eigene (kollektive) Unbewusste.

Eigentlich könnte hier Maxines Psychotherapeut einen großen Auftritt bekommen; aber er trichtert Maxine nur ein paar binsennahe Weisheiten ein („Es ist, wie es ist“). Dass ausgerechnet aus seinem Munde dann aber eine intelligente umfassende politische Kritik kommt, wundert etwas. Ist das sein Job? Die zweite intelligente, noch differenziertere politische Diskussion führt Maxine mit ihrem Vater, dem sie dann auch noch ihr Herz ausschüttet. Die neue Bezogenheit der Romanfiguren untereinander überträgt sich auf den Leser: Nach 600 Seiten ist einem zumindest Maxine ein bisschen näher gekommen.

Den größten Entwicklungsschritt aber machen die beiden Jungs, Otis und Ziggy. Anders als auf den ersten Seiten, wo sie von ihrer Mutter noch zur Schule begleitet werden, bestehen sie nun morgens darauf, den Schulweg selbständig zu bewältigen: „Ab in dein Zimmer, Mom!“

Wolfram G.

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 23. November 2014 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

1 Kommentar

  1. Lajla Nizinski:

    Das war eine tolle Idee und ich habe die „Keepgoer“ bewundert. Ich kam nur, nee nicht bis Eboli, bis S.260:)


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