Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archiv: Oktober 2014

2014 28 Okt

Meine Lieblingsteetasse

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Schon seit einiger Zeit bin ich der Meinung, dass Tee aus Gläsern und nicht aus Schalen oder gar Tassen getrunken werden muss. Das Gefäß beeinflusst nicht nur den Geschmack, sondern das Gefühl drumherum. Natürlich auch die Art der Zubereitung. Es war mein Nebenplan bei der Reise nach Istanbul. Eine Stadt, in der Menschen auf der Straße ein Glas Tee in der Hand halten, als sei das völlig normal. Und so stand ich an einem Vormittag, als Ö noch schlief, frierend in der Küche. Im Reiseführer, den ich nach einer patentierfähigen Drüberschaumethode durchblätterte, hieß es, jeder Reisende würde mit einem Geschenk zurückkehren. Deshalb hatte mir Ö eine dieser Doppelkannen spendiert, die in der Türkei üblich sind; ich hatte mich für ein älteres Modell aus Aluminium entschieden, wir hatten es in einem Laden entdeckt, den man hier wohl als Ramschladen bezeichnen würde, ich mag solche Läden manchmal, und vor allem im Ausland, da sie so viele praktische Dinge in sich sammeln. Ös Mutter führte mir die Methode vor. Man füllt in die kleinere Kanne Teeblätter ein, nach einer Menge, die man mit der Zeit herausfindet. Ein paar Teelöffel voll mindestens. Mit kochendem Wasser aufbrühen, nur so viel Wasser überbrühen, dass die Teeblätter bedeckt sind, dann das Wasser einige Sekunden in der Kanne schwenken (ein sehr orientalisches Gefühl) und dann das Wasser herauskippen, die Teeblätter sollen aber in der Kanne bleiben. Dadurch werden die Bitterstoffe aus den Teeblättern entfernt. Dann Wasser zum Kochen bringen (es ist okay, hier einen Wasserkocher einzusetzen) und in die kleine Kanne füllen, in der sich die inzwischen durch das kochende Wasser etwas vergrößerten Teeblätter befinden. Inzwischen kaltes Wasser in die größere Kanne füllen und die Kanne auf den Herd stellen. (Ich verwende eine kleine Reisekochplatte, die ich auch für die Espressomaschine verwende). Die kleine Teekanne auf die große Teekanne stellen. Das Wasser in der großen Kanne einige Minuten kochen lassen. Dabei wird die kleine Teekanne miterhitzt und die Teeblätter in der kleinen Teekanne, und alles kocht und dampft. Dann wird die Kochplatte heruntergeschaltet oder ausgestellt. Jetzt die Teegläser füllen: Etwas von dem Teekonzentrat aus der oberen Kanne in ein Glas füllen (je nach Geschmack etwa ein Fünftel oder ein Viertel) und dann mit dem heißen Wasser aus der großen Kanne auffüllen. Profis halten in jeder Hand eine Kanne und befüllen ein Glas gleichzeitig mit dem Konzentrat und dem heißen Wasser. Die Teeblätter bleiben in der kleinen Teekanne. Da die Bitterstoffe herausgespült wurden, wird der Tee nicht bitter. Wurde die Kochplatte ausgestellt und wird der Tee allmählich kalt, so kann er wiedererwärmt werden. Nach der sonst üblichen Teezubereitung wäre das für mich ein No-go, aber bereitet man den Tee nach der orientalischen Art zu, geht es, ohne Qualitätsverlust. So eine Teezeremonie kann Stunden dauern. In der Zeit erzählt man einander Geschichten. Also ein echtes campfire-Utensil.

 
 

 
 

Ich habe „Gone Girl“ in London gesehen, und es war hanebüchen: Szenen einer Ehe, vollkommen überkandidelter Plot, die letzten 20 Minuten sind so eine typische „Rosenkrieg-Varante“, wie sie wahrscheinlich nur in den Verklemmungen Amerikas gedeihen können, wo Präsidenten, Golfstars und andere Sternchen im Blitzlichtgewitter der Medien öffentliche Busse tun für sexuelle Verfehlungen. Haarsträubend überzogener Thrillerunsinn. Da freue ich mich doch auf den kleinen Bären, der demnächst in „Paddington“ rumläuft. Wenn ein Leser diesen Film oder das Buch mit diesem hochgradig anstrengenden, narzisstisch gestörten, und extrem unsympathischen Ehepaar incl. kühl geplantem Blutrausch besonders gelungen findet, bitte ich um Mitteilung.  Brilliant dagegen anno 2014:  Fargo (Season 1), True Detective (Season 1), Longmire (Season 3). The Longmyre Mystery Series by Craig Johnson (nine books). Cold In July (thriller, based on a novel by Joe R. Lansdale), „Frank“, „Locke“ (im „Deutschen“ typisch doof  betitelt: „No Return“). „Broadchurch“ immer noch nicht im deutschen TV. Und vergessen Sie nicht, beim Buchhändler Ihres Vertrauens ein paar Seiten zur stöbern in Christopher Brookmyres „Angriff der unsinkbaren Gummienten“.  Das wird immer als Scherz meinerseits abgetan, wenn ich mit tiefernster Miene dieses Buch Ins Spiel bringe. Die Menschen um mich herum lesen alle eine anderes Tierbuch, „Der Distelfink“. Im Dezember kommt der Film mit dem netten kleinen Bären, der in London ein Hotel bezieht. Es muss ja nicht immer „film noir“ sein:)

2014 27 Okt

Marcin Wasilewski Trio & Joakim Milder – Spark Of Life

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In aller Regel, stets durch Ausnahmen bestätigt, geht es sehr schnell, passiert im Nu: man vernimmt die ersten Klänge einer neuen Musik oder sieht die erste Sequenz eines Filmes und ahnt sogleich, ob der Funke überspringen wird. Lebenszeit ist kostbar und mit falschem Füllstoff möchte man sich ungern nur belasten.

Am Anfang also war der erste Eindruck – und der täuscht selten. Man vernimmt es gleich: es geht ins Offene hinaus – soll´n doch die Anderen steckenbleiben im angestrengt beflissenen Kulturgenuss. Das Cover zeigt eine Vogelflugformation, wahrscheinlich nach Süden ziehend, in dieses Offene hinein. Leichtigkeit stellt sich ein. Die Flucht vor dem Winter vielleicht, die himmlische Weite. Die Musiker sind einem schon vertraut – und ihrer Linie treu geblieben. Man hört jedoch den Fortgang, die Fortsetzungsordnung, die Weiterentwicklung. Das versierte Pianospiel voll der erhabenen Läufe. Schöne Melodien – nicht am Rande von Kitsch und Klischee, vielmehr an der Klippe zur Coolness.

Inspirierend ist, was man sogleich nachahmen möchte. Ja, wäre Marcin Wasilewski Gitarrist wie unsereins, man würde ihn sofort kopieren wollen – ach wär´ der Wunsch mehr als nur Vater des Gedankens! Er aber sitzt am Piano, umso besser. Flügelflug in vertrauter Trioformation mit einem Gast, der sich nahtlos einfügt. Feine Explosionen finden statt, Aufwinde aus dem Untergrund. Alles ist leicht und trotzdem kräftig. Boddhisattva satt, Litania statt Litanei. Wäre Musik wie Windsurfen, sie klänge wie Spark of Life.

bird and tree

 

touching your branches with my wings

somewhere inside us

we are bleeding into one

 
 
looking at us

 

i see us without faces

without eyes

 

looking beyond

what can be seen

 
 

branches and wings

 

flying high – wings touching wings

 

looking down – wondering is it me and you I am seeing

– branches touching branches  – down there?

 

am I both bird and tree?

both you and me?

have we both branches and wings?

 

at the same time?

in the same being?

 
 

spark of life

 
gently circling leading and following

 

into the great unknown

from where we once came. There

is no hurry

 

having all the time in the world

being  all the time in the world

 

bleeding into one

 

we are the spark of life

before becoming the spark of life

 

floating on snowflakes

drowning in drops of water

resting in pulses so slow

that we hardly know we exist

 

but we do – just before the spark of life

becomes the spark of life

 

*

 

Written/sketched while listening to

Sudovian Dance by Marcin Wasilewski Trio w/ Joakim Milder

on repeat

2014 26 Okt

Das heitere Parallellesen von “Bleeding Edge” (4)

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bleeding edge
 
 
 

Eine herrliche Beschreibung der Residenz der Familie Ice gelingt Pynchon auf diesen Seiten. Am besten gefällt mir diese Bemerkung: „In der Ecke steht ein Bösendorfer Imperial, an dem Generationen von Mietpianisten stundenlang Kander & Ebb, Rogers & Hammerstein sowie Andrew-Lloyd-Webber-Medleys gespielt haben, während Gabe, Tallilis und ein paar Handlanger die Gäste bearbeiteten und die Scheckhefte der East-Side-Aristos ein wenig dünner werden ließen …“.

Ja, das sind solche Textstellen, die nur Pynchon so hinbekommt. Übrigens, der Bösendorfer Imperial ist das Flaggschiff der Wiener Klavierfabrik, der erste Prototyp wurde bereits 1909 gebaut, ein phantastisches Instrument, hat allerdings seinen Preis, um die 152.000,00 € muss man heute hinblättern. Okay, und auf diesem Instrument werden nun Kander & Ebb, Rogers & Hammerstein sowie Andrew-Lloyd-Webber-Medleys gespielt. Bedenkt man, dass Komponisten wie Ravel, Bartók oder Debussy dieses Instrument geliebt haben und von ihm zu Kompositionen inspiriert wurden, kann man ermessen, wie treffend der Autor das Haus der schwerreichen Familie Ice hier beschreibt.

Weitere Höhepunkte der Lektüre von Bleeding Edge: „Ihr Ehevertrag hat mehr Zusatzklauseln als der Versailler Vertrag. Sie (gemeint ist die Ehefrau von Gabriel Ice, Tallis) ist praktisch Ice´ Besitz.“ Oder: „Die bisher glanzlose Saison einer Mannschaft, die nicht einmal beim Münzwurf um den Anstoß gewinnen konnte.“ Ernsthafter jetzt: Während eines Gesprächs zwischen Maxine und Ice denkt Maxine, dass sie eigentlich jetzt Folgendes sagen müsse: „Bei Ihren erstklassigen Beziehungen? Wer in der großen weiten zivilisierten Welt sollte Sie schon für etwas verantwortlich machen?“

Damit, so denkt sie weiter, würde sie aber zugeben, dass sie mehr wisse, als sie sollte. Also sagt Maxine etwas vollkommen anderes. In der amerikanischen Literatur hat es ein Autor, was die Unterscheidung dessen angeht, was ein Mensch denkt und dann aber schließlich sagt, zur Meisterschaft gebracht: Ich denke an den Literaturnobelpreisträger von 1936 Eugene O`Neil. In seinem Drama Seltsames Zwischenspiel (zuweilen auch Seltsames Intermezzo genannt) sprechen die Schauspieler etwa zwei Drittel ihres Textes in Monolog- und Dialogsprache, das letzte Drittel wird als gedachter Text gesprochen. Absolut faszinierend, die Differenz zwischen gedachten und gesprochenem Text mitzuerleben.

Eine weitere Assoziation: Einmal betritt Maxine ein Haus, dessen Aufzüge entweder blockieren oder anfangen zu spuken oder die Insassen in eine „Richtung lenken, die vielleicht eine Art karmischen Ausgleich verspricht.“ Auch das, eine sehr schöne Textstelle, die mich an eine der vielen überaus fruchtbaren Zusammenarbeiten zwischen Heiner Goebbels und Heiner Müller erinnert: Der Mann im Fahrstuhl heißt das Stück, das damit endet, dass der Mann im Fahrstuhl nicht, wie gewünscht, zum Stockwerk seiner Wünsche gebracht wird – hier hätte er einen Termin bei seinem Chef gehabt – sondern in Peru landet.

(Gregor M.)

 

Geht gleich gut los. Ein Gespräch mit der Frau von Ice und Tochter von March wird angekündigt, vorher noch schnell zum Emotherapeuten Shawn, dann empfängt Tallis Maxine in ihrer luxuriösen Residenz. Es bleibt verwirrend; war ich naiv mich schon nach knapp 100 Seiten darüber zu beklagen – wir lesen schließlich einen Pynchon Roman?! Tragisch, wie sich March nach ihrer Tochter sehnt, wie Ice und Tallis ihren Kennedy hochzüchten, wie dessen ultralinke Oma rare Pokémon Karten für ihn besorgt und sich gleichzeitig eine harte Schale überzieht (Pokémon – „Irgendein westindischer Proktologe, oder was?“).

Weiter im Protokoll: Horst hat einen Ben & Jerry’s Turkey, zack: Marvin der Radkurier kommt aus dem Nichts mit Nachschub und hat auch gleich noch eine VHS für Maxine dabei. Die bringt Horst und die Jungs zum Flughafen – die drei wollen in den Mittleren Westen, Horsts Heimat. (Mir werden sie fehlen). Kurzes Intermezzo vor dem Fernseher, dann tritt erstmals der Bösewicht Ice auf – Geplänkel am Telefon. Treffen mit Rocky und drei mafiösen Russen im Diner (Mischa und Grischa sind kurios), Maxines Expertise ist gefragt.

In einem Zwischengeschoß des Deseret (man kommt „sich vor wie in einem asiatischen Horrorfilm“) trifft Maxi den völlig paranoiden Reg. Einige Einträge in den Dateien von hashslingrz bringen Maxine nun auf die Spur des Glaskabelanbieters Darklinear Solutions. Vor deren Gebäude entdeckt sie Tallis, folgt ihr heimlich (mit einem lustigen Taxifahrer) und sieht, wie diese zu einem unbekannten Mann in einen Riesen-SUV steigt.

Nach einigen Blocks erfährt Maxine in einem luxuriösen Wohnhaus den Namen von dem mysteriösen Freund (uns wird jedoch zunächst nicht näheres mitgeteilt). Dann trifft sie sich mit Rocky („… polieren Sie einfach ein paar Powerballaden aus den Achtzigern auf und kommen Sie um neun …“) und einigen anderen in einer hochgradig skurrilen koreanischen Karaoke Bar („I left my brains down in Africa.“). Felix ist dabei, der tauchte ja schon einmal auf. Sein Partner (?) Lester gibt Maxine einen kleinen Einblick in Teile der Geschäfte von hashslingrz’ (Aufkaufen von Internet Infrastruktur) und den paranoiden Charakter von Ice.

Alles klar?! Ziemlich viele Fäden, die gesponnen, aber zunächst nicht weiterverfolgt werden.

Eines meiner Lieblingszitate aus diesem Abschnitt von Reg: „Wenn Du wissen willst, wie die Zukunft des Films aussieht: immer größere Übertragungsraten, immer mehr Videodateien im Internet, irgendwann ist es dann so weit, dass alle alles filmen – viel zu viel, um es sich anzusehen, und nichts davon wird mehr irgendwas bedeuten.“

(Olaf. W.)

 
Maxines Ex Horst ist mit den Kindern auf „Grand Tour“ nach Chicago und Iowa zu den Großeltern. Maxine nutzt die neue Freiheit jetzt rund um die Uhr, um Gabriel Ice auf die Schliche zu kommen und dessen mysteriöse finanzielle Transaktionen aufzudecken.

Dabei fällt es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Rocky Slagiatt (wer war das nochmal?) führt Maxine mit dem Igor Dashkov zusammen, der von seinen „Torpedos“ Misha und Grisha begleitet wird, die dann doch lieber Deimos und Phobos genannt werden möchten und Fans des russischen Rasta-Rap-Stars Detsl sind. Maxine gibt Igor und seinen Freunden („He’s mob, or what?“) den guten Rat, schnellstmöglich aus dem Schneeballsystem von Bernie Madoff auszusteigen, was diese tun, damit viel Geld sparen („a shitload of money“) und Maxine später reich entlohnen.

Reg (ja, das ist Flimemacher, der die Ice-Geschichte in Gang gebracht hat) taucht wieder auf. Ice hat ihn gefeuert, sein Appartment ist geplündert, sämtliches Filmmaterial ist weg und er orakelt „If a dotcom had an immortal soul (…) hashslingrz’s’d be lost“. Wie sich herausstellt, ist March mit Igor befreundet, der wiederum ein Kumpel von Marchs Ex-Mann Sid ist, der mit seinem Vintage-Boot („1937 Gar Wood“) illegale Botendienste übernimmt. Und das ist nur die Spitze des Personal-Eisbergs!

Und es fällt auch nicht leicht, Schritt zu halten. Maxine stürmt von einem Event zum nächsten: Sie verfolgt Tallis (ja, das ist die Frau von Gabriel Ice und Tochter von March und Sid) mit dem Taxi quer durch New York, singt mit Rocky und seinen Freunden Karaoke in einer koreanischen Noraebang-Bar („Oh and wear somethin schlumpy, don’t want you upstaging Cornelia“), tanzt mit March und Sid in Chuy’s Hideaway, flieht auf dem Wasser mit den beiden in Sids Gar Wood („Not again, Sid“) vor den Booten der Drogenfahnder der DEA erfolgreich zur New Yorker Müllinsel Island of Meadows (die für sie eine Analogie zu DeepArcher ist), fährt mit dem Bus zurück nach York und identifiziert den zwielichtigen Programmierer Vip Epperdew und Teile seiner Kreditkartennummern in einem recht abstoßenden „homeporn video“ („Vip is years overdue for some gym time“).

Mit seinen vielen Figuren und der eng gedrängten Handlung zwingt Pynchon zur Konzentration. Belohnt wird diese auch hier mit großem Lesespaß. Die Episode in der koreanischen Karaoke-Bar „Lucky 18“ ist absurd komisch: Programmierer prügeln sich zu den Klängen von „September“, „Volare“ und „Africa“ („Spud, I don’t think it’s ´I left my brains down in Africa´“) auf dem Männerklo um HTML-Techniken (Tabellen gegen CSS), Cornelia reduziert Maxines jüdische Herkunft auf den Instinkt für Sonderangebote („gift for finding bargains“) und ein koreanischer Gast diskutiert mit Maxine über die „18“ im Namen der Bar („Bad number … means ‚sell pussy’“). Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert.

Gleichzeitig bringt Pynchon (ich tippe aus Versehen immer wieder „Python“, aber hier würde das auch passen) ganz beiläufig immer wieder „ernste“ Themen unter: Das finanzielle und personelle Engagement der USA beim Genozid in Guatemala, Korruption und Bodenspekulation am Beispiel der Island of Meadows („This Land Is My Land, This Land Is Also My Land“), die Schattenseiten der Gentrifizierung in Harlem. Und auch das World Trade Center ist während der nächlichen Bootsfahrt hell erleuchtet.

(Thomas S.)
 

Das Parallellesen macht Spaß. Ich bin jede Woche neugierig auf die verschiedenen Kommentare. Eigentlich macht das Kommentareparallellesen den meisten Spaß, und so hoffe ich, dass alle Teilnehmer dabei bleiben. Zumal ja inzwischen die Geschichte tatsächlich etwas in Schwung kommt: Maxine trifft nacheinander die gesamte Familie des konstruierten Bösewichts Ice, der ein bisschen drohen darf und vielleicht hinter durchwühlten Zimmern steckt. Außerdem gibt es eine Verfolgungsjagd im Taxi sowie ein noraebang. Dieser Begriff wird immerhin erklärt: so heißen in Korea die Karaoke-Lokale. Und in die koreanischen Karaoke-Lokale in New York gehen nicht nur die „Nonnen der Lüfte“, wie Pynchon die Stewardessen nennt, sondern vor allem die jungen Heuschrecken-Kapitalisten – sofern sie nicht Hausverbot haben wegen zu vieler die Korrektursoftware überfordernder falscher Töne. Die Karaoke-Szene ist recht nett beschrieben, einschließlich des Streits zwischen „CSS-Nazi“ und „HTML-Freak“. Vielleicht ging es ja wirklich so zu in den Kindertagen des Internets; aber seitdem ich entdeckt habe, dass Pynchon den Begriff „Ödipuskomplex“ falsch benutzt hat, bin ich vorsichtig. Was ist, wenn er andere Dinge aus Bereichen, wo ich mich weniger als in Psychoanalyse oder gar nicht auskenne, auch nur so behauptet? Manchmal begibt sich Pynchon ganz offen in Fantasiegefilde – etwa wenn er Marvin auftreten läßt, der außer Pizza genau das liefert, was Maxine gerade dringend braucht: erahnt mit Hilfe „hanfinduzierter Teleportation“. Und auch im „Schwarzen Aufzug“ geht es geheimnisvoll zu. Man ist nicht selbst der Bestimmer; wo sich die Tür öffnet, bleibt eine Überraschung. Die Szene hat mich an das Hörspiel von Heiner Müller und Heiner Goebbels erinnert: „Der Mann im Fahrstuhl“. Er ist ein sehr ordentlicher, rationaler Mensch, und erschrickt, als sich die Aufzugstür in eine weite Landschaft in Peru öffnet. Ein wesentlicher, oft wiederholter Satz in diesem Hörspiel lautet: „Fünf Minuten vor der Zeit ist die wahre Pünktlichkeit“. Es wird Zeit, meinen Text abzuliefern!

(Wolfram G.)

 

Ich bin raus. Ich habe nicht mal mehr die nächsten fünfzig Seiten in Angriff genommen. Es wirkt bei mir nicht nach, das Lesen war für mich wie das Bedienen einer Mikrowelle. Schnell erhitzt, rasch erkaltet. Ich ziehe „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale vor, gewiss auch das raffiniert-verstörende Werk „Lebt“ von Orkun Ertener. Solche Bücher. Wenn das Schönste beim Lesen eines Buches darin besteht, zu erfahren, was ein paar andere im virtuellen Lesekreis dazu vermelden, spricht das ja nicht für das Buch, immerhin für die Idee des Projekts. Dass mein Hund gerade wieder mal antibiotisch saniert werden muss, kümmert mich mehr, als der virtuos-burlesk dokumentierte Irrsinn Amerikas zu Zeiten der geplatzten Dot-Com-Blase und des frühen Internets. Ein paar unlustige Dinge kommen dazu (privat), und verlangen jetzt etwas mehr Konzentration auf das Wesentliche. So konnte ich diese Woche immerhin die Entdeckung machen, dass „Longmire Season 3“ brilliant ist. Mark Twain ist mir sowieso immer näher gewesen als die meisten Postmodernisten. Und dazu stehe ich. Hat einer von euch schon mal das Meisterwerk von Lionel Davidson gelesen? Grosser Spionagethriller aus alter Zeit. „Der Rabe“. Highly recommended. Die Welt ist voller hinreissender unbekannter Bücher. Und wenn ich je ausgewählte Klassiker der Weltliteratur ein zweites Mal lesen wollte, es kämen neben „Huckleberry Finn“ und „Rayuela“ nur „Jeder stirbt für sich allein“ und „Don Quichote“ in Frage. Thomas Pynchon lässt seine Protagonisten auch gegen Windmühlen kämpfen. Immerhin eine schöne Parallele. Aber, naja, auch in Woody Allen-Filmen wird oft zuviel gequasselt. Und witzig finde ich seine Filme seit 1982 auch nicht mehr. Nicht mal die witzigen. Wirklich ans Herz ging mir rückblickend nur „Manhattan“. Und, Jungs, jetzt kommen die 100-Seiten-Strecken! Ich werde aber alles weiter verfolgen hier, bis zum womöglich „letzten Mohikaner“.  :)

(Michael E.)

Nichts ist so uninteressant wie „small talk“ mit sog. „guten Bekannten“. Man bespricht die neuesten Diäten, die schönsten Reiseziele, man hält den Alltag stabil, und folgt den gut geübten Regularien der Vernunft. Man will ja keinem was Böses, stolpert natürlich ständig über die allseits grassierende Dummheit, und kann aufatmen, weil es mit einem selbst nicht ganz so weit bergab gegangen ist. Am Ende steht sowieso ein „Schachmatt“, und wer an Gott glaubt, der kann sich auf die nächste Schachpartie im Jenseits freuen. Nur blöd, dass im Hintergrund womöglich diese himmlischen Engelschöre rasch den Wunsch wach werden lassen, „Napalm Death“ würden doch noch eine Platte aufnehmen, oder die „Butthole Surfers“, oder wenigstens die „Dead Kennedys“.

Was mich wirklich krank machen würde: Richard Wagner im Paradies hören zu müssen. Neulich traf ich einen erhitzten Kulturkenner, der sich entrüstete, wie ich Mahler lieben und Wagner ablehnen könnte. Der hielt mir dann einen zweiminütigen Vortrag über die Qualitäten dieses Komponisten, bis ich ihn ausbremste und ihm sagte, ich brauche keine Vorträge, sondern einen Teller Gulaschsuppe, und er solle das doch bitte alles seinem Kanarienvogel erzählen. Menschen richten sich gerne in ihrem Wissen und ihrem Status und ihrem Ruf und ihrem wacker trainierten Selbstwertgefühl ein, statt ihr eigenes Unwissen, ihr Stochern im Dunkeln viel höher zu schätzen.

Als ich an der „praia de la costelejo“ beim Baden in akute Lebensgefahr geriet, hatte ich das Pech, dass meine Hilfeschreie durch den Wind nur zum Meer hinausgetragen wurden: die Schreie waren der ehrlichste Ausdruck meiner Hilflosigkeit, und nur mein elendiges Strampeln und Stolpern liessen einen Strandwärter aufmerksam werden. Wochen später, nachdem die unzähligen Schürfwunden verheilt waren, hatte ich noch eine Rechnung mit der Küste offen. Ich hatte einen einsamen Entschluss gefasst, und bin nach Faro geflogen. Die dritte Wellenzone tötet dich, da hast du kaum eine Chance. Ich besorgte mir ein Nachtsichtgerät, so dass ich die Gischt auf mich zurasen sehen konnte, und im Totentanz eine gute Figur abgeben. Der Neoprenanzug sorgte dafür, dass ich nicht fror, Manuel hatte mich mit einem Boot zur Wellenzone III gefahren, der Todeszone, und ich sagte ihm, er solle nach Hause fahren zu seiner Frau, und wünschte ihm von Herzen, dass er guten Sex mit seiner Liebsten habe. Ich würde mir hier eine Meeresjungfrau suchen. Ich gab ihm 1500 Euro für die Ausrüstung. Fünf Minuten war der Tanz eine seltsame Exstase, dann brannte im Nachtsichtgerät eine Sicherung durch, und es wurde rabenschwarz. Im nächsten Moment erwischte mich eine Welle und riss mich ins Meer.

Ich verlor das Bewusstsein, und wachte in einem Kinosaal auf. Kein Wagner, keine nervenden Engel, Werbung für Volkswagen. Dieser Nick Drake-Song, ich musste lachen. Neben mir sass ein seltsamer Dorfdichter, und erzählte mir, er sei in der Stimmung, sich zu prügeln. Der nächste Idiot. War ich vielleicht doch in einem dieser Danteschen Höllenkreise angekommen? Dann lief dieser gnadenlos gute Film der Coen-Brüder, „Inside Llewyn Davies“, die wahre, an den Rändern frei erzählte Story eines talentierten Folksängers, der einfach nie ins grosse Rampenlicht finden konnte, ein Schattenmann neben Bob Dylan. Kaum war der Film zuende, zeterte der Kulturarbeiter neben mir lauthals los: er wolle sein Geld wieder, das sei ja völlig depressives Zeug. Keine Spur von Respekt für die Zuschauer, die den Film im Abspann nachwirken lassen wollten; dieser streitsüchtige Spinner geriet jetzt erst in Hochform. Ich erinnerte mich daran, wie ich in diesem Jahr auf einer Autobahnraststätte einem osteuropäischen Lastwagenfahrer, der mich mit seinem Laster kilometerlang terrorisiert hatte, das Nasenbein gebrochen hatte (meine erste Prügelei seit gut zwei Jahrzehnten), und ich dachte, ob ich jetzt eine kleine Persönlichkeitsveränderung durchlaufe. Und den Schläger in mir rauslasse. Ich atmete tief durch, und sagte dem Clown, dass er seine dumme Fresse halten solle. Er stotterte etwas rum, und war dann still. Mit was für einer Scheisse man sich mitunter abgeben muss!

Gut tun mir nur noch Menschen, mit denen man Pferde stehlen kann. Menschen, zu denen man zu jeder Tages- und Nachtzeit eilen würde, um ihnen in jedweder Not beizustehen. Verlässliche Menschen, keine Untoten, die in den Rotary-Clubs dieser Welt ihren Bauchnabel einpinseln. Dieses sich selbst so gern belauschende Strandgut der „wilden Sechziger“. Niemand braucht Zeitvertreiber und Energieräuber. In der Nacht, als ich mit viel Glück meinem Aggressor eine massiv blutende Nasenfraktur beigefügt hatte (ohne den Schlag mit meiner Autotür vor sein Gesicht wäre ich wohl zu Gemüse verarbeitet worden!), bin ich auf der A 45 auf den nächsten Rastplatz gefahren (im Radio lief während dieser Nacht fünf Stunden lang das traurig-erhabene Abschiedsalbum „Distance“ von Dan Michaelson & The Coastguards, was für ein Soundtrack!). Ich war der einzige Gast, die junge Frau hinter dem Ausschank eine Fremde („small talk“ mit Fremden kann guttun).

Als ich zum Auto zurückging, sagte ein Mann (Typ: Staubsaugerverkäufer, verklemmt) einer Frau, sie möge sich verpissen, und er nannte sie „Fotze“. Ich ging zu den Beiden und fragte, was los sei. Sie habe dem Freier einen geblasen, und er wolle ihr nicht die 50 Euro geben. „Nein, weil diese Schlampe zu schnell gemacht hat, und ich sofort gekommen bin.“ Ein Widerling reinsten Wassers. Und ich spielte das Spiel. Ich fingierte einen Anruf auf dem Revier, sagte Herbert, wir hätten hier am Rastplatz Sowieso einen Acht-Dreier, ich würde das deeskalieren, wenn sie in zehn Minuten nichts von mir hören würden, sollten sie die Kavallerie schicken, und dann gab ich dem fiktiven Kollegen noch die Autonummer durch. Der Mann war klein mit Hut und befolgte meine Anweisungen, eine nach der andern: er entschuldigte sich, zahlte, auf meine Aufforderung hin, für sein schlechtes Benehmen 100 statt 50 Euro, und trollte sich. Als er weg war, sagte ich der Freizeitprostituierten, sie möge ihren Lebensplan noch mal überdenken, und fuhr los. Road to nowhere. So ist es doch: man kann die eingeschliffene Routine bis zur letzten Morphiumspritze auskosten, oder sich an den den guten alten Neil Young-Song erinnern, mit den Zeilen: „it’s better to burn out than to fade away“. Ich habe mir gestern eine Reiseführer für Wales besorgt. Wales im späten November. Das ist jetzt der Plan. Bis ans Ende der Nacht fahren. Mit meinem Toyoten. Allein.

2014 26 Okt

Hello Andy, it’s me

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„Hello Andy, it’s me“
I have to tell you something
Prices for Popart are going crazy
You said: its only paper
they said: its great art
we have to sell
the casino is going down
What is art?
 
Hello Andy, it’s me
Listen to this:
They sold a painter
Max Beckmann his name.
He painted with oil and canvas.
The price was high
The Bank was pleased.
What is art?
 
Hello Andy, it’s me
Do you believe
Christie’s will pay the price
Just for paper
Do you believe
art can be sold
like real estate.
What is art?
 
Hello Andy, it’s me
Wish I could talk with you about art
about artists
and how they feel with these deals.
„Good night, Andy.“
 


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