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2011 18 Mai

Brian Eno: Drums Between The Bells (first review worldwide)

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog,Musik aus 2011 | TB | Tags:  | 2 Kommentare

a slightly different, english version of this review: click here

Brian Eno pflegte von früh an ein zwiespältiges Verhältnis zu Wörtern, ihren Bedeutungen, ihrer Fähigkeit, die Aufmerksamkeit vom Klang abzuziehen. Schwierig war es, in den Siebziger Jahren, an die Texte seiner Songs heranzukommen. Ich schickte damals einen Brief an Polydor Records, als ich Brian Eno für mich entdeckte (und ich entdeckte ihn
nicht durch die ersten zwei Roxy Music-Alben, sondern durch TAKING TIGER MOUNTAIN (BY STRATEGY)) – eine Assistentin antworte mit einem Brief, demzufolge sie lange suchen musste, und lauter blässlichen Fotokopien der surrealen Lyrics.

Jetzt erscheint, am 24. Juni, sein neues Album, und ich gehe davon aus, dass diesmal
die Gedichte von Rick Holland beiliegend abgedruckt werden. Hier stellt sich nun dem Meister der Ambient Music ein interessantes Problem: Gedichte als hochgradig verdichtete Sprache ziehen einfach die Aufmerksamkeit auf sich, jede Silbe, jeder Zwischenton.
Jede Atempause. Enos Trick: die Atempausen werden zu Musik. Und er lockt in ein
weites Feld zwischen beinhartem Funk, Trash Jazz, Postkrautelektronik und „Drifting
Sphere Music“.

Lyrik & Musik ist eine spezielle Angelegenheit, keine Marktlücke öffnet sich da, kein Bestsellerposten räumt das Feld! Dieses Album spricht weitgehend die kleine, große
Brian Eno-Gemeinde an, und sie wird nicht enttäuscht sein in diesem „Theater der Stimmen“. Manchmal nähert sich die gesprochene Sprache der Grenze zum Gesang,
meist bleibt es eine „spoken word performance“. Mit dezent eingestreuten Ohrwurm-melodien rings herum. Neun Stimmen interpretieren die Gedichte, und Brian Enos
Organ reiht sich ein in diese Schar.

Was mag Brian Eno gereizt haben an den Gedichten von Rick Holland? Ich nahm mir
sein Bändchen „STORY THE FLOWERS“ zur Hand und stiess auf feine Mischungen aus Alltagsbeobachtungen, Philosophie, Humor, plötzlichen Perspektivwechseln und meditativen Umkreisungen. Den Texten bleibt stets ein Rätsel erhalten, die Musik von „Drums Between The Bells“ untermalt nicht, sie bestreitet, verwandelt, treibt an, setzt durch, fordert, skizziert, schwingt aus. Und noch einiges mehr.

Der Clou: am Ende singt Eno (und alle, die seit dem Ausklang der Siebziger Jahre,
nach HERE COME THE WARM JETS, TAKING TIGER MOUNTAIN (BY STRATEGY), ANOTHER GREEN WORLD und BEFORE AND AFTER SCIENCE, immer viel zu lange warten mussten auf neue Song-haltige Alben des Herrn Eno, sind kurzfristig versöhnt, mit dem  melodieseligen Vortrag von „Cloud 4“. Wolken haben es leider an sich, mitunter rasch zu verschwinden, und es ist fast schon  englischer Humor, dass dieser tolle Song deutlich unter der 2-Minuten-Grenze bleibt, fast zum Fragment wird. Alles scheint vorbei zu sein, die Stille erhält noch ein paar Stromstöße, und dann (man schüttelt noch immer den Kopf ob dieses einen Traumliedes, dem man am liebsten hinterher springen möchte) – und dann?

Und dann?? Dann gibt es doch noch einen Song, kaum glaubliche, gute  sechs Minuten lang („Breath of Crows“); den Gesang zelebriert Eno mit einer noch  nie so gehörten,  tiefen Stimme, mit  einer Verwundbarkeit, einer Langsamkeit, einer Intensität, die nicht so weit vom Spätwerk eines Scott Walker entfernt ist.  Das große Erschauern, der Showdown am Ende eines sehr guten Brian Eno-Albums. Hier der Wortlaut (in „Story the Flowers“ heisst der Song „Seven Bungalows Neighourhood, Tree level, Mumbai“ – und wie Rick Holland mir mailte, sind bei der Produktion nur kleine Veränderungen am Text vorgenommen worden):  

My god is in the breath of crows,
It grows and shrinks with the elemental wish;
A fire with no link to the wish of man,
But it must be absolute, this god,
For when the mind is absolutely still,
It moves.

My god is in the breath of crows.
May I not delude a self image to think
He grows to grant my wish or wash my sin
But let me watch in wonder as he makes his work

Wonder in this.

The sounds of holy night abound
Kestrel calls and bells;

Drink the air, and the race for meaning quells.
Let it in. Let it in or the calls will sound  like hollow tin
Or grammophone circling its background dust,
It must, replaced by must, by scent and sense;
A shell peeled pupil to reveal a deeper black,
Shelled like fresh new peas, each orb of wonder.
Wonder this.

Vintage Eno, dürfte ein Engländer mit Recht sagen. Für  jedes Gedicht entsteht ein ganz anders gearteter Track, es gibt kein  Formular, keine Strophenmuster, keine Gebrauchsanweisungen. Das ist bestimmt  etwas, das Eno im Umgang mit diesen Gedichten gereizt hat. Immer wieder bei Punkt Null beginnen. Jeder Masche aus dem Weg gehen. Das Resultat: wir begegnen der scharfen Klinge – und dem fliessenden Pastell. DRUMS BETWEEN THE BELLS ist der provokante Gegenentwurf  für hochtrabende Kunst – das Album zelebriert pure Sinnlichkeit.   

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 18. Mai 2011 und wurde abgelegt unter "Blog, Musik aus 2011". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

2 Kommentare

  1. radiocitizen:

    Go to More Dark Than Shark at http://www.moredarkthanshark.org for everything about Brian Eno

  2. Michael Engelbrecht:

    Comprehensive and adulatory, yet at the same time realistic, THE MAN WHO FELL TO EARTH (1971-1977) a fantastic documentary for Eno fans, and one that should likely convince any doubters to take a closer look at the man. There is such a thorough wealth of information that you’ll want to watch the DVD multiple times to enjoy the nuances of all that’s said by rock critic Robert Christgau, musicians Jon Hassell, Percy Jones, Hans Joachim Roedelius, and Brian Turrington, or author of the only authorized Eno biography, On Some Faraway Beach, David Sheppard, or Geeta Dayal, author of Brian Eno’s Another Green World. (Need I mention, there are plenty more interview subjects.) Brian Eno – 1971 – 1977: The Man Who Fell To Earth amazes, it’s a towering effort for fans of modern music. (Kurt Dahlke)


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