Manafonistas

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Archives: Oktober 2014

2014 1 Okt.

Die kleinste Bibliothek Lissabons

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„… And a silence sweeps through the grass.“ (Fernando Pessoa)
 

Im Jardim da Estrela befindet sich die kleinste Bibliothek Lissabons, die eher aussieht wie ein Kiosk, in dem Süssigkeiten und Schnapsfläschchen den Besitzer wechseln, über ein abgeblättertes Holzbrett hinweg, begleitet von dem Klingeln eines Kassenautomaten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Mein Gück war es, dass der Verwalter dieses kleinen Universums, Paulho oder Paolo, hervorragendes Englisch sprach. Ich entschuldigte mich für die typische Touristenfrage, aber was für Bücher würde er an diesem stillen Örtchen in Umlauf bringen. – Achtzig Prozent portugiesische Schmöker, sagte er, historische Schinken vor allem, aber auch ein paar Klassiker von Pessoa. Der Rest seien englische Bücher, und vor allem Thriller, vorzugsweise alter Stoff aus England und den USA.

Ich fragte ihn, ob er mir ein Blick auf die Inventarliste erlaube, und bevor er die Bude schloss für eine ausgiebige Siesta, in der die Bücher Rücken an Rücken schwitzen konnten wie in einer alle Hitzerekorde brechenden Sauna, drückte er mir eine englische Bücherliste in die Hand. – Penner kommen hierher, Professoren, Studenten und Engländer, Engländer, Engländer!

Ich staunte nicht schlecht, als ich die Liste las. Colin Woolrich, John Dickson Carr, Dashiel Hammett, Reginald Hill, Michael Collins, Eric Ambler, Patricia Highsmith, Dick Francis, Ruth Rendell, Conan Doyle, solche Kaliber. Dann zeigte er mir kurz sein liebstes Stück, eine englische Taschenbuchausgabe von Wilkie Collins‘ Monddiamanten.

Das Buch sah so zerfleddert aus, als sei es schon durch tausend Hände gegangen, und doch, versicherte er mir, würde keine Seite fehlen. Ein mattes Leuchten ging von dem Grün des Einbandes aus, und obwohl ich es als Jugendlicher mit Freude verschlungen hatte, hatte ich keinen Schimmer mehr von all den darin verhandelten Rätselhaftigkeiten.

2014 1 Okt.

Norbert Bolz – Wer nicht spielt, ist krank

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Ein Buch von Norbert Bolz zu lesen, war stets mit Spass verbunden, seit unsereins in einem Akt der Abkehr von allen halbwissenschaftlichen, esoteriknahen Selbsterfahrungstheorien Mitte der Neunziger Jahre zu einem Umgang mit mehr spielerischen Sprachsstilen fand: Farewell to Psychology – Willkommen in der Philosophie!

Der Autor zählte nämlich auch zu jenen, die einem das Lesen philosophischer Texte schmackhaft machten durch seine sprachwitzige, kontrastreiche, anglophile und reizvoll provokante Art: sie weckte den Appetit auf die reichen Inhalte und Verzweigungen im interdisziplinär-hybriden Feld geisteswissenschaftlicher Geschichte(n) und Fragestellungen.

Eine Möglichkeit, sich Überblick zu schaffen über das Terrain des Lesestoffes: man schlage ein Buch am Ende auf und studiere das Quellenverzeichnis! Illustre Namen und Stichworte wecken die Neugier – auch in Wer nicht spielt, ist krank gibt es diese Appetizer: Wittgenstein, Winnicott, Max Weber werden da genannt. Mit Tolkien, Spielverderber, Luhmann, Löw, Lacan, mit David Fincher und Flipperautomaten geht es fröhlich weiter.

Bevor wir auf den Bolzplatz gehen, sollten wir nun zum Bolz-Buch greifen, um zu erfahren, was es auf sich habe mit der Lust zu Spielen – und warum Fussball, Glücksspiel und Social Games lebenswichtig für uns sind. Auch die Literaturhinweise sind vom Feinsten, im zehnten und letzten Kapitel stellt der Autor einige Standardwerke zum Thema Spiele vor und im Neunten warnt er vor all dem, was wir getrost vergessen können.

Ähnlich wie das Spiel Regeln hat, so hat auch die Lektüre welche – und eine davon lautet: Am Besten fange vorne an zu lesen! Der erste Satz des Vorworts klingt schon gar nicht mehr so krank: „Wer nicht spielt, lebt nicht.“ Erzählt wird im Folgenden vom Homo Ludens, von der kulturbildenden Kraft der Spiele, ihrem entlastenden Charakter, ihrem Reichtum.

Einblicke in die Welt eines dominanten Fussballclubs („Bayern München kann selbst nicht wünschen, jedes Jahr Deutscher Meister zu werden!“) und den Rest der Liga gewährt uns der Medienwissenschaftler Norbert Bolz als waschechter Fussballfan. Seine Thesen zum Sozialstaat sind allerdings diskussionswürdig – enthalten aber einen wahren Kern.

An einer Stelle wird´s besonders spannend: es geht um die Frage, ob es eine goldene Mitte geben kann zwischen der Herrenmoral der Zyniker und der Sklavenmoral der Gutmenschen. Wie sie spielerisch gelöst wird, auch davon berichtet dieses Buch.
 
 
 

 

Lieblingsfarben und Tiere tuen mir so gut. „Element of Crime“ sind seit Jahr und Tag mein Ding: ich mag den schnöseligen Gesang, die aus der Hüfte geschossenen Bilder, und auch die Rückkehr der Mariachi-Trompete kann mich nicht schrecken. Eine Spur Blues, eine Portion deutscher Hillbilly, das ewige Du, das aus dem Tritt kommt, und den alten Mist noch einmal in eine Illusion mit Frühstückseiern verwandelt: „… das sind die Bilder, auf die einer kommt, der nichts mehr versteht.“ Nur Sven Regener kann bei mir durchkommen mit einem Lied, das einen Titel trägt wie „Liebe ist kälter als der Tod“, ohne dass ich an einen jungen derangierten Alain Delon denken muss. Ich rutsche in diese Lieder hinein wie in einen alten, doofen, herrlichen Sommertag 1978, als in der Nähe von Würzburg der frisch gestochene Spargel serviert wurde, und ich von diesen langen braunen Beinen der Fremden gegenüber träumte, die sich ausnahmsweise eine Nacht lang um meinen Kopf spannten, mit einem Soundtrack aus Free Jazz, Spritzen und Goodbye. Abspritzen konnte so endgültig sein, schon damals gab es Tatorte mit dem durchgeknallten Kressin, einen Sonntag mit leeren Autobahnen, und besoffene Zweizeiler, die ins muntere Nichts purzelten. Zuviele Vollhorste treiben sich mit ihren Empfindsamkeiten im deutschen Liedergetümmel um, da lobe ich mir einen Song mit „Dosenravioli“ und einen „Bildschirm mit Goldfisch“. In Delmenhorst war ich nie, doch einmal mit leichtem Gepäck in Heidelberg, und eine Kurzstreckenläuferin aus Amazonien holte mich vom Bahnhof ab. Für diese Art von Sex hätte man in Texas in den Knast kommen können. Ging damals nicht auch  das Buch vom Lachen und Vergessen um? Manchmal leistet sich Sven R. einen „Beziehungskalauer“, aber selbst der wird so sparsam dosiert, dass es ein Schmunzeln naheliegt. Anderen Deutschpöblern zwischen Westhagen und Gröhlum wären da schon sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Und weil man gewisse Nächte nicht austricksen kann, Leerlauf sich schon mal gratis dazugesellt, geht es nicht zuletzt (bei allem Restfeuer, aller Restmagie) um verlorene Zeit ohne grosses Geweihe: „Im Sommer ein Schwimmbad, im Herbst eine Cocktailbar: schade, dass ich das nicht war.“ Oder so ähnlich.

 
 
 

 


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